Verortung & Perspektive _07

Beistand (II) 13.2.2022

Hannah Arendt

(1906 – 1975)

Menschen in finsteren Zeiten
Herausgegeben von Ursula Ludz
Übersetzungen aus dem Amerikanischen:
Meinhard Büning, Wolfgang von Einsiedel, Hellmut Jaesrich und Ursula Ludz
Piper Verlag, München 1989

Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»Men in Dark Times«
Harcourt, Brace and World, New York 1968

Die im Laufe von zwölf Jahren geschriebenen Essays und Artikel, die in diesem Buch gesammelt sind,
verdanken ihre Entstehung bestimmten Anlässen und Gelegenheiten. 
Hauptsächlich befassen sie sich mit Personen – 
mit der Art und Weise, wie diese ihr Leben lebten,
wie sie sich in der Welt bewegten und wie sie von der geschichtlichen Zeit berührt wurden.
Die Menschen, die hier zusammengebracht werden, könnten kaum verschiedener sein,
und man kann sich unschwer vorstellen, wie sie sich, wenn befragt, gewehrt hätten,
sozusagen in einem gemeinsamen Raum versammelt zu werden.
Denn weder in ihren Begabungen noch in ihren Überzeugungen,
weder hinsichtlich ihres Berufes noch in Bezug auf ihr Milieu weisen die Gemeinsamkeiten auf;
sie haben kaum voneinander gewusst.
Doch waren sie Zeitgenossen, als solche allerdings verschiedenen Generationen zugehörig –
ausgenommen natürlich Lessing, der aber in dem einleitenden Essay so behandelt wird, als sei er ihr Zeitgenosse.
Gemeinsam also ist ihnen ihr Zeitalter, in das ihre Lebenszeit fiel,
die Welt der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mit ihren politischen Katastrophen,
moralischen Desastern und einer erstaunlichen Entwicklung von Kunst und Wissenschaft.

»Finstere Zeiten« 
– in dem weiteren Sinne, in dem ich den Ausdruck hier verwenden will –
sind als solche mit den Ungeheuerlichkeiten dieses Jahrhunderts nicht identisch;
denn jene sind, wie wir wissen, von einer erschreckenden Neuheit.
Finstere Zeiten sind, im Gegenteil, nicht nur nichts Neues in der Geschichte, sondern auch nichts Seltenes, 
selbst wenn es sie vielleicht in der amerikanischen Geschichte nicht gegeben hat –
einer Geschichte, die allerdings, in Vergangenheit und Gegenwart, 
ein anderes Maß an Verbrechen und Katastrophen aufzuweisen hat.
die Überzeugung, daß wir selbst dann, wenn die Zeiten am dunkelsten sind, 
das Recht haben, auf etwas Erhellung zu hoffen,
und das solche Erhellung weniger von Theorien und Begriffen als von jenem unsicheren, flackernden 
und oft schwachen Licht ausgehen könnte, welches einige Männer und Frauen unter beinahe allen Umständen
in ihrem Leben und ihren Werken anzünden und über der ihnen auf der Erde gegebenen Lebenszeit leuchten lassen –
diese Überzeugung bildet den unausgesprochenen Hintergrund für
die hier vorgelegten Persönlichkeitsprofile.
Ob das Licht dieser Menschen, das einer Kerze oder einer strahlenden Sonne war:
Das vermögen wir mit unseren so sehr an die Dunkelheit gewöhnten Augen wohl kaum zu sagen.
Doch eine objektive Bewertung dieser Art scheint mir von zweitrangiger Bedeutung zu sein;
sie kann ruhig den Nachgeborenen überlassen werden. 

Kontrapunkt

Elina Duni (*1981) : Oyfm Veg

Perspektive 07

Wir kennen die
Banalität des Bösen.
Wir fürchten die 
Boshaftigkeit des Banalen.
Wir erinnern uns:
Banalitäten können nur banal
und Boshaftigkeiten nur böse sein.
Wir erinnern uns:
Charles Baudelaire konnte noch um 1861 über die Blumen des Bösen schreiben.

Dann überzogen zwei Weltkriege Dinge und Leben.
Danach flutete ein Ozean voller Tränen Welt und Menschen. 

Hannah Arendt schrieb hundert Jahre später als Ch.B. über das Böse.
Hannah Arendt schrieb über einen öffentlichen Prozess in Jerusalem.
Hannah Arendt schrieb über das Verfahren gegen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. 
Hannah Arendt schrieb über einen Mitverantwortlichen für die industrielle Vernichtung von Menschen. 
Hannah Arendt schrieb über die Ermordung von schätzungsweise 6 Millionen Juden.
Hannah Arendt schrieb über die grausame Banalität des Bösen.
Hannah Arendt schrieb über jene banalböse Todesfuge: sie bei & um & in & an Adolf Eichmann erkannt zu haben.
Hannah Arendt schrieb ihr wohl bekanntestes wie umstrittenstes Buch.
Hannah Arendt schrieb über finstere Zeiten.
Hannah Arendt schieb.
Andere schwiegen. 

Hannah Arendt war Jüdin.
In Hannover geboren, in Königsberg aufgewachsen,
studierte in Marburg und Freiburg Theologie, Griechisch, Philosophie und das Leben,
promovierte in Heidelberg, emigrierte über Paris in die USA,
war Professorin in Chicago, lehrte an der New School for Social Research in New York.
Hannah Arendt kannte die Welt und das Leben.
Welt und Leben in finsteren, weniger finsteren, verschatteten und auch lichtfrohen Zeiten.
Hannah Arendt kannte das Überleben, das Überstehen, das Überdauern, das Überwinden, das Überdenken.

Wir vergessen.
Wir vergessen schnell.
Wir erinnern uns jedoch langsam.
Es sei gestattet: auch daran zu erinnern:
Nach 1945 blieben die finsteren Zeiten zumeist finster.

Kriege zur Wahrung (auch) europäischer Interessen:

1946-1954: Indochina Krieg
1954-1962: Algerienkrieg
1950-1953: Koreakrieg
1955-1975: Vietnamkrieg
1961-1974: Portugiesischer Kolonialkrieg (Afrika)
1967-1970: Biafra Krieg (Afrika)
1967: Sechs-Tage-Krieg (Israel)
1973: Yom-Kippur-Krieg (Israel)

Europäische Diktaturen:

1945-1980: Tito Diktatur (Jugoslawien) 
1965-1989: Ceauşescu Diktatur (Rumänien)
1936-1975: Franco Diktatur (Spanien) 
1926-1974: Salazar/Militär Diktatur (Portugal)
1927-1953: Stalin Diktatur (Sowjetunion)
1944-1985: Enver Hoxha Diktatur (Albanien)
1946-1949: Griechischer Bürgerkrieg
1967-1974: Griechische Militärdiktatur

Finstere & stumme & zornige Zeiten:

1945: Potsdamer Abkommen
1945: Gründung der UNO

ab 1947: Kalter Krieg
ab 1949: Nordatlantik Pakt (NATO)
ab 1955: Warschauer Pakt

1961: Berliner Mauerbau
1956: Ungarnaufstand
1956: Prager Frühling
1968: Notstandsgesetze in der BRD

ab 1968: Proteste der Studentenbewegungen
ab 1970: Terror-Aktivitäten der Roten Brigaden (Italien)
ab 1970: Terror-Aktivitäten der RAF (Rote Armee Fraktion in der BRD)

1953-1961: Kubakrise
1966-1976: Kulturrevolution (China)

ab 1950: Black Muslims (USA)
ab 1955: Amerikanische Bürgerrechtsbewegung

1963: Ermordung J.F. Kennedys
1965: Ermordung Malcolm X
1968: Ermordung R.F. Kennedys
1968: Ermordung Martin Luther Kings

ab 1928 – 1975: Hannah Arendt schrieb über, für und gegen ihre Zeit.

Hannah Arendt schrieb über finstere Zeiten.
Bücher wie »Wahrheit und Lüge in der Politik«, »Über das Böse«, »Über die Revolution«,
»Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, »Vita Aktiva« und »Ich will verstehen«.

Hannah Arendt schrieb über zornige Zeiten.
Bücher wie »Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher«, »Macht und Gewalt«,
»In der Gegenwart«, »Vom Leben des Geistes« und »Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur«.

Hannah Arendt schrieb über lichtfrohe Zeiten.
Bücher wie »Wahrheit gibt es nur zu zweien«, »Ich selbst, auch ich tanze«,
»Wie ich einmal ohne dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen«,
ein »Denktagebuch« und über das »Denken ohne Geländer«.

Hannah Arendt schrieb über ihre „Lichtgestalten“:
Gotthold Ephraim Lessing, Rosa Luxemburg, Papst Angelo Giuseppe Roncalli,
Karl Jaspers, Karen Blixen, Hermann Broch, Martin Heidegger, Walter Benjamin, Bertold Brecht, 
Robert Gilbert, Nathalie Sarraute, Waldemar Gurian, Wystan H. Auden, Randall Jarrell.

Hannah Arendt be- & umschreibt:
Trost, Weisheit, Trauer, Mut, Gelassenheit, Passion, Widerstand, Treue, Toleranz, Zweifel, und Ausdauer.
In ihrem Buch über Menschen in finsteren Zeiten. 
Neuwertig zu erwerben bereits ab 15 €.
Überall.
In vielen Sprachen.

Ist doch der Kopf angeblich rund damit unser Denken die Richtung ändern kann.
Hannah Arendt hilft dabei.
In finsteren wie in nicht finsteren Zeiten.  

(Renald Deppe)