Von Schriften und Zeichen – Vom Zeichen als Schrift

Literatur ist zumeist (aber nicht nur) mit Verschriftung verbunden.

Prolog:

Lesen in Schriften.
Lesen in Handschriften. Zwischen den Zeilen.
Lesen mit Zeichen. 
Lesen mit Wasserzeichen. In den Zeilen.
Zeichen in Schriften.
Zeichen in Abschriften. Zwischen den Zeilen.
Schriften als Zeichen.
Schriften als Rauchzeichen. An den Zeilen.
Zeichen an Schriften.
Zeichen an Zuschriften. Zwischen den Zeilen.
Schriften ohne Zeichen.
Schriften ohne Lebenszeichen. Ohne Zeilen.

Schriften benennen.
Zeichen erkennen.
Erkanntes bekennen.

Kurzschriften – Klopfzeichen. 
Anklageschriften – Aktenzeichen. 
Denkschriften – Brandzeichen. 
Kinderschriften – Lesezeichen. 
Zierschriften – Pausenzeichen. 
Flugschriften – Rufzeichen. 
Schönschriften – Markenzeichen.
Geheimschriften – Briefzeichen 
Festschriften – Fragezeichen. 
Schmähschriften – Warnzeichen.

1001 Zeichen. Gedeutet.
1001 Schriften. Unzensiert.
1001 Geschichten. Bewahrt.
1001 Verortungen. Zum Betrachten.
1001 Perspektiven. Zum Lesen.
1001 Spuren. Zur Verbesserung der Lage.

(Renald Deppe)


Das Gedächtnis des Tons – Keilschrift

Das älteste bekannte Zeugnis einer Schrift.

Die Tradition ordnet die Bezeichnung »keilförmig« der Gesamtheit des wichtigsten graphischen Systems des alten westlichen Asiens zu.

Die Keilschrift taucht um 3300 v. Chr. in Mesopotamien (Irak) auf.
Die letzten bekannten Texte stammen aus dem Jahr 75 n. Chr. (Babylon).

Die alten piktographischen Buchstaben von Sumer gehen erst um 2800 v. Chr. in die echte keilförmige Schrift über.
Das Alphabet von Ras-Schamra-Ugarit (Syrien) ist das erste Alphabet der Geschichte der Menschheit.

Abbildung:

Abschrift von Inschriften auf Tonziegeln in Susa, Hauptstadt des Elam (Iran), unter der Herrschaft von Schilkak-Inschuschinak (1150-1120 v. Chr.) aus der Dynastie der Schutrukiden. 
Unter den Herrschern von Mesopotamien gab es eine bedeutende Tradition von Baumeistern.
Königliche Macht wurde durch Inschriften auf Tonziegeln hervorgehoben.

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


Shang Dynastie – Chinesische Schrift

Die ältesten Inschriften wurden auf Schildkrötenpanzern und Hirschschulterknochen gefunden.

Man nimmt an, dass die chinesische Schrift um 1400 v. Chr. entstand.
Sie stammt aus der Provinz Henan.

Es ist eine ideophonographische Geheimschrift, deren Beherrschung eine lange Übung voraussetzt
und umfasst 49905 Zeichen, von denen 3000 im alltäglichen Gebrauch sind.

Abbildung:

Hier eine der ältesten chinesischen Schrifttypen, eine Abschrift der Zeichen, die im 16. Jahrhundert v. Chr. in eine Bronzeglocke graviert wurden.
Die Glocke wurde in der Shang Dynastie (1766-1122 v. Chr.) als Lobpreisung des Frühlings gegossen.

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


Ahirom, König von Byblos – Phönizische Schrift

Schrift aus dem nahen Orient, die zwischen dem 13. und 11. Jahrhundert v. Chr. in Byblos und Tyr entstand, zwei phönizischen Städten (Libanon).

Das phönizische Alphabet (22 Zeichen) mit seinem konsonantischen System ist der Vorläufer fast aller westlichen Alphabete, vor allen des Griechischen.

Seine Kraft liegt in der Einfachheit und seiner leicht zu erfassenden Schrift.

Das Phönizische konnte in der Antike die wichtigsten Sprachen der umliegenden Regionen wiedergeben.

Die Existenz des Alphabets führte im Laufe der Zeit zum Verschwinden der Kaste der ägyptischen Schreiber.

Abbildung:

Abschrift der phönizischen Buchstaben auf dem berühmten Sarkophag von Ahirom, König von Byblos.

Dies sind die bis heute ältesten bekannten phönizischen Lettern.

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


Enkomi

Man weiß, dass die Insel Zypern ihre eigene Schrift hatte, deren System des »linearen kretischen A« ähnelt.

Die älteste bekannte Inschrift Zyperns wurde auf Tontafeln in Enkomi entdeckt und stammt aus dem Jahr 1500 v. Chr.

Die anderen in Enkomi gefundenen Tontafeln stammen aus einer späteren Epoche, Ende des 11. oder 12. Jahrhunderts v. Chr.

Abbildung:

Abschrift einer großen Tontafel von Enkomi aus den 12. Jahrhundert v. Chr.

Sie gehört zum Typus der großen dicken Schreibtafeln, die man im Mittleren Osten für Archivlisten und auch für literarische Texte verwendete.

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


Das Geschenk des Gottes Thot – Ägyptische Schriften

Entstanden um 3200 v. Chr. im Niltal. 

Die letzte bekannte Inschrift stammt aus dem Jahre 394 n. Chr.

Drei verschiedene Schrifttypen, die der mächtigen Minderheit der Schreiber vorbehalten waren:

Hieroglyphen – hieratische Schrift – demotische Schrift.

Abbildung:

hieratische Schrift, Schematisierung der Hieroglyphen, 19. Dynastie

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


Die Sprache Christi – Aramäische Schrift

Dem phönizischen verwandt entstand sie 1000 Jahre v. Chr. in Aram (Syrien), zwischen Dama und Alep.

1000 Jahre land war dies die Sprache dieser Region.

Das Aramäische wurde vom Mittelmeer bis nach Indien gesprochen, ehe es die offizielle Sprache des persischen Reiches wurde.

Das Aramäische  wurde für den ältesten Abschnitt der Bibel verwendet.

Jesus spricht Aramäisch in seinen Predigten.

Abbildung:

Abschrift eines assyrisch-aramäischen Textes auf der Statue des Tell Fekherye aus dem Museum in Damas, 9. Jahrhundert v. Chr.

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


Die Reise von Kadmos – Griechische Schrift

Die ältesten griechischen Inschriften gehen auf die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. zurück.
Die Legende besagt, dass das Alphabet den Griechen durch den Phönizier KADMOS gebracht wurde. In der Folge wurden einige Konsonanten zu Vokalen, die es zuvor in keinem anderen Alphabet gegeben hatte.
Alpha, Epsilon, Iota, Omikron und Ypsilon sind die Vorläufer unserer Vokale a e i o u.

Allmählich befreiten die Griechen das Alphabet von den letzten Resten des Gegenständlichen und reduzierten die Buchstaben auf einfache harmonische geometrische Formen, so wie es ihrer Psychologie und ihrer spezifischen Kultur entsprach. Die Schrift wurde zur sichtbaren Übersetzung des Gedankens, geformt aus Wörtern.

Abbildung:

Die Tonscheibe, die man aus den Ruinen des Phaistos Palastes fand, ist der berühmteste Fund aus Kreta. Er geht auf das Jahr 1700 v. Chr. zurück. Ihr tatsächlicher Ursprung und auch die inhaltliche Bedeutung bleiben ein Geheimnis.

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


Christen in Ägypten – Koptische Schrift

Als die alten Schriften allmählich aus dem römischen und christlichen Ägypten verschwanden, wurden sie durch eine neue Schrift, das Koptische, ersetzt.

Seit 100 v. Chr. war das Koptische die gesprochene Sprache in Ägypten.

Es ist ein ägyptischer Volksdialekt, der im griechischen Alphabet geschrieben wird.

Dazu kommen einige Lettern aus den ägyptischen Demotisch, die das Griechische nicht kennt.

Abbildung:

»Liber gradum«, biblischer Teil, zweisprachiger Codex (Koptisch-Arabisch).

Glossar aus dem Buch des Propheten Jeremias.

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


Gebete vom Himalaja – Tibetanische Schrift

Die tibetanische Schrift, ein entfernter Vorläufer des Aramäischen und in der Folge der Brahmischrift (Indien) stammt aus dem 7. Jahrhundert.

Abbildung:

»Wiederholung und Unendlichkeit«, tibetanische Dhárani, gedruckt in Rot.

Der innerste nicht gedruckte Kreis wurde mit einer handschriftlichen chinesischen Inschrift gefüllt.

Um ihn herum ein erster Kreis aus Blütenblättern,

dann ein tibetanischer Text in zehn konzentrischen Kreisen. –

Blume und Drachen in Schildplatt.

Ende der Trauerzeremonie der tibetanischen Bon-po.

Manuskript, Tusche auf Papier (8./9. Jahrhundert).

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


Der Gesang des Muezzin – Arabische Schrift

Ihr Ursprung ist syrisch nabatäisch.

Dazu kommt die Verwendung aramäischer Konsonanten.

Die ersten Inschriften in arabischer Schrift gehen auf das Jahr 500 n. Chr. zurück.

Das Arabische wird von den Moslems als »reine Sprache« Allahs betrachtet.

Abbildung:

Buchseite in maghrebinischer Kalligraphie aus dem sogenannten »Koran Karl V.«.

Es handelt sich hierbei um einen achtbändigen Koran, den Karl V. 1535 bei einer Expedition nach Tunis mitnahm.

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


An den Ufern des Toten Meeres – Hebräische Schrift

Die hebräische Quadratschrift leitet sich aus dem Phönizischen und Aramäischen ab und erscheint im Nahen Osten um 600 v. Chr.

Es ist eine Majuskelschrift, sie wurde für die Abschrift der Schriftrollen des Moses verwendet. Seit der Bildung des israelischen Staates 1948 ist sie wieder verbreitet.

Abbildung:

Eine Seite in hebräischer Quadratschrift vom Beginn des 10. Jahrhunderts aus dem »Pentateuch« oder der »Thora«, so der Name für die fünf ersten Bücher der Bibel: Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri, Deuteronomium.

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


Kreise, Dreiecke und Kreuze – Kyrillische Schrift

Diese Schrift basiert auf der glagolitischen Schrift, die von den griechischen Slawenaposteln und Bibelübersetzern, den Brüdern KYRILLOS und METHODIOS, um 860 im Auftrag des byzantinischen Kaisers Michael III. entwickelt wurde.

Die Form der Buchstaben, die sich aus Dreiecken, Kreisen und Kreuzen zusammensetzt, soll Christus und die Dreifaltigkeit darstellen.

Die kyrillische Schrift diente in den folgenden Jahrhunderten der Abgrenzung des orthodoxen »Ostrom« gegenüber dem katholischen, lateinisch-schriftlichen Rom.

Abbildung:

Die großen Manuskriptseite von etwa 1450 stammt aus der Feder des Schreibers Gabriel Uric aus dem Kloster Neamtu in Moldawien.

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


Romulus – Lateinische Schrift

Das lateinische Alphabet als Erbe des Griechischen und Etruskischen entsteht um 400 v. Chr.

Die »Capitalis monumentalis«, Prototyp der universellen Schrift, die für die Inschriften der Monumente verwendet wurde, wird zum Sinnbild für die Schrift der römischen Expansion.

Abbild:

Stele des Romulus, des Gründers von Rom.

(GRAPHEIN, Schreiben-Malen-Zeichnen, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft, Mainz-München 2002)


Haeckel (1834-1919) : Der Stammbaum des Menschen (1874)

Seit der Zeit, als die Spezies anfing, ihre ersten bedeutungstragenden Laute von sich zu geben, haben die Familien und Stämme die Alten gebraucht. Vielleicht waren die Alten vorher noch unnütz gewesen und wurden weggeworfen, wenn sie nicht mehr zur Nahrungsmittelbeschaffung taugten. Doch mit der Sprache wurden sie zum Gedächtnis der Spezies: Sie setzten sich in der Höhle ums Feuer und erzählten, was früher geschehen war, vor der Geburt der Jungen (oder wovon behauptet wurde, daß es geschehen sei – dies ist die Funktion der Mythen). 

Bevor die Menschen anfingen, dieses gesellschaftliche Gedächtnis zu pflegen, kamen sie ohne Gedächtnis zur Welt, hatten nicht genug Zeit, sich eins zu erwerben, und starben. Nach diesem epochalen Einschnitt war schon ein Zwanzigjähriger gleichsam wie einer, der bereits seit Jahrtausenden gelebt hatte. Was vor seiner Zeit geschehen war und was die älteren gelernt hatten, ging in sein Gedächtnis ein und wurde ein Teil davon.

Die Alten, die das Sprechen artikulierten, um den Jüngeren die Erfahrungen ihrer Vorgänger weiterzugeben, repräsentierten auf ihrer Entwicklungsstufe noch das animalisch-organische Gedächtnis, das von unserem Hirn registriert und verwaltet wird.

Umberto Eco (1932-2016)


Bibliothek des Aššurbanipal : Angelegt vom assyrischen König Aššurbanipal (669 v. Chr. – 627 v. Chr.) 
Tafel mit einem Teil des Gilgamesch-Epos : Tafel 11, die Sintflut-Erzählung (1800 bis 1595 v. Chr.)

Mit der Erfindung der Schrift kommt es zur Geburt des mineralischen Gedächtnisses.  Ich nenne es »mineralisch«, weil die ersten Schriftzeichen auf Tontäfelchen geritzt und in Stein gemeißelt wurden; deshalb gehört zum mineralischen Gedächtnis auch die Architektur, denn von den Pyramiden bis zu den gotischen Kathedralen war der Tempel auch immer ein Verzeichnis heiliger Zahlen und mathematischer Berechnungen, und durch seine Statuen oder Wandgemälde überlieferte er Geschichten und moralische Lehren, mit einem Wort, er bildete, wie gesagt worden ist, eine steinerne Enzyklopädie.

Und wie die ersten Hieroglyphen, Keilschriftzeichen, Runen und Alphabetbuchstaben eine mineralische Grundlage hatten, so hat es auch das aktuellste Gedächtnis, das der Computer, dessen Rohstoff ja Silizium ist. Dank der Computer verfügen wir heute über ein immenses gesellschaftliches Gedächtnis; es genügt, die Modalitäten des Zugangs für die Datenbanken zu kennen, und wir können zu jedem beliebigen Thema alles erfahren, was es darüber zu wissen gibt, zu einer einzigen Fragestellung eine Bibliographie von zehntausend Titeln. Aber es gibt kein größeres Schweigen als den absoluten Lärm, und das Übermaß an Information kann zu absoluter Ignoranz führen: überflutet von Millionen Einzelheiten, können wir jedes Auswahlkriterium verlieren.

Umberto Eco (1932-2016)


Hieratic papyrus of an Osiris ritual Circa 1st-2nd century (Kunsthistorisches Museum, Wien)

Doch mit der Erfindung der Schrift ist nach und nach jene dritte Art von Gedächtnis entstanden, die ich das pflanzliche Gedächtnis nennen möchte, denn mag auch das Pergament aus tierischen Häuten gemacht worden sein, Papyrus war pflanzlicher Herkunft, und mit dem Aufkommen des Papiers (im zwölften Jahrhundert) werden Bücher aus Flachsfasern, Bast und Leinen gemacht – und schließlich verweist die Etymologie sowohl von griechisch »byblos« als auch von lateinisch »liber« auf Baumrinde.

Bücher gab es schon vor der Erfindung des Buchdrucks, auch wenn sie zunächst die Form von Rollen hatten und erst allmählich zu dem wurden, was wir heute kennen. Das Buch, in welcher Form auch immer, hat der Schrift erlaubt, sich zu personalisieren: Es enthält eine Portion von kollektivem Gedächtnis, die jedoch unter einem persönlichen Gesichtspunkt ausgewählt worden ist. Wenn wir Obelisken, Stelen, Tafeln oder Grabsteine vor uns haben, versuchen wir sie zu entziffern; wir müssen also das verwendete Alphabet kennen und wissen, welche essentiellen Informationen es sind, die da überliefert werden sollen – hier liegt der Soundso begraben, dieses Jahr sind soundso viel Getreidegarben produziert worden, dieses und jenes andere Land hat König Soundso erobert. Wir fragen uns nicht, wer das eingemeißelt oder -geritzt haben mag. Wenn wir jedoch ein Buch vor uns haben, suchen wir nach einer Person, einer individuellen Sicht der Dinge. Wir versuchen es nicht bloß zu entziffern, sondern suchen auch einen Gedanken zu interpretieren, eine Absicht. Und wenn man nach einer Absicht sucht, befragt man einen Text, von dem es auch mehrere Lesarten geben kann.

Die Lesart wird zum Dialog, aber zu einem – und dies ist das Paradox des Buches – mit jemandem, der nicht anwesend ist, der vielleicht schon seit Jahrhunderten tot und nur als Schrift präsent ist. Es gibt eine Befragung der Bücher, die man Hermeneutik nennt, und wo es Hermeneutik gibt, da gibt es auch einen Kult des Buches. Die drei großen monotheistischen Religionen, das Judentum, das Christentum und der Islam, entwickeln sich als permanente Befragung eines heiligen Buches. Das Buch wird zum Symbol der Wahrheit, die es hütet und nur demjenigen offenbart, der es zu befragen weiß, daß man, um eine Diskussion zu beenden, eine These zu bekräftigen oder einen Gegner zu vernichten, einfach sagt: Hier steht es geschrieben!« Wir haben immer Zweifel an unserem animalischen Gedächtnis (»mir scheint, ich erinnere mich, aber ich bin mir nicht sicher…«), doch auf das pflanzliche Gedächtnis pochen wir gern und benutzen es, um alle Zweifel auszuräumen: »Wasser ist wirklich H2O, Napoleon ist wirklich auf Sankt Helena gestorben, so steht es im Lexikon!«

Umberto Eco (1932-2016)


Book of Lindisfarne (Lateinisches Evangeliar aus dem 8. Jahrhundert)

Holy Island, genannt Lindisfarne, befindet sich an der Nordostküste Northumberlands in England. Wissenschaftler vermuten, dass die Halbinsel in der Nordsee der Entstehungsort dieses lateinischen Evangeliars ist. Das Kloster Lindisfarne, das dort 635 gegründet wurde, war nicht nur ein Wallfahrtsort, sondern auch eine Stätte für Künstler und Schreiber, so daß das Buch von Lindisfarne ein herausragendes Beispiel insularer Buchkunst ist.

Im Kolophon der Handschrift selbst wird die Person genannt, die das komplette Buch geschrieben und illustriert hat: Eadfrith, 698-721 Bischof in Lindisfarne. Angefertigt wurde die Handschrift zu Ehren des heiligen Cuthbert, der im 7. Jahrhundert zahlreiche Wunder gewirkt haben soll.

Der lateinische Text der vier Evangelien ist auf 259 Folios aus Kalbspergament geschrieben. Vorangestellt ist den Evangelien eine ganzseitige Miniatur des jeweiligen Evangelisten, eine wegen ihres Musters sogenannte Teppichseite mit der Funktion eines Frontispizes sowie Incipitseiten mit kunstvollen Zierinitialien. Die enthaltenen Ornamente und Verzierungen weisen die außergewöhnliche Bandbreite von 45 verschiedenen Farbtönen auf, bestehend aus tierischen, pflanzlichen und mineralischen Farbstoffen. Nach Einschätzung heutiger Schreiber würde die Anfertigung einer solchen Handschrift mindestens zwei Jahre ganztägiger Tätigkeit in Anspruch nehmen, neben den Aufgaben eines Bischofs dürfte dies aber eher ein ganzes Jahrzehnt gedauert haben.

Am 8. Juni 793 wurde das Kloster Lindisfarne von Wikingern überfallen. Dieses Datum wird allgemein als Beginn der Wikingerzeit angesehen. Aus Furcht vor weiteren Überfällen verließen Bischof Eardulf und die Mönche das Kloster 875 und nahmen das Buch von Lindisfarne mit. Während dieser Zeit wurde das lateinische Evangeliar mit altenglischen Glossen versehen und enthält heute die älteste erhaltene Übersetzung ins Altenglische.

Die Originalhandschrift befindet sich im Besitz der British Library in London. Vom Faksimile Verlag Luzern wurde im Jahr 2003 eine Faksimile-Edition herausgebracht.

(Universitätsbibliothek Tübingen)


Book of Lindisfarne (Lateinisches Evangeliar aus dem 8. Jahrhundert)

British Library, London

In der ältesten Evangelienübersetzung aus dem Lateinischen ins Altenglische verschmelzen mediterrane und keltische Einflüsse zu einem Formenreichtum, der das Fundament für die weitere abendländische Kunstentwicklung darstellte.

Trotz seines hohen Alters von beinahe 1300 Jahren befindet sich das Buch von Lindisfarne in einem außerordentlich guten Zustand, es ist sogar weltweit das einzige komplett erhaltene Evangeliar aus dem insularen Raum.

Fünf außergewöhnliche Teppichseiten präsentieren die ganze Palette insularer Ornamentik in all ihrem atemberaubenden Farben- und Formenreichtum. Kunstvoll in die Gesamtkomposition eingearbeitete Kreuzformen heben sich dank leuchtender Konturen plastisch aus dem dicht gewirkten Flechtwerk ab.

Mit den Kreuzteppichseiten zu Beginn jedes Evangeliums und einer weiteren am Anfang des Buches ist eine ebenso reich gestaltete Incipitseite kombiniert. Die großen Initialen erstrecken sich über die ganze Seite. Dabei verschmelzen die bis ins kleinste Detail von fließenden Ornamenten und Mustern ausgefüllten Zierinitialen mit den unmittelbar folgenden Buchstaben zu kunstvollen Monogrammen. Über 200 weitere, farbig ausgefüllte und zum Teil rot umpunktete Anfangsbuchstaben gliedern darüber hinaus den gesamten Text.

(Faksimile Verlag, Simbach am Inn)


Book of Lindisfarne (Lateinisches Evangeliar aus dem 8. Jahrhundert)

Wie soll man die illuminierten Seiten der Evangelien von Lindisfarne betrachten?
Naiv, indem man sie genießt, wie sie sich unseren Augen darbieten,
oder indem man das kulturelle Milieu zu verstehen versucht, in dem sie entstanden sind,
den Geschmack oder Schönheitsbegriff, auf den sie sich beziehen?
Thomas von Aquin hat die Prinzipien der mittelalterlichen Ästhetik in einer berühmt gewordenen Definition resümiert
(die unter anderem – wir sprechen ja hier von Irland – der junge Joyce aufgegriffen hat,
um seine eigene Kunstauffassung im »Porträt des Künstlers als junger Mann« zu begründen).
Frei übersetzt: »Dreierlei wird von der Schönheit verlangt.
Erstens Vollständigkeit oder Perfektion, denn was unvollständig ist, erscheint uns eben deswegen häßlich.
Zweitens die richtige Proportion oder Harmonie.
Und drittens Klarheit, denn was reine Farbe hat, nennen wir schön.«

Nun, die Miniaturen des Book of Lindisfarne sind ein Triumph der Farbe, in dem die einzelnen Töne zwar immer Grundfarben sind,
aber glänzend werden durch ihre Kombination, ihre Kontraste, ihre Komposition von Rot, Blau, Gelb, Weiß und Grün,
wobei der Glanz durch den Einklang des Ganzen entsteht, nicht durch ein Licht, das die Dinge von aussen umhüllt
oder die Farben über die Ränder der Figuren hinaustreten läßt.
Auf diesen Blättern scheint aus dem Innern der Seite zu strahlen, und es glänzt wie Edelsteine, die auf einem Bronzekelch funkeln,
wie die Schuppen eines prachtvoll schrecklichen Drachens.

Umberto Eco 


Book of Lindisfarne (Lateinisches Evangeliar aus dem 8. Jahrhundert)

Eine gute Spur lässt keinen Wanderer zurück.
Das Lindisfarne Evangeliar legt Spuren. 
Unterschiedliche Schrift- und Zeichenspuren, welche niemals als (künstlerischer) Selbstzweck ausgeführt wurden.
Diese Spuren sollen den Suchenden hin- und/oder verführen.
Zum Gotteslob. Zur spirituellen Erkenntnis und Meditation. Zum Sinnen.
Diese Spuren sind Mittel zum Zweck. Haben Funktion. 
Haben trotz (oder wegen) ihrer Pracht eine dienende Bescheidenheit. Demut. 
(Wie einst die Musik von Pérotin, Palestrina, di Lasso, J.S. Bach…)
Sie entstanden vor allen Bedingungen, Voraussetzungen, Konfessionen und Moden des modernen Kunstbetriebes.
Vor allen ökonomischen Strategien, Auktionsexzessen, Geniemanierismen, Museums-, Verlags- und Galeriegewalten.
Vor allen Akademien und Kunstuniversitäten mit ihren selbstverliebten Legitimationsstrategien.
Das darf, soll und kann nicht vergessen werden.
Eine gute Spur lässt keinen Wanderer zurück.
In unserer Gegenwart gibt es viele Reisende. 
Von einer Kunstmesse zur anderen. Von einem Strand zum anderen. Von einer Steilwand zur nächsten.
Das Lindisfarne Evangeliar ist ein Buch für Wanderer.
Legt Spuren zur Seelen- und Geisteserkundung. Jenseits aller Konfessionen, Obsessionen und Manifeste.
(Wie einst die Musik von Pérotin, Palestrina, di Lasso, J.S. Bach…)
Notwendig. Kostbar. Unersetzlich. Für unsere Gegenwart und Zukunft.

Renald Deppe


Book of Kells (Lateinisches Evangeliar aus dem 8. Jahrhundert, Weltkulturerbe)

Book of Kells

Ein Buch so schön und aufwändig verziert, dass es das Werk von Engeln sein müsse. So beschrieb vor vielen Jahrhunderten ein Reisender das Book of Kells. 

Das Buch der Kelten ist eines der bedeutendsten mittelalterlichen Bücher der Welt und das am besten erhaltene Zeugnis der irischen Buchmalerei. Noch heute beeindruckt es Forscher und Laien gleichermaßen. Zu bewundern ist es im Trinity College in Dublin. 

Als im 5. Jahrhundert nach Christus St. Patrick und andere christliche Missionare nach Irland kamen, begann eine Zeit der Synthese: Der keltische Naturglaube und die christliche Lehre trafen aufeinander und brachten circa drei Jahrhunderte später gemeinsam einen der wichtigsten irischen Kunstschätze hervor, das Buch der Kelten. 

Es enthält die lateinischen Texte der Evangelien von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes. Doch zu einem Schatz machen das Buch, das vor allem für sakrale Zwecke gebraucht wurde, erst die kunstvollen und komplexen keltischen Malereien, die auf fast jeder seiner 680 Seiten zu finden sind.

„Schaust du ganz genau hin und dringst mit den Augen in die Geheimnisse der Kunstfertigkeit ein, dann entdeckst du Feinheiten so zierlich und zart, so eng beisammen und ineinander verwoben, so verschlungen und zusammengerankt und so frisch noch in der Färbung, dass du nicht zögerst zu erklären, dass all diese Dinge nicht das Werk von Menschen, sondern nur von Engeln sein können.“ So berichtet der Kirchenverwalter, Schriftsteller und Historiker Giraldus Cambrensis, hierzulande besser bekannt als Gerald von Wales, im 12. Jahrhundert über das Book of Kells.

(irish-net)


Book of Kells (Lateinisches Evangeliar aus dem 8. Jahrhundert, Weltkulturerbe)

Das Book of Kells wurde zweimal als gestohlen gemeldet. Das zweite Mal war das 1874 der Fall.
Der Bericht in der »Birmingham Daily Post and Journal« vom 5. November des Jahres ist typisch für viele andere über dieses Ereignis,
die in jener Woche überall in Großbritannien und Irland in der Presse erschienen.
»Am Trinity College, Dublin, ist man verzweifelt. Einer der größten Schätze ist weg – das Book of Kells, 
das 475 von Sankt COLUMBKIL geschrieben wurde, das älteste Buch der Welt und das vollkommenste Zeugnis irischer Kunst
mit üppigsten Illustrationen, dessen Wert auf 12000 Pfund geschätzt wird…«.
Diese Taxierung des Wertes ist interessant: Im Jahr davor hatte eine auf Pergament gedruckte Gutenberg-Bibel bei einer Auktion
im Hanworth Park bei London 3400 Pfund erzielt – der bei Weiten höchste Preis, der jemals für ein Buch bezahlt worden war.
Eine zweite auf Papier gedruckte Ausgabe hatte 2690 Pfund erzielt.
Wenn man den Wert des gestohlenen Book of Kells auf das Vierfache dessen schätzte, was für das bis dato teuerste Buch der Welt bezahlt worden war,
lag man am Trinity College vermutlich gar nicht so falsch.
Es hieß, das Verschwinden der Handschrift sei entdeckt worden, als der Dekan sie einigen Besucherinnen hatte zeigen wollen.
Niemand konnte sich erinnern, wann man das Buch zuletzt gesehen hatte; der Bibliothekar war abwesend und konnte nicht befragt werden.
Die Gerüchte schwirrten, wie nur an Universitäten möglich.
Die »Birmingham Daily Post« wusste noch etwas anderes Geheimnisvolles zu berichten:
»Eine Empfangsquittung für den Band, unterschrieben für einen gewissen Herrn BOND, einem angeblichen Mitarbeiter des British Museum, liegt dem Dekan vor.«
Innerhalb einer Woche gelang es, den Verbleib der Handschrift ausfindig zu machen.
J.A. Malet, der Bibliothekar von Trinity, hatte sie persönlich nach London ins British Museum gebracht, um dort Rat einzuholen,
wie man sie neu binden könnte.

Christopher de Hamel 
Pracht und Anmut
Begegnungen mit zwölf herausragenden Handschriften des Mittelalters C. Bertelsmann Verlag, München 2016

Bibliothek des Trinity College (1732)

Book of Kells (Lateinisches Evangeliar aus dem 8. Jahrhundert, Weltkulturerbe)

Die Malereien im Book of Kells

Tatsächlich ist die Kunstfertigkeit der Buchmaler, die in diesem Manuskript zu sehen ist, einzigartig. Mit einfachsten Mitteln erzielten die Künstler beeindruckende Resultate. Den Aufbau der Seiten legten sie mit Hilfe von Linealen, Kompassen und karierten Linien fest, die sie mit freier Hand zogen. Forscher identifizierten bisher drei Schreiber, die die Evangelien übertragen haben. 

An den Malereien dürften wesentlich mehr Künstler beteiligt gewesen sein, denn nur zwei Seiten des Manuskripts enthalten keine farbigen Abbildungen. Die übrigen Seiten sind reich verziert und lassen verschiedene Stile erkennen. Anfangsbuchstaben, aber auch Buchstaben innerhalb des Textes, sind liebevoll und mit teilweise winzigen Details ausgestattet. 

Mehr als 2.000 solcher verzierter Buchstaben gibt es im Book of Kells, jeder davon ist einzigartig. Die Illustrationen sind zum Teil so klein, dass man sie nur mit Hilfe einer Lupe genau erkennen kann. So ist zum Beispiel die Figur des Heiligen Lukas auf Seite 201 des Manuskripts nur unter einer 10-fachen Vergrößerung bis ins letzte Detail zu erkennen.

Besonders beeindruckend sind jedoch die ganzseitigen Illustrationen, die das Buch enthält. Dort finden sich verschlungene Ränder, endlose Spiralen und Knoten, magische Bestien und filigrane Naturmuster. Sie sind stark vom keltischen Stil der La-Tène-Kunst geprägt, die bereits 500 Jahre vor Christus entstand. Auch die Abbildungen von Christus oder den vier Evangelisten weisen Elemente dieser keltischen Kunst auf. 

Die Verbindung von keltischer Tradition und christlichen Inhalten macht das Book of Kells zu einem ganz besonderen Werk. Noch heute lassen sich Künstler und Kunsthandwerker von den detaillierten und wie magisch wirkenden Abbildungen aus dem Buch inspirieren.

Das Material und die Farben

Der Aufwand, der für die Herstellung des Buches betrieben wurde, war enorm. Die Seiten des Book of Kells wurden aus Vellum gefertigt, einem sehr feinen Kalbsleder, dessen Oberfläche feinstem Velours ähnelt. 

Sie nimmt Tinte und Farbpigmente optimal auf. Mehr als zehn verschiedene Farben wurden für Schriften und Malereien im Book of Kells verwendet, die noch heute kräftig und nur wenig verblasst sind. Für das Blau wurde mit Lapislazuli gearbeitet, die intensiven Purpur- und Pinktöne wurden aus Pflanzen gewonnen, der leuchtende Goldton stammt von Orpiment, einem gelben Mineral, und Grün wurde aus Kupferpigmenten hergestellt. Einige der Farben wurden von weither an den Entstehungsort des Buches gebracht, der Lapislazuli zum Beispiel stammte vermutlich aus dem Norden Afghanistans.

Herkunft und Entstehung

Über die Herkunft des Book of Kells, auch als Book of Columba bekannt, herrscht Uneinigkeit. Einige Wortspiele und Ornamente weißen jedoch auf die schottische Insel Iona und das Kloster St. Columba hin. 

Genau datieren lässt sich die Entstehung des Buches ebenfalls nicht. Experten zufolge kann es kaum später als um 800 nach Christus geschrieben worden sein. Nach dem Angriff der Wikinger flohen die Mönche um 806 nach Irland, in das Kloster Kells. Ob das wertvolle Buch in Kells fertig gestellt oder gänzlich in Iona produziert wurde, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.

Um 800 war Irland eine Hochburg der Schriftkultur und christlichen Religion; Irland galt als die Insel der Heiligen und Gelehrten. So entstanden im späten siebten und achten Jahrhundert vor dem Book of Kells noch weitere Werke insularer Buchkunst: das Book of Durrow, das heute ebenfalls in der Bibliothek des Trinity College aufbewahrt wird und das Book of Lindisfarne, das in der britischen Nationalbibliothek in London steht.

(irish-net)


Fragment einer Torarolle (Geniza-Dokument, Kairo, 12. Jahrhundert)

In den beiden Jahrhunderten der Fatimiden-Herrschaft von 996 bis 1171 wurde Kairo zum bedeutenden Umschlagplatz des Westens und zu einem wichtigen Player im Handel zwischen Indien und dem Mittelmeerraum.

Alle Welt – ihre Menschen und Waren – kam nach Kairo.

Die wohl faszinierendste Quelle aus jener Zeit ist die Sammlung der Geniza-Dokumente der jüdischen Gemeinde in Kairo, benannt nach ihrem Lagerraum (geniza) der Ben-Ezra-Synagoge, in dem Juden regelmäßig alle Papiere, auf denen der Namen Gottes genannt war, etwa 1000 Jahre lang aufbewahrten.

Es gibt über eine Viertelmillionen solcher Dokumente, von denen der Gelehrte Solomon Schechter 193000 nach Cambridge brachte, nachdem er sie 1896/1897 in Ägypten inspiziert hatte. Die meisten betreffen die Zeit von Anfang des 11. Jahrhunderts bis Ende des 13. Jahrhunderts und bieten außergewöhnliche Einblicke in die Welt mediterraner Juden im Mittelalter.

Neben den erwartbaren religiösen Werken wie der Bibel, Gebetbüchern und Büchern über jüdisches Recht finden sich dort Eheverträge, Scheidungsunterlagen, Traktate über sufistische und schiitische Philosophie, arabische Fabeln, medizinische Werke und zahlreiche Alltagsdokumente.

Aus den Geniza-Dokumenten geht auch hervor, dass Juden, Christen und Muslime in Kairo nicht in getrennten Vierteln oder Ghettos, sondern zusammenlebten.

Justin Marozzi


Golddinar (Geprägt zur Zeit des Fatimiden-Kalifen Hafiz (reg. 1130-1149) in Kairo)

(Der in Kairo geprägte fatimidische Golddinar wurde zur internationalen Standardwährung und behielt über zweihundert Jahre hinweg seinen Wert im gesamten Nahen und Mittleren Osten, in Europa und Afrika.)

*****

Wir sind überzeugt, dass wir den Mantel der Gerechtigkeit und des Wohlwollens weit ausbreiten und die verschiedenen Religionsgemeinschaften mit Gnade und Barmherzigkeit einschließen sollten.

Maßnahmen zur Verbesserung der Lage sollen Muslime und Nichtmuslime gleichermaßen einbeziehen, denen alles, was sie an Frieden und Sicherheit erhoffen mögen, zu bieten ist.

Dekret des Kalifen Hafiz (1136)


L.E. Waterman-Patent für einen Füllfederhalter mit Pipettenfüllung (USA, 1884)

»Wir wünschen eine Feder zu entwickeln, die sich ohne Rückgriff auf ein Tintenfass zum Schreiben verwenden lässt und deren Tinte darin enthalten ist.
Eine Person kann sie mit Tinte füllen und schreiben, was die will.
Der Schreiber kann sie in seinen Ärmel stecken oder wohin er will und sie keine Flecken hinterlassen noch einen Tropfen Tinte heraussickern lassen.
Die Tinte soll nur fließen, wenn die Absicht zu schreiben besteht.«
(Kitab al-Majalis wa’l Musayat)

Muizz al Din Allah (930-975) 4. Fatimiden-Kalif in Kairo (Auftrag zum Bau eines Füllfederhalters, 953)


Maimonides (1135-1204 n.u.Z.) : Mischna Tora (1180 n.u.Z.) (Kopie um 1400 n.u.Z.)

Am Sabbat muss jede Tätigkeit ruhen.
Es darf keinem Geschäft nachgegangen werden.
Die Untätigkeit und die Aufhebung der Ökonomie sind wesentlich für das Sabbat-Fest.
Der Kapitalismus hingegen macht selbst das Fest zur Ware.
Aus dem Fest werden Events und Spektakel.
Diesen fehlt die kontemplative Ruhe.
Als Konsumformen des Festes stiften sie keine Gemeinschaft.
Im jüdischen Glauben sind zwei Begriffe Heilig: Gott und Sabbat.
Gott ist Sabbat.
Für einen frommen Juden ist das ganze Leben ein »Trachten nach dem Sabbat«.
Sabbat ist Erlösung.
Am Sabbat ist der Mensch unsterblich.
Die vergehende Zeit wird aufgehoben.
Der Sabbat ist ein »Palast der Zeit«, der die Menschen aus der vergänglichen Welt in jene kommende Welt erlöst.
Menucha (Ruhe) ist ein Synonym für die kommende Welt.
Der tiefe Sinn von Sabbat ist, dass die Geschichte in die beglückende Untätigkeit aufgenommen wird.
Die Erschaffung des Menschen ist nicht der letzte Schöpfungsakt.
Erst die Sabbatruhe vollendet die Schöpfung.
Daher schreibt Raschi in seinem Genesis-Kommentar:
»Was hat der Welt jetzt noch gefehlt?
Die Ruhe, mit dem Sabbat kam die Ruhe und mit ihr war das Schöpfungswerk beendigt und fertig.«
Die Sabbatruhe folgt nicht einfach der Schöpfungsarbeit.
Vielmehr bringt sie die Schöpfung erst zum Abschluss.
Die für sechs Tage geschaffenen Welt ist gleichsam das Brautgemach.
Diesem fehlt aber die Braut.
Erst mit den Sabbat kommt die Braut.
Das Sabbatfest ist eine Hoch-Zeit, eine Zeit die stillsteht.
Der Sabbat ist kein Ruhetag nach dem Schöpfungsakt, an dem sich Gott gleichsam von der mühsamen Schöpfungsarbeit erholt.
Die Ruhe ist vielmehr der Wesenskern der Schöpfung.
Erst der Sabbat verleiht der Schöpfung eine göttliche Weihe.
Göttlich ist die Ruhe, die Untätigkeit.
Ohne die Ruhe büßt der Mensch das Göttliche ein. 

Byung-Chul Han (*1959) 


Wassily Kandinsky (1866 – 1944): Linie : Linearerer Aufbau des Bildes Kleiner T r a u m in Rot ( 1 9 2 5 )

Die geometrische Linie ist ein unsichtbares Wesen. Sie ist die Spur des sich bewegenden Punktes, also sein Erzeugnis. Sie ist aus der Bewegung entstanden — und zwar durch Vernichtung der höchsten in sich geschlossenen Ruhe des Punktes. Hier wird der Sprung aus dem Statischen in das Dynamische gemacht.

Die Linie ist also der g r ö ß t e G e g e n s a t z zum malerischen Urelement — zum Punkt. (Kandinsky – Punkt und Linie zu Fläche – Bauhausbücher, 1926)

Wassily Kandinsky : Kleiner Traum in Rot (1925)

Firmensignet des Bertelsmann-Verlags auf der Grabstätte seines Gründers Carl Bertelsmann (1791 – 1850).

• Bertelsmann SE & Co. KGaA

Weltweit operierender Medienkonzern mit Sitz in Gütersloh; besonders in den Branchen Verlagswesen, Film, Fernsehen, Hörfunk und elektronische Medien tätig.
Das Unternehmen geht auf den 1835 von Carl Bertelsmann in Gütersloh gegründeten Verlag C. Bertelsmann zurück, zu dessen Themenschwerpunkten zunächst Theologie, Philologie und Pädagogik zählten, später kam die unterhaltende Literatur hinzu.

Geschäftsfelder (gegenwärtig) sind: 
1) Buch mit der internationalen Verlagsgruppe Penguin Random House (75 % Beteiligung) und der deutschsprachigen Gruppe Random House
(Penguin Random House umfasst alle Verlagseinheiten von Random House und Penguin Group in den USA, Kanada, Großbritannien, Australien, Neuseeland, Indien und Südafrika sowie die Random-House-Verlage in Spanien und Lateinamerika und die Penguin-Geschäfte in China. 
Mit 10 600 Mitarbeitern wird in knapp 250 Verlagseinheiten ein Umsatz von 3,36 Mrd. € (2017) in 100 Ländern erwirtschaftet.); 
2) Zeitungen und Zeitschriften mit Gruner + Jahr AG & Co. (100 % Beteiligung ab November 2014); 
3) Film, Fernsehen, Hörfunk mit der RTL Group S. A. (75,1 %);
4) Dienstleistungssparte Arvato, 
5) Druckereigruppe Bertelsmann Printing Group (BPG);
6) Musikrechte (BMG Rights Management), 
7) das Bildungsgeschäft (Bertelsmann Education Group),
8) globale Start-Up-Beteiligungen (Bertelsmann Investments).

Der Konzernumsatz lag 2017 bei 17,2 Mrd. €, die Mitarbeiterzahl bei rund 119 000. 
Gesellschafter sind die Bertelsmann-Stiftung (80,9 %) und die Familie Mohn (19,1 %).

(Brockhaus)

 Was sich ein großer Verlag an Gleichgültigkeit, Dummheit oder Phantasielosigkeit erlauben kann, bringt einen kleinen Verlag schnell um, weil er weder reich ist noch ein Dutzend unfähiger Leute entlassen kann – soviel Leute hat er gar nicht, ganz zu schweigen davon, daß auch der Verleger unfähig sein könnte…

(Börsenblatt des deutschen Buchhandels, 2001)

Die Buchkonzerne haben allerdings in der Tat die Welt der Bücher verändert, innen wie außen.
Einmal werden künftig keine Bücher mit einer Auflagenerwartung unter sechs- bis siebentausend Exemplare veröffentlicht.
Zweitens: Flurbereinigung – immer mit einem starren Blick auf die »Marktführerschaft« durch Ankauf von Verlagen, am besten gleich mit dem Verleger, der erst nach einer Schon- & Schamfrist gefeuert wird, weil er keine Rendite im Kopf hat, sondern ein Profil.
Kaufleute denken aber umgekehrt.
Sie kannibalisieren anschließend das Verlagsprofil und geben das Ganze als »Lauf der Zeit« aus.

(Klaus Wagenbach, Stuttgarter Zeitung, 2006)

 Das erste Buch von Franz Kafka verlegte Kurt Wolff im damals jungen Rowohlt Verlag.
Von der Erstauflage seiner 18 kurzen Prosatexte »Betrachtung« (1913) wurden nicht einmal 800 Exemplare verkauft.
Kurt Wolff ermutigte seinen Autor Franz Kafka zur Weiterarbeit.
Und es entstand Weltliteratur.
Denn:
Kurt Wolff war ein seine Bücher lesender Verleger.
Er hat sie nicht lesen lassen. Um z.B. mehr Zeit für Marketingkonferenzen zu haben. 
Zu einer Zeit, in der Verlage noch keine Milliarden-Umsätze machten. Machen mussten. Machen wollten.
Wozu auch?
Bleiben noch die Themen Medien & Macht. Kontrolle & Kannibalismus. Gehalt & Gehorsam.
Vielleicht gibt es nur deshalb Großverlage, Großkonzerne, Großbanken, Großstaaten und andere große Irrtümer.  

(Renald Deppe, Von Schriften und Zeichen, 2022)


Bruno Fuchs (1928-1977) : gezeichnetes Signet des Verlages Klaus Wagenbach

• Über den Wagenbach Verlag

»Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger der zweiten Kategorie, das heißt Verleger, die dem Publikumsgeschmack dienerisch nachlaufen, zählen für uns nicht – nicht wahr?«

Kurt Wolff    

Warum so verlegen?
Der Verlag ist unabhängig und macht davon Gebrauch, seine Meinungen vertritt er auf eigene Kosten. Er ist nicht groß, aber erkennbar.

Wir veröffentlichen Bücher aus Überzeugung und Vergnügen, mit Sorgfalt und Ernsthaftigkeit. Wir wollen unbekannte Autoren entdecken, an Klassiker der Moderne erinnern und unabhängigen Köpfen Raum für neue Gedanken geben. Es erscheinen Literatur, Geschichte, Kunst- und Kulturgeschichte, Politik aus den uns geläufigen Sprachen: Italienisch, Spanisch, Englisch, Französisch und natürlich Deutsch. Und unsere Bücher sollen schön sein, aus Zuneigung zum Leser und zum Autor und als Zeichen gegen die Wegwerfmentalität.

Der Verlag wurde 1964 von Klaus Wagenbach gegründet.

(Webside des Verlages Klaus Wagenbach : der unabhängige Verlag für wilde Leser)

 Wie es mit uns und dem allseits halbgebildeten Leser weitergeht?
Da muss ich mal meine Regierung fragen, die letzthin den Ausdruck »Unterschicht« ersetzt hat durch das Wort »bildungsfern«.
Soll das heißen, die Oberschicht sei »bildungsnah«?
Da habe ich meine Zweifel und vertraue lieber auf den neugierigen »wilden« Leser, aus welcher Schicht auch immer.

Klaus Wagenbach : Dankesrede für den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels, 2006

 Dem (Jahres)Konzernumsatz von 17,2 Mrd. € der Bertelsmann SE & Co. KGaA € mit ihren rund 119 000 Mitarbeitern hat der Verlag Klaus Wagenbach stolztrotzige 2 Millionen € und 12 tapfere Angestellte entgegenzusetzen. 
Klaus Wagenbach war/ist ein »wilder« Verleger.
Stets auf der Suche nach »wilden« Lesern.
Klaus Wagenbach hatte/hat einen »wilden« Verlag.
Verlag, Leser & Autoren verteidigte der legendäre Verleger »wild«:  wachsam, widerständig, aufbegehrend, diskursfähig, weit-, um-, auch nach- & einsichtig.

Klaus Wagenbach ließ sich nicht (oder kaum) vereinnehmen.
Weder von Links noch von Rechts noch von Oben noch von Unten. Kannte er doch die Zeilen seines österreichischen Dichterfreundes Ernst Jandl sehr genau:

Lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum! 

Liest man die »wilde« Chronik des Verlagsgeschichte liest man (nicht nur) bundesdeutsches Nachkriegsgrauen: 

1965
Die ersten Quarthefte erscheinen im März: Zeitgenössische Literatur (von Johannes Bobrowski über Ingeborg Bachmann zu Wolf Biermann) in Erstausgaben (und im größeren Quartformat). Die Autoren haben gleiche Rechte, Einfluss auf Ausstattung und Informationstexte. Die Bilanz wird veröffentlicht. Die Leser werden durch Auszüge aus den Büchern informiert (kostenloser Jahresalmanach »Das schwarze Brett«, später »Zwiebel«).

1968
Erscheinen der ersten Quartplatten (Literatur auf Schallplatten für Erwachsene und Kinder), des ersten Jahrbuchs für deutsche Gegenwartsliteratur, Tintenfisch, und der ersten Rotbücher (»Texte der neuen Linken«). Gemeinsam mit Schülern entsteht als ›Gegeninformation‹ das Lesebuch: Deutsche Literatur der sechziger Jahre, mit über 200.000 Exemplaren eines der erfolgreichsten Bücher des Verlags.

1969
Erste Shakespeare-Übersetzungen von Erich Fried. Anfänge einer kollektiven Verlagsverfassung. Ermittlungsverfahren wegen Wolf Biermanns »Drei Kugeln auf Rudi Dutschke«.

1971
Ermittlungsverfahren wegen »Bambule«, dem Text eines Fernsehspiels von Ulrike Meinhof. Mehrfache Durchsuchung des Verlags wegen der Veröffentlichung eines Manifests der RAF und Beschlagnahme des Manifests. Beschlagnahme des »Roten Kalenders für Lehrlinge und Schüler«.

1972
Klage der Firma Siemens gegen die Festschrift »Unsere Siemens-Welt« von F.C. Delius. Beginn der Zusammenarbeit mit dem Grips-Theater.

1974
Prozess der Berliner Polizei wegen Ehrverletzung: Freispruch des Verlags. Verurteilung wegen des RAF-Manifests. Verurteilung wegen des »Roten Kalenders«.

1975
2. Prozess um die Ehre der Berliner Polizei (Erschießung von Georg von Rauch): Verurteilung des Verlags. Gesamtkosten der Prozesse weit über 150.000 DM. Gründung von Wagenbachs Taschenbücherei, WAT: Lasst uns Denken anstiften statt vorschreiben. Und den Kopf schütteln, d.h. lockern.

1976
Zensurversuch von links: Einstweilige Verfügung gegen Peter Brückners »Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse«. Zurücknahme durch eine gemeinsame Aktion des Verbands linker Buchhandel.

u.s.w.

Klaus Wagenbach liebte das Bücher machen.
Auch weil es stets politische Aktion waren/sein konnten/ sein wollten.
Niemals hat sich K. W. vor der Verantwortung seiner Handlungen & Wortbeiträge gedrückt. Verdrückt.
Auch nicht am 15. Mai 1976.
Damals wurde K. W. kurzfristig angefragt, ob er die Trauerrede für die in der Haft verstorbene Journalistin, Redakteurin, Aktivisten, Anarchistin & »Linksterroristin« Ulrike Meinhof halten könne.
K. W. fand erhellende Worte für damalig braunvernebelte Zu- & Umstände:
»Was Ulrike Meinhof umgebracht hat, waren die deutschen Verhältnisse.
Der Extremismus derjenigen, die alles für extremistisch erklären, was eine Veränderung der Verhältnisse auch nur zur Diskussion stellt.«
K. W. distanzierte sich von den Gewalttaten der »Roten Armee« heftig und deutlich.
Nicht aber verschwieg, verheimlichte, verharmloste K. W. die wahren Ursachen jener destruktiven Rote-Armee-Energie. 

K. W. liebte Italien. Und die Frauen. (Man beäuge bitte seine Verlagsschwerpunkte)
K. W. liebte das Leben. Und dafür kämpfte, stritt & arbeitete er. Unermüdlich.
1994, zum dreißigjährigen Verlagsjubiläum, verkündete der mittlerweile mehrfach geehrte (s)einer illustren Festgemeinde: 

»Der Verlag ist vor dreißig Jahren freiwillig, ohne Zuschüsse nach Berlin gekommen. Er ist ein Verlag in Berlin, aber kein Berliner Verlag. Er wird auch künftig ein internationaler Verlag bleiben. Der Verlag ist und bleibt ein Meinungsverlag. Da es aber auch bei uns in Deutschland viele trübe Tassen, Dunkelmänner und Schlafmützen gibt, ist der Import von Geschirr, Beleuchtungskörpern und Wachmachern aus dem Ausland notwendig. Ich denke dabei besonders an einen südlichen Nachbarn …«

Klaus Wagenbach setzte mutig Worte, Zeilen, Zeichen & Bilder.
Klaus Wagenbach verstarb am 17. Dezember 2021.
Klaus Wagenbach hinterläßt ein kostbares Erbe (viel wertvoller als besagte 17,2 Mrd. € Wertschöpfung):
Als liberaler Bürger ein unabhängiger Verleger eines unabhängigen Verlages zu sein. Und zu bleiben.
Als toleranter Bürger ein wilder Verleger eines wilden Verlages zu sein. Und zu bleiben.
Als demokratiemündiger Bürger ein intellektuell unbestechlicher Verleger eines hieb- & stechfesten Verlages zu sein. Und zu bleiben.

Danke. Herzlichst.

Renald Deppe : Von Schriften und Zeichen… : über Wut, Glut & Mut…, Juli 2022 


Meister Ichipel Iwanawa (90, »Lebender Nationalschatz Japans«) kontrolliert den Schöpfrahmen zur Herstellung von Papier (Washi).

Das Papier ist, so heißt es, eine Erfindung der Chinesen. Wenn wir westliches Papier vor uns haben, empfinden wir nichts, außer dass es sich um einen einfachen Gebrauchsgegenstand handelt. Wenn wir jedoch die Musterung von China- oder Japanpapier betrachten, so spüren wir darin eine Art Wärme, die unser Herz beruhigt.

Auch wenn alle Sorten weiß sind, so ist doch die Weiße des westlichen Papiers verschieden von der Weiße des dicken japanischen hõsho-Papiers oder des weißen China-Papiers. Die Oberfläche des westlichen Papiers scheint die Lichtstrahlen gleichsam zurückzuwerfen, während das hõsho- und das China-Papier wie eine Fläche weichen, frisch gefallenen Schnees die Lichtstrahlen satt in sich aufsaugt. Berührt man es, so ist es geschmeidig und erzeugt beim Falten und Zusammenlegen kein Geräusch. Es fühlt sich sanft und feucht an, als ob man ein Laubblatt anfasste.

Im allgemeinen werden wir von innerer Unruhe erfasst, wenn wir hell glänzende Dinge sehen.

Tanizaki Jun’ichiro (1886 – 1965), »Lob des Schattens«, Entwurf einer japanischen Ästhetik, 1933  


Meister Yasuhiro Sanemari bei der Herstellung von Kalligraphiepinsel in Kumano/Japan. (Eine Stadt mit 1500 Pinselhandwerker)

Charakteristisch für die Pinsel aus Kumano sind ihre Spitzen, deren Form nicht zugeschnitten, sondern mit natürlichen Tierhaaren gestaltet werden. Die Auswahl und Anordnung der Pinselhaare ist äußerst kompliziert und wird vollständig von Hand durchgeführt. „Wetter, Jahreszeit und das Geschlecht und Alter des Tieres sind entscheidend für die Beschaffenheit der Haare“, sagt Sanemori. Ebenso die Körperteile, von denen sie stammen. Die unterschiedlichen Haartypen werden von Hand sortiert und kommen später an verschiedenen Stellen des Pinselkopfes zu Einsatz.

Lange, feine Haare werden für die Pinselspitzen zur Seite gelegt. Kurze borstige Haare werden für den Pinselkern gesammelt.

Die einzelnen Pinselarten erfordern unterschiedliche Kombinationen aus Ziegen-, Pferde-, Wiesel-, Hirsch- und Waschbärhaar, um die richtige Federung und Leichtigkeit der Spitze zu erzeugen.

Das Streben nach Vollkommenheit, japanisches Handwerk zwischen Tradition und Moderne.

*****

Und dennoch beschäftigt mich immer wieder der Gedanke, inwiefern sich wohl unsere Gesellschaft von ihrem heutigen Zustand unterscheiden würde, wenn der Osten eine vom Westen völlig getrennte, eigenständige wissenschaftlich-technische Zivilisation hervorgebracht hätte. 

Um ein nahe liegendes Beispiel zu nehmen: Ich habe früher einmal in der Zeitschrift »Bungei shunjũ« einen Vergleich wischen dem Füllfederhalter und dem Pinsel gezogen. Wenn zufällig ein Japaner oder Chinese aus früherer Zeit sich den Füllfederhalter ausgedacht hätte, dann hätte er vermutlich die Spitze nicht mit einer Metallfeder, sondern mit Pinselhaaren versehen. Für die Tinte hätte er nicht jenes Blau, sondern eine der Reibetusche nahekommende Farbe gewählt, und er hätte die Tinte aus dem Halter in die Pinselhaare aussickern lassen. In diesem Falle hätte sich auch das westliche Papier nicht geeignet; am stärksten wäre wohl die Nachfrage nach einer in großen Mengen herstellbaren, aber dem Japanpapier ähnlichen Papierqualität gewesen. 

Wenn Papier, Tusche und Pinsel eine derartige Entwicklung genommen hätten, dann wären wohl Feder und Tinte nie so populär wie heute geworden, die Befürworter der römischen Schrift hätten wohl nie solches Gehör gefunden, und die allgemeine Vorliebe für die chinesischen Ideogramme und die japanischen Silbenschriftzeichen hätte sich unvermindert erhalten. Und nicht nur das, auch unser Denken und unsere Literatur hätte wohl nicht in diesem Ausmaß dem Westen nachgeeifert, wären vielleicht in neue, selbstständigere Sphären vorgestoßen.

Diese Überlegung zeigt, wie selbst ein unscheinbares Schreibgerät große, sich ins Unendliche fortsetzende Auswirkungen haben kann.

Tanizaki Junichiro (1886 – 1965) : »Lob des Schattens«, Entwurf einer japanischen Ästhetik, 1933.


Karlheinz Stockhausen (1928 -2007) : Aus den 7 Tagen ( Partitur, Auszug)

Liebe wertgeschätzte Jung_KollegInnen,

Zu meinen/unseren nächsten Vorlesungen an der BrucknerUniversitätLinz:

Erarbeitet werden diverse Partituren in variabler Besetzung.
An den Schnittstellen von Komposition : Konzeption : Improvisation.

Zum Beispiel:

Karlheinz Stockhausen: Aus den 7 Tagen (1968)

Die Partitur 
(es handelt sich um die erste „Notation“ ohne „Noten“ in der „Neuzeit“: sie besteht nur aus Textanweisungen)
und einige andere Informationen über den Ton- & Zeichensetzer findet ihr hier im Anhang.
(Die Beatles setzten den Karlheinz-Pionier der Elektronischen Musicke auf ihr Plattencover von Sg. Pepper Lonely Hearts Club Band)

Aus den 7 Tagen: ein eigenwilliges/ungewöhnliches/diskursives Werk eines eigenwilligen/ungewöhnlichen/diskursiven Komponisten.
Ich bitte jedes Wort dort genau zu bedenken, darüber nach- & vorzudenken…: es bitte so ernst als möglich zu nehmen…

Zum (nun kürzlich verstorbenen) Komponisten ein offener Brief:

»Ich bin auf Sirius ausgebildet worden und will dort auch wieder hin, obwohl ich derzeit noch in Kürten bei Köln wohne. Auf Sirius ist es sehr geistig. Zwischen Konzeption und Realisation vergeht fast keine Zeit. Was man hier als Publikum kennt, passive Beisitzer, gibt es dort gar nicht. Da ist jeder kreativ.« (K. Stockhausen, 1998)

Lieber Karlheinz Stockhausen, 
da will ich auch hin, auf den Sirius. Bist du schon dort, auf dem Stern ohne jedweden passiven Beisitzer…? Wenn nicht, dann schau doch mal im Dezember ins Wiener Lost & Found-Nest: Junge kreative Menschen gibt es nicht nur auf dem Sirius. 
Nein, nicht nur in Wien (obwohl sich hier z.B. das österreichische Parlament, das Rathaus, die Börse und viele Ministerien befinden, es folglich nicht stets sehr geistig zugehen kann) : auch in Linz (obwohl sich hier z.B. die AntonUniAnstalt, die Brucknerhütte, den Jahrmarkt in Urfahr und viele Ministranten befinden, es folglich nie sehr geistig zugehen kann) werden famose Musiker ausgebildet. 
Ehrlich. 
Und die schaffen mit Talent, Ausdauer, Fleiß und großem handwerklichen Können kompetentfamose Interpretationen deiner Werke. 
Und, ich hoffe du verzeihst es ihnen, sie führen auch edle Kompositionen von den nicht auf Sirius ausgebildeten Kollegen höchst wirkungsmächtig auf. 
Ehrlich. 
Also: Wenn du Lust & Laune & Zeit hast, lieber Karlheinz, wenn du deinen derzeitigen Aufenthaltsort sozusagen jederzeit freiwillig verlassen kannst, dann schau doch bitte in der Strengen Kammer des Porgy & Bess in Wien vorbei, einem Meisterwerk von Konzeption und Realisation. 
Ehrlich.
Deine 7 Tage finde ich echt cool, aber stimmt denn das, was die Leute hier sagen: Zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hätte unser Karlheinz sich wie folgt geäußert?…:

»Daß also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, daß Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch, für ein Konzert. Und dann sterben… Und das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen Sie sich das doch vor, was da passiert ist. Das sind also Leute, die sind so konzentriert auf dieses eine, auf die eine Aufführung, und dann werden fünftausend Leute in die Auferstehung gejagt. In einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts, also als Komponisten. … Ein Verbrechen ist es deshalb, weil die Menschen nicht einverstanden waren. Die sind nicht in das Konzert gekommen. Das ist klar. Und es hat ihnen niemand angekündigt, ihr könntet dabei draufgehen.«

Also: Wenn das stimmt, also: Dann bleibe doch bitte lieber dort, wo du gerade bist.
Hier im Jazz & Music Club denken doch viele Menschen anders und anderes.
Auch sind hier die meisten Ohren nicht auf Sirius ausgebildet worden.
Ehrlich.

Trotzdem: Deine 7 Tage (und manches andere) finde ich echt cool. 
Und unser Klassik_Ensemble (dieses steht in keinerlei Zusammenhang mit Klassikfahrten, Klassikbesten, Klassikgesellschaften, Klassikzimmer und Ersteklassikabteilen) spielen deine Siebentage-Musicke (und auch die deiner Nicht_Sirius_Kollegen) echt supergeil.

Ehrlich.

Renald Deppe


Johann Vermeer (1632 – 1675) : Signatur an einer Wand : I. Ver Meer / MDCLXVIII (Der Geograph, 1669)

 Zu seinen Lebzeiten war Johannes Vermeer kaum über seinen Geburtsort Delft und einen kleinen Kreis an Mäzenen hinaus bekannt.

Nach seinem Tod geriet sein Name rasch in Vergessenheit, und einige seiner Werke wurden gar anderen Künstlern zugeschrieben. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts rückte Vermeer in den Focus der internationalen Kunstwelt, die plötzlich die erzählerischen Details, die sorgfältig ausgearbeiteten Texturen und die grandiosen Lichtebenen seiner Werke wahrnahm und sein Genie entdeckte.

Karl Schütz : Delfter Illusionen : Das Gesamtwerk Johannes Vermeers, Taschen 2020

Johann Vermeer (1632 – 1675) : Der Geograph (1669) : Städel Museum, Frankfurt am Main

Seiten aus Nag-Hammadi-Codex II; linke Seite: p. 32 mit dem Ende des Apokryphons des Johannes, darunter folgt der Beginn des Thomasevangeliums; rechte Seite: p. 111 mit einem Abschnitt aus „Vom Ursprung der Welt“.
Koptisches Manuskript aus dem 4. Jahrhundert. (Coptic Cairo / The Coptic Museum)

 Das Volk der Kopten und sein aus der apostolischen Frühzeit getreu bewahrtes Christentum ist im Westen nur wenig bekannt. Wer heute von den Kopten spricht, meint meist die ägyptischen Christen im Gegensatz zu den ägyptischen Muslimen.
Das ist eine Bedeutungsverengung, die zwar überwiegend durch Tatsachen gedeckt ist, aber vernachlässigt, daß die Kopten nicht in erster Linie eine Glaubensgemeinschaft sind, sondern ein Volk, das Volk Ägyptens, das, mit Griechen gemischt, bis zur islamischen Eroberung in der Nachfolge des Pharaonen-Staates stand.
Die altkoptische Sprache ist die letzte Gestalt, welche die Sprache der Pharaonen unter hellenistischer Herrschaft angenommen hatte, und so ist sie denn bis heute auch die Sprache der Liturgie und lebt in ihr, und nur in ihr, fort.
Hinzu trat das Griechische, die Sprache des Neuen Testaments und der »Septuaginta«, der unter den Ptolemäern in Alexandria geschaffenen Übersetzung des alten Testaments.
Im zweiten nachchristlichen Jahrtausend wurde dann auch das arabische Liturgiesprache, vor allem für Schriftlesungen, so daß die koptische Liturgie in drei Sprachen gesungen wird.
Man kann also sagen: Die ganze Geschichte des Landes ist in diesem Gottesdienst anwesend.

Martin Mosebach : Die 21 : Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer (2018)


Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) : Pappkuvert, eigenhändig von Goethe mit arabischen Schriftzeichen versehen, Behältnis für Manuskripte zum »West-östlichen Divan« (1818).
J. W. v. Goethe : Arabische Schreibübungen aus der Zeit des ›West-östlichen Divans‹ (1816).
Carl Ermer (1786 – 1855) : Schmucktitel zum »West-östlicher Divan«, nach der Vorlage von Johann Wolfgang von Goethe.

Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts. 

Sinne und Leidenschaften reden und verstehen nichts als Bilder. 

In Bildern besteht der ganze Schatz menschlicher Erkenntniß und Glückseeligkeit.

Johann Georg Hamann (1730 – 1788) : Aesthetica in nuce (1760)

Wer sich selbst und andre kennt
Wird auch hier erkennen:
Orient und Occident
Sind nicht mehr zu trennen.

Johann Wolfgang von Goethe : West-östlicher Divan


Joan Miró (1893-1983) : Constellationes (1941)
Anfang eines Liedes Frauenlob mit Neumen (14. Jahrhundert).

Was ich eigentlich suche, ist bewegungslose Bewegung, etwas wie ein Äquivalent zu der Beredsamkeit des Schweigens, oder zu dem, was der heilige Johannes vom Kreuz »schweigende Musik« nannte.

Joan Miró

Wer die zarten Zeichen, die Miró auf diesen elf Blättern (Constellationes) hinterlassen hat, betrachtet, der kann nicht umhin, an die Neumen, die frühmittelalterliche Notenschrift, in der die Choräle ursprünglich festgehalten sind, zu denken.

Diese frühen Noten ahmen eher die Bewegung der melodischen Phrase nach, als sie in exakte Schriftzeichen zu transponieren und damit im Grunde bereits zu zergliedern.

Bögen, Zickzackformen, Schneckenformen, Kreise – es ist die Sprache der Constellationes, die sich hier mit dem Erlebnis der Gregorianik verbindet und dadurch einen neuen Sinn erhält.

Einsamkeit und Meditation gaben diesen Blättern ihre Kraft.

Martin Mosebach (*1951) : Du sollst dir ein Bild machen (2011)


Armenisches Tetraevangelium der Blütezeit der armenischen Buchmalerei (1278).
Zweiteilige armenische Handschrift, bestehend aus Brevier und Messliturgien (Erste Hälfte 15. Jahrhundert).
 

Armenische Apostolische Kirche, orthodox, die christliche Kirche der Armenier. 

Sie führt ihren Ursprung auf die Apostel Bartholomäus und Thaddäus zurück. Zum eigentlichen Begründer und Organisator der armenischen Kirche wurde jedoch der Missionar Armeniens, Gregor der Erleuchter (daher auch gregorianische Kirche). Unter seinem Einfluss nahm König Tiridates III. das Christentum an und proklamierte es zur Staatsreligion (nach der armenischen Geschichtsschreibung im Jahr 301), womit die armenische Kirche die erste christliche Staatskirche wurde. Die Bibelübersetzung des armenischen Kirchenvaters Mesrop förderte den nationalen Charakter der armenischen Kirche. Seitdem verkörpert sie für die Armenier die nationale Identität ihres Volkes. Seit 1989 erfolgten die Wiedereinsetzung der Kirche in ihre traditionellen Rechte, die Rückgabe großer Teile ihres Eigentums und die Wiedereröffnung von Kirchen und Klöstern; 1990 begann die kirchliche Reorganisation Bergkarabachs, dessen kirchliche Strukturen in der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik unter staatlichem Druck aufgelöst worden waren. (Brockhaus)


Tughra (Namenszug eines osmanischen Sultans : offizielles handschriftliches Siegel) von Süleiman I. (der Prächtige)

Süleiman  I., der Prächtige, Sultan (seit 1520), * 6.11.1494 (oder 27.4.1495) in Trapezunt (heute Trabzon), † 6./7.9.1566 bei Szigetvár (bei Fünfkirchen).
Unter ihm als Sultan erreichte das Osmanische Reich seine größte Ausdehnung.
Einziger Sohn Selims I.; während seiner Herrschaft erreichte das Osmanische Reich den Höhepunkt seiner Macht und Kultur. 
Süleiman erweiterte das Reich durch die Eroberung von Belgrad (1521), Rhodos (1522), Ungarn (entscheidende Schlacht bei Mohács, 29. 8. 1526) und Mesopotamien (Bagdad 1534), ließ von September bis Oktober 1529 vergeblich Wien belagern und beherrschte durch seine Flotte  das Mittelmeer und das Rote Meer. Er organisierte das Heer neu, regelte das Lehnswesen und das Strafrecht und entfaltete mithilfe des Baumeisters Sinan eine reiche Bautätigkeit. 1562 nahm er Siebenbürgen in Besitz.
Auf seinem 13. Feldzug starb Süleiman kurz vor dem Fall der Festung Szigetvár. Sein Tod konnte von Großwesir Mehmed Sokollu verheimlicht werden, bis die Thronfolge Selims II. in Konstantinopel gesichert war. 
Als Dichter trat Süleiman u. a. unter dem Namen Muhibbi hervor; er verfasste etwa 3 000 lyrische Gedichte, v. a. Ghasele.

(Brockhaus)

Divan (Gedichtsammlung, 1554) des Muhibbi (Süleiman I., der Prächtige)

error: Content is protected !!