Verortung & Perspektive _02

Widerstand 09.01.2022

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij
(1821-1881)

Das Kellerloch (1).
Aufzeichnungen aus dem Kellerloch.
(Erstausgabe: Zeitschrift »Epocha«, Heft 1/2 & 4, St. Petersburg, 1864)

Ich bin ein kranker Mensch…
Ich bin ein böser Mensch. Ein abstoßender Mensch bin ich.
Ich glaube, meine Leber ist krank.
Übrigens habe ich keinen blassen Dunst von meiner Krankheit
und weiß gar nicht mit Sicherheit, was an mir krank ist.
Für meine Gesundheit tue ich nichts und habe auch nie etwas dafür getan,
obwohl ich vor der Medizin und den Ärzten alle Achtung habe.
Zudem bin ich noch äußerst abergläubisch, so weit z. B., daß ich vor
der Medizin alle Achtung habe.
(Ich bin gebildet genug, um nicht abergläubisch zu sein, aber ich bin abergläubisch.)
Nein, meine Herrschaften, wenn ich für meine Gesundheit nichts tue, so geschieht das nur aus Bosheit.
Sie werden sicher nicht geneigt sein, das zu verstehen.
Nun, meine Herrschaften, ich verstehe es aber.
Ich kann Ihnen natürlich nicht klarmachen, wen ich mit meiner Bosheit ärgern will,
ich weiß auch ganz genau, daß ich nicht einmal den Ärzten damit schaden kann,
daß ich mich nicht von ihnen behandeln lasse;
ich weiß am allerbesten, daß ich damit einzig und allein mir selbst schade und niemanden sonst.
Und dennoch, wenn ich nichts für meine Gesundheit tue, so geschieht es aus Bosheit,
und ist die Leber krank, dann mag sie noch ärger krank werden…

Ich bin jetzt vierzig Jahre alt, und vierzig Jahre – das ist doch das ganze Leben; das ist das äußerste Alter.
Länger als vierzig Jahre zu leben ist unanständig, trivial, unsittlich.
Wer lebt denn noch über vierzig Jahre?
Antworten Sie aufrichtig und ehrlich.
Ich kann Ihnen sagen, wer über vierzig Jahre lebt: Dummköpfe und Spitzbuben.
Ich will das allen Greisen ins Gesicht sagen, all diesen ehrwürdigen Greisen,
all diesen silberhaarigen und parfümierten Greisen! 

Kontrapunkt

Galina Ustvolskaya (1919 – 2006): Sonate No. 6

Perspektive

Er kannte und lebte die Abgründe der menschlichen Seele, geliebt hat er sie nicht.
Der langjährig notorische Spieler, verhaftet wegen Teilnahme an vermeintlich revolutionären Zusammenkünften,
der Todesstrafe zugeteilt, auf dem Hinrichtungsplatz begnadigt, 
zu jeweils vier Jahren Zuchthaus und Militärdienst in Sibirien verurteilt,
nach seiner Haftentlassung aus der Katorga früh an Epilepsie leidend,
in ständigen Geldnöten lebend, von familiären Katastrophen und zeitweise schwerer Melancholie gezeichnet,
stets von literarischen Ab- und monetären Rückgabeterminen bedrängt,
der christlichen Erlösungskonfession unbedingt zugetan und der Hoffnung auf ein spezifisch russisches „Selbstbewusstsein“ verpflichtet:
Fjodor Dostojewskij wusste wovon er sprach und schrieb und träumte.
Totenhäuser, Kellerlöcher, Bordelle, Klöster, Paläste und Kasinos kennzeichnen die Verortungen seiner Werke.  
Idioten, Dämonen, Mörder, Erniedrigte, Beleidigte und Heilige sind ihr Personal.  
Schuld, Sühne, Verbrechen, Reue, Gier, Askese, Zweifel und Glaube bilden die Themen seiner Erzählungen und Romane.

Fjodor Dostojewskij war (und ist) ein russischer Dichter. 
Als solcher suchte er verzweifelt, mutig, stolz, trotzig, unbeirrbar und emphatisch nach (s)einer russischen „Eigen(be)ständigkeit“.
Den hehren Idealen der Aufklärung, 
dem Diktat der Vernunft, 
dem unbedingten Fortschrittsglauben der Moderne, 
den „denaturierten“ Räumen eines Industriezeitalters, 
der Herrschaft des Materialismus als eine Welt ohne Erbarmen, 
dem Atheismus, Nihilismus und all den „Wolfsmenschkreaturen“ all der zum „Erfolg“ verpflichteten Individuen
(wie sie Dostojewskij vor allem im europäischen Westen wahrnahm), 
versuchte er vielgestaltig Einhalt und Parole zu bieten.
Schon früh entdeckte er eine stete Überforderung des Einzelnen in der modernen Gesellschaft.
Auch befürchtete der Dichter in diesem Sinne (u.a.) eine „Verwestlichung“ seiner russischen Heimat.
Den vielleicht stärksten Kontrapunkt zum Zeitgeist verlautbart folgende Klage anläßlich der Drucklegung seiner Kellerloch-Erzählung:

»Die Schweine von der Zensur haben die Passagen, in denen ich alles verspotte, zum Schein mitunter Gott gelästert habe, zugelassen und das gestrichen, wo ich aus all dem die Notwendigkeit des Glaubens an Christus abgeleitet habe.«

Ein halbes Jahrhundert später:
In der ehemaligen Sowjetunion wurde gemäß der offiziellen Orthographie »Gott« klein, »Satan« dagegen groß geschrieben.
In der ehemaligen Sowjetunion hatten lange Zeit die Werke Dostojewskijs den Ruch des Subversiven, Reaktionären, Verbotenen.

Nun: Wie, wozu und womit ist denn eine spezifisch „russische“ Seele ausgestattet…?
Warum und weshalb ist dieser „allrussische“ Seelenkosmos für das Seelenheil aller Erdenbürger von Bedeutung…?
Wovor und wann beginnt bei diesen „Manifestationen des russischen Geistes“ das Fürchten…?
Und womit könnte/kann diese „russische Allmenschlichkeit“ helfen, unsere Gegenwart zu Überstehen…?  
Das (und noch viel mehr) erfahren Sie bei der Lektüre von Dostojewskijs Werken.
Die „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“, laut Nietzsche »ein wahrer Geniestreich der Psychologie«,
bieten einen faszinierenden Einstieg in eine (surreale) Welt der Suchenden, Hoffenden und: stets Zweifelnden.
Für Nichtrussen, Russen und solche die es werden wollen. 

(Renald Deppe)