Verortung & Perspektive _01

Einstand 02.01.2022

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900)

Morgenröthe.
Gedanken über die moralischen Vorurtheile.
(Erstausgabe: Verlag Ernst Schmeitzner, Chemnitz, 1881)

»Vor Allem sagen wir es l a n g s a m…

Ein solches Buch, ein solches Problem hat keine Eile;
überdies sind wir beide Freunde des lento, ich ebensowohl als mein Buch.
Man ist nicht umsonst Philologe gewesen, man ist es vielleicht noch,
das will sagen, ein Lehrer des langsamen Lesens: – endlich schreibt man auch langsam.

Philologie nämlich ist jene ehrwürdige Kunst, welche von ihrem Verehrer vor Allem Eins heischt,
bei Seite gehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden -,
als eine Goldschmiedekunst und – kennerschaft des W o r t e s,
die lauter feine vorsichtige Arbeit abzuthun hat und Nichts erreicht, wenn es sie nicht lento erreicht.
Gerade damit aber ist sie heute nöthiger als je,
gerade dadurch zieht sie und bezaubert sie uns am stärksten,
mitten in einem Zeitalter der „Arbeit“, will sagen:
der Hast, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit allem gleich „fertig werden will“,
auch mit jedem alten und neuen Buche: –
sie selbst wird nicht so leicht irgend womit fertig, sie lehrt g u t lesen,
das heisst langsam, tief, rück- und vorsichtig, 
mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen…
Meine geduldigen Freunde, dies Buch wünscht sich nur vollkommene Leser und Philologen: l e r n t mich gut lesen! -«

Kontrapunkt

Frederic Mompou (1893 – 1987) : Musica Callada: Lento

Perspektive

Wahrheit war für Friedrich Nietzsche stets eine Frage der Perspektive.
Für den philosophischen Philologieprofessor gab es daher kein objektives Wissen, keine absolute Wahrheit.
Sondern nur diverse subjektiv perspektivische Wahrnehmungen, Interpretationen und Interessen. 
Jede der Sichtweisen der verschiedenen Betrachter kann/könnte daher durchaus wahr sein.
Folglich eröffnet die Vielfalt der daraus entstehenden Diskurse ebenso vielfältige Ein- & Aussichten.
Schon seit seiner Jugend an schweren gesundheitlichen Problemen leidend, 
welche oftmals und immer öfter ein kontinuierlichen Arbeiten über längere Zeiträume verunmöglichten,
entwickelte der 1869 mit 24 Jahren berufene und schon 10 Jahre später emeritierte Professor Nietzsche
einen virtuos-brillanten Schreib- & Denkstil: den Aphorismus.

Die auf seinen langen Wanderungen (immer wenn es seine Gesundheit zuließ) 
in den Alpen und Südeuropa entstandenen Gedanken wurden perfekt fokussiert, elegant komprimiert 
und einer zumeist überforderten, irritierten wie verängstigten Öffentlichkeit in Buchform präsentiert.    
Nietzsches Morgenröthe war und ist ein wildbuntpoetisches Buch unzeitgemäßer Hoffnungen:
das viele jener Morgenröthen, welche noch nicht geleuchtet haben, noch nicht leuchten durften/konnten 
endlich in der geschärften Wahrnehmung der Menschen auftauchen.
Und mit ihrem spezifischen Licht das Dunkel und die Schatten aller bisherigen Urteile und Vorurteile erhellen.
Somit eine notwendige Befreiung aus wie Neubewertung von moralischen, ästhetischen, ethischen Lebenskäfigen ermöglichen.
575 Aphorismen, l a n g s a m zu lesen, zu bedenken, zu bewerten, ein- und zuzuordnen.

Seinen Zeitgenossen galt Nietzsche als der Dichterphilosoph mit dem „gefürchteten Auge“: nachzulesen in besagter „Morgenröthe“: 
»oh dieses Auge, welches alle eure Unruhe, euer Spähen und Gieren (diess ist nur neidisches Nachmachen) eurem Werke anmerkt,
welches eure Schamröthe so gut kennt, wie eure Kunst, diese Röthe zu verbergen und vor euch selber umzudeuten!«

Bleibt abschließend anzumerken, daß dem sächsischen Pastorensohn Friedrich Wilhelm Nietzsche 
jedweder Antisemitismus, Nationalismus, Vaterlandswahn und ethnischer wie akademischer Dünkel absolut fremd waren.
Trotzdem wurde nach seinem Tode kaum ein anderer kreativer Geist derart mißbraucht, vergewaltigt, verfälscht und mißverstanden.
Vielleicht ahnte Nietzsche das kommende Schicksal seiner Verschriftungen als er folgendes anmahnte:
»Man gebe Acht auf die Commandorufe, von denen die deutschen Städte förmlich umbrüllt werden,
jetzt wo man vor allen Thoren exerciert: 
welche Anmaassung, welches Autoritätsgefühl, welche höhnische Kälte klingt aus diesem Gebrüll heraus!« Und benanntes Gebrüll, jenen abgebrühten Kaltglanz gibt es nicht nur in deutschen Städten, nicht nur in der Fremde: O Mensch! Gib acht!

(Renald Deppe)