Verortung & Perspektive _28

Ehestand 10. Juli 2022

Nadeschda Mandelstam 
(1899 – 1980) 

Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe
Aus dem Russischen übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Ursula Keller
DIE ANDERE BIBLIOTHEK, Berlin 2021
Extradruck Nr. 426

(Das Original der »Erinnerungen« erschien 1970 in den USA, New York – Erstausgabe in Russland 1999, Moskau)

Als ich in meiner Kindheit über die Französische Revolution las, fragte ich mich immer wieder, ob man den Terror unversehrt überstehen kann. Mittlerweile weiß ich sicher, dass dies nicht möglich ist. Wer die Luft des Terrors geatmet hat, ist vernichtet, auch wenn er durch Zufall sein Leben erhalten konnte. Tote sind tot, alle anderen aber – Henker, Ideologen, Handlanger, jene die Ruhmeslieder sangen und mit geschlossenen Augen ihre Hände in Unschuld wuschen, und selbst jene, die Nachts mit den Zähnen knirschten – sind ebenfalls Opfer des Terrors. Jede Bevölkerungsgruppe hat, je nachdem welcher Schlag sie traf, eine jeweils eigene Form dieser durch den Terror hervorgerufenen Krankheit durchgemacht, ist bis heute davon schwer gezeichnet, 
leidet weiterhin daran und ist nicht in der Lage, ein normales bürgerliches Leben zu führen. Diese Krankheit wird weitervererbt, die Söhne bezahlen die Schuld ihrer Väter, und erst die Enkel werden gesunden, besser gesagt, die Krankheit wird bei ihnen eine andere Form annehmen.

Welcher Lump wagt es zu behaupten, es habe keine verlorene Generation in unserem Land gegeben? Das ist eine unerhörte Lüge, und auch sie ist ein Ergebnis des Terrors. In unserem Land ist eine Generation nach der anderen vernichtet worden, aber in gänzlich anderer Weise als im Westen. Alle sind ihrer Arbeit nachgegangen, haben um ihre Stellung gefürchtet, auf Rettung gehofft und versucht,
nur an die alltäglichen Angelegenheiten zu denken. In solchen Zeiten sind alltägliche Angelegenheiten wie eine Droge. Es braucht immer mehr davon. Man muss sich ihnen ganz hingeben, dann fliegen die Jahre dahin, und es bleiben nur graue Schatten im Gedächtnis.
Nur ganz wenige meiner Generation bewahrten einen klaren Kopf und ein klares Gedächtnis. Alle, die derselben Generation wie Ossip Mandelstam angehörten, waren von frühem Gedächtnisverlust befallen.

Wenn wir uns trafen, flüsterten wir und warfen misstrauische Blicke in Richtung der Wände – lauschten die Nachbarn oder schnitt ein Tonband mit? Als ich nach dem Krieg nach Moskau kam, bemerkte ich, dass überall die Telefone unter den Kissen verborgen waren,
denn es ging das Gerücht um, darin seien Tonaufnahmevorrichtungen installiert. Alle zitterten vor Angst vor diesen schwarzen Zeugen aus Metall, der ihre verborgenen Gedanken belauschte. Niemand vertraute niemandem, in jedem Bekannten vermuteten wir einen Denunzianten. Bisweilen schien es, das ganze Land leide an Verfolgungswahn. Und bis heute sind wir davon nicht genesen.

Wann bricht diese Hoffnungslosigkeit herein? Wo? Wie geht das vor sich? Es ist doch ganz gleich! Widerstand ist zwecklos. Ich verlor das Gefühl für den Tod, denn ich trat ein in einen Raum der Nichtexistenz. Im Angesicht der Verdammnis gibt es keine Angst. Angst ist ein Lichtstrahl, ist Lebenswille, Selbstbehauptung. Ein zutiefst europäisches Gefühl. Es ist entstanden aus der Selbstachtung, aus dem Bewusstsein des eigenen Wertes, der eigenen Rechte, Lebensnotwendigkeiten, Bedürfnisse und Wünsche.
Der Mensch klammert sich am Eigenen fest und fürchtet, es zu verlieren. Angst und Hoffnung bedingen einander. Wenn wir die Hoffnung verlieren, verlieren wir auch die Angst – denn es gibt nichts mehr, das wir fürchten müssen.

Der Stier, der zum Schlachtplatz geführt wird, hofft er könne sich losreißen und den schamlosen Schlächter niedertrampeln. Denn die anderen Stiere vermochten es nicht, ihn davon zu überzeugen, dass dies nicht von Erfolg gekrönt sein würde und das Vieh, das zum Schlachtplatz geführt wird, niemals in die Herde zurückkehrte.
In der menschlichen Gesellschaft jedoch gibt es einen unablässigen Austausch von Erfahrungen. Und dies ist der Grund, dass nie davon gehört ward, dass jemand, den man zur Vollstreckung der Todesstrafe auf den Richtplatz bringt, Widerstand leistet, sich losreißt, sich zu verteidigen sucht, die Schranken niederreißt und davonläuft. Man ist sogar der Meinung, es zeuge von besonderer Mannhaftigkeit, wenn der zum Tode verurteilte es ablehnt,n dass man ihm die Augenbinde anlegt, und er ohne diese in den Tod geht.
Ich hingegen bin auf der Seite des Stieres, bin für die blinde Wut. 
Für das sture Tier, das seine Möglichkeiten zum Erfolg nicht ausgehend von der menschlichen Vernunft und Dummheit berechnet
und das schmutzige Gefühl der Hoffnungslosigkeit nicht kennt.

Später habe ich häufig darüber nachgedacht, ob man heulen oder kreischen soll, wenn man geprügelt und mit Füßen getreten wird. Oder ob es besser sei, in teuflischem Hochmut zu erstarren und den Henkern mit verachtungsvollem Schweigen zu antworten. Und ich kam zu dem Schluss, dass man heulen und kreischen muss. In diesem bemitleidenswerten Heulen, das mitunter in die Abgeschiedenen, fast schalldichten Gefängnisse drang, sind die letzten Reste der menschlichen Würde und des Glaubens an das Leben verdichtet. Mit diesem Heulen hinterlässt der Mensch eine Spur auf der Erde und teilt den anderen mit, wie er gelebt hat und gestorben ist. Mit dem Heulen verteidigt er sein Recht auf Leben, schickt eine kleine Botschaft in die Freiheit, ruft um Hilfe und fordert Widerstand. Bleibt einem nichts mehr, so muss man laut aufheulen.
Zu schweigen ist wahrlich ein Verbrechen gegen die menschliche Spezies.

Im Hinblick auf den stalinistischen Terror waren wir indes stets überzeugt, dass die Maßnahmen vielleicht abgeschwächt oder verstärkt werden könnten, dass er jedoch kein Ende finden würde. Warum sollte er beendet werden? Wozu? Alle waren auf Trab gehalten, gingen ihrer Beschäftigung nach, lächelten, erfüllten widerspruchslos, was befohlen wurde, und lächelten wieder. Wenn jemand lächelte, bedeutete das Angst oder Missbehagen, und das zuzugeben wagte niemand, denn Angst war gleichbedeutend damit, dass man etwas auf dem Gewissen hatte. Jeder, der in den Diensten des Staates stand – und in unserem Land ist jeder kleiner Verkäufer ein Angestellter des Staates, noch dazu einer mit Verantwortung -, gab sich gutmütig und fröhlich und gab zu verstehen: 
Ich habe mit den großen Ganzen nichts zu tun, habe eine verantwortungsvolle Arbeit und bin damit vollauf ausgelastet.
Ich nutze dem Staat, lasst mich in Ruhe. Mein Gewissen ist rein, und wenn mein Nachbar verhaftet wird, wird es schon seinen Grund haben. Die Maske des Lächelns legte man nur zu Hause ab, und auch das tat nicht jeder, denn das Entsetzen, das man empfand, musste man vor den eigenen Kindern verstecken – Gott behüte, dass sie in der Schule etwas Falsches sagten! Viele passten sich dem Terror an und lernten, ihren Nutzen daraus zu ziehen, schafften sich den Nachbarn vom Halse und übernahmen den frei gewordenen Wohnraum oder Arbeitsplatz. Eine ganz natürliche Sache. Die Maske sah jedoch ausschließlich ein Lächeln vor, nicht aber ein Lachen, den Heiterkeit war ebenfalls verdächtig und erregte gesteigertes Interesse bei den Nachbarn: Was haben die denn zu lachen? Machen sie sich vielleicht lustig? Die Heiterkeit ist verschwunden und wird nicht zurückkehren.

Es ist schwierig zu definieren, was die Intelligenzija ist und wie sie sich von den gebildeten Schichten unterscheidet. Der Begriff Intelligenzija ist ein historischer, der in Russland aufkam und von dort in den Westen gelangte. Die Intelligenzija hat zahlreiche sie charakterisierende Eigenschaften, aber selbst die Gesamtheit dieser Eigenschaften ergibt keine vollständige Definition. Die historische Entwicklung der Intelligenzija ist unklar und fließend, denn oftmals wird diese Bezeichnung auch fälschlich auf manche Gruppen angewandt. Technokraten und Beamte kann man ja wohl kaum als Intelligenzija bezeichnen, selbst wenn sie Diplome haben oder Romane und Poeme schreiben. Als die echte Intelligenzija zur Kapitulation gezwungen wurde, hat man sie verhöhnt, und die, die sie zur Kapitulation zwangen, haben sich dann selbst als Intelligenzija bezeichnet.
Was ist nun aber die Intelligenzija? Jede ihrer charakteristischen Eigenschaften findet sich nicht nur bei ihr, sondern auch bei anderen sozialen Schichten – ein gewisser Bildungsgrad, kritisches Denken und die damit verbundene Aufmerksamkeit für Veränderungen, freie Meinungsäußerung, Gewissensfreiheit, Humanismus. Letztere Eigenschaften sind gerade in den jetzigen Zeiten besonders wichtig,
denn wie wir gesehen haben, verschwindet mit ihnen die Intelligenzija selbst. Die Intelligenzija ist Bewahrerin der Werte, und beim geringsten Versuch von deren Umwertung geht sie zugrunde und verschwindet, ganz wie sie in unserem Land verschwunden ist.
Jedoch ist nicht die Intelligenzija allein Bewahrerin der Werte. In der Bevölkerung haben die Werte ihre Bedeutung selbst in den dunkelsten Zeiten, als die kulturellen Eliten sich von ihnen losgesagt haben, erhalten. Womöglich ist die Intelligenzija keine feste Größe, und ihre Werte sind nicht statisch. Sie ist Entwicklungen unterworfen und neigt zur Selbstvernichtung. Die Akteure der Revolution, die sich in den zwanziger Jahren hervortaten, gehörten der Intelligenzija an und sagten sich von manchen ihrer Wertvorstellungen zugunsten anderer, die ihnen höher und wichtiger schienen, los. Damit begann die Selbstvernichtung der Intelligenzija.
Die Vertreter der neuen Intelligenzija, oftmals sehr junge Menschen, sind leicht zu erkennen, und gleichwohl ist es schwierig zu erklären,
welches ihre charakteristischen Eigenschaften sind, die sie zu Vertretern der Intelligenzija machten. Nun denn – es gibt also Vertreter einer neuen Intelligenzija, und dieser Prozess ist nicht mehr rückgängig zu machen, er kann nicht einmal mehr aufgehalten werden durch ihrer physische Vernichtung, die von denen, die der Vergangenheit nachhängen, angestrebt wird. Wenn heute ein Vertreter der Intelligenzija Repressionen ausgesetzt ist, nehmen Dutzende neue seinen Platz ein. In Russland spielt die Dichtung eine herausragende Rolle. Sie erweckt die Menschen und formt ihr Bewusstsein. Die Wiedergeburt der Intelligenzija in unseren Tagen geht einher mit einer beispiellosen Hinwendung zur Poesie. Sie ist die reichste Schatzkammer unserer Werte. Die Gedichte erwecken zum Leben und erwecken Gewissen und Denken. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber es ist eine Tatsache.

Wir alle waren nach den ersten Revolutionstagen traumatisiert und krank. Zuerst traf es die Frauen, aber sie erwiesen sich als zählebig, waren ihr halbes Leben lang krank und gesundeten. Die Männer waren dem Anschein nach kräftiger und hielten den ersten Schlägen stand, aber ihr Herz verkraftete diese Schläge nicht, und kaum einer wurde älter als siebzig Jahre. Jene, die Krieg und Gefängnis verschont hatten, wurden von Herzinfarkten oder unglaublichen Krankheiten dahingerafft. Niemand von uns glaubt, es gäbe keinen Zusammenhang zwischen Krebs und seelischer Erschütterung. Allzu oft haben wir schon miterlebt, wie sich über jemandem ein Unwetter entlud, er öffentlichen Schmähungen ausgesetzt war, eingeschüchtert und bedroht wurde, und ein Jahr später hieß es, er sei an Krebs erkrankt. Es braucht nichts weiter gesagt zu werden – wir wurden nach allen Regeln der Kunst gehätschelt. Einzig die objektive Statistik bestätigt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung beständig steigt. Vermutlich auf Grund des Überschusses von Frauen und Kindern. Das weibliche Geschlecht hat sich tatsächlich als nicht totzukriegen erwiesen.

Was den Judenhass betrifft, so kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es ihn bei der einfachen Bevölkerung nicht gibt. Er kam und kommt immer von oben. Ich habe nie verheimlicht, dass ich Jüdin bin, und von all diesen Familien – Arbeitern, Kolchosearbeitern,
kleinen Angestellten – wurde ich wie einer der ihren aufgenommen, und empfang nicht ein einziges Mal etwas in der Art, wie es in den höheren Lehranstalten der Nachkriegszeit deutlich zu spüren war und, nebenbei gesagt, immer noch zu spüren ist. Halbbildung ist das schlimmste, was es gibt: In einem halbgebildeten Milieu ist der Nährboden für die Verbreitung des Faschismus, für die niedrigsten Formen des Nationalismus und für den allgemeinen Hass gegen die Intelligenzija immer vorhanden. Gegen die Intelligenzija gerichtete Stimmungen sind erschreckender und umfassender als schlichter Judenhass, und sie sind in allen Institutionen mit vielen Mitarbeitern, die wütend ihr Recht auf Unwissenheit verteidigen, deutlich zu spüren. Den Menschen wurde eine stalinistisch geprägte Bildung vermittelt, sie haben stalinistische Diplome erhalten. Das sie sich nun an jene Privilegien klammern, die ihnen ebendiese Diplome verliehen haben, ist nur allzu verständlich. Wo sollen sie denn sonst unterkommen?

Kontrapunkt

Edisson Denissow (1929 in Tomsk, Sibirien -1996 in Paris) : Hymne

Perspektive 28

Prolog:

Nadeschda Mandelstam schrieb ein wunderbares Buch. Erschütternd hell- & weitsichtige autobiographische Prosa.
Nadeschda Mandelstam schrieb ihre Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe. Ein einzigartiges Dokument.
Und doch:
Kein Tier besitzt die hier geschilderten Abgründe. 
Ist zu solchem Sadismus, Neid, Zynismus, Vandalismus, Sexismus, Sarkasmus, Hohn, Gespött, Verrat, zu solcher Häme, Ironie, 
Hinterlist, Brutalität, Grausamkeit, Gehässigkeit, Niedertracht, Gewaltbereitschaft, Kaltblütigkeit, Bosheit, Gemeinheit, Perfidität, 
Infamie, Ruchlosigkeit, Verlogenheit, Phlegma, Rohheit, Zerstörungswut, Barbarei, Gier, Rachsucht, Eitelkeit, Illoyalität fähig.
Auch nicht der Wolf.
Nadeschda Mandelstam schrieb über ein Jahrhundert der Menschen. Die sich wie Menschen benehmen. In Russland. Und anderswo.

Chronik:

1899 wurde Nadeschda Jakowlewna Mandelstam (N.M.) in Saratow als Kind jüdischer Eltern geboren.
Der zum russisch-orthodoxen Glauben konvertierte Vater war Rechtsanwalt, die Mutter Ärztin.
Kindheit und Jugend verbrachte N. Mandelstam in Kiew. Besuch eines renommierten Reform-Gymnasiums für Mädchen. 
Anschließend Studium der Rechtswissenschaften. Abbruch. Dann Studium der Malerei.

1914 Ausbruch des 1. Weltkriegs. (1,8 Millionen militärische Todesfälle und 28 Millionen zivile Opfer für Russland)
1917 Ausbruch der Februarrevolution, der Oktoberrevolution, des Russischen Bürgerkriegs. (Geschätzte 8 Millionen Tote)
1917-1922 Tscheka (Geheimpolizei Sowjetrusslands). Geschätzte Opfer/Exekutionen: 250000.
1919-1921 Polnisch-Sowjetischer Krieg. (Über 1200 Pogrome, geschätzte 430000 gefallene Soldaten der Roten Armee)

1919 N. Mandelstam begegnet dem aus Moskau vor Gewalt und Hunger geflohenen Dichter Ossip Mandelstam in Kiew.
1922 heiraten Ossip und Nadeschda Mandelstam.
Anna Achmatowa notierte: »Ossja liebte Nadja unglaublich, unbeschreiblich. Etwas Ähnliches habe ich in meinem 
ganzen Leben nicht noch einmal gesehen.«
1922 Gründung der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) durch die Bolschewiken.

1922-1934 OGPU (Geheimpolizei der Sowjetunion).
1934-1946 NKWD (Geheimpolizei/Geheimdienst der UdSSR)
1946-1954 MWD (Ministerium für innere Angelegenheiten)
1954-1978 KGB (Sowjetischer In- & Auslandsgeheimdienst)
1978-1991 CCCP (Komitee für Staatssicherheit beim Ministerrat der UdSSR) 

1924-1939 Industrialisierung und systematischer Terror durch Diktator Josef Stalin. 
(Schauprozesse, Säuberungen in den Reihen der Opposition, der Priester und Mönche, Deportation ganzer Völker, Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, Verstaatlichung der Wirtschaft, Arbeitslager (Gulag): geschätzte 20 Millionen Tote)

1925 Beginn der Isolation des Ehepaars Mandelstam durch die staatlichen Kulturbetriebe, der offiziellen Kulturpolitik.
1928 letzte Buchveröffentlichung zu O. Mandelstams Lebzeiten.
1930 O. Mandelstam erklärt den Austritt aus der Föderation sowjetischer Schriftsteller.

1930-1953 Gulag. (Straf- & Arbeitslager der Sowjetunion) In diesem Zeitraum (bis Stalins Tod): 
18 Millionen russische Häftlinge, geschätzte 2,7 Millionen Tote: insgesamt waren 32 Millionen Zwangsarbeiter in den Lagern.
1931-1933 Holodomor (Hungersnot durch Missernten & Zwangskollektivierung in der Ukraine): geschätzte 7 Millionen Hungertote.

1932 Gleichschaltung von Kunst und Literatur. (Auflösung aller künstlerischen Gruppierungen per Parteierlass)
1933 O. Mandelstams »Epigramm gegen Stalin« entsteht. Verhaftung O. Mandelstams und zwei Selbstmordversuche. 
Verurteilung zu 3 Jahren Verbannung nach Tscherdyn (Region Perm) und Woronesch.
N. Mandelstam folgt ihrem Gatten in die Verbannung und versucht durch Übersetzungsaufträge und Reisen zu Freunden Geld
aufzutreiben.
1934 Gründung des Schriftstellerverbandes der UdSSR und Proklamierung des »Sozialistischen Realismus« als einzig zulässige 
Arbeits-Methode für die sowjetische Kunst.
(Verherrlichung der Errungenschaften des sozialistischen Staates, Überhöhung der Führer und Helden des »revolutionären Alltags«,
Aufklärung der Massen im Sinne des Kommunismus, Prinzip der Verständlichkeit jedweder künstlerischen Tätigkeit.)
1937 Rückkehr des Ehepaares nach Moskau. Beginn des »Großen Terrors« gegen mutmaßliche Gegner der stalinistischen Herrschaft.
1938 2. Verhaftung O. Mandelstams. Verurteilung zu 5 Jahren Zwangsarbeit. Tod des Dichters in einem Durchgangslager in Wladiwostok.
1938-1964 N. Mandelstam lebt ohne festen Wohnsitz, stets bereit jederzeit vor dem Terror der Geheimdienste zu flüchten.

1939-1945 Ausbruch des 2. Weltkriegs. (13 Millionen militärische Todesfälle und 14 Millionen zivile Opfer für die Sowjetunion)
1946-1947 Ausbruch einer Hungersnot in der Sowjetunion (geschätzte 2 Millionen Tote)

1964 N. Mandelstam erhält das Wohnrecht für Moskau, wird „sesshaft“ und beginnt ihre Erinnerungen zu schreiben.
1980 stirbt N. Mandelstam in ihrer winzigen Wohnung. 
1983 wird N. Mandelstams Nachlass bei einer Hausdurchsuchung in der Wohnung eines Freundes beschlagnahmt.

Epilog:

»Mein Leben begann mit der Begegnung mit Mandelstam.« 

Nadeschda Mandelstam

»Mein Kind, ohne dich kann ich nicht und will ich nicht leben, Du bist meine ganze Freude, Du bist meine Liebste,
das ist für mich so klar, wie Gottes heller Tag.«

Ossip Mandelstam

»Man hat mir alles genommen: das Recht auf Leben, auf Arbeit, auf ärztliche Fürsorge.
Ich bin in der Stellung eines Hundes, eines Köters versetzt. … Ich bin ein Schatten. Mich gibt es nicht.
Ich habe nur das Recht zu sterben. Mich und meine Frau treibt man in den Selbstmord.«

Ossip Mandelstan (1937)

»Ossja, liebster Freund!
Mein Lieber, ich habe keine Worte für diesen Brief, den du vielleicht nie lesen wirst.
… Ossjucha – unser kindliches Leben – wie glücklich war es. …
Jeder Gedanke gilt Dir, jede Träne und jedes Lächeln.
Ich preise jeden Tag und jede Stunde unseres bitteren Lebens, mein Freund, mein Gefährte, mein blinder Blindenführer.
… Das Leben ist lang. Wie lang und mühsam, wenn man zugrunde geht ohne den anderen, ohne die andere.
Ist uns Unzertrennlichen tatsächlich dieses Los beschieden?«

Nadeschda Mandelstam (1938)

Nadeschda Mandelstam war eine große Liebende.
Nadeschda Mandelstam liebte den Menschen Ossip Mandelstam. Und sein dichterisches Werk.
Nadeschda Mandelstam lernte dieses Oeuvre auswendig. Um es unversehrt, unzensiert, unbeschadet einer Nachwelt zu bewahren.

Nadeschda Mandelstam war eine Erinnerungskünstlerin.
Nadeschda Mandelstam musste und wollte eine Erinnerungskünstlerin sein.
Nadeschda Mandelstam überlebte den Ungeist ihres Jahrhunderts. Und musste, konnte, wollte davon Zeugnis ablegen.

Warum? Weshalb? Wozu?
Weil es neben den dunklen Abgründen auch lichthelle Momente im Menschsein gibt. Immer. Jederzeit. Überall.
Weil es zu jedem Punkt einen Kontrapunkt gibt. Immer. Jederzeit. Überall.

Wir haben immer eine Wahl.
Wir haben immer auch eine Qual der Wahl.
Wir haben immer auch eine Wahl der Qualitäten. 

Warum? Weshalb? Wozu?
Weil wir keine Wölfe sind.
Weil die Möglichkeit einer reflektierten Wahl von Angeboten, Ausrichtungen, Alternativen, Bejahungen, Verneinungen uns zu Menschen macht.

Und ein Mensch ist kein Wolf.
Obwohl Rom von einer Wölfin begründet wurde.
Obwohl Kyros II. (Baumeister des Altpersischen Reiches) von Wölfen aufgezogen wurde.

Und ein Wolf ist kein Mensch.
Und er/sie ist überaus dankbar und glücklich darüber.
Und wir alle wissen warum. Nach der Lektüre von Nadeschda Mandelstams Erinnerungen.

Das Institut zur Verbesserung der Lage bittet die Wölfe um Verzeihung.
Das Institut zur Verbesserung der Lage bittet die Wölfe um Nach-, Um- & Vorsicht.
Noch gibt es Menschen.  

(Renald Deppe)

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