{"id":4236,"date":"2022-11-06T10:00:00","date_gmt":"2022-11-06T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=4236"},"modified":"2024-06-11T15:04:24","modified_gmt":"2024-06-11T13:04:24","slug":"verortung-perspektive-_44-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_44-2\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _45"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"168\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Lutz-Clevemann-II.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4247\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Lutz-Clevemann-II.jpg 300w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Lutz-Clevemann-II-18x10.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\" id=\"wasserstand-12-juni-2022\">Besitzstand 6. November 2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong>Lutz C. Kleveman<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><br>(*1974)<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#ff0000\" class=\"has-inline-color\"><strong><strong><strong><strong>Smyrna in Flammen<\/strong><\/strong><\/strong>&nbsp;<\/strong><\/mark><\/strong><br>Der Untergang der osmanischen Metropole 1922<br>und seine Folgen f\u00fcr Europa<br><em>Aufbau Verlag, Berlin 2022<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eine vergessene Katastrophe j\u00e4hrt sich 2022 zum hundertsten Mal:&nbsp;<br>der Brand von Smyrna, dem heutigen Izmir an der t\u00fcrkischen Westk\u00fcste.<\/p>\n\n\n\n<p>Was diese einmalige europ\u00e4ische Metropole ausmachte und wie es zu ihrer Zerst\u00f6rung kommen konnte &#8211; davon handelt Lutz C. Klevemans neues Buch.<\/p>\n\n\n\n<p>In der reichen und kosmopolitischen Handelsstadt Smyrna, der \u00bbPerle der \u00c4g\u00e4is\u00ab, lebten einst Menschen aus aller Welt zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Ende kam abrupt, als die nationalistischen Truppen Mustafa Kemals die Stadt im September 1922 niederbrannten und tausende nicht-t\u00fcrkische Bewohner massakrierten.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem gigantischen Bev\u00f6lkerungsaustausch wurden danach fast 2 Millionen Christen und Muslime gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben und zwangsumgesiedelt &#8211; was als Vorbild f\u00fcr die ethnischen S\u00e4uberungen und Deportationen im Europa des 20. Jahrhunderts dienen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hundert Jahre sp\u00e4ter reiste Kleverman nach Izmir und auf die vorgelagerten griechischen Inseln, um nach \u00dcberresten und Zeugnissen des untergegangenen Smyrnas zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinen Begegnungen mit Menschen wird deutlich, wie stark die Katastrophe von 1922 noch heute nachwirkt, auch in der gegenw\u00e4rtigen Fl\u00fcchtlingskrise.<\/p>\n\n\n\n<p>(Klappentext)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/04-Silence.m4a\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Dino Saluzzi<\/strong> (*1935) : Silence (Charlie Haden, 1987)<br>&nbsp;<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspektive-24\">Perspektive 46<\/h3>\n\n\n\n<p>Zu welchem Reich oder Empire geh\u00f6rt was &amp; warum &amp; weshalb &amp; warum &amp; wozu?<br>Zu welchem Nationalstaat geh\u00f6rt was &amp; warum &amp; weshalb &amp; warum &amp; wozu?<br>(Welchen Global-Player-Konzernen geh\u00f6ren welche Marktpfr\u00fcnde &amp; warum &amp; weshalb &amp; warum &amp; wozu?)&nbsp;<br>Fragen, welche sich in der Vergangenheit stellten. (Oder teilweise auch nicht. Leider.)<br>Fragen, welche sich in der Gegenwart stellen. (Oder teilweise auch nicht. Leider.)<br>Und in der Zukunft?<\/p>\n\n\n\n<p>Nationalstaatliches Denken dominiert die (nicht nur europ\u00e4ische) Gegenwart.<br>Nationalstaatliche Besitzanspr\u00fcche bestimmen die (nicht nur europ\u00e4ischen) Kriegs- &amp; Krisenherde.<br>Nationalstaatlicher Stolz verdunkelt die (nicht nur europ\u00e4ischen) L\u00f6sungsstrategien f\u00fcr ein verantwortetes Miteinander.<br>(W\u00e4hrend skrupellos agierende \u00d6konomie-Systeme radikal all jene nationalstaatliche Willk\u00fcr f\u00f6rdern. Be- und ausnutzen.)<br>Auch in der Zukunft?<\/p>\n\n\n\n<p>Oder wie formulierte es der gro\u00dfe Menschen- &amp; Staatenkenner Kurt Tucholsky einst (1931) in der WELTB\u00dcHNE:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong> Der Mensch ist ein politisches Gesch\u00f6pf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen ha\u00dft die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und ha\u00dft die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Ha\u00df nennt man Patriotismus.&nbsp;<strong>\u2022<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geschichtswissenschaftler Lutz C. Kleveman ist ein wunderbarer Geschichtenerz\u00e4hler.<br>Der Geschichtswissenschaftler Lutz C. Kleveman bringt dem Herzen nahe was der Intellekt vergisst. Verschweigt. Verleugnet.<br>Der Geschichtswissenschaftler Lutz C. Kleveman beherrscht die stets notwendige Kunst des nachhaltigen Erinnerns.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Erinnerung: was geschah u.a. im ehemaligen Osmanischen Raum bis\/vor 1922&#8230;? :<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Um 1860<\/strong><br>Die osmanische Oberschicht \u00fcbernimmt zunehmend westliche Lebensformen.<br>Unzufriedene Studenten mit Lehrjahren im westlichen Ausland und Offiziere stehen in Opposition zur absoluten Sultansherrschaft,<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1876<\/strong><br>Im Osmanischen Reich wird die Folter abgeschafft.<br>Die Nationen und Religionen innerhalb des Reiches werden gleichgesetzt.<br>Sultan Abdul Hamid II. setzt aber kurz nach seinem Regierungsantritt die Verfassung au\u00dfer Kraft und regiert despotisch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1881<\/strong><br>Griechenland erh\u00e4lt Teile des bis dahin osmanischen Thessalien und Epirus.<br>Mustafa Kemal, der sp\u00e4tere Atat\u00fcrk, wird in Saloniki geboren, das bis 1912 osmanisch bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1895<\/strong><br>Armenier im Osten Anatoliens rebellieren erstmals offen gegen die immer dr\u00fcckender werdende Herrschaft der Osmanen.<br>Sultan Abdul Hamid II. l\u00e4sst im Unruhegebiet etwa 200 000 Armenier niedermetzeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1897<\/strong><br>Griechisch-t\u00fcrkischer Krieg.<br>Die Griechen erleiden in Thessalien eine Niederlage, aber auf Druck der Gro\u00dfm\u00e4chte erh\u00e4lt Kreta eine autonome Verwaltung unter osmanischer Oberhoheit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1905<\/strong><br>Gr\u00fcndung der Jungt\u00fcrkischen Partei unter Beteiligung von Mustafa Kemal.<br>In der Bewegung der Jungt\u00fcrken sammeln sich unzufriedene Offiziere und Studenten gegen das reaktion\u00e4re Sultanat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1908 &#8211; 1909<\/strong><br>Jungt\u00fcrkische Revolution in Istanbul.<br>1909 wird der wird der letzte absolut regierende Sultan Abdul Hamid II. abgesetzt.<br>Bis 1922 herrscht eine konstitutionelle Monarchie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1911 &#8211; 1913<\/strong><br>Die Osmanen verlieren im Tripolis-Krieg Libyen an Italien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1912 &#8211; 1913<\/strong><br>Balkankrise.&nbsp;<br>Albanien, Serbien, Montenegro Bulgarien f\u00fchren Krieg gegen das Osmanische Reich, das fast alle Gebiete auf europ\u00e4ischem Boden verliert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1914<\/strong><br>Im Ersten Weltkrieg k\u00e4mpft das Osmanische Reich auf Seiten der Deutschen und \u00d6sterreicher gegen Russen, Briten und Franzosen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1915<\/strong><br>Die osmanische Regierung, von radikal-nationalistischen Jungt\u00fcrken dominiert, ordnet am 17. Mai die Deportation von 2 Millionen Armeniern in die mesopotamische W\u00fcste an.<br>Nahezu die H\u00e4lfte der Deportierten geht unterwegs an Strapazen oder an Massakern zugrunde.<br>Durch diese brutalen Ma\u00dfnahmen soll verhindert werden, dass die Armenier mit den verfeindeten Russen ein B\u00fcndnis eingehen und einen eigen Staat im Osten Anatoliens gr\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1919<\/strong><br>Am 15. Mai landen griechische Truppen in Izmir und sto\u00dfen ins anatolische Hinterland vor, andere Verb\u00e4nde erobern Ostthrakien.<br>Die Griechen versuchen die Schw\u00e4che der im Ersten Weltkrieg besiegten Osmanen auszunutzen und Gebiete, die vor vielen Jahrhunderten griechisch waren, zur\u00fcckzugewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1920<\/strong><br>Am 10. August verschaffte der Friedensvertrag von S\u00e8vres nahe Paris, den Sultan Mehmed VI. unterschreibt, verheerende Bedingungen f\u00fcr das osmanische Reich.<br>General Mustafa Kemal (Atat\u00fcrk) weigert sich, den Vertrag von S\u00e8vres anzuerkennen und organisiert den milit\u00e4rischen Widerstand.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1922<\/strong><br>Am 22. August besiegt Atat\u00fcrk in der Schlacht von Dumliponar bei Afyon die Griechen entscheidend.<br>Am 11. Oktober unterzeichnen die aus Anatolien und Ostthrakien vertrieben Griechen einen Waffenstillstand.<br>Zahlen &amp; Fakten. Und doch bedeuteten diese f\u00fcr Millionen Menschen den Tod. Erzeugten unvorstellbares Leid.<br>Und zeitigten weitere (unn\u00f6tige, sinnlose, verzicht- &amp; vermeidbare) blutige Auseinandersetzungen.<br>Jeder Mord ist ein Brudermord. Nicht nur der (vielleicht) erste &amp; ber\u00fchmteste: der von Kain &amp; Abel.<br>Auch daran erinnert das kluge Erz\u00e4hlen von Lutz C. Kleveman: dass es Zeiten und Orte gegeben hat, geben kann:<br>Wo u.a. Kain &amp; Abel, Romulus &amp; Remus, Seth &amp; Osiris noch (relativ) friedfertig ein fruchtbares Neben- &amp; Miteinander lebten.<br>Das sollte doch bittsch\u00f6n auch in Gegenwart &amp; Zukunft (wieder) m\u00f6glich sein. Oder&#8230;?<br>Fragen Sie bitte nicht ihren Arzt oder Apotheker.<br>Fragen Sie die Gro\u00dfkonzerne, die Gro\u00dfbanken, die Gro\u00dfinvestoren, die Gro\u00dfaktion\u00e4re, die Gro\u00dfgrund- &amp; Schundbesitzer.<br>Fragen Sie die gro\u00dfen Schmalspurdenker des schnellen Geldes f\u00fcr die verg\u00e4nglichen Triumphe des Augenblicks.<br>Fragen Sie. Bitte. Sich selber. Den Nachbarn. Und alle anderen. Bitte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>\n\n\n\n<p>P.s.:<\/p>\n\n\n\n<p>Sollte die geneigte Leserschaft an Fakten &amp; Perspektiven historischer &amp; aktueller Geschichtsschreibung interessiert sein,<br>sollten die wertgesch\u00e4tzten Leser &amp; Leserinnen an Ver- &amp; Entflechtungen von Bruder-, Schwester-, Familien-, Patriarchen-, Konfessions- &amp; diversen oftmals verdr\u00e4ngten Kolonialmachtzwistigkeiten Interesse haben,<br>das Institut zur Verbesserung der Lagen empfiehlt zur Verbesserung der Fragen (nicht nur) in der Levante:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gerhard Schweizer<\/strong>&nbsp;(*1940 in Stuttgart)<\/p>\n\n\n\n<p><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#e10b0b\" class=\"has-inline-color\">T\u00fcrkei verstehen<\/mark><\/strong><br>Von Atat\u00fcrk bis Erdogan<br><em>Klett-Kotta, Stuttgart 2016<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":4245,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-4236","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding","resize-featured-image"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4236","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4236"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4236\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4495,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4236\/revisions\/4495"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4245"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4236"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4236"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4236"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}