{"id":3638,"date":"2022-07-24T10:00:00","date_gmt":"2022-07-24T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=3638"},"modified":"2024-06-11T15:11:37","modified_gmt":"2024-06-11T13:11:37","slug":"verortung-perspektive-_30","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_30\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _30"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"289\" height=\"175\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Nagib-Machfus-II.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3646\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Nagib-Machfus-II.jpg 289w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Nagib-Machfus-II-18x12.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 289px) 100vw, 289px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\" id=\"wasserstand-12-juni-2022\">Gleichstand 24. Juli 2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"marcel-proust-1871-1922\"><strong><strong><strong>Nagib Machfus<\/strong>&nbsp;<\/strong>&nbsp;<\/strong><br>(1911-2006)&nbsp;<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#ff0303\" class=\"has-inline-color\"><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong>Das Buch der Tr\u00e4ume<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/mark><\/strong><br>Aus dem Arabischen von Doris Kilias<br><em>Unionsverlag, Z\u00fcrich 2007<\/em><br>Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel <strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#ff0000\" class=\"has-inline-color\">Ahlam fatrat al-naqaha<\/mark><\/strong> in Kairo.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Leben als h\u00f6chstes Gut<\/strong><br>Die Rede zur Er\u00f6ffnung der Frankfurter Buchmesse 2004<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will meine Worte mit einem Dankesgru\u00df an Deutschland beginnen, das Land, in dem Johannes Gutenberg die Buchdruckkunst erfunden hat. Ohne diese gro\u00dfartige Leistung w\u00fcrden wir das Buch nicht kennen, w\u00fcrden wir uns nicht heute um das Buch scharen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hei\u00dft, dass das Buch wegen der modernen Kommunikationsmittel in unserem Leben bald nicht mehr existieren wird. Das elektronische Buch soll die Quelle allen Wissens werden. Aber in Wahrheit ist es doch so, dass das Buch, das der Leser in den H\u00e4nden h\u00e4lt oder das neben seinem Bett liegt, nicht durch das stundenlange Hocken vor dem Bildschirm ersetzt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst wenn sich die Zeit des gedruckten Buchs zum Ende neigen sollte, kann niemand leugnen, dass uns mit der Erfindung der Druckmaschine ein gro\u00dfartiges Geschenk gemacht wurde. Die Maschine, die Johann Gutenberg im Jahr 1450 erfand, blieb 500 Jahre lang bis ins 20. Jahrhundert die ma\u00dfgebliche Technik f\u00fcr den Buchdruck, und zwar ohne einschneidende Ver\u00e4nderungen zu erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es gibt noch einen anderen wichtigen Grund, um Deutschland einen Dankesgru\u00df zu \u00fcbermitteln. Zu danken ist f\u00fcr die Wahl, die die Frankfurter Buchmesse getroffen hat, n\u00e4mlich in diesem Jahr zum ersten Mal die arabische Welt des Buchs als Ehrengast zu pr\u00e4sentieren. Die arabische Welt besitzt eine jahrhundertealte Kultur und Zivilisation. Da mag es einem seltsam vorkommen, dass diese Wahl nicht schon fr\u00fcher einmal getroffen wurde, vor allem deshalb, weil die arabische Welt und Deutschland einander seit Jahrhunderten verbunden sind. In Deutschland hat sich eine gro\u00dfe Anzahl von Autoren um die arabische Welt verdient gemacht, und arabische Geistesschaffende haben sich vornehmlich f\u00fcr Deutschland und seine Kultur interessiert. Viele unserer Schriftsteller sind von den Gr\u00f6\u00dfen der deutschen Literatur und Philosophie gepr\u00e4gt worden, von Goethe, Thomas Mann, Nietzsche, Schopenhauer, um nur einige herausragende Pers\u00f6nlichkeiten zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Musste es tats\u00e4chlich erst zu dieser bedauerlichen Konfrontation des Okzidents mit dem arabisch-islamischen Orient kommen, damit wir uns bewusst werden, wie wichtig es ist, unsere Beziehungen weiter zu pflegen? Musste sich der Okzident erst in seiner Sicherheit vom Orient bedroht f\u00fchlen, um sich erneut der Wiederentdeckung der islamischen Zivilisation und arabischen Kultur zuzuwenden? Mussten die Araber erst das Gef\u00fchl haben, dass die westlichen Medien tagt\u00e4glich ein verzerrtes Bild von ihnen geben, um sich dazu durchzuringen, sich h\u00f6chst pers\u00f6nlich darzustellen?<\/p>\n\n\n\n<p>Was auch immer geschehen sein mag, wir haben mit dieser Begegnung eine Etappe in unserer Geschichte erreicht, aus der wir im Interesse beider Seiten den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Nutzen ziehen m\u00fcssen. Lassen Sie mich in diesem Sinne eine Antwort auf die Frage geben, die sich bestimmt viele Menschen stellen, die die Frankfurter Buchmesse besuchen: Worin besteht die arabische Kultur, und was sind ihre Quellen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die zeitgen\u00f6ssische arabische Kultur speist sich aus drei Quellen. Da sind zum Ersten die alten Zivilisationen, die die arabische Region erfahren hat, insbesondere das alte \u00c4gypten und die Kultur des Zweistromlands im Irak, aber nat\u00fcrlich auch die Kultur, die sich im Jemen entwickelt hat sowie die der Assyrer und Akkader und vieler anderer.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemessen an anderen Kulturen der alten Welt ist die alte \u00e4gyptische Kultur am st\u00e4rksten von einer humanistischen Grundhaltung gepr\u00e4gt. Das menschliche Leben war ihr heilig, und deshalb gab es auch, im Unterschied zu anderen Zivilisationen, weder Sklaverei noch Rituale, bei denen Menschen geopfert wurden. Die Liebe zum Leben, der Grad der Verehrung des Lebens, ging so weit, dass das Bild des jenseitigen Lebens von dem des irdischen Lebens gepr\u00e4gt war. Wer die Wandmalereien in den alten \u00e4gyptischen Grabst\u00e4tten aufmerksam betrachtet, wird auf der Stelle begreifen, dass es sich hier um eine Kultur handelt, die nicht etwa den Tod, wie manch ein fl\u00fcchtiger Besucher meint, sondern das Leben als h\u00f6chstes Gut verehrt. Diese Wandmalereien stellen all jene Dinge dar, die mit dem Toten in die andere Welt \u00fcberf\u00fchrt werden sollen. Es sind irdische Vergn\u00fcgungen, die k\u00f6stlichsten Fr\u00fcchte, die sch\u00f6nsten T\u00e4nzerinnen und die feinsten Musikinstrumente zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir heute Deutschland daf\u00fcr danken, dass es im 15. Jahrhundert nach Christus den Buchdruck erfunden hat, wollen wir daran erinnern, dass es die Zivilisation im Zweistromland war, die als Erste Alphabet einf\u00fchrte, und zwar Jahrtausende vor Christi Geburt. Es ist \u00e4u\u00dferst bedauerlich, dass nun diese Region die B\u00fchne f\u00fcr eine blutige Konfrontation zwischen Orient und Okzident ist. Unsere jetzige Begegnung tr\u00e4gt ganz gewiss zur Linderung dieser Konfrontation bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Quelle, die die Kultur der arabischen Welt speist, ist der Islam, jene Religion, die \u00fcber ein gewaltiges Ma\u00df an Toleranz verf\u00fcgt. Mit dieser Religion schenkte Gott den arabischen V\u00f6lkern eine Satzung von Werten, die unsere gegenw\u00e4rtige Identit\u00e4t pr\u00e4gen und zu denen die Freiheit geh\u00f6rt. Die Formulierung \u00bbEs gibt keinen Gott au\u00dfer Gott\u00ab, auf die sich das islamische Glaubensbekenntnis gr\u00fcndet, meint nichts anderes, als dass Gott der alleinige Herrscher ist, sich also der Mensch \u00fcber den Menschen nicht als Herrscher erheben darf. Zu diesen Werten geh\u00f6rt auch die Gleichberechtigung, denn alle Gl\u00e4ubigen, seien sie nun wei\u00df oder schwarz oder gelb, geh\u00f6ren der islamischen Gemeinschaft an, und zwar unabh\u00e4ngig davon, welcher Herkunft sie sind. Ein weiterer Wert ist die Toleranz, dank derer das islamische Reich ein Klima schuf, in dem sich christliche und j\u00fcdische Gelehrte und Philosophen nicht nur wohl gef\u00fchlt haben, sondern auch hohe \u00c4mter einnahmen, wie zum Beispiel in Andalusien den Posten des Ministerpr\u00e4sidenten.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein Wert muss genannt werden \u2013 die Gerechtigkeit, die ein Grundprinzip darstellt. Es gibt zahlreiche historische \u00dcberlieferungen, die davon berichten, dass Herrscher selbst zum Schaden der Menschen, die ihnen am n\u00e4chsten standen, ein gerechtes Urteil f\u00e4llten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dritte Quelle unserer arabischen Zivilisation ist die westliche Zivilisation, die heutzutage sogar als einer der wesentlichsten Faktoren unsere Gegenwart beeinflusst. Das betrifft nicht nur die Politik oder die Wissenschaft, sondern auch Literatur und Kunst. Ein Ergebnis dieses Reichtums besteht darin, dass die arabische Welt hier und da ber\u00fchmte Pers\u00f6nlichkeiten hervorbringt, auch wenn diese Region zu den Entwicklungsl\u00e4ndern geh\u00f6rt und mit etlichen Schwierigkeiten zu k\u00e4mpfen hat. Viele arabische Menschen sind auf den unterschiedlichsten Gebieten zu internationaler Anerkennung gelangt, angefangen bei Literatur, Film und den andern K\u00fcnsten bis hin zu Medizin, Mathematik und Astronomie. Manche durften sogar h\u00f6chste internationale Auszeichnungen entgegennehmen. Es zeigt sich also, dass dieser Andere, der Araber, dessen Wirklichkeit man bei dieser Begegnung erkunden will, kein ganz Fremder ist. M\u00f6glicherweise gibt es zwischen seiner und eurer Kultur Unterschiede, aber er steht, wie ihr, f\u00fcr humanistische Werte und erhabene Grunds\u00e4tze ein. Das ist nicht verwunderlich, denn so wie die westliche Zivilisation heute unsere arabische Zivilisation beeinflusst, hat die arabische Zivilisation in der Vergangenheit die westliche Zivilisation beeinflusst. Die menschheitliche Zivilisation ist zahlreich an Kulturen, aber letztendlich ist sie ein gro\u00dfes Ganzes, das nicht teilbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Kontrapunkt<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/08-Las-Estrellas-de-los-Cielos.m4a\"><\/audio><figcaption><strong>Las Estrellas de los cielos <\/strong>: Sepharade (Alexandrie)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspektive-24\">Perspektive 30<\/h3>\n\n\n\n<p>Wir wissen es:<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nichts deuten.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nichts bedeuten.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nicht f\u00fcr literarische Qualit\u00e4ten stehen.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nicht angenommen werden.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nicht vergeben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Literatur-Nobelpreis des Jahres 1988 ging an Nagib Machfus.<br>Der Literatur-Nobelpreis des Jahres 1988 wurde damit zum ersten Mal einem arabischen Autor zuerkannt.<br>Der Literatur-Nobelpreis des Jahres 1988 wurde von 1901 bis 1979 achtzig (80) Mal verliehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong> Jeder im Dorf wartete auf den Brief, der \u00fcber sein Schicksal entscheiden sollte.<br>Eines Tages war es f\u00fcr mich soweit.<br>Ich \u00f6ffnete den Brief und las, das ich zum Tod durch den Strang verurteilt sei.<br>Wie \u00fcblich verbreitete sich die Nachricht in Windeseile.<br>Die Mitglieder des Dorfklubs kamen zusammen und verk\u00fcndeten schlie\u00dflich, dass das Ereignis zu gegebener Zeit gefeiert werde.<br>Bei mir zu Hause, wo ich mit meiner Mutter und meinen Br\u00fcdern und Schwestern lebte, herrschte eitel Freude.<br>An dem lang erwarteten Tag schlugen im Dorf die Trommeln.<br>Festlich angezogen und umringt von meinen Lieben, trat ich aus dem Haus.<br>Aber pl\u00f6tzlich benahm sich meine Mutter sonderbar, sie fing an zu weinen.<br>W\u00e4re es unserem Vater doch nur verg\u00f6nnt gewesen, schluchzte sie, diesen gl\u00fccklichen Tag zu erleben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nagib Machfus<\/strong> (Das Buch der Tr\u00e4ume)<\/p>\n\n\n\n<p>Nagib Machfus wurde in Kairo geboren.<br>Nagib Machfus wuchs in Kairo auf, studierte Philosophie in Kairo, arbeitete in Kairo als Beamter.<br>Nagib Machfus verlie\u00df die Metropole mit ihren gesch\u00e4tzten 21 Millionen Einwohnern fast nie.<br>Nagib Machfus wurde zum Chronisten der bewegenden und bewegten Geschichte dieser Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Titel seiner Romane dokumentieren die explosive Topographie einer in jeder Hinsicht stets wachsenden Urbanit\u00e4t:<br>Das junge Kairo (1945). Karnak-Caf\u00e8 (1974). Die Kinder unseres Viertels (1959). Die Midaq-Gasse (1947).<br>Die Kairo-Trilogie: Zwischen den Pal\u00e4sten (1956). &nbsp;Palast der Sehnsucht (1957). Zuckerg\u00e4sschen (1957).<br>Die Gassen der Armen, der kleinen Leute, der verlorenen Tr\u00e4ume und des betrogenen Gl\u00fcckes waren seine Schaupl\u00e4tze.<\/p>\n\n\n\n<p>Nagib Machfus: \u00bbMeine Liebe gilt den Bewohnern der Gassen. Nicht nur der alten Gassen von Kairo, sondern der Gassen der ganzen Welt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong>&nbsp;Der Produzent hatte mich beauftragt, eine Kom\u00f6die zu schreiben.<br>Ich w\u00e4hlte als Schauplatz eine Stadt, in der die Menschen einen erbitterten Kampf um das t\u00e4gliche Brot f\u00fchren mussten.<br>Es herrschte Zwietracht unter ihnen, und Krankheiten und Unf\u00e4lle rafften viele von ihnen hin.<br>Als w\u00e4re das nicht schon Ungl\u00fcck genug, gab es ein verheerendes Erdbeben, das jegliches Leben vernichtete.<br>Da war nichts mehr, was an die Stadt und ihre Bewohner h\u00e4tte erinnern k\u00f6nnen.<br>Als der Produzent das Drehbuch zu Ende gelesen hatte, lachte er laut los und sagte:&nbsp;<br>\u00bbDu bist wirklich der geborene Kom\u00f6dienschreiber.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nagib Machfus<\/strong>&nbsp;(Das Buch der Tr\u00e4ume)<\/p>\n\n\n\n<p>Nagib Machfus war langj\u00e4hriger Stammgast eines ber\u00fchmten Caf\u00e9hauses in der alten Innenstadt von Kairo.<br>Nagib Machfus war als sorgsam beobachtender Zuh\u00f6rer und Freigeist Dauergast im legend\u00e4ren Caf\u00e9 Riche.<br>Nagib Machfus wusste um die N\u00f6te, Sorgen, um Kummer und Verdruss seiner streit- &amp; leidgepr\u00fcften Mitb\u00fcrger.<br>Nagib Machfus war der Seismograph ihrer Irrungen &amp; Wirrungen, Macht &amp; Ohnmacht, ihrer Wut- &amp; Mutaktionen. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Caf\u00e9 Riche war eine Oase f\u00fcr all jene, die das ereignisreiche \u201e\u00c4gyptische Jahrhundert\u201c gestalten &amp; verwalten durften.<br>Erleiden, erleben &amp; erdulden mussten. Ver\u00e4ndern, umgehen &amp; bewahren wollten. Betr\u00fcgen, belauschen &amp; bereichern konnten:&nbsp;<br>Studenten, Arbeiter, Beamte, Revolution\u00e4re, Islamisten, Geheimdienstler, Gener\u00e4le, Gelehrte, Hand- &amp; Schandwerker, Kauf- &amp; Raufleute.<br>Sie alle waren u.a. Zeugen des 2. Weltkriegs, der Julirevolution 1952, des verlorenen Krieges gegen Israel 1967. Zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Nagib Machfus: \u00bbW\u00e4hrend meiner Abende im Caf\u00e9 Riche h\u00f6rte ich von vielen Dingen, die die Menschen bedr\u00fcckten.&nbsp;<br>H\u00e4tte ich sie nicht niedergeschrieben, w\u00e4ren sie wohl verlorengegangen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>In Kairo leben die Menschen auf und unter den H\u00e4usern. Illegal. Geduldet. Als Dach- oder Kellernomaden.<br>In Kairo leben die Menschen auf den Friedh\u00f6fen. Illegal. Geduldet. Als Tote unter Lebenden. Und umgekehrt.<br>In Kairo leben die Menschen vom, im und mit dem M\u00fcll. Illegal. Geduldet. Als Beute &amp; Meute. Frei- &amp; Ausbeuter.<br>In Kairo leben Menschen. Und sollte nicht die W\u00fcrde des Menschen unantastbar sein? In den 1., 2. und 3. Welten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong>&nbsp;Das Haus war fertig gebaut &#8211; ein Glanzst\u00fcck des Architekten.<br>Von \u00fcberall her kamen Interessenten, die es gern gekauft h\u00e4tten. Das Feilschen begann, es wurde hei\u00df gestritten.<br>Pl\u00f6tzlich bahnte sich ein Riese von Mensch einen Weg durch die Menge.<br>Mit donnernder Stimme rief er: \u00bbMit Gewalt geht alles!\u00ab<br>Ver\u00e4ngstigt wichen die Leute zur\u00fcck.&nbsp;<br>Nur einer wagte es, sich ihm in den Weg zu stellen. Es kam zu einem erbitternden Kampf, der ein schnelles Ende fand.<br>Der Riese versetzte seinem Gegner einen kr\u00e4ftigen Schlag ins Gesicht, worauf er ohnm\u00e4chtig zu Boden ging.<br>Dann st\u00fcrmte er in das Haus und verriegelte T\u00fcren und Fenster.<br>Die Menge harrte stundenlang aus in der Hoffnung auf eine Gelegenheit, Rache zu nehmen.<br>Das Haus zu st\u00fcrmen, wagte niemand, aber fortgehen wollte auch keiner.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nagib Machfus<\/strong>&nbsp;(Das Buch der Tr\u00e4ume)<\/p>\n\n\n\n<p>Nagib Machfus erlebte Triumph &amp; Trag\u00f6die von Gamal Abdel Nasser. Monarchen-, Oppositions- &amp; Hoffnungsvertilger.<br>Nagib Machfus erlebte Glanz &amp; Abglanz von Anwar al-Sadat. Milit\u00e4rstratege, Friedensnobelpreistr\u00e4ger &amp; Sozialistenkiller.<br>Nagib Machfus erlebte Auf- &amp; Abstieg von Hosni Mubarak. Gr\u00f6\u00dfen-, Macht-, Familien-, Selbst- &amp; Dollarverliebter.<br>Nagib Machfus erlebte Pr\u00fcgel, Auf- &amp; Widerstand, Zensur, Karrierismus &amp; Opportunismus, Denunziation &amp; Verrat.<br>Nagib Machfus \u00fcberlebte schwerverletzt 1994 ein Messerattentat eines religi\u00f6sen Fanatikers in Kairo. Als Freigeist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nagib Machfus erlebte Zeiten, in denen die W\u00e4nde seines Caf\u00e9 Riche Ohren, Wanzen, Augen &amp; Linsen hatten.<br>Kairo erlebte Zeiten, in denen Korruption, Konspiration, Verarmung, Pfusch am Bau &amp; Menschen auf der Ordnung der Tage standen.&nbsp;<br>Und was in Kairo passierte oder nicht passierte: das galt f\u00fcr \u00c4gypten. Und auch zumeist im sunnitischen Anderswo.&nbsp;<br>\u00c4gypten erlebte Zeiten der religi\u00f6sen Radikalisierung, der chaotischen Ordnungen und dem geordneten Chaos.<br>Und bitte nicht zu vergessen: \u00c4gypten erlebte stets Fremd- &amp; Selbstbestimmung. Bis Heute. Leider.<\/p>\n\n\n\n<p>Und trotzdem: das Ende der Dankes-Rede eines Nagib Machfus anl\u00e4\u00dflich der Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1988 lautet wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bb<strong>Trotz<\/strong> allem, was um uns herum geschieht, werde ich bis an mein Lebensende Optimist bleiben.&nbsp;<br>Und ich werde nicht wie der Philosoph Kant sagen, dass das Gute erst in der n\u00e4chsten Welt siegt.&nbsp;<br>Nein, es erringt t\u00e4glich einen Sieg, und vielleicht ist das B\u00f6se sogar schw\u00e4cher, als wir gemeinhin denken.&nbsp;<br>Unsere ersten Vorfahren, die den wilden Tieren, den Insekten, den Unbilden der Natur, den Seuchen, der Angst und dem Egoismus schutzlos ausgeliefert waren, sind der unwiderlegbare Beweis f\u00fcr meine Behauptung.&nbsp;<br>Ohne den t\u00e4glichen Sieg des Guten h\u00e4tten sie ebensowenig \u00fcberlebt wie die Menschheit sich h\u00e4tte weiterentwickeln, Staaten errichten, sich ausbreiten, Erfindungen machen, den Kosmos erobern und die Menschenrechte verk\u00fcnden k\u00f6nnen.&nbsp;<br>Und doch ist das B\u00f6se ein Ungeheuer, das br\u00fcllend um sich schl\u00e4gt, und bekanntlich empfindet der Mensch viel intensiver das, was ihm Schmerzen bereitet, als das, was ihn erfreut.&nbsp;<br>Deshalb hatte unser Dichter Abou Alaa recht, als er sagte: Die Trauer in der Stunde des Todes ist um ein Mehrfaches tiefer als das Gl\u00fccksgef\u00fchl, das einen in der Stunde der Geburt durchstr\u00f6mt. Ich danke Ihnen und bitte um Ihre Nachsicht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend kann das Institut zur Verbesserung der Lage sich nur der Ein- &amp; Weitsicht eines Herrn Machfus anschlie\u00dfen:<br>\u00bbOb ein Mensch klug ist, erkennt man an seinen Antworten. Ob ein Mensch weise ist, erkennt man an seinen Fragen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das Institut zur Verbesserung der Lage bittet um Fragen. \u00dcberall &amp; Jederzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>\n\n\n\n<p>p.s.: Nagib Machfus anl\u00e4\u00dflich der Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1988: Vorschl\u00e4ge zur Verbesserung der Lage:<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck macht uns die Kunst hochherzig und g\u00fctig.&nbsp;<br>Und so wie sie unter gl\u00fccklichen Menschen zu Hause ist, so ist sie es auch unter den Ungl\u00fccklichen und bietet beiden gleicherma\u00dfen ein willkommenes Mittel, ihr Innerstes auszudr\u00fccken.&nbsp;<br>Deshalb w\u00e4re es in diesen Schicksalstagen der Entwicklung unserer Zivilisation unverst\u00e4ndlich und unannehmbar, das St\u00f6hnen der Menschen ungeh\u00f6rt verhallen zu lassen.&nbsp;<br>Ohne Zweifel aber ist die Menschheit ihren Kinderschuhen entwachsen, und unsere Zeit ist erf\u00fcllt von der Hoffnung auf Entspannung zwischen den Superm\u00e4chten.&nbsp;<br>Die Vernunft k\u00e4mpft gegen alle Kr\u00e4fte an, die uns in die Katastrophe treiben.&nbsp;<br>Und so wie sich die Naturwissenschaftler bem\u00fchen, die Umwelt von den Verschmutzungen der Industrie zu reinigen, so m\u00fcssen auch die Intellektuellen daran gehen, die Menschheit von allen Zerst\u00f6rungen des Geistes zu befreien.&nbsp;<br>Wir haben das Recht und die Pflicht, die Politiker und Wirtschaftsmanager der Industrienationen aufzufordern, sich endlich den wahren Aufgaben unseres Jahrhunderts zu stellen.&nbsp;<br>In der Vergangenheit war jeder Herrscher nur darauf bedacht, der eigenen Nation den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Vorteil zu sichern.&nbsp;<br>Die \u00fcbrigen Nationen sah er ausschlie\u00dflich als Gegner oder Objekte der Ausbeutung.&nbsp;<br>Seine obersten Ziele waren \u00dcberlegenheit und Mehrung des pers\u00f6nlichen Ruhms.&nbsp;<br>Daf\u00fcr wurden so viele Ideale und Werte missbraucht, so viele Mittel geheiligt.&nbsp;<br>Unz\u00e4hlige Menschen wurden ermordet, L\u00fcge, Arglist, Erniedrigung und Brutalit\u00e4t als Zeichen von Kraft und Klugheit ausgegeben.&nbsp;<br>Heute muss diese Art von Politik mit ihren Wurzeln ausgerottet werden.&nbsp;<br>Die wirkliche Gr\u00f6\u00dfe der Regierenden darf heute einzig an ihrem Weitblick und ihrem Verantwortungsgef\u00fchl f\u00fcr die gesamte Menschheit gemessen werden.&nbsp;<br>Denn die Industriestaaten und die Staaten der Dritten Welt sind eine Familie, und ein jeder von uns ist entsprechend seiner Entwicklung, seiner Bildung und seiner Erfahrung f\u00fcr deren Gedeihen mitverantwortlich.&nbsp;<br>Deshalb \u00fcberschreite ich nicht meine Kompetenzen, wenn ich den Politikern im Namen der Dritten Welt sage: Schauen Sie nicht von oben auf unsere Katastrophen herab, nutzen Sie Ihre Position f\u00fcr deren \u00dcberwindung.&nbsp;<br>In Ihren Positionen sind Sie f\u00fcr jede Fehlentwicklung verantwortlich, nicht nur f\u00fcr den Menschen, auch f\u00fcr die Tiere und die Vegetation bis in die hintersten Ecken und Enden unserer Erde.&nbsp;<br>Wir haben genug von Ihren Reden.&nbsp;<br>Wir wollen, dass Sie endlich anfangen zu handeln und den Dieben und Wucherern das Handwerk legen.&nbsp;<br>Sie, die Sie das Schicksal unseres Planeten bestimmen, retten Sie die versklavten B\u00fcrger S\u00fcdafrikas;&nbsp;<br>retten Sie die Hungernden in Afrika;&nbsp;<br>retten Sie die Pal\u00e4stinenser vor den Kugeln und der Folter,&nbsp;<br>retten Sie die Israelis davor, ihre eigenen gro\u00dfen geistigen Traditionen zu besudeln;&nbsp;<br>retten Sie die Schuldnerl\u00e4nder vor den erbarmungslosen Gesetzen der \u00d6konomie,&nbsp;<br>kontrollieren Sie die M\u00e4chte der Wirtschaft,&nbsp;<br>und zwingen Sie sie, die Verantwortung gegen\u00fcber der Menschheit h\u00f6her zu stellen als die Gefolgschaft zu einer Wissenschaft, deren Gesetze in unserer Zeit schon l\u00e4ngst hinf\u00e4llig geworden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":3648,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-3638","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding","resize-featured-image"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3638","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3638"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3638\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3901,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3638\/revisions\/3901"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3648"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3638"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3638"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3638"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}