Verortung & Perspektive _08

Beistand (III) 20.2.2022

Wolfgang Koeppen

(1906 – 1996)

Die elenden Skribenten
Aufsätze
Herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1984

Elfriede Jelinek : Interview mit Wolfgang Koeppen (Auszug)
Erschienen am 15. November 1991 in der ZEIT  unter der Überschrift »Ich riskiere den Wahnsinn«

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Ihr letzter Roman, »Der Tod in Rom«, ist 1954 erschienen. 
Danach ist Ihnen das einzigartige Kunststück gelungen, Ihr Schweigen in den Rang einer literarischen Leistung zu heben.
Wolfgang Koeppen: Das ist nicht mir gelungen. Das haben andere getan.

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Finden Sie keinen Sinn mehr in der literarischen Arbeit?
W.K.: Das wäre kein Grund, damit aufzuhören, denn sinnlos ist alles. 
Würde ich ein normales Leben führen mit einem normalen Beruf, fände ich das nicht weniger sinnlos. 
Einen Sinn erwarte ich nicht. Das Schreiben ist gelegentlich ein Rettungsboot im Meer der Sinnlosigkeit. 

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Ertragen Sie es, zu leben, ohne zu schreiben? 
W.K.: Sehr gut sogar. Es gibt Tage der Melancholie, aber die können auch schön sein. 
Ich müßte es machen wie Thomas Mann, der sich jeden Morgen um acht an den Schreibtisch setzte, 
auch wenn er keine Lust und keine Einfälle hatte. Dazu fehlt mir die Disziplin. 
Ich halte Arbeit für einen Fluch im biblischen Sinne. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen. 
Es ist eine uns aufgebürdete Last. Damit müssen wir fertigwerden.

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Ihr Verleger zahlt Ihnen monatlich eine gewisse Summe, die das, was durch Ihre Bücher hereinkommt, weit übersteigt.
W.K.: Das ist richtig. 
Haben Sie kein schlechtes Gewissen? 
W.K.: Nicht im geringsten.

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Nach den Gesetzen der Marktwirtschaft sind Sie für ihn ein Verlustgeschäft. 
W.K.: Was geht mich die Marktwirtschaft an? 
Manche Schriftsteller haben das Geldproblem schon mit der Geburt gelöst. 
Flaubert, Proust, Gide waren Erben. Das gibt es auch. 
Musil war in einer ähnlichen Lage wie ich. Dem ging es sogar noch schlechter. 
Rowohlt jammerte dauernd, was Unseld nicht tut, daß er Herrn Musil sein Leben lang finanzieren müsse. 
Ein Autor ist für einen Verleger eine Investition va banque. 
Irgendwann kommt das Geld wieder herein, in manchen Fällen erst nach dem Tode. 
Aber so viel bekomme ich gar nicht. Ich hätte gern mehr Geld zur Verfügung. 
Ich möchte zum Beispiel, wann immer ich will, nach New York fliegen können.
Dazu müßten Sie Ihren Roman fertigschreiben. 
W.K.: Das sehe ich eben nicht ein. 

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1982 schrieb der Medienwissenschaftler Karl Prümm in der Literaturzeitschrift »Schreibheft«: 
»Die Unerbittlichkeit, mit der Koeppen bis heute die Verleugnung und Verharmlosung der Nazivergangenheit bekämpft, 
ist gewiß entscheidend geprägt durch die schmerzhafte Erkenntnis, 
wie nahe die eigenen Wunschbilder an die verführerische Seite des Nationalsozialismus herangerückt waren.«
W.K.: Verzeihen Sie, aber dieser Mann ist ein Idiot.  

°

Haben Sie jemals Schuld empfunden? 
W.K.: Ja, in einer bestimmten Situation in meinem privaten Leben. 

Ihrer Frau gegenüber? 
W.K.: Ja. 

Sie war Alkoholikerin. 
W.K.: Ja, sie konnte zuletzt nicht mehr auf den Beinen stehen. 
Da habe ich sie in eine Klinik einweisen lassen. 
Ich habe sie weggegeben. Das machte mir Schuldgefühle. 

Aber es war die einzige Möglichkeit. 
W.K.: Trotzdem. 1985 ist sie gestorben. 

Wissen Sie, warum sie getrunken hat? 
W.K.: Das habe ich nie erfahren. Sie trank bereits, als ich sie kennenlernte. 
Sie war sechzehn Jahre alt. Ich traf sie kurz nach dem Krieg. 
Wir feierten ihren Geburtstag. Damals fand ich ihr Trinken noch lustig. 
Ich wußte nicht, daß es ein Leiden war, eine Krankheit. 

Hat die Trunksucht Ihrer Frau Sie am Schreiben gehindert? 
W.K.: Diese Frage beantworte ich eigentlich nicht. 
Ich liebte diese Frau. Natürlich gab es rein praktisch Verhinderungen. 
Manchmal habe ich mir ein Zimmer in einem Hotel genommen, wenn ich in der Wohnung nicht schreiben konnte. 
»Das Treibhaus« ist zum größten Teil im Bunkerhotel unter dem Stuttgarter Marktplatz entstanden. 

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Das Böse ist nicht aus der Welt zu schaffen. 
W.K.: Nein. 

Hegel hat es als nötige Durchgangsstation zum Guten bezeichnet. 
W.K.: Das gefällt mir sehr gut. 
Aber selbst in diesem Satz verbirgt sich ein Vorwurf. 
Ich halte das Schreiben für eine Tätigkeit, zu der auch Moral gehört. 
Das heißt nicht, daß man sich positiv äußern muß. Man kann auch
etwas Pessimistisches schreiben. 
Die Moral, die ich meine, ist heimlich, eine ganz kleine Giftpille, kein Kaiserdenkmal. 

Das sind jetzt Worte. 
W.K.: Ja, soll ich singen?

° 

In Ihrem Roman »Der Tod in Rom« vergleichen Sie den Menschen mit einem Esel. 
Sie schreiben: 
»Zum Glück hat man ihm Scheuklappen angelegt, damit er nicht merkt, daß es nie voran, sondern immer im Kreise geht, 
daß er keinen Wagen, sondern ein Karussell bewegt, und vielleicht sind wir eine Belustigung auf dem Festplatz der Götter.«
W.K.: Eine gelungene Stelle. 

Ja, aber was drückt sie aus? 
W.K.: Ich sehe darin ein gewisses Mitgefühl mit dem Esel. 

Nicht auch eine Anklage gegen die Götter, die sich an seinen Qualen erfreuen?
W.K.: Nicht unbedingt. Ich sage nicht, Gott ist schuld. Die Frage, ob Gott recht tut, ist offen. 
Vielleicht kommt er gegen das Entsetzliche, das er geschaffen hat, nicht mehr an. 
Vielleicht ist er bestürzt über die eigene Schöpfung. Die Freude ist ihm vergangen. 
Aber das Karussell dreht sich weiter. 

Wer so denkt, ohne sich abzulenken, der wird verrückt. 
W.K.: Ich riskiere den Wahnsinn. 

° 

Wollen Sie lange leben? 
W.K.: So lange wie möglich. 

Schriftsteller zu sein, war von Kind auf Ihr Wunsch.
W.K.: Ja, als kleiner Junge habe ich ein Schild an meine Tür gehängt. Darauf stand: Herr Tod, Literat

Kontrapunkt

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 -1791) : Klavierkonzert No. 23, II Andante.

Perspektive 08

Hier schreibt ein Autor über Autoren.
Hier schreibt ein Skribent über Skribenten.
Vielleicht.

Skribent: laut Duden: 
Vielschreiber, Schreiberling (Gebrauch: bildungssprachlich abwertend)
Vielleicht.

Hier schreibt ein gebildeter Autor über Autorenschaft.
Hier schreibt ein aufmerksamer Leser über Gelesenes.
Hier schreibt ein einsamer Schreiber über einsam Schreibende.
Liebe- & verständnisvoll, niemals abwertend, stets lehr- & kenntnisreich, niemals bildungstöricht.

Hier schildert Wolfgang Koeppen aus der Perspektive seiner Erfahrungen die Erfahrungen vieler Kollegen.
Mit dem Schreiben, mit dem nicht schreiben können.
Hier berichtet Wolfgang Koeppen aus der Perspektive seiner Wahrnehmungsqualitäten
von der Kritik am Geschrieben, von der öffentlichen Ignoranz des Geschrieben.
Hier klagt Wolfgang Koeppen aus der Perspektive seiner Lebenstrauer
über selbstverschuldetes Leid, über fremdverschuldete Irrungen & Wirrungen.
Hier erträumt sich Wolfgang Koeppen aus der Perspektive seiner Müdigkeiten
gelungene Lebensentwürfe, von bibelundfibelbefreiten Kost- & Lustbarkeiten.

Hier schreibt ein elender Skribent über das Elend.
Über das Elend beim Schreiben, vom Schreiben über das Elend.
Über das Elend nicht nur für: sondern auch vom Schreiben zu leben.
Über das Elend das Geschriebene und den Schreibenden lobpreisend verkaufen zu müssen.
Über das Elend von Roman-, Verleger-, Autoren-, Auroren-, Witz- & Familienfiguren.

In etwas mehr als drei Jahren hat Wolfgang Koeppen etwas mehr als drei Romane geschrieben.
Es entstanden weg- & richtungsweisende Beschreibungen von Welt. Seiner Welt.
Danach hat Wolfgang Koeppen viele Jahre keinen Roman geschrieben.
Er hat ihn nie mehr geschrieben.
Aber: Geschrieben hat Wolfgang Koeppen immer.
Reiseberichte. Zum Beispiel.
Skribentenprosa, scheinbar unscheinbar Nebensächliches.
Aber: Es entstanden weg- & richtungsweisende Verschriftungen von Welt. Fremder Welt.
Von Russland. Zum Beispiel.

Wolfgang Koeppen schrieb über Literaten & Literaturen der Welt.
Es entstanden faszinierende Aufsätze, Essays und Glossen über Glanz, Gloria & Elend. 
Über verschwiegene, verwegene, lebende, überlebende, mutige, wütige, verstorbene, vergessene, 
enttäuschende & verwöhnende, enttäuschte & verwöhnte, täuschende & gewöhnliche Skribenten. 
Wolfgang Koeppen schrieb mit magischmanischer Feder über:
Balzac, Flaubert, Zola und Lautréamont, Shelley und Oscar Wilde, Grimmelshausen, Kleist und Chamisso;
über Thomas Mann und Döblin, Kafka, Robert Walser und Karl Kraus, Marcel Proust, Hemingway und Henry Miller; 
über seine Zeit- & Leidgenossen Hermann Kesten, Alfred Andersch, Peter Weiss und Horst Krüger. 

Es entstand eine Literaturgeschichte der leisen Trauer.
Es entstand eine Literaturgeschichte der tosenden Stille.
Es entstand eine Literaturgeschichte der taumelnden Zweisamkeiten.
Es entstand eine Literaturgeschichte der weisen Irrtümer.
Es entstand eine Literaturgeschichte der betörenden Vergeblichkeiten.
Es entstand eine Literaturgeschichte der vergeblichen Betörungen.

Es entstand eine Literaturgeschichte über Geschichte & Geschichten & Geschichtenerzähler.
Es entstand eine Literaturgeschichte über Geschichtenvernichter & Geschichtenermöglicher.
Es entstand Notwendiges, Lesbares, Fein- & Freigeistiges, Humorvolles: Unverzichtbares. 
Vergangenheitsnaher, gegenwartsferner & zukunftsbejahender als (fast) jeder Roman.

Ein Mann schreibt über Männer.

Ein Autor schreibt über Autoren.
Ein Koeppen schreibt über Koeppen.
Ein elender Skribent schreibt über elende Skribenten.
Ein Elender schreibt über Elendige.
Vielleicht.

Perdono.

(Renald Deppe)