Verortung & Perspektive _27

Querstand 3. Juli 2022

Leïla Slimani
(*1981) 

Der Duft der Blumen bei Nacht
Luchterhand Literaturverlag, München 2022
Aus dem Französischen von Amelie Thoma

Französische Originalausgabe:
»Le parfum des fleurs la nuit«
Éditions Stock, Paris 2021

»Wenn es Einsamkeit gibt, was ich nicht weiß,
hätte man wohl das Recht, gelegentlich davon zu träumen wie von einem Paradies.«

Albert Camus

»Wo Kunst ist, wo Talent ist, da gibt es kein Alter,
keine Einsamkeit, keine Krankheiten, und selbst der Tod ist halb so schwer.«

Anton Tschechow

(Einleitungszitate aus: »Leïla Slimani: Der Duft der Blumen bei Nacht«)

 Oberste Regel, wenn man einen Roman schreiben möchte, ist NEIN zu sagen. Nein, ich komme nicht mit auf ein Glas. Nein, ich kann nicht meinen kranken Neffen hüten. Nein, ich habe keine Zeit für ein Mittagessen, ein Interview, einen Kinobesuch. Man muss so oft NEIN sagen, dass die Anfragen schließlich selten werden, das Telefon nicht mehr klingelt und man irgendwann bedauert, nur noch Werbung im Posteingang zu finden. Nein sagen und als Misanthropin, arrogant, krankhaft ungesellig gelten. Um sich herum eine Mauer aus Absagen errichten, an der gesellschaftliche Verlockungen zerschellen.

 Schreiben ist Disziplin. Es ist Verzicht auf Glück, auf die alltäglichen Freuden. Ohne Aussicht auf Heilung oder Trost. Man muss, im Gegenteil, sein Leid kultivieren. Man muss seine Wunden aufreißen, die Erinnerungen aufwühlen, Schamgefühl und alte Tränen wachrufen.

 Das, was wir nicht sagen, gehört uns für immer. Schreiben heißt, mit dem Schweigen spielen, auf Umwegen Geheimnisse aussprechen, die im wahren Leben unaussprechlich sind. Die Literatur ist eine Kunst der Zurückhaltung. Man hält sich zurück wie am Beginn einer Liebe, wenn uns banale Sätze in den Sinn kommen, feurige Schwüre, die man sich zwingt, für sich zu behalten, um die Schönheit des Moments nicht zu ruinieren. Die Literatur besteht aus der Erotik des Schweigens. Was zählt ist, was man nicht sagt. In Wahrheit ist es vielleicht unsere Zeit und nicht mein Beruf einer Schriftstellerin,
die mich dazu bringt, Ruhe und Einsamkeit zu ersehnen.

 Ich bewundere Leute, die sagen: »Ich habe vor nichts Angst.«
Ich bin fasziniert von Menschen, die körperlichen oder moralischen Mut beweisen, die keine Konflikte scheuen, die nicht mitten auf der Straße losrennen, weil sie von irrationaler Panik erfasst werden. Ich, die ich so furchtsam bin… Ich liebe es, in der Dunkelheit eines Kinosaals eingeschlossen zu sein. Ich habe keine Angst in Bibliotheken, in Buchläden, in kleinen Stadtteilmuseen, die man weniger wegen der Qualität der Ausstellung betritt, als um sich irgendwo aufzuwärmen. Den Rest der Zeit habe ich Angst. Vielleicht liegt das daran, dass ich von einer besorgten Mutter großgezogen wurde, deren Devise war: »Vorsicht!« Einer Mutter, die überall Risiken sah: hinfallen, sich wehtun, sich den Tod holen oder Triebtäter anlocken. Damals nahm ich es ihr übel, dass sie so ängstlich war. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich am Leben hinderte.

 Im Zentrum des Museums ragen große schwarze Monolithe auf, die von innen beleuchtet sind. Durch die getönten Scheiben dieser gigantischen Terrarien erkennt man die Zweige und Blätter des Nachtjasmins, des galant de nuit, den man auch mesk el arabi(arabischer Moschus) nennt. In Marokko kommt er häufig vor und wird von Dichtern und allen Liebenden besungen. Seine Besonderheit ist, dass er den stärksten Duft des Pflanzenreichs verströmt und dass sich, wie beim Stechapfel,
einem weiteren Gewächs, das mich als Kind fasziniert hat, seine Blüten nur nachts öffnen. Ich denke, dass die Natur auf verrückte Ideen kommt. Die Blüten erscheinen erst, wenn es dunkel ist, als wolle der Baum seine Schönheit bewahren, sie geheim halten, sie nicht den Blicken preisgeben, so wie auch ich davon träume, mich der Welt zu entziehen.

 In Rabat gab es einen Nachtjasmin neben der Tür meines Hauses.
Im Sommer, wenn es Abend wurde, ließen wir das Fenster offen, um einen frischen Luftzug zu erzeugen, und mein Vater sagte: »Riecht ihr das? Das ist der Kavalier der Nacht!« Es begeisterte ihn jedes Jahr aufs Neue. Ich brauche nur die Lider zu schließen, um mich an diesen betäubenden und süßen Duft zu erinnern. Tränen steigen mir in die Augen. Da sind sie, meine Gespenster. Da ist er, der verlorene, versunkene Duft meiner Kindheit. Ich heiße Nacht. Das ist die Bedeutung meines Vornamens, Leïla, auf Arabisch. Doch ich bezweifle, dass das genügt, um die Anziehung zu erklären, die das nächtliche Leben schon sehr früh auf mich ausgeübt hat. Tagsüber verhielt sich jeder so, wie man es von ihm erwartete. Man wollte den Schein wahren, sich von seiner tugendhaften, angepassten, schicklichen Seite zeigen. In meinen Kinderaugen waren die Tagesstunden den gewöhnlichen und monotonen Tätigkeiten zugedacht. Dann kam die Nacht. Man schickte uns ins Bett, und ich hege den Verdacht, dass, während wir schliefen, andere Akteure die Bühne betraten.

Die Menschen redeten anders, die Frauen waren schön, sie hatten ihre Haare hochgesteckt, zeigten ihre schimmernde und duftende Haut. Sie schienen mir zerbrechlich, wenn sie zu viel tranken, wenn sie lachten, doch sie strahlten zugleich eine unbeugsame Kraft aus.
Diese Metamorphosen erstaunten mich. Und als ich alt genug war, um auszugehen, oder sogar noch etwas früher, ergriff eine Art Raserei von mir Besitz. Ein Drängen, ein Hunger, die mich zwangen, mich selbst in die Nacht hinauszuwagen. Ich wollte kein braves kleines Mädchen mehr sein.

 Der Nachtjasmin ist der Duft meiner Lügen, meiner Jugendlieben, heimlich gerauchter Zigaretten und verbotener Feste. Er ist das Aroma der Freiheit. Der Strauch stand da, neben der eisernen Tür, die ich so leise wie möglich aufdrückte, um meine Freunde zu treffen.
Ich verließ das Haus in der Nacht und kam bei Tagesanbruch zurück, wo mich derselbe Duft empfing. Intensiv in der Dunkelheit, verblassend im Morgengrauen. Als Jugendliche entdeckte ich die Kneipen, Bars, Diskotheken, die Feste in Strandhütten, die dunklen und leeren Straßen meiner schlaftrunkenen Hauptstadt. Zu einer bestimmten Zeit am Abend gingen die anständigen Mädchen nach Hause, und die anderen betraten die Bühne. Damals faszinierten, verwirrten und verstörten mich die Prostituierten.

 Ich wuchs auf wie ein Heimtier.
Ich habe nie irgendwelchen Sport gemacht.
Ich kann nicht Radfahren und habe keinen Führerschein.
Als Kind verbrachte ich die meiste Zeit im Haus. Ich lernte.
Rabat bot mir kaum Abwechslung, und meine Schwestern und ich vertrieben uns die Zeit mit Lesen und Filmeschauen. Nicht nur die Nacht war verbotenes Terrain, auch das Draußen. Mädchen hatten nichts zu suchen auf Straßen, Plätzen und in den Cafés, deren Terrassen, das weiß ich noch, ausschließlich von Männern besetzt waren. Ein Mädchen, das sich in der Stadt bewegte, musste von A nach B unterwegs sein. Sonst war sie ein Flittchen, ein Luder, ein gefallenes Mädchen.

 In meiner Jugend begannen die Fluchtfantasien, die Sehnsucht nach ziellosem Herumstromern, nach Nächten ohne Aufpasser und Straßen, in denen ich eine Passantin wäre, die die anderen anschaut und von ihnen angeschaut wird. Weil sie mir versagt war, ist Bewegung für mich zum Synonym für Freiheit geworden. Unabhängig zu werden hieß fliehen, aus diesem Gefängnis ausbrechen, das mein Zuhause war. Spricht man nicht von der Familie als Keimzelle der Gesellschaft? Ich wollte keine »Hausfrau« werden.

Kontrapunkt

Berbère: Berceuse Amazigh (Traditional)

Perspektive 27

Leïla Slimani wurde 1981 in Rabat geboren. 
Leïla Slimani verbachte dort Jugend und Schulzeit als Kind marokkanischer Eltern. 
Leïla Slimani hatte eine elsässische Großmutter.
Leïla Slimani ging 1999 zum Studium nach Paris. 
Leïla Slimani lebt mit ihrer eigenen Familie dort bis heute und schreibt/publiziert auf Französisch.

Rabat ist seit 1956 die Hauptstadt Marokkos mit dem Regierungssitz und der Residenz des Königs. 
Rabat ist neben Fès, Meknès und Marrakesch eine der vier Königsstädte Marokkos.
Rabat hatte 1982 eine halbe Millionen Einwohner.

Marokko ist und war ein Königreich. Seit 1669 herrscht dort die Dynastie der Alawiden.
Marokko wurde 1912 im Protektoratsvertrag in Französisch-Marokko und Spanisch-Marokko im Norden aufgeteilt. 
Marokko ist seit 1956 wieder unabhängig und gemäß der Verfassung von 1992 eine konstitutionelle Monarchie. 

Marokko. Königreich der Vielfalt.
Bevölkerung:
Berber, Araber, Mauren.
Franzosen, Spanier, Italiener, Tunesier, Algerier.
Religion:
Islam (Staatsreligion: 90% Sunniten). 
Christen, Juden, „Geisterglaube“ (Afrikanische, vorislamische Einflüsse).
Sprachen:
Darija (marokkanisches Arabisch).
Berbersparachen (Tamazight, Ghomara, Tarifit, Taschelhit, Tassoussit, Senhaja de Srair, Judäo-Berberisch).
Französisch, Spanisch, Englisch.

Marokko. Königreich im Westsaharakonflikt. 
1976 entließ Spanien seine Provinz Spanisch-Sahara (Westsahara) in die Unabhängigkeit. 
Mauretanien und Marokko teilten das Land eigenmächtig unter sich auf. 
Sofort danach setzten Kampfhandlungen zwischen der marokkanischen Armee 
und Einheiten der Frente Polisario (Volksbefreiungsbewegung der Westsahara) 
sowie Truppenteilen Algeriens ein, welche die Polisario unterstützten.  
1979 schloss Mauretanien einen Friedensvertrag mit der Polisario und räumte seinen Anteil an der Westsahara. 
Daraufhin okkupierte Marokko das ganze Territorium. 
Seither tobt in der Westsahara ein blutiger Krieg, der die Region bis heute stark belastet.

Marokko. Königreich im Arabischen Frühling.
Anfang 2011 kam es unter dem Eindruck des Arabischen Frühlings zu Protesten in mehreren Städten. 
Eine demokratische Verfassung wurde gefordert. 
Die Staatsspitze reagierte darauf mit einem Verfassungsreferendum. 
Die mit 98 % Zustimmung angenommene Verfassungsänderung schreibt erstmals Marokkanisches Tamazight als Amtssprache neben Arabisch fest. 
Verschiebt wichtige Kompetenzen vom König auf den Premierminister und das Parlament. 
Der König ist u.a. verpflichtet, den Premierminister aus der Partei zu ernennen, die bei den Wahlen die meisten Parlamentssitze erhalten hat. 
(Bisher hatte er diesbezüglich uneingeschränkte Entscheidungsfreiheit.)

Tanger, Casablanca, Agadir, Marrakesch.
Atlasgebirge, Sahara, Mittelmeer- und Atlantikküsten.
Oftmals künstlich generierte Traum-, Film, Devisen- & Touristenwelten im Königreich Marokko.

Leïla Slimani beschreibt in all ihren Publikationen (Interviews, Essays & Romane) Echtzeitwelten.
Eine Welt voller Konflikte, Unruhen, Korruption, gesellschaftlichen Umbrüchen, sozialen Miss- & Notständen.  
Eine Welt der Geheimnisse, Verheißungen, Versprechen, Rätsel, der Poesie & vielgestaltigen Literaturen.

Leïla Slimani berichtet über untergehende, gerettete und neu entstehende Lebenswelten. 
Lebenswelten an den kulturellen Schnitt-, Bruch- und Feuerstellen von Orient und Okzident. 
Lebenswelten mit brisanten theologischen, konfessionellen und ideologischen Brennköpfen. 

Leïla Slimani analysiert historische wie aktuelle Wahrnehmungswelten inner- & ausserhalb der Maghrebländer.
Die Wahrnehmungswelten der ver- & unverheirateten Frauen. Der alleinerziehenden wie unversorgten Mütter. 
Die Wahrnehmungswelten von selbst-, geld-, held- & fremdbestimmten Hosen-, Kleid-, Zeit- & LeidgenossInnen. 

Leïla Slimani beschreibt, berichtet, analysiert in ihrem letzten Buch die Erlebnisse einer Nacht.
Einer Nacht allein: ver-, ab- & eingeschlossen in einem Museum für Moderne Kunst in Venedig.
Einer Nacht inmitten der Ausstellung »Luogo e Segni« (»Orte und Zeichen«) in der Punta della Dogana. 

Leïla Slimani erkennt, benennt, definiert, offenbart, bekennt die Orte & Zeichen ihrer Lebens- & Wahrnehmungswelten.
Leïla Slimani wurde 1981 im marokkanischen Rabat geboren. 
Leïla Slimani verbachte dort Jugend und Schulzeit als Kind marokkanischer Eltern. 
Leïla Slimani hatte eine elsässische Großmutter.
Leïla Slimani hatte einen Vater: Othman Slimani, marokkanischer Ökonom und Banker. Marokkanischer Wirtschaftsminister.
(2002 wurde Othman Slimani wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder angeklagt und war viele Monate inhaftiert. 
2010 wurde er posthum von allen Anklagepunkten freigesprochen und erhielt eine offizielle Entschuldigung des marokkanischen Staates.)

Leïla Slimani erhielt 2016 den Prix Goncourt. Die begehrteste französische Literaturauszeichnung.
Leïla Slimani veröffentlichte unbedingt, absolut, unverzichtbar, glasklar, entwaffnend Lesenswertes:
»Sex und Lügen« / »Warum soviel Hass« / »Das Land der Anderen« / »Dann schlaf auch du« / »All das zu verlieren«.
Leïla Slimani erhielt 2016  die begehrteste französische Literaturauszeichnung: den Prix Goncourt. Vollkommen zu Recht.

Sollte es im Königreich Marokko eine vergleichbare Wertschätzung freigeistiger LiteratInnen geben: bitte, dann nicht zögern:
Leïla Slimani veröffentlicht unbedingt, absolut, unverzichtbar, glasklar, entwaffnend, berührend, engagiert Lesenswertes.
Leïla Slimani publie des ouvrages absolument, absolument, indispensables, limpides, désarmants, touchants, engagés, dignes d’être lus.
Leïla Slimani pubblica incondizionatamente, assolutamente, indispensabilmente, una lettura cristallina, disarmante, toccante, impegnata.
Leïla Slimani publica una lectura incondicional, absoluta, indispensable, cristalina, desarmante, conmovedora, comprometida.
Leïla Slimani publishes unconditional, absolute, indispensable, crystal-clear, disarming, touching, engaging reading.

تنشر ليلى سليماني بشكل مطلق ، مطلق ، لا غنى عنه ، واضح وضوح الشمس ، نزع سلاح ، مؤثر ، ملتزم بالقراءة.

(Renald Deppe)

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