Verortung & Perspektive _49

Hochstand 4. Dezember 2022

Bodo Hell 
(*1943)

Ritus & Rita 
Essay 69
Droschl Literaturverlag, Graz 2017

Wie in seinem 2008 erschienenen Band Nothelfer spielt Bodo Hell auch hier mit den Ikonographien christlicher Märtyrer und Heiliger, vor allem aber mit dem, was sich an Legende und Wissen, an Fakten und Fiktionen rund um sie angelagert hat. 

Die Kleiderordnung der Muttergottes, die Christmette, die Formen und Klänge der Glocken (Kirche- und Kuh-), Abseitiges und Wissenswertes dazu aus Kunstgeschichte und Brauchtum – all das und mehr speist Bodo Hell seiner unverwechselbaren Dichtungsmaschine ein und wird damit, wie Ernst Jandl über ihn sagte, »mein Lesetempo verlangsamen, nicht die Tätigkeit meines Gehirns«.

Es sind erwartungsgemäß überaus komische – manchmal bizarre und groteske – Details, die da über die verschiedenen Annen, Liesln, Helenas, Valentins und Ritas zur Sprache kommen, und zwar in der ungemein energetischen Sprache Bodo Hells; er bedient sich dabei unterschiedlicher zeitgemäßer Formen, deren Wurzeln er manchmal schon in kirchlichen Sprechritualen entdeckt (Aufzählungen, Reihungen, Variationen), und immer verpackt er darin eine maximale Wissensfülle aus allen möglichen Kultur- und auch Naturbereichen. 

Selten ist traditionelles Wissen (und Scheinwissen), Anschauung von Hör- und Sichtbarem, Überlieferung und Distanz so fröhlich und in so fein dosierter Ironie aufgehoben wie bei Bodo Hell!

(Klappentext)

&

Bodo Hell 
(*1943)

Auffahrt 
Essay 71
Droschl Literaturverlag, Graz 2019

In Auffahrt widmet sich Bodo Hell in seiner unnachahmlichen Art den Fakten über Heilige, deren Tun und Nichttun. Er schaut auf Brauchtum und Aberglauben, geht Legenden und Erzählungen auf die Spur. Hell folgt erfundenen und erfindet nur folgerichtige (oder doch nicht?) Fährten – es kommt auf die Perspektive (oder: den Glauben?) an.

Wir finden Aufschlussreiches zu Agatha, Barbara, Florian, Nikolaus, Rosalie und Thekla; aber auch Litaneien, ein Christinen-Terzett, eine Wortbildungslehre zu Himmel und Fahrt oder eine rückläufige Annäherung an Krippe, Bettstroh und Gotteskind.

Was Bodo Hell in diesen Texten treibt, ist kaum zu glauben: so verspielt und witzig sie einerseits sind, so viel enzyklopädisches Wissen aus der Kunst- und Kulturgeschichte sowie der Ikonographie versammelt er in seinen Sätzen.

(Klappentext)

Arvo Pärt (*1935) : Passacaglia (2003)

Perspektive 49

Bodo Hell wird auf der Website seines Verlages wie folgt präsentiert:

 Bodo Hell, geboren 1943 in Salzburg, Studien am Salzburger Mozarteum (Orgel), an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien (Film und Fernsehen) sowie an der Universität Wien (Philosophie, Germanistik, Geschichte). 

Er lebt heute als Dichter, Essayist und Künstler in Wien, im Sommer als Senner auf einer steirischen Alm am Dachstein. 

Hell erweist sich mehr und mehr als Meister eines Montage-Realismus, der dem Alltag, d. h. dem ganz normalen Wahnsinn, zur Sprache verhilft und so auf äußerst amüsante Weise dem Leser Einblick verschafft in sich selbst und ins Haus, das er bewohnt, ins Tollhaus unserer Gesellschaft.

Hells vielseitiges avantgardistisches Werk umfasst neben Texten auch Fotografien, Filme, Hörspiele, Musikalben und Theaterstücke. Zusammenarbeit mit Friederike Mayröcker, Liesl Ujvary und Hil de Gard. 

Ausgezeichnet wurde er u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (1972), dem Erich Fried-Preis (1991), dem Berliner Literaturpreis (1998), dem Preis der Stadt Wien (1999), dem Preis der Literaturhäuser (2003) und dem Telekom-Preis Klagenfurt (2006). 2017 erhält er den Christine-Lavant-Preis und den Heimrad-Bäcker-Preis; aus der Begründung der Jury:

»Bodo Hell eröffnet mit seinem Werk ein großartiges Panoptikum – er erkundet die Welt auf der Basis ihrer sprachlichen Aspekte und umgekehrt: sein Werk schafft sprachliche Szenarien, die uns unsere Umwelt neu erfahren lassen.« 

Bodo Hell ist ein auf-, an- & erregendes Gesamtkunstwerk.
In seinen Arbeiten gestaltet er als aufmerksamer Archivar des All- & Festtaglebens neue & ungewohnte Erlebnisqualitäten.
Als zum Staunen befähigter Zeit- & Leidgenosse bereichert er unser Gedächtnis für sonst kaum Er- & Bekanntes.

Bodo Hell ist ein virtuoser Meister der Sprachgestaltung.
Seine hochmusikalischen Texturen vermeiden die Be- & Umschreibung subjektiver Befindlichkeiten.
Und überlassen damit dem Leser Raum & Möglichkeiten für für den sogenannten „eigenen Reim“ zur Wahrnehmung der Dinge.

Bodo Hell ist ein vielseitig orientierter Spuren- & Fährtensucher.
Stets aufmerksam & neugierig vermag er nicht nur Buchstaben zu lesen & zu deuten.
Wissend das der Mensch lesen konnte bevor er die Schrift beherrschte beschränken sich seine Lektüren nicht nur auf Bücher. 

Bodo Hell pflegt & kultiviert das kostbar weil seltene Prinzip der Hoffnung.
Niemals dem vorschnellen Ab- & Vorurteil verpflichtet überlässt er uns in seinem Labyrinth der Verweise unzählige Notausgänge.
Peinsame Lamentationen & Suaden werden vermieden. Trotz eindeutiger Stellungnahmen zu den Dokumentationen des Scheiterns.

Das Institut zur Verbesserung der Lage verkündet ein stolztrotziges »!Herzliches Willkommen!«

(Renald Deppe)

*****

Schenken

Schenke groß oder klein,
Aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
Die Gaben wiegen,
Sei dein Gewissen rein.
Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei
Was in dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
So dass die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.
Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
Dass dein Geschenk
Du selber bist.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Das Institut zur Verbesserung der Lage 
erlaubt sich folgende Überraschungen für den weihnachtlichen Gabentisch zu empfehlen:

Navid Kermani (*1967)

Entlang den Grenzen
Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan
Verlag C.H. Beck, München 2018

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Annie Ernaux (*1940)

Die Jahre 
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Bibliothek Suhrkamp, Band 1502
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017

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Max Frisch (1911 – 1991)

Montauk
Eine Erzählung
suhrkamp taschenbuch 700
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1975

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Ilse Aichinger (1921 – 2016) 

Die größere Hoffnung
Roman
Fischer Taschenbuchverlag
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1991

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Carel Schaik (*1953)
&
Kai Michel (*1967)

Die Wahrheit über Eva
Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020

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Monika Helfer (*1947)

Die Bagage
Roman

Vati
Roman

Löwenherz
Roman

Familienroman-Trilogie
Carl Hanser Verlag, München 2020 – 2022

(Renald Deppe)