Verortung & Perspektive _11

Krankenstand 13.3.2022

Marcel Proust
(1871 – 1922)

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
7 Bände in Kassette.

01) Unterwegs zu Swann.
02) Im Schatten junger Mädchenblüte.
03) Guermantes.
04) Sodom und Gomorra.
05) Die Gefangene.
06) Die Flüchtige.
07) Die wiedergefundene Zeit.

Aus dem Französischen übersetzt von Eva Reichel-Mertens.
Revidiert von Luzius Keller und Sibylla Laemmel. (5300 Seiten)
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2002

Die Idee einer populären wie auch einer patriotischen Kunst erschiene mir,
wenn sie nicht so gefährlich wäre, einfach lächerlich.
Wenn es darum ginge, sie dem Volk zugänglich zu machen, indem man die formalen Feinheiten opferte,
die nur gut für »Müßiggänger« sind, so hatte ich Erfahrung genug im Umgang mit Leuten von Welt,
um zu wissen, dass sie die eigentlich Ungebildeten sind, und nicht die Elektriker.
Insofern wäre eine über die Form popularisierte Kunst eher etwas für Mitglieder des Jockey-Clubs als für die Gewerkschaft;
und was die Themen betrifft, so werden die Leute aus dem Volk von den volkstümlichen Romanen ebenso sehr gelangweilt
wie Kinder von den eigens für sie geschriebenen Büchern.
Man versucht, sich in etwas anderes hineinzuversetzen, wenn man liest,
und Arbeiter sind genauso neugierig auf Prinzen wie Prinzen auf Arbeiter. 

Kontrapunkt

Maurice Ravel (1857 – 1937) : Gaspard de la nuit, II. Le Gibet

Perspektive 11

Es gibt Bücher, deren Titel man kennt.
Obwohl (fast) niemand sie gelesen hat.
Zum Beispiel: »Der Mann ohne Eigenschaften« von Robert Musil.

Es gibt Komponisten, deren Namen man kennt.
Obwohl (fast) niemand ihre Musik gehört hat.
Zum Beispiel: das »Streichtrio« von Arnold Schönberg.

Es gibt Philosophen, deren Werke man kennt.
Obwohl (fast) niemand sich mit ihnen beschäftigt hat.
Zum Beispiel: die »Kritik der reinen Vernunft« von Immanuel Kant.

Es gibt noch viel vermeintlich Bekanntes zu entdecken.
Es gibt noch viel vermeintlich Entdecktes zu ergründen.
Es gibt noch viel Er- & Begründetes zu bekennen.

Es gibt viele unendliche Listen.
Es gibt eine unendliche Liste von Endlichkeiten.
Es gibt DIE unendliche Liste der Erinnerungen an verlorene Zeiten, Menschen und Dinge. 

Marcel Proust ist ein Meister des Erstellens von nicht enden wollenden Listen:

Tausendundeine Wahrnehmungen der Eifersucht.
Tausendundeine Wahrnehmungen der Sexualität.
Tausendundeine Wahrnehmungen der Eitelkeiten
Tausendundeine Wahrnehmungen der Jünglingsschatten.
Tausendundeine Wahrnehmungen der Mädchenblüten.
Tausendundeine Wahrnehmungen der Invertierten.
Tausendundeine Wahrnehmungen der Exaltierten.
Tausendundeine Wahrnehmungen der Verzauberten.
Tausendundeine Wahrnehmungen der Entzauberten.
Tausendundeine Wahrnehmungen der Düfte, Lüfte, Säfte, Kräfte, Lemuren, Naturen.
Tausendundeine Wahrnehmungen der Wahrnehmung der eigenen Person.
Tausendundeine Wahrnehmungen der Wahrnehmung des Anderen.
Tausendundeine Wahrnehmungen der verlorenen Zeit.
Tausendundeine Wahrnehmungen der Erinnerung.
Tausendundeine Wahrnehmungen der wiedergefundenen Zeit.
Tausendundeine Wahrnehmungen der Erkrankungen, des Leidens, der Befürchtungen und Ängste.
In, um, an, über, bei, unter, für und gegen uns.

Eine Suche und Sucht nach Erinnerung.
Denn nur Erinnertes zeitigt Wahrnehmung. 
In, um, an, über, bei, unter, für und gegen uns.

5300 Seiten über das Leben. Das reicht für ein ganzes Leseleben.
5300 Seiten Handgeschriebenes, zumeist auf dem Krankenlager.
5300 Seiten Gedrucktes, zumeist nach seinem frühen Tod.
5300 Seiten in, um, an, über, bei, unter, für und gegen uns.

Wer nicht lesen kann, will, darf oder möchte,
der lasse es sich bitte vorlesen:

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 
Der Hörverlag (17 CDs), München 2010

Gelesen von Peter Matic (1937 – 2019).
Meisterlich.
156 Stunden »Höroffenbarung«.
9.380 Minuten Ein-, Er- & Vorgelesenes. 
Die Wintermonate von 10 Jahren. 
Diese Zeit brauchte der Burgschauspieler mit der unverwechselbaren Stimme für sein Vorhaben.
Keine verlorene Zeit.

Warum man Proust lesen oder sich vorlesen lassen sollte…?

Die virtuose Meisterin der poetischen Verdichtung, 
der Verzauberung des Alltäglichen, der alltäglichen Verzauberung, 
die polnische Kassandra Wisława Szymborska singt es uns vor:    

Nichtlesen

Zu Prousts Werk
geben sie keine Fernbedienung mit,
man kann nicht umschalten
auf ein Fußballspiel
oder ein Quiz mit Volvo als Gewinn.

Wir leben länger,
aber ungenauer
und in kürzeren Sätzen.

Wir reisen schneller, öfter, weiter,
und statt Erinnerungen bringen wir Photos mit.
Hier bin ich mit einem Typ.
Das dort ist glaub ich mein Ex.
Hier sind alle nackt,
also bestimmt am Strand.

Sieben Bände – Erbarmen!
Hätte man das nicht kürzen, zusammenfassen können,
oder am besten in Bildern zeigen.
Es gab mal eine Serie mit dem Titel »Die Puppe«,
aber die Schwägerin sagt, das war ein anderer mit P.

Übrigens, was ist das überhaupt einer.
Angeblich hat er im Bett geschrieben, über Jahre.
Blatt für Blatt,
mit mäßiger Geschwindigkeit.
Und wir im fünften Gang
und – toi toi toi – gesund.

Wertgeschätzter Leser: in diesem Lied gibt es zu der Frage

»Warum man Proust lesen oder sich vorlesen lassen sollte…?«

kein einziges Fragezeichen.

(Renald Deppe)