Verortung & Perspektive _47

Handstand 20. November 2022

Viktor Jerofejew
(*1947 in Moskau)

Der gute Stalin 
Roman
Aus dem Russischen von Beate Rausch
Mathes & Seitz, Berlin, Paperback 030, 2021

Weltgeschichte aus der Mikroperspektive in einem mitreißenden autobiografischen Roman.

Aufgewachsen in nächster Nähe zur Macht, erlebte Viktor Jerofejew die letzten Jahre Stalins, zu dessen Hofstaat sein Vater – zunächst politischer Berater Molotows und Dolmetscher Stalins, später Botschafter im westlichen Ausland – gehörte. 

Aus dieser Perspektive erzählt Jerofejew in seinem mitreißenden autobiografischen Roman die Weltgeschichte des Kalten Kriegs aus einer ganz ungewöhnlichen Perspektive, die ihm alle Freiheiten gewährt: 

Er blickt mit den Augen des Kindes, ohne kindlich zu sein, verleugnet aber den analysierenden erwachsenen Erzähler nicht, der um das weiß, was historisch vor sich ging. 

Zwischen der glücklichen Kindheit in einem goldenen Käfig und der Aufmüpfigkeit des werdenden Dissidenten erzählt Jerofejew provozierend ehrlich von seiner Geburt als Schriftsteller, aber auch vom Fall seines Vaters, den er zu verschulden hat, und liefert mit diesem klassisch gewordenen und von Beate Rausch geschickt und elegant übersetzten Porträt eine liebevoll-kritische Hommage an einen Homo sowjeticus, einen Intellektuellen, der den Bewusstseinsmechanismen der Macht ausgeliefert ist. 

(Klappentext)

Alfred Schnittke (*1934 in Engels/Russland – †1998 Hamburg) : Klavierquintett : II. In Tempo die Valse
 

Perspektive 47

In die Fremde reisen dürfen und jederzeit in die Heimat zurückkehren können.
In die Fremde reisen müssen und nicht in die Heimat zurückkehren dürfen.
In die Fremde fliehen müssen und nicht in der Fremde bleiben dürfen.
In der Heimat bleiben müssen.
In der Heimat bleiben müssen und nicht in der Heimat erwünscht sein.
In der Fremde bleiben müssen und nicht in der Fremde erwünscht sein.

All diese Varianten (und noch viel mehr) hat der Russe Viktor Jerofejew er- & durchlebt. 
Zur Zeiten des Kalten Krieges: In der Heimat & in der Fremde.
Zur Zeiten von Glasnost & Perestroika: In der Heimat & in der Fremde.

Der Literat Jerofejew ist ein widerständiger, unangepasster & radikal analysierender Beobachter.
Der Literat Jerofejew ist ein Aus- & Bekenner der sogenannten „Russischen Seele“.
Der Literat Jerofejew ist als „Homo sowjetikus“ geboren & aufgewachsen. Und dieser Welt (großteils) entwachsen.

Die Befindlichkeiten des „Homo sowjetikus“ dominieren u.a. bis heute russische Gesellschaftsstrukturen.
Russland ist Nachbar/Handelspartner/Bärenfreund/Feindbild der Europäischen Union.
Man sollte seinen Nachbarn kennen. Man muss ihn nicht lieben. Aber versuchen ihn zu verstehen.

Vielleicht entwickeln sich Verständnis & Toleranz oder eine profund argumentierte Ab- & Auflehnung.
Jerofejew beginnt seinen faszinierenden Roman mit dem Satz: »Schließlich habe ich meinen Vater ermordet.«
Um vorher folgendes Statement voranzustellen: »Alle Personen sind frei erfunden, auch die realen Menschen und der Autor selbst.«

Welt- & Lebenssichten eines Dichters. Nicht eines Historikers. Verfertigt mit historischen Kenntnissen.
Das macht dieses Buch so unerhört kostbar & lesenswert.
Eine unverzichtbare Schrift zur (gegenwärtigen) Verbesserung der Lage.

»Die Wahrheit liegt nicht in der Reaktion noch in der Revolution. 
Sie besteht in der Infragestellung der Gesellschaft sowie derer, die sie angreifen.«

E. M. Cioran
(Aus:  »Cahiers«, 1957-1972)

Jerofefew & Cioran lebten u.a. in Paris. In der Fremde.
Beide sind/waren Meister der Infragestellung. 
Jedweder Gesellschaft mit all ihren An-, Ab-, Ein- & Zugreifern.

(Renald Deppe)