Verortung & Perspektive _14

Familienstand 3. April 2022

Natalia Ginzburg
(1916 – 1991)

Die kleinen Tugenden
Aus dem Italienischen von Maja Plug
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020

Was die Erziehung angeht, denke ich, man muß die Kinder nicht die kleinen Tugenden lehren, 
sondern die großen.
Nicht Sparsamkeit, sondern Freigiebigkeit und Gleichgültigkeit
gegenüber Geld;
nicht Vorsicht, sondern Mut und Verachtung der Gefahr;
nicht Schlauheit, sondern Freimütigkeit und Wahrheitsliebe;
nicht Diplomatie, sondern Liebe zum Nächsten und Selbstlosigkeit;
nicht das Streben nach Erfolg, sondern das Streben nach Sein und Wissen.

Gewöhnlich machen wir es umgekehrt: Wir beeilen uns, 
ihnen Achtung vor den kleinen Tugenden einzuflößen und darauf ein ganzes Erziehungssystem aufzubauen.
Auf diese Weise wählen wir den bequemsten Weg:
Denn die kleinen Tugenden bergen keine materielle Gefahr, im Gegenteil, sie schützen eher vor Schicksalsschlägen.
Wir vernachlässigen es, die Kinder die großen Tugenden zu lehren,
die wir doch lieben und von denen wir wünschten, daß die Kinder sie besäßen:
Aber wir vertrauen darauf, daß sie eines zukünftigen Tages spontan in ihrem Wesen erwachen,
da wir die großen Tugenden für etwas Instinktives halten, während die anderen, die kleinen,
uns die Frucht von Überlegung und Berechnung zu sein scheinen, daher denken wir,
wir müssen sie den Kindern unbedingt beibringen.

In Wirklichkeit ist der Unterschied nur scheinbar.
Auch die kleinen Tugenden kommen aus der Tiefe des Instinkts, aus einem Verteidigungsinstinkt:
Aber aus ihnen spricht die Vernunft, sie urteilt und plädiert,
brillanter Advokat der persönlichen Unversehrtheit.
Die großen Tugenden erwachsen aus einem Instinkt, bei dem nicht der Verstand spricht,
einem Instinkt, den ich schwer benennen könnte.
Unser Bestes liegt in diesem stummen Instinkt, nicht in unserem Verteidigungsinstinkt,
der argumentiert, urteilt, plädiert mit der Stimme der Vernunft.

Die Erziehung ist nichts als eine bestimmte Beziehung, die wir zwischen uns und den Kindern herstellen,
ein bestimmtes Klima, in dem Gefühle, Instinkte und Gedanken gedeihen.
Nun glaube ich, daß in einem ganz von der Achtung vor den kleinen Tugenden geprägten Klima
unmerklich Zynismus oder Angst vor dem Leben heranreifen.
An sich haben die kleinen Tugenden nichts mit Zynismus oder Angst vor dem Leben zu tun:
Aber zusammengenommen und ohne die großen Tugenden bringen sie eine Atmosphäre hervor,
die zu jenen Konsequenzen führt.
Nicht daß die kleinen Tugenden als solche verächtlich wären:
Aber ihr Wert ist nicht substantiell, sondern eine Ergänzung;
sie können nicht allein ohne die anderen bestehen und sind allein, ohne die anderen,
schmale Kost für das Wesen des Menschen.
Die Art und Weise, wie man mit den kleinen Tugenden umgeht, 
maßvoll und wenn es gänzlich unumgänglich ist, kann der Mensch um sich herum sehen und mit der Luft einatmen:
denn die kleinen Tugenden sind sehr gewöhnlich und verbreitet unter den Menschen.
Die großen Tugenden aber, die kann man nicht mit der Luft einatmen:
Und sie müssen das erste wesentliche Element unserer Beziehung zu unseren Kindern,
die erste Grundlage unserer Erziehung sein.
Darüber hinaus kann das Große auch das Kleine enthalten:
Das Kleine aber, das ist Naturgesetz, kann auf keine Weise das Große enthalten.

Es hilft nicht, wenn wir versuchen, uns in der Beziehung zu unseren Kindern darauf zu besinnen und zu stützen,
wie unsere Eltern sich uns gegenüber verhielten…

Kontrapunkt

Franz Schubert (1797 – 1828) : Klaviertrio Nr. 2, Op. 100, D. 929: Andante con Moto

Perspektive 14

Möglichkeiten.

Tugenden zu benennen ist mutig.
Tugenden zu kennen ist sittlich.
Tugenden zu bekennen ist ein erster Schritt.
Tugenden zu leben ist unendlich schwer.
Tugenden zu predigen ist unendlich leicht.
Tugenden zu verachten ist der erste Schritt.
Zum Terror der Tugenden.
Zur Diktatur der Tugenden.
Zum Krieg der Tugenden.
Zu den Aufsichts(rat)ratten der Tugenden. 

Tugenden zu benennen ist ein erster Schritt.
Tugenden zu kennen ist mutig.
Tugenden zu bekennen ist unendlich schwer.
Tugenden zu leben ist sittlich.
Tugenden zu verachten ist unendlich leicht.
Tugenden zu predigen ist der erste Schritt.
Zu den Tugenden des Terrors.
Zu den Tugenden der Diktatur.
Zu den Tugenden der Kriege.
Zu den Tugenden der Aufsichts(rat)ratten.

Tugenden zu trennen ist ein erster Schritt.
Tugenden zu verkennen ist unendlich leicht.
Tugenden zu erkennen ist sittlich.
Tugenden zu erleben ist mutig.
Tugenden zu achten ist unendlich schwer.
Tugenden zu dogmatisieren ist der erste Schritt.
Zum Kanon des Terrors.
Zum Leben in Diktaturen.
Zur Achtung der Kriege.
Zur Aufsicht der Aufsichts(rat)ratten.

Das Institut zur Verbesserung der Lage erlaubt sich in Erinnerung zu rufen:

Nach Platon (Protagoras, um 380 v. Chr.). 
Die vier klassischen Grundtugenden: 
Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. 
(Seit dem Mittelalter bekannt als „Kardinaltugenden“) 

Nach Prudentius (Psychomachia, 11. Jahrhundert).
Die sieben himmlischen Tugenden:  
Demut (humilitas) • Mildtätigkeit (caritas) • Keuschheit (castitas) • Geduld (patientia) • 
Mäßigung (temperantia) • Wohlwollen (humanitas) • Fleiß (industria)

Die sieben Untugenden (Todsünden):
Hochmut • (superbia) • Habgier (avaritia) • Wollust (luxuria) • Zorn (ira) •
Völlerei (gula) • Neid (invidia) • Faulheit (acedia)

Natalia Ginzburg, aus einer jüdischen Familie stammend, wurde 1916 in Palermo geboren.
Ihre Kindheit verbrachte sie in Turin.
Ihr erster Mann starb an den Folgen der Folter durch selbsternannte Tugendwächter: durch Nazis.
Mit ihrem ersten Mann, Leone Ginzburg, hatte sie 3 Kinder.
Mit ihren zweiten Gatten, Gabriele Baldini, hatte Frau Ginzburg nochmals 2 Kinder.
Beide Neugeborene kamen mit Behinderungen zur Welt.
Mit 26 Jahren begann Natalia Ginzburg Proust zu übersetzen: den ersten Band der verlorenen Zeit.
Das war 1942. 1943 erklärte die Achsenmacht Italien der Achsenmacht Deutschland den Krieg.
Eine Zeit der Rache, der Vergeltung, der Vernichtung, der Verachtung. Vorher war es nicht anders.
Eine Zeit aber auch des Widerstandes, der Lieb- & Freundschaften, des Vertrauens. Nicht für jeden.

Zwanzig Jahre später (1963) entstand ihr vielleicht berühmteste Buch: »Familienlexikon«
Eine Chronik der Konfessionen, Obsessionen, Missionen und Passionen als Familienroman.

Natalia Ginzburg hatte 5 Kinder. Mit zwei Ehemännern. 
Natalia Ginzburg hatte Familie. Auch ohne Ehemänner.

Natalia Ginzburg wusste worüber sie schrieb.
Wenn sie über Familie, Eltern, Kinder, Verwandte, Bekannte, Feinde und Freunde schrieb.
Wir sollten der großen Dame der modernen italienischen Literatur aufmerksam zuhören. 

Natalia Ginzburg hat in einem kleinen Büchlein große Themen aufgegriffen.
Ihre An- & Klarsichten über »Die kleinen Tugenden« verhandeln die großen Antworten.
Begegnen dem Erfolg wie den Erfolgreichen mit Über-, Um-, Weit- & Einsicht. Mit Fragen. 
Ihre 1960 veröffentlichte Schrift »Die kleinen Tugenden« ist die letzte von elf Geschichten.
Elf leise Geschichten über sturmlaute Lebenserfahrungen. Über Lebensgefährdungen.
Elf Geschichten über das Schweigen, über Verbannung, über Zweifel und Verzweiflungen.
Über des Menschen Sohn, einen Winter in den Abruzzen, über »le scarpe rotte«.
Die Perspektiven ihres Berufes & ER und ICH werden verortet, Lob und Tadel ge- & verteilt.
Natalia Ginzburg erzählt über menschliche und unmenschliche Beziehungen. Mit Absicht.

Natalia Ginzburg wusste worüber,
Natalia Ginzburg wusste warum,
Natalia Ginzburg wusste weshalb,
Natalia Ginzburg wusste wozu sie schrieb.

Natalia Ginzburg wusste womit sie schrieb.
Immer mit der Hand. Stets mit Bleistift.

Hören wir einer Großen Dame der italienischen Literatur im 20. Jahrhundert aufmerksam zu.
Bitte.

(Renald Deppe)