Verortung & Perspektive _45

Besitzstand 6. November 2022

Lutz C. Kleveman
(*1974)

Smyrna in Flammen 
Der Untergang der osmanischen Metropole 1922
und seine Folgen für Europa
Aufbau Verlag, Berlin 2022

Eine vergessene Katastrophe jährt sich 2022 zum hundertsten Mal: 
der Brand von Smyrna, dem heutigen Izmir an der türkischen Westküste.

Was diese einmalige europäische Metropole ausmachte und wie es zu ihrer Zerstörung kommen konnte – davon handelt Lutz C. Klevemans neues Buch.

In der reichen und kosmopolitischen Handelsstadt Smyrna, der »Perle der Ägäis«, lebten einst Menschen aus aller Welt zusammen.

Ihr Ende kam abrupt, als die nationalistischen Truppen Mustafa Kemals die Stadt im September 1922 niederbrannten und tausende nicht-türkische Bewohner massakrierten.

In einem gigantischen Bevölkerungsaustausch wurden danach fast 2 Millionen Christen und Muslime gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben und zwangsumgesiedelt – was als Vorbild für die ethnischen Säuberungen und Deportationen im Europa des 20. Jahrhunderts dienen sollte.

Hundert Jahre später reiste Kleverman nach Izmir und auf die vorgelagerten griechischen Inseln, um nach Überresten und Zeugnissen des untergegangenen Smyrnas zu suchen.

In seinen Begegnungen mit Menschen wird deutlich, wie stark die Katastrophe von 1922 noch heute nachwirkt, auch in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise.

(Klappentext)

Dino Saluzzi (*1935) : Silence (Charlie Haden, 1987)
 

Perspektive 46

Zu welchem Reich oder Empire gehört was & warum & weshalb & warum & wozu?
Zu welchem Nationalstaat gehört was & warum & weshalb & warum & wozu?
(Welchen Global-Player-Konzernen gehören welche Marktpfründe & warum & weshalb & warum & wozu?) 
Fragen, welche sich in der Vergangenheit stellten. (Oder teilweise auch nicht. Leider.)
Fragen, welche sich in der Gegenwart stellen. (Oder teilweise auch nicht. Leider.)
Und in der Zukunft?

Nationalstaatliches Denken dominiert die (nicht nur europäische) Gegenwart.
Nationalstaatliche Besitzansprüche bestimmen die (nicht nur europäischen) Kriegs- & Krisenherde.
Nationalstaatlicher Stolz verdunkelt die (nicht nur europäischen) Lösungsstrategien für ein verantwortetes Miteinander.
(Während skrupellos agierende Ökonomie-Systeme radikal all jene nationalstaatliche Willkür fördern. Be- und ausnutzen.)
Auch in der Zukunft?

Oder wie formulierte es der große Menschen- & Staatenkenner Kurt Tucholsky einst (1931) in der WELTBÜHNE:

Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen haßt die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und haßt die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Haß nennt man Patriotismus.  

Der Geschichtswissenschaftler Lutz C. Kleveman ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler.
Der Geschichtswissenschaftler Lutz C. Kleveman bringt dem Herzen nahe was der Intellekt vergisst. Verschweigt. Verleugnet.
Der Geschichtswissenschaftler Lutz C. Kleveman beherrscht die stets notwendige Kunst des nachhaltigen Erinnerns.

Zur Erinnerung: was geschah u.a. im ehemaligen Osmanischen Raum bis/vor 1922…? :

Um 1860
Die osmanische Oberschicht übernimmt zunehmend westliche Lebensformen.
Unzufriedene Studenten mit Lehrjahren im westlichen Ausland und Offiziere stehen in Opposition zur absoluten Sultansherrschaft,

1876
Im Osmanischen Reich wird die Folter abgeschafft.
Die Nationen und Religionen innerhalb des Reiches werden gleichgesetzt.
Sultan Abdul Hamid II. setzt aber kurz nach seinem Regierungsantritt die Verfassung außer Kraft und regiert despotisch.

1881
Griechenland erhält Teile des bis dahin osmanischen Thessalien und Epirus.
Mustafa Kemal, der spätere Atatürk, wird in Saloniki geboren, das bis 1912 osmanisch bleibt.

1895
Armenier im Osten Anatoliens rebellieren erstmals offen gegen die immer drückender werdende Herrschaft der Osmanen.
Sultan Abdul Hamid II. lässt im Unruhegebiet etwa 200 000 Armenier niedermetzeln.

1897
Griechisch-türkischer Krieg.
Die Griechen erleiden in Thessalien eine Niederlage, aber auf Druck der Großmächte erhält Kreta eine autonome Verwaltung unter osmanischer Oberhoheit.

1905
Gründung der Jungtürkischen Partei unter Beteiligung von Mustafa Kemal.
In der Bewegung der Jungtürken sammeln sich unzufriedene Offiziere und Studenten gegen das reaktionäre Sultanat.

1908 – 1909
Jungtürkische Revolution in Istanbul.
1909 wird der wird der letzte absolut regierende Sultan Abdul Hamid II. abgesetzt.
Bis 1922 herrscht eine konstitutionelle Monarchie.

1911 – 1913
Die Osmanen verlieren im Tripolis-Krieg Libyen an Italien.

1912 – 1913
Balkankrise. 
Albanien, Serbien, Montenegro Bulgarien führen Krieg gegen das Osmanische Reich, das fast alle Gebiete auf europäischem Boden verliert.

1914
Im Ersten Weltkrieg kämpft das Osmanische Reich auf Seiten der Deutschen und Österreicher gegen Russen, Briten und Franzosen.

1915
Die osmanische Regierung, von radikal-nationalistischen Jungtürken dominiert, ordnet am 17. Mai die Deportation von 2 Millionen Armeniern in die mesopotamische Wüste an.
Nahezu die Hälfte der Deportierten geht unterwegs an Strapazen oder an Massakern zugrunde.
Durch diese brutalen Maßnahmen soll verhindert werden, dass die Armenier mit den verfeindeten Russen ein Bündnis eingehen und einen eigen Staat im Osten Anatoliens gründen.

1919
Am 15. Mai landen griechische Truppen in Izmir und stoßen ins anatolische Hinterland vor, andere Verbände erobern Ostthrakien.
Die Griechen versuchen die Schwäche der im Ersten Weltkrieg besiegten Osmanen auszunutzen und Gebiete, die vor vielen Jahrhunderten griechisch waren, zurückzugewinnen.

1920
Am 10. August verschaffte der Friedensvertrag von Sèvres nahe Paris, den Sultan Mehmed VI. unterschreibt, verheerende Bedingungen für das osmanische Reich.
General Mustafa Kemal (Atatürk) weigert sich, den Vertrag von Sèvres anzuerkennen und organisiert den militärischen Widerstand.

1922
Am 22. August besiegt Atatürk in der Schlacht von Dumliponar bei Afyon die Griechen entscheidend.
Am 11. Oktober unterzeichnen die aus Anatolien und Ostthrakien vertrieben Griechen einen Waffenstillstand.
Zahlen & Fakten. Und doch bedeuteten diese für Millionen Menschen den Tod. Erzeugten unvorstellbares Leid.
Und zeitigten weitere (unnötige, sinnlose, verzicht- & vermeidbare) blutige Auseinandersetzungen.
Jeder Mord ist ein Brudermord. Nicht nur der (vielleicht) erste & berühmteste: der von Kain & Abel.
Auch daran erinnert das kluge Erzählen von Lutz C. Kleveman: dass es Zeiten und Orte gegeben hat, geben kann:
Wo u.a. Kain & Abel, Romulus & Remus, Seth & Osiris noch (relativ) friedfertig ein fruchtbares Neben- & Miteinander lebten.
Das sollte doch bittschön auch in Gegenwart & Zukunft (wieder) möglich sein. Oder…?
Fragen Sie bitte nicht ihren Arzt oder Apotheker.
Fragen Sie die Großkonzerne, die Großbanken, die Großinvestoren, die Großaktionäre, die Großgrund- & Schundbesitzer.
Fragen Sie die großen Schmalspurdenker des schnellen Geldes für die vergänglichen Triumphe des Augenblicks.
Fragen Sie. Bitte. Sich selber. Den Nachbarn. Und alle anderen. Bitte. 

(Renald Deppe)

P.s.:

Sollte die geneigte Leserschaft an Fakten & Perspektiven historischer & aktueller Geschichtsschreibung interessiert sein,
sollten die wertgeschätzten Leser & Leserinnen an Ver- & Entflechtungen von Bruder-, Schwester-, Familien-, Patriarchen-, Konfessions- & diversen oftmals verdrängten Kolonialmachtzwistigkeiten Interesse haben,
das Institut zur Verbesserung der Lagen empfiehlt zur Verbesserung der Fragen (nicht nur) in der Levante:

Gerhard Schweizer (*1940 in Stuttgart)

Türkei verstehen
Von Atatürk bis Erdogan
Klett-Kotta, Stuttgart 2016


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