Verortung & Perspektive _48

Kontostand 27. November 2022

Iris Radisch
(*1959 in Berlin)

Die letzten Dinge 
Lebensendgespräche
Rowohlt Verlag
Reinbek bei Hamburg, 2015

Blickt man anders auf das durchlebte Zeitalter, wenn der Tod näher rückt? 
Wird das, was früher wichtig war, unwichtig? 
Wo hat man geirrt? 
Was hat man bewirken können – und was ist geblieben? 
Seit vielen Jahren führt ZEIT-Feuilletonchefin Iris Radisch Gespräche mit Schriftstellern und Philosophen im hohen Alter. 
Oft war es ein Abschiedsgespräch, manchmal buchstäblich das letzte Interview. 

Der Lebensabend und seine Gestaltung sind in diesen Begegnungen immer präsent, ebenso die Rückschau auf die erlebte Geschichte und die Bedeutung des Alters für das eigene Schaffen. 

Alle Gesprächspartner zeigen sich ungewöhnlich offen und unverstellt, und doch zieht jeder auf ganz eigene Weise Bilanz: Bei manchen überwiegt Wehmut, auch Bitterkeit, bei anderen Gelassenheit und Heiterkeit. 

Dieses Buch versammelt achtzehn Interviews mit großen Zeugen unserer Zeit: Amos Oz, Marcel Reich-Ranicki, Günter Grass, Martin Walser, Imre Kertész, Péter Nádas, Ilse Aichinger, Julien Green, Peter Rühmkorf, Antonio Tabucchi, Patrick Modiano, Ruth Klüger, George Tabori, Claude Simon, George Steiner, Sarah Kirsch, Friederike Mayröcker, Michel Butor und Andrej Bitow.

(Klappentext)

David Helbock (*1984) : F. Chopin : Prelude in E Minor Op. 28, No. 4

Perspektive 48

Unsere Gegenwart verlagert, verdrängt, erlebt & feiert den Tod zumeist in fiktionale filmische Drehbücher:
Krimiserien, Thriller, Aktionentertainment, Horrordramen, Science-Fiktion-Apokalypsen. Ohne Ende.
Unsere Gegenwart suggeriert & verkauft ewige Jugend, Wellness. Ohne Ablaufdatum.

Iris Radisch bricht mit einem Tabu.
Mit lebenden Persönlichkeiten spricht sie (u.a.) über das Ableben. Über ein Ende.
Iris Radisch ver- & behandelt die letzten Dinge. Welche jedoch auch durchaus die vorletzten sein könnten.

Führt ein Lebensabend zu einem Ende? Oder ist das Ende eines Lebensabends der Beginn von etwas Neuem?  
Führt die persönliche Lebensbilanz am Lebensabend in ein Lebensglück, Lebensfrust oder in eine Lebenstrauer?
Eine erstaunliche Vielfalt der Antworten ist wahrzunehmen. Und trotz aller bedrängenden Fragezeichen: Gelassenheit. Zumeist.

Ein mutiges, engagiertes, gegen den Zeitgeist agierendes Textdokument.
Ein ermutigendes, couragiertes, den (Über)Lebensgeist inspirierendes Buch.
Oftmals entstehen & entflammen anmutige, zumutende, den Streitgeist weckende Diskurse.

Widerspruch. Einspruch. Zuspruch. Trinkspruch.
Anstand. Abstand. Zustand. Kontostand.
Humor. Tumor. Amor. Tresor.

Pergament. Fragment. Kukident permanent. 
Weisheit. Feigheit. Klarheit. Bescheidenheit. Mehrheitlich ohne Keuschheit.
Lebenspartner. Lebenslügen. Lebenserfahrungen. Belebende Lebensbeichten.

Möge der geneigten Leserschaft das Inhaltsverzeichnis des wunderbaren Buches bitte nicht vorenthalten werden.
Alles Vor-, An- & Ritterschläge zur Verbesserung der Lage. In Gegenwart & Zukunft, im Ab- & Jenseits. Oder anderswo.
Möge der tödliche Augenschmaus der Unterhaltungsindustrie pausieren. Um mögliche Lebensendgespräche wahrzunehmen…:

JULIEN GREEN «Altern ist Sünde.»

ILSE AICHINGER «Erfüllte Wünsche sind ein Unglück.»

CLAUDE SIMON «Auch wenn man nichts erlebt, erlebt man etwas.»

PETER RÜHMKORF «Man muss nur eines wissen: Was man wirklich und wahrhaftig will.»

PÉTER NÁDAS« Im Tod fängt etwas Großartiges an.»

ANDREJ BITOW «Jedes Leben kann erzählt werden als eine Kette von Wundern.»

GEORGE TABORI «Der Zufall regiert die Welt.»

FRIEDERIKE MAYRÖCKER «Ich will ganz nah an das fast nicht mehr Mögliche heran.»

MARTIN WALSER UND GÜNTER GRASS« Das Leben wird nur erträglich durch die Verlängerung in die Kunst.»

MARCEL REICH-RANICKI «Ich bin nicht glücklich. Ich war es nie in meinem Leben.»

ANTONIO TABUCCHI «Meine Arbeit ist gemacht.»

MICHAEL BUTOR «Am Ende hat man den Eindruck,  dass nichts passiert ist.»

IMRE KERTÉSZ «Ich habe alle meine Augenblicke schon erlebt. Es ist fertig, und ich bin noch da.»

GEORGE STEINER «Wichtig ist, dass man sich ganz klein fühlt.»

PATRICK MODIANO «In der Landschaft des Inneren steht die Zeit still.»

AMOS OZ «Ich selbst bin gar nicht so wichtig. Heute bin ich noch da, morgen werde ich weg sein.»

RUTH KLÜGER «Der Sinn des Lebens ist das Leben.» 

(Renald Deppe)