{"id":3877,"date":"2022-09-18T10:00:00","date_gmt":"2022-09-18T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=3877"},"modified":"2024-06-11T15:07:33","modified_gmt":"2024-06-11T13:07:33","slug":"verortung-perspektive-_38","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_38\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _38"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"168\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Imre-Kertesc-II.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3882\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Imre-Kertesc-II.jpg 300w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Imre-Kertesc-II-18x10.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\" id=\"wasserstand-12-juni-2022\">Tiefstand 18. September 2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><strong><strong><strong>Imre Kert\u00e9sz<\/strong>&nbsp;<\/strong><\/strong><\/strong><br>(1929 &#8211; 2016)<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#ff0000\" class=\"has-inline-color\">Roman eines Schicksallosen<\/mark><\/strong><br>Aus dem Ungarischen von Christina Viragh<br><em>Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1998<\/em><br>Die Originalausgabe erschien unter dem Titel \u00bbSorstalans\u00e1g\u00ab bei <em>Sz\u00e9pirodalmi Ki\u00e1do, Budapest 1975<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong>&nbsp;Was macht diesen Roman \u00fcber Auschwitz und Buchenwald so anst\u00f6\u00dfig?<br>Ist es der unschuldige und optimistische Ton des j\u00fcdischen Jungen, der seine Deportation als Aufbruch ins Unbekannte und die Ankunft in Auschwitz als groteskes Spektakel erz\u00e4hlt?<br>Liegt die Blasphemie darin, dass er so bereitwillig die Logik der Lager erprobt &#8211; ein gelehriger Sch\u00fcler, der seine Sache m\u00f6glichst gut machen will?<br>Oder sind es die schockierenden Antworten auf die Fragen eines wohlmeinenden Journalisten, den er auf der Stra\u00dfe in Budapest trifft, kaum dass er aus Buchenwald zur\u00fcckgekehrt ist?<br>Imre Kert\u00e9sz ist etwas ganz Skandal\u00f6ses gelungen: die Entmystifizierung von Auschwitz.<br>Es gibt kein literarisches Werk, das in seiner Konsequenz, ohne zu deuten, ohne zu werten, der Perspektive eines staunenden Kindes treu geblieben ist.<br>Wohl nie zuvor hat ein Autor seine Figur Schritt f\u00fcr Schritt bis an jene Grenze hinab begleitet, wo das nackte Leben zur hemmungslosen, gl\u00fccks\u00fcchtigen, obsz\u00f6nen Angelegenheit wird.<\/p>\n\n\n\n<p>(Klappentext)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Imre Kert\u00e9sz<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#ff0000\" class=\"has-inline-color\">Heimweh nach dem Tod<\/mark><\/strong><br>Arbeitstagebuch zur Entstehung des<br>\u00bbRoman eines Schicksallosen\u00ab<br>Herausgegeben und ins Deutsche \u00fcbertragen<br>von Ingrid Kr\u00fcger und P\u00e1l Kelemen<br>Mit einem Nachwort von Lothar M\u00fcller<br><em>Rowohlt Verlag, Hamburg 2022<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong>&nbsp;Drei\u00dfigj\u00e4hrig, nach Jahren erfolgloser Arbeit an seinem ersten Romanprojekt \u00bbIch, der Henker\u00ab, den Bekenntnissen eines Naziverbrechers, entschlie\u00dft Imre Kert\u00e9sz sich zu einer \u00bbn\u00fcchternen Selbstpr\u00fcfung\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus erw\u00e4chst zwischen 1958 und 1962 sein erstes Tagebuch &#8211; 44 eng beschriebene Bl\u00e4tter.<\/p>\n\n\n\n<p>Und w\u00e4hrend er noch mit Musik-Kom\u00f6dien f\u00fcr die Budapester B\u00fchnen seinen Lebensunterhalt verdient, h\u00e4lt er hier minuti\u00f6s sein Denken, Lesen und Schreiben fest: vom Entschluss, statt der Henker-Bekenntnisse nun die Geschichte seiner Deportation zu schreiben &#8211; also \u00bbmeine eigene Mythologie\u00ab -, bis hin zur Fertigstellung der ersten Kapitel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu die unabl\u00e4ssige Auseinandersetzung mit Dostojewski, Thomas Mann und Camus, mit deren Hilfe er die f\u00fcr diesen beispiellosen Entwicklungsroman ben\u00f6tigte Technik findet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer Muselmann\u00ab, so sollte der&nbsp;\u00bbRoman eines Schicksallosen\u00ab urspr\u00fcnglich hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zehn weitere Jahre w\u00fcrde Kert\u00e9sz noch zu seiner Vollendung brauchen, um anschlie\u00dfend zu erleben, wie das Buch, das 30 Jahre sp\u00e4ter mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden w\u00fcrde, im sozialistischen Ungarn zun\u00e4chst wegen seiner ungew\u00f6hnlichen Sicht des Holocaust abgelehnt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>(Klappentext)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Ligeti_Requiem_-3_-De-Die-Judicii-Sequentia.m4a\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong><strong><strong><strong>Gy\u00f6rgy Ligeti<\/strong> <\/strong><\/strong><\/strong>(1923 &#8211; 2006) : Requiem 3. Satz :&nbsp;De Die Judicii Sequentia<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspektive-24\">Perspektive 38<\/h3>\n\n\n\n<p>Wir wissen es:<\/p>\n\n\n\n<p>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nichts deuten.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nichts bedeuten.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nicht f\u00fcr literarische Qualit\u00e4ten stehen.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nicht angenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Literatur-Nobelpreis des Jahres 2002 ging an den ungarischen Autor Imre Kert\u00e9sz.<br>Die Wahl des bis dahin fast unbekannten Preistr\u00e4gers war eine mutkluge Entscheidung.<br>Kert\u00e9sz, j\u00fcdischer Abstammung, wurde 1944 als 14-j\u00e4hriger in die Vernichtungslager von Auschwitz und Buchenwald deportiert.<br>Nach seiner Befreiung kehrte er im April 1945 in seine Heimatstadt Budapest zur\u00fcck.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schrift hilft der Erinnerung.<br>Erinnerung gestaltet Gegenwart.<br>Gegenwart verantwortet Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll Menschen geben, welche sich nur bedingt erinnern wollen\/k\u00f6nnen. D\u00fcrfen.<br>Es soll Menschen geben, welche nur bedingt Zukunft verantworten wollen\/k\u00f6nnen. D\u00fcrfen.<br>In der Vergangenheit. In unserer Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p>Schrift kann Erinnerung bewahren.<br>Erinnerung kann Gegenwart erzeugen.<br>Gegenwart kann eine verantwortete Zukunft erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um eine ertr\u00e4gliche Gegenwart zu gestalten, zu leben.<br>Um eine verantwortet Zukunft zu erm\u00f6glichen, zu erleben.<br>Hierzu sollte man sich folgende Erfahrungs-Denkpositionen eines Imre Kert\u00e9sz bitte in Erinnerung rufen:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Vergessen wir nicht, dass man Auschwitz keineswegs wegen Auschwitz liquidierte, sondern weil das Kriegsgl\u00fcck umschlug.<\/li>\n\n\n\n<li>Eine Ann\u00e4herung an Auschwitz ist unm\u00f6glich, es sei denn, von Gott aus; Auschwitz ist eines jener gro\u00dfen Menetekel, die in Gestalt eines schrecklichen Schlags auftreten, um den Menschen hellh\u00f6rig zu machen.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts h\u00e4tte sich die Endl\u00f6sung wohl kaum vorstellen k\u00f6nnen oder wollen. So ist Auschwitz also auch nicht mit den herk\u00f6mmlichen, archaischen, um nicht zu sagen: klassischen Begriffen des Antisemitismus erkl\u00e4rbar.<\/li>\n\n\n\n<li>Die M\u00f6glichkeit zu Auschwitz liegt in unserer modernen Massengesellschaft begr\u00fcndet, in der sich der Mensch nicht wie in fr\u00fcheren Gesellschaften an bestimmte religi\u00f6se Werte oder moralische Regeln gebunden f\u00fchlt.<\/li>\n\n\n\n<li>Eichmann sagte w\u00e4hrend seines Prozesses in Jerusalem aus, er sei nie Antisemit gewesen, und obwohl die Anwesenden an dieser Stelle in Gel\u00e4chter ausbrachen, halte ich es durchaus f\u00fcr m\u00f6glich, dass er die Wahrheit sagte. Der totalit\u00e4re Staat braucht, um Millionen von Juden zu ermorden, letzten Endes nicht so sehr Antisemiten als vielmehr t\u00fcchtige Organisatoren.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Soldat wird zum Berufsm\u00f6rder, die Politik zum Verbrechen, das Kapital zu einem mit Krematorien ausger\u00fcsteten Menschenvernichtungsbetrieb, das Gesetz zur Spielregel f\u00fcr schmutzige Spiele, die Weltfreiheit zum V\u00f6lkergef\u00e4ngnis, der Antisemitismus zu Auschwitz, das Nationalgef\u00fchl zum Genozid. Unser Zeitalter ist das Zeitalter der Wahrheit, ohne jeden Zweifel. Doch als purer Gewohnheit wird weitergelogen, obwohl jeder die Absicht durchschaut; schreien sie: Liebe &#8211; wei\u00df jeder, dass die Stunde des Mordens gekommen ist; schreien sie: Gesetz &#8211; regieren Diebstahl und Raub.<\/li>\n\n\n\n<li>Wie mag es sein, nicht zu ahnen, was Auschwitz ist? Und wie mochte es gewesen sein, bei der Kreuzigung nicht zu wissen, wer auf das mittlere Kreuz geschlagen wurde?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Nicht immer wird zwangsl\u00e4ufig aus einer Erfahrung eine Erkenntnis gewonnen.<br>Nicht immer wird zwangsl\u00e4ufig eine Erkenntnis unser Handeln &amp; Denken beeinflussen.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder betonte Kert\u00e9sz das sein Buch ein Roman sei. Keine Autobiographie.<br>Immer wieder betonte Kert\u00e9sz folgende M\u00f6glichkeit\/Verpflichtung\/Aufgabe\/Bedingung:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022 <\/strong>Nur dass relative Literatur immer schlechte Literatur&nbsp;<br>und nicht radikale Kunst immer mittelm\u00e4\u00dfige Kunst ist:&nbsp;<br>Der wirkliche K\u00fcnstler hat keine andere Chance, als die Wahrheit zu sagen&nbsp;<br>und die Wahrheit radikal zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Entdecken &amp; erkennen wir Vergangenes.<br>Verwalten &amp; gestalten wir Gegenwart.<br>Erm\u00f6glichen &amp; bewahren wir uns (&amp; anderen) eine verantwortete Zukunft.<br>Lesen wir.<br>Imre Kert\u00e9sz.<br>Zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":3884,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-3877","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding","resize-featured-image"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3877","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3877"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3877\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5408,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3877\/revisions\/5408"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3884"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3877"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3877"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3877"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}