{"id":3836,"date":"2022-09-04T10:00:00","date_gmt":"2022-09-04T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=3836"},"modified":"2024-06-11T15:08:23","modified_gmt":"2024-06-11T13:08:23","slug":"verortung-perspektive-_36","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_36\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _36"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"168\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Franz-Kafka.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3841\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Franz-Kafka.jpg 300w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Franz-Kafka-18x10.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\" id=\"wasserstand-12-juni-2022\">Schuldenstand 4. September 2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><strong>Franz Kafka<\/strong><\/strong><br>(1883 &#8211; 1924)<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#ff0303\" class=\"has-inline-color\"><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong>Der Proze\u00df<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/mark><\/strong><br>Roman<\/p>\n\n\n\n<p>Der Proze\u00df, herausgegeben von Max Brod,<br>erschien erstmals 1925 im Verlag die Schmiede, Berlin.<br>Textgrundlage der vorliegenden Ausgabe:<br>Franz Kafka, Gesammelte Werke, Herausgegeben von Max Brod.<br>Der Proze\u00df. Roman. S. Fischer Verlag.<br><em>Lizenzausgabe von Schocken Books, New York, 1950.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Erste Ausgabe dieser Auflage 2005<br><em>suhrkamp taschenbuch 3669<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022 <\/strong>Jemand mu\u00dfte Josef K. verleumdet haben, denn ohne da\u00df er etwas B\u00f6ses getan h\u00e4tte, wurde er eines Morgens verhaftet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/10-Nightmare.m4a\"><\/audio><figcaption><strong><strong>Element of Crime<\/strong> : Nightmare (1988)<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspektive-24\">Perspektive 36<\/h3>\n\n\n\n<p>Jemand mu\u00dfte Josef K. verleumdet haben\u2026: Einer der ber\u00fchmtesten ersten S\u00e4tze der Weltliteratur.<br>&#8230;denn ohne da\u00df er etwas B\u00f6ses getan h\u00e4tte, wurde er eines Morgens verhaftet: Echtzeitrealit\u00e4ten.&nbsp;<br>Warum? Weshalb? Wozu? Von Wem? Wohin? Wie lange?<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand wei\u00df es. Nicht Josef K. &#8211; auch nicht Franz Kafka. Der Roman endet als (vollendetes) Fragment.&nbsp;<br>Kafka sp\u00fcrt die traumatisierenden Ausweglosigkeiten in den sich anbahnenden totalit\u00e4ren Systemen.<br>Kafka ahnt die zuk\u00fcnftige Verwundbarkeit des Seins in den transparenten Welten digitaler Kontrollinstanzen.<br>Kafka trauert um die Verlorenheit des modernen Menschen in Zeiten irr- &amp; wahnwitziger Beschleunigungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong>&nbsp;Das Leben ist eine fortw\u00e4hrende Ablenkung, die nicht einmal zur Besinnung dar\u00fcber kommen l\u00e4\u00dft, wovon sie ablenkt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Franz Kafka,&nbsp;<\/strong>Notizheft, November 1920<\/p>\n\n\n\n<p>Die vielgestaltigen Trag\u00f6dien (nicht nur) des 20. Jahrhunderts bahnten sich an. Kafka versuchte zu warnen.<br>Schon 1878 ver\u00f6ffentlichte ein anderer sprachpr\u00e4ziser Vision\u00e4r, Friedrich Nietzsche, folgendes Lamento:<br>\u00bbWeil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken fehlt, so erw\u00e4gt man abweichende Ansichten nicht mehr: man begn\u00fcgt sich, sie zu hassen.<br>Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urtheilen gew\u00f6hnt, und Jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennen lernen.<br>Selbstst\u00e4ndige und vorsichtige Haltung der Erkenntnis sch\u00e4tzt man beinahe als eine Art Verr\u00fccktheit ab, der Freigeist ist in Verruf gebracht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Franz Kafka war ein solcher Freigeist. Und blieb es. Bis in unsere Gegenwart.<br>Trotz der enormen Verkaufsschwierigkeiten seines Werkes glaubte sein erster Verleger Kurt Wolff bedingungslos an seinen Autor.<br>Und ermutigte ihn unentwegt.<br>Und Kafka schrieb weiter. Trotz gro\u00dfer Selbstzweifel. T\u00e4glich.&nbsp;<br>Trotz seiner beruflichen T\u00e4tigkeit als Anwalt der \u201eArbeiter-Unfall-Versicherung\u201c in Prag. Aber auch deswegen.<br>Hier begegnete dem Sohn eines j\u00fcdischen Kaufmanns eine andere Welt. Eine andere Not. Andere Sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Franz Kafka war stets (auch) ein politisch agierender &amp; reagierender Autor.<br>Die verdienstvolle bundesdeutsche Verlegerlegende Klaus Wagenbach schreibt in seinen Erinnerungen:<br>\u00bbIn der folgenden Nacht las ich den Proze\u00df, in den folgenden Tagen und N\u00e4chten alle anderen B\u00fccher dieses Autors:<br>Handelsreisende als K\u00e4fer, Affen als Menschen, ratlose Landvermesser, V\u00e4ter im Nachthemd, uners\u00e4ttliche Trapezartisten und Hungerk\u00fcnstler, sich selbstzerst\u00f6rende Apparate, singende M\u00e4use, nie ankommende Botschaften und ein Amerika, das immer weiter und gr\u00f6\u00dfer wurde.<br>Eine phantastische und doch ganz reale Welt, mit wirklichen Autos und Telefonen, mit Angestellten und Vorgesetzten, mit Hotels, Br\u00fccken, Gerichtsgeb\u00e4uden, Schiffen, eiligen St\u00e4dtern und begriffsstutzigen M\u00e4nnern vom Land.<br>Und mit unvergesslichen Bildern der Macht: unerkennbare Gesetze, unerreichbare Richter, unerkl\u00e4rliche Urteile.<br>Zu meiner Verbl\u00fcffung wurde Kafka dann im Deutschland der f\u00fcnfziger Jahre doch noch ein sehr zeitgem\u00e4\u00dfer Autor, praktikabel f\u00fcr allerlei mystisches Ges\u00fclze vom Numinosen, f\u00fcr Vereinnahmungen als Heiliger oder Prophet.<br>Freilich, f\u00fcr deutsche Leser und Rezensenten war es am einfachsten, sich eine von Deutschen besch\u00e4digte Welt als \u201ekafkaesk\u201c zurechtzulegen, als unerkl\u00e4rlich und r\u00e4tselhaft\u2026\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Kafka war ein aufmerksamer Beobachter. Ein Chronist der Irrungen &amp; Wirrungen der eigenen und fremden Seele.<br>Kafka wollte Ver\u00e4nderungen. Neue Wege &amp; Auswege. Neue Sensibilit\u00e4ten &amp; Motivationen. Rechtzeitig. F\u00fcr, in und um uns.<br>In diesem Sinne sind auch (vielleicht) seine ungew\u00f6hnlichen Vorschl\u00e4ge zur Lekt\u00fcre ganz bestimmter B\u00fccher zu lesen: &nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong> Ich glaube, man sollte \u00fcberhaupt nur solche B\u00fccher lesen, die einen bei\u00dfen und stechen.&nbsp;<br>Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Sch\u00e4del weckt, wozu lesen wir dann das Buch?&nbsp;<br>Damit es uns gl\u00fccklich macht, wie Du schreibst?&nbsp;<br>Mein Gott, gl\u00fccklich w\u00e4ren wir eben auch, wenn wir keine B\u00fccher h\u00e4tten, und solche B\u00fccher, die uns gl\u00fccklich machen, k\u00f6nnen wir zur Not selber schreiben.<br>Wir brauchen aber die B\u00fccher, die auf uns wirken wie ein Ungl\u00fcck, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in W\u00e4lder versto\u00dfen w\u00fcrden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein f\u00fcr das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Franz Kafka,&nbsp;<\/strong>Brief an Oscar Pollak, 27. Januar 1904<\/p>\n\n\n\n<p>Mut &amp; Verzweiflung, Ausdauer &amp; Resignation, Begehren &amp; Askese, Lust &amp; Leiden, Widerstand &amp; R\u00fcckzug, Trotz &amp; Gehorsam.<br>Kafka lebte in einer Welt niemals enden wollender Kontrapunkte. Dissonanzen. Querst\u00e4nde.&nbsp;<br>Sein gesamter Nachlass sollte auf seine Weisung hin verbrannt werden: Tageb\u00fccher, Manuskripte, Briefe, Zeichnungen.&nbsp;<br>Darunter auch seine 3 ber\u00fchmten Romanfragmente: Das Schlo\u00df, Der Verschollene &amp; Der Proze\u00df.<br>Kafkas Tageb\u00fccher sind mitunter Zeugnisse abgr\u00fcndiger Verschattungen, verst\u00f6render Albtr\u00e4ume, qu\u00e4lender Ausweglosigkeiten:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u2022<\/em><\/strong><em>&nbsp;<\/em>Bei einem gewissen Stande der Selbsterkenntnis und bei sonstigen f\u00fcr die Beobachtung g\u00fcnstigen Begleitumst\u00e4nden wird es regelm\u00e4\u00dfig geschehn m\u00fcssen, dass man sich abscheulich findet.<br>Jeder Ma\u00dfstab des Guten &#8211; m\u00f6gen die Meinungen dar\u00fcber noch so verschieden sein &#8211; wird zu gro\u00df erscheinen.&nbsp;<br>Man wird einsehn, dass man nichts anderes ist als ein Rattenloch elender Hintergedanken.&nbsp;<br>Nicht die geringste Handlung wird von diesen Hintergedanken frei sein.&nbsp;<br>Diese Hintergedanken werden so schmutzig sein, dass man sie im Zustand der Selbstbeobachtung zun\u00e4chst nicht einmal wird durchdenken wollen, sondern sich von der Ferne mit ihrem Anblick begn\u00fcgen wird.<br>Es wird sich bei diesen Hintergedanken nicht etwa blo\u00df um Eigenn\u00fctzigkeit handeln, Eigenn\u00fctzigkeit wird ihnen gegen\u00fcber als ein Ideal des Guten und Sch\u00f6nen erscheinen.&nbsp;<br>Der Schmutz, den man finden wird, wird um seiner selbst willen da sein, man wird erkennen, dass man triefend von dieser Belastung auf die Welt gekommen ist und durch sie unkenntlich oder allzu gut erkennbar wieder abgehen wird.&nbsp;<br>Dieser Schmutz wird der unterste Boden sein, den man finden wird, der unterste Boden wird nicht etwa Lava enthalten, sondern Schmutz.&nbsp;<br>Er wird das unterste und das oberste sein und selbst die Zweifel der Selbstbeobachtung werden bald so schwach und selbstgef\u00e4llig werden, wie das Schaukeln eines Schweines in der Jauche.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Franz Kafka,<\/strong>&nbsp;Tagebuch, 7. Februar 1915<\/p>\n\n\n\n<p>Aber immer, wirklich immer ist (auch) Humor-, Verst\u00e4ndnis- und Hoffnungsvolles,&nbsp;<br>subtiles Mitgef\u00fchl &amp; unbedingte Daseinsbejahung in seinem Werk zu finden:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong> Es bedurfte der Schlange: das B\u00f6se kann den Menschen verf\u00fchren, aber nicht Mensch werden. &#8222;<em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Franz Kafka<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":3842,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-3836","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3836","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3836"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3836\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4199,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3836\/revisions\/4199"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3842"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3836"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3836"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3836"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}