Verortung & Perspektive _20

Ruhestand 15. Mai 2022

Noberto Bobbio
(1909 – 2004)

Vom Alter – De senectute
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1997

Originalausgabe:
De senectute
Giulio Einaudi editore, Torino 1996

Bitte verstehen sie mich recht:
In einer Zeit, in der sich der historische Wandel immer schneller vollzieht,
stellt die Ausgrenzung der Alten eine unabänderliche, unleugbare Tatsache dar.
In den traditionellen, statischen Gesellschaften, die sich nur langsam entwickeln,
ist der alte Mensch Träger des kulturellen Erbes der ganzen Gemeinschaft,
das er, verglichen mit allen anderen Mitgliedern, in besonders auffälliger Weise in sich vereint.
Der Alte weiß aus Erfahrung, was die anderen noch nicht wissen, und sie müssen von ihm lernen, 
auf dem Gebiet der Moral ebenso wie auf dem der Gebräuche und der Überlebenstechniken.
Unverändert bleiben nicht nur die grundsätzlichen Regeln, auf denen das Leben der Gruppe aufbaut,
Regeln, die die Familie, die Arbeit, die Momente des Spiels, die Heilung von Krankheiten,
das Verhalten im Hinblick auf die jenseitige Welt, die Beziehung zu anderen Gruppen betreffen.
Auch die Fähigkeiten verändern sich nicht wesentlich und können daher vom Vater auf den Sohn vererbt werden.
In den entwickelten Gesellschaften hat der immer stärker beschleunigte Wandel sowohl der Sitten als auch der Künste
das Verhältnis zwischen denen, die wissen, und denen, die nicht wissen, umgekehrt.
Der alte Mensch wird immer mehr zu dem, der kein Wissen hat, vergleicht man ihn mit den Jungen,
die bereits mehr Wissen haben als er, und nicht zuletzt deshalb mehr wissen können, 
weil sie über eine größere Lernfähigkeit verfügen.

 Die Welt der alten Menschen, aller alten Menschen, ist in mehr oder weniger Form der Welt der Erinnerung.
Man sagt: am Ende bist du das, was du gedacht, geliebt, vollbracht hast.
Ich möchte hinzufügen: du bist das, was du erinnerst.
Außer den Gefühlen, die du geweckt hast, den Gedanken, die du gedacht hast, den Taten, die du vollbracht hast,
sind die Erinnerungen, die du bewahrt und nicht in dir ausgelöscht hast, deine Reichtümer, 
und du bist der nun ihr einziger Wächter.
Möge es dir gestattet sein, so lange zu leben, wie die Erinnerungen noch nicht fliehen und du dich in sie flüchten kannst.
Die Dimension, in der der alte Mensch lebt, ist die Vergangenheit.
Die Zeitspanne, die die Zukunft noch für ihn bereithält, ist zu kurz, 
als daß er sich Gedanken um das machen müsste, was kommen wird.
Konzentriere dich.
Verschwende die kurze Zeit nicht, die dir noch bleibt.
Geh deinen Weg in Gedanken noch einmal. Die Erinnerungen werden dir helfen.
Aber die Erinnerungen werden nicht auftauchen, wenn du nicht hingehst,
sie in den entferntesten Winkeln deines Gedächtnisses aufzustöbern.
Das Erinnern ist eine geistige Tätigkeit, die du oft scheust, weil sie mühevoll oder peinlich ist.
Doch es ist eine heilsame Tätigkeit.
In der Erinnerung findest du trotz der vielen Jahre, die du gelebt,
trotz der unzähligen Ereignisse, die du erlebt hast, dich selber wieder, deine Identität.

 Das Alter ist auch die Zeit der Bilanzen.
Und die Bilanzen sind immer etwas melancholisch,
wobei die Melancholie als das Bewusstsein um das Unvollendete, Unvollkommene,
um das Missverhältnis zwischen den guten Vorsätzen und den tatsächlich verbrachten Taten zu verstehen ist.
Du bist am Ende deines Lebens angekommen und hast doch den Eindruck, 
am Ausgangspunkt stehengeblieben zu sein, was das Wissen um Gut und Böse betrifft.
Alle große Fragen sind unbeantwortet geblieben.
Nachdem du immer versucht hast, dem Leben einen Sinn zu geben, erkennst du jetzt, daß es keinen Sinn hat,
sich die Frage nach dem Sinn zu stellen, 
und daß das Leben in seiner Unmittelbarkeit angenommen und gelebt werden muß, wie es die meisten Menschen tun.
Aber wie lange hat es gedauert, bis du zu dieser Schlussfolgerung gekommen bist!

 Die Welt des alten Menschen – gestatten Sie mir noch diese persönliche Bemerkung – ist eine Welt,
in der Gefühle schwerer wiegen als Gedanken.
In Bezug auf die Gefühle ist mein Leben glücklich gewesen, obwohl ich nicht zum Glücklichsein tauge,
und darum hat dieses Glück meine Erwartungen, vor allem aber meine Verdienste weit übertroffen.
Gegenüber all jenen, die mir geholfen haben, zu leben und zu überleben, und die mich bis hierhin begleitet haben,
beginnend mit meiner Frau, mit meinen Kindern und jetzt mit meinen Enkelkindern,
stehe ich in ein einer nicht mehr zu tilgenden Dankesschuld, denn es ist spät,
und es bleibt nicht mehr viel Zeit, um das zurückzugeben, was ich bekommen habe.

Kontrapunkt

The Beatles : When I’m sixty-four (1967)

Perspektive 20

Es gibt das urkundliche Alter. Der Tag unserer Geburt. Zum Beispiel.
Es gibt das biologische Alter. Der Verlust unseres Hörvermögens. Zum Beispiel.
Es gibt das bürokratische Alter. Das Jahr unserer Pensionierung. Zum Beispiel.
Es gibt das psychologische Alter. Der Augen Blick in den Spiegel. Zum Beispiel.
Es gibt das subjektive Alter. Der Blick der Augen im Wonnemonat Mai. Zum Beispiel.

Wir alle werden alt.
Doch niemand will alt erscheinen.
Wir altern unweigerlich.
Doch niemand darf alt sein.

So entstehen Lebenslügen. Zum Beispiel.
So entstehen Trug-, Kurz- & Fehlschlüsse.

Jung und dynamisch. Das bebildert die Werbung.
Dynamisch und jung. Das fordern die Arbeitgeber.
Jungdynamisches. Schauspielen die Arbeitnehmer.

Folglich geben wir uns jung und dynamisch. Mit urkundlichen 60 Jahren.
Folglich feiern wir uns dynamisch und jung. Mit biologischen 70 Jahren.
Folglich verteidigen wir unsere Arbeitskäfige. Mit bürokratischen 70 Jahren. 
Folglich liften wir uns jung und dynamisch. Mit psychologischen 80 Jahren.
Folglich suchen wir uns dynamisch blutjunge Partner. Mit subjektiven 90 Jahren.

Jung gibt sich der Körper. Dynamisch dröhnt Geist. Oder was man dafür hält.
Jung gibt sich der sportliche Greis. Dynamisch lärmt Wissen. Oder was man dafür hält.
Jung gibt sich das Alter. Dynamisch sein Leerlauf. Bis man es begreift. Im Alter.

Zeit ist nicht Geld. Weil Zeit ist kostbar.
Unsere Zeit ist kostbar. Weil bemessen.
Unsere Zeit sind Möglichkeiten. Weil alles hat seine Zeit.
In der Jugend. Im Alter. Und überhaupt.

Also kein Grund zur urkundlichen Verdrängung. Des Alters.  
Also kein Muss zur biologischen Vertuschung. Des Alten. 
Also kein Anlass zur bürokratischen Verleumdung. Des Alterns.
Also kein Zwang zu psychologischen Verunstaltung. Der Alten.  

Das Institut zur Verbesserung der Lage bekennt sich zum Alter.
Das Institut zur Verbesserung der Lage ist jedoch nicht veraltet.
Das Institut zur Verbesserung der Lage benennt das Altern.
Das Institut zur Verbesserung der Lage erinnert an B. Brecht:

»Von allen Werken die liebsten
sind mir die gebrauchten.
Die Kupfergefäße mit den Beulen und den abgeplatteten Rändern
Die Messer und Gabeln, deren Holzgriffe
Abgegriffen sind von vielen Händen: solche Formen
Schienen mir die edelsten. So auch die Steinfliesen um alte Häuser
Welche niedergetreten sind von vielen Füßen, abgeschliffen
Und zwischen denen Grasbüschel wachsen, das
Sind glückliche Werke.«

Das Institut zur Verbesserung der Lage bekennt sich zum Gebrauchen.
Das Institut zur Verbesserung der Lage agiert jedoch nicht verbraucht.
Menschen altern. Menschen die für Verbesserungen arbeiten. Zum Beispiel.
Ideen müssen nicht altern. Wünsche nach Verbesserungen. Zum Beispiel.

Der italienische Rechtsphilosoph Noberto Bobbio hat ein Buch publiziert.
Mit fast 90 Jahren. Vom Alter – De senectute.
Ein wunderbares Fragen über wohin es ist, wofür es war, wozu es sein könnte.
Das Alter.
Ein wunderbares Schreiben über wie es ist, wie es war, wie es sein könnte.
Das Altern.
Ein wunderbares Reden über was es ist, was es war, was es sein könnte.
Das Alte.
Ein wunderbares Sinnen über wer sie sind, wer sie waren, wer sie sein könnten.
Die Alten.

Eine Anleitung. Ein Angebot. Ein Vorschlag. Ein Hinweis. Ein Rat. Eine Zuwendung.
Wie & warum & weshalb wir „unzeitgemäß“ altern dürfen. Mit Würde. Zum Beispiel.
Wie & warum & weshalb wir „unzeitgemäß“ dem Alter begegnen sollten. Mit Selbstachtung. Zum Beispiel.
Wie & warum & weshalb wir „unzeitgemäß“ unser Leben gestalten müssten. Mit Demut. Zum Beispiel.

Wunderbar weise Bobbios letzter Satz in seinen wunderbar leisen 130 Seiten.

»Ich habe gelernt, 
die Ideen anderer zu respektieren,
vor dem Geheimnis innezuhalten, das jedes individuelle Bewusstsein birgt,
zu verstehen, bevor ich diskutiere,
und zu diskutieren, bevor ich urteile.«

In diesem Sinne. Da capo al fine.

(Renald Deppe)