{"id":3239,"date":"2022-06-26T10:00:00","date_gmt":"2022-06-26T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=3239"},"modified":"2024-06-11T15:13:30","modified_gmt":"2024-06-11T13:13:30","slug":"verortung-perspektive-_26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_26\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _26"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"168\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/karl-Markus-Gauss-II.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3245\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/karl-Markus-Gauss-II.jpg 300w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/karl-Markus-Gauss-II-18x10.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\" id=\"wasserstand-12-juni-2022\">Bildungsstand 26. Juni 2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"marcel-proust-1871-1922\"><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong>Karl-Markus Gauss<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><br>(*1954)&nbsp;<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#ff0303\" class=\"has-inline-color\"><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong>Die Jahreszeiten der Ewigkeit<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/mark><\/strong><br>Journal<br><em>Paul Zsolnay Verlag, Wien 2022<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong> Die Litanei kennen wir: Bildung, Bildung, Bildung, das ist das einzige was uns noch retten kann im alten Europa. Bildung gegen die Arbeitslosigkeit, Bildung gegen den Absturz Europas zur Regionalmacht. Seltsam nur, je rabiater Bildung gefordert wird, umso weniger gilt der Gebildete selbst. Zuerst wurden die Intellektuellen in das Eck gestellt, das in der neoliberalen Schulklasse f\u00fcr aufs\u00e4ssige Maulhelden reserviert ist, dann die Gebildeten als weltfremde Sonderlinge denunziert, deren Wissen tot und nutzlos w\u00e4re und einzig dem sozialen D\u00fcnkel fromme. Wer immer in den Verdacht ger\u00e4t, gebildet zu sein, muss l\u00e4ngst dagegen ank\u00e4mpfen, als Mensch von vorgestern abgetan zu werden. Umgekehrt ist der echte, sich gut gelaunt zu seinem umfassenden Unwissen wie zu einem pers\u00f6nlichen Verdienst bekennende Trottel&nbsp;zum sozialen Leitbild geworden:&nbsp;Die Medien \u00d6sterreichs und Deutschlands sind fortw\u00e4hrend damit besch\u00e4ftigt,&nbsp;mittels telekratischer Volksbefragung den Supertrottel zu finden, der bei irgendwas noch tapferer als seine Kontrahenten bereit ist, sich selber blo\u00dfzustellen, beim Herumhopsen, Schlagersingen, Partnerfinden, W\u00fcrmerfressen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong>&nbsp;Ihm winkt aus un\u00fcberwindbarer Ferne kumpelhaft ein Politiker neuen Typs zu, der sich seinerseits nicht mehr darum bem\u00fcht,<br>jene Bildung, die ihm abgeht, immerhin vorzut\u00e4uschen. Seine Pubert\u00e4t hat er in der Sch\u00fclerorganisation seiner Parteien verbracht,<br>sein Studium in den Gremien von deren Jugendverb\u00e4nden abgesessen, und dann hat es ihn in die politische Erwachsenenwelt verschlagen, wo er, gehetzt zwischen hunderterlei Terminen, nie mehr wird nachholen k\u00f6nnen, was er in seinen strikt verplanten Jugendjahren an Bildungserlebnissen und Erfahrungen des nicht reglementierten Lebens alles vers\u00e4umt hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong>&nbsp;Sieht man sich die Lehrpl\u00e4ne unserer Schulen an, muss man konstatieren, dass der Literatur als Unterrichtsstoff der Garaus bereitet wurde. Vor lauter Panik, nur ja gen\u00fcgend Sch\u00fcler zu bef\u00e4higen, eine Gebrauchsanleitung zu verstehen oder einen Leserbrief zu verfassen, entschieden sich die Planer des Deutschunterrichts f\u00fcr das Schlechteste, n\u00e4mlich den Kindern, der Schule und in der Folge der Gesellschaft die Literatur auszutreiben.<br>Es ist kein Bildungsziel mehr, Kindern die Freude und die F\u00e4higkeit zu vermitteln, literarische Werke (nicht nur H\u00e4ppchen davon, die h\u00e4ppchenweise abgefragt werden k\u00f6nnen) zu lesen und sich lesend in das Gl\u00fcck, die Not anderer einzuf\u00fchlen. Da sollen die Heranwachsenden n\u00fctzlichere F\u00e4higkeiten ausbilden. Die Notwendigkeit der Literatur besteht hingegen gerade in ihrer<br>praktischen \u00dcberfl\u00fcssigkeit, wir brauchen sie, eben weil sie unmittelbar zu gar nichts n\u00fctze ist und uns von dem Zwangsdenken befreit, dass alle Dinge, Begabungen, T\u00e4tigkeiten, Beziehungen immer etwas n\u00fctzen, einen Vorteil eintragen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong>&nbsp;Zwei unserer j\u00fcngeren Freundinnen haben jetzt, ehe es zu sp\u00e4t f\u00fcr sie geworden w\u00e4re, doch noch Kinder bekommen. Ich freue mich f\u00fcr sie, nicht weil ich glaubte, dass es die Berufung der Frau w\u00e4re, Mutter zu werden; vielmehr weil ich erfahren habe, wie gut einem Kinder tun k\u00f6nnen. Mich haben die meinen von der schweren Krankheit des Zynismus, die mich an Leib und Seele zu zersetzen drohte, geheilt und vor dem drohenden Untergang gerettet. Wer Kinder hat, kann es sich nicht gem\u00fctlich in seinem Weltverdruss einrichten und als Kollaborateur des Mi\u00dfgl\u00fcckenden darauf setzen,&nbsp;dass die Dinge ihn schon in der schlechten Meinung, die er von ihnen hat, best\u00e4tigen werden. Jeder wei\u00df, dass man Kindern als Gutenachtgeschichte nicht erz\u00e4hlen darf, dass die Welt ungerecht sei, von gewissenlosen Schurken beherrscht werde, das Gute eine Niederlage nach der anderen erleide und wir alle dereinst zu Staub zerfallen werden. Weil wir dazu neigen, eines Tages selbst zu glauben, was wir erz\u00e4hlen, werden wir endlich \u00fcberzeugt sein, dass die sch\u00f6neren Geschichten,&nbsp;<br>die wir uns f\u00fcr sie haben einfallen lassen, die wahren sind. So werden die Kinder zu den Eltern ihrer Eltern, indem sie diese durch ihr schlichtes Hiersein neu erschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong>&nbsp;Die Zukunft im Gefrierschrank.<br>Facebook und Google k\u00fcndigen ihren hochqualifizierten Mitarbeitern einen Zuschuss f\u00fcr den Fall an, dass sie ihre Eizellen einfrieren,&nbsp;ihre Zukunft im Gefrierschank deponieren und ihren Firmen l\u00e4nger ihre ganze Arbeitskraft zuteil werden lassen. Nicht die Arbeitskraft soll gem\u00e4\u00df den Bed\u00fcrfnissen der Frauen ver\u00e4ndert,&nbsp;sondern deren biologischer Lebensbogen den Anforderungen des Betriebs entsprechen ausgetrickst werden. Was wir zu begreifen haben: Es ist leichter die Natur des Menschen zu manipulieren, als die sozialen Verh\u00e4ltnisse zu \u00e4ndern. Der \u00f6konomische Verwertungszwang erweist sich als unver\u00e4nderlich, er ist Naturgesetz ohne Natur. Was ver\u00e4ndert werden kann, das ist die Natur selbst, und wenn wir etwas gelernt haben, dann dies: Was immer gemacht werden kann, das wird gemacht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Kontrapunkt<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/03-Serenade-No.-10-en-Si-Bemol-Majeur-K.-361-_Gran-partita__-III.-Adagio.m4a\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>W. A. Mozart<\/strong> (1756 &#8211; 1791) : Serenade Nr. 10 \u201eGran Partita&#8220; (KV 361), III Adagio<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspektive-24\">Perspektive 26<\/h3>\n\n\n\n<p>Karl-Markus Gau\u00df ist geb\u00fcrtiger Salzburger. Und dort wohnhaft geblieben.<br>Karl-Markus Gau\u00df ist stolztrotziger \u00d6sterreicher. Und&#8230;?<br>Karl-Markus Gau\u00df ist bekennender Europ\u00e4er. Und wird hoffentlich es bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>K.-M. G. ist ein Chronist der Melancholie. Als Salzburger.&nbsp;<br>K.-M. G. ist ein Chronist der Verluste. Als \u00d6sterreicher.<br>K.-M. G. ist ein unbestechlich ver- &amp; aufzeichnender Fein- &amp; Freigeist. Als Europ\u00e4er.<\/p>\n\n\n\n<p>K.-M. G. ist ein K. &amp; K. &amp; K. &#8211; &nbsp;ein Kenner, K\u00f6nner &amp; Kapazunder.<\/p>\n\n\n\n<p>K.-M. G. ist ein Skribent. Kein elender, wohlgemerkt.<br>K.-M. G. ist ein wunderbarer Stilist. Kein Stylist, aufgemerkt!&nbsp;<br>K.-M. G. ist ein Sprach- &amp; Vielfaltkundiger. Kein Einfaltw\u00e4chter, wohl-, auf- &amp; angemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p>K.-M. G. schreibt Journale. \u00dcber Fest-, Rest- &amp; Gedenktage, \u00fcber Sonn- &amp; Allt\u00e4gliches.<br>K.-M. G. schreibt Reiseberichte. In &amp; aus seinem m\u00f6nchsbergnahen Arbeitszimmer.<br>K.-M. G. schreibt Reportagen. Als Salzburger. \u00d6sterreicher. Europ\u00e4er.<br>\u00dcber Salzburger, \u00d6sterreicher, Europ\u00e4er. F\u00fcr Salzburger. \u00d6sterreicher. Europ\u00e4er. Zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>K.-M. G. schreibt von der Vernichtung Mitteleuropas, bitteren Tinten, den fr\u00f6hlichen Untergehern in Roana,<br>\u00fcber Ritter, Tod und Teufel, Schattengew\u00e4chse und einen Mann, der nicht ins Gefrierfach wollte. Zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>K.-M. G. berichtet von den Sepharden aus Sarajevo, den Gottscheer Deutschen, den Hundeessern von Svinia,<br>\u00fcber Arb\u00ebreshe, Sorben, Aromunen, Zimbern, Karaimen und Assyrer in Schweden. Zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>K.-M. G. erz\u00e4hlt von europ\u00e4ischen St\u00e4dten mit und ohne Juden, von Meeren mit und ohne Wasser,<br>von Menschen mit und ohne Tr\u00e4nen, vom Fliegen mit und ohne Fl\u00fcgel. Zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>K.-M. G. ver\u00f6ffentlicht Albumbl\u00e4tter, Essays, Nachrufe &amp; Attacken, Wirtshausgespr\u00e4che, Jahresb\u00fccher, Portraits.<br>Berichte \u00fcber Erfahrungs-, \u00dcberlebens-, Leidens- &amp; Erweiterungszonen. In &amp; zwischen den Zeilen. Zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>K.-M. G. ist ein Gl\u00fccksfall. F\u00fcr neugierige Leser. Und Salzburger.&nbsp;<br>K.-M. G. ist ein Geschenk. F\u00fcr aufmerksame Leser. Und \u00d6sterreicher.<br>K.-M. G. ist ein Muss. F\u00fcr freiwillige Leser. Und Europ\u00e4er.<\/p>\n\n\n\n<p>K.-M. G. ist eine \u00dcberraschung. F\u00fcr aufgekl\u00e4rte Abgekl\u00e4rte. Oder allwissende Literaturkodifikatoren.&nbsp;<br>Nicht nur in Salzburg.&nbsp;<br>K.-M. G. ist eine Notwendigkeit. F\u00fcr dilettierende Avantgardisten. Oder staatlich gest\u00fctzte Berufspropheten.&nbsp;<br>Nicht nur in \u00d6sterreich.&nbsp;<br>K.-M. G. ist eine Bereicherung. F\u00fcr diplomatische Akademien. Oder \u00e4hnliche Leer- &amp; Versuchsanstalten.&nbsp;<br>Nicht nur in Europa.<\/p>\n\n\n\n<p>K.-M. G. steht f\u00fcr jedwede verantwortete Wahrnehmung von Welt.&nbsp;<br>Entschwundene &amp; verstummte Welten. Ertr\u00e4umte &amp; vernichtete Welten.&nbsp;<br>Verwunschene &amp; ersehnte Welten. Vergessene &amp; vision\u00e4re Welten. Ein- &amp; ausgegrenzte Welten.<\/p>\n\n\n\n<p>Karl-Markus Gau\u00df steht f\u00fcr Hoffnung. F\u00fcr ein Dennoch. F\u00fcr ein Trotzdem.<br>Karl-Markus Gau\u00df d\u00fcrften jene Verse R. &#8211; M. Rilkes aus dem Jahre 1899 mit Sicherheit bekannt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch lebe mein Leben in wachsenden Ringen,<br>die sich \u00fcber die Dinge ziehn.<br>Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,<br>aber versuchen will ich ihn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Karl-Markus Gau\u00df schreibt f\u00fcr, an, gegen, \u00fcber uns. Unsere Zeit. \u00dcber verlorene Zeiten.<br>Karl-Markus Gau\u00df publiziert seit vielen Jahren mit stets gleichbleibender Sorgfalt &amp; Qualit\u00e4t.&nbsp;<br>Karl-Markus Gau\u00df ver\u00f6ffentlicht in stets wachsenden Ringen. Mit Um- &amp; Nachsicht. Ohne Aufsicht. Mit Absicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Karl-Markus Gau\u00df erw\u00e4hnt gegen Ende seines Journals \u201eJahreszeiten der Ewigkeit\u201c mehr als anekdotisches:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2022<\/strong> Bedenke, was der tschechische Regisseur Ji\u0159\u00ed Menzel bei der Feier zu seinem achtzigsten Geburtstag sagte:<br>\u201eAbgesehen davon, dass ich ein Genie bin, ist allzu gro\u00dfe Bescheidenheit mein einziger Fehler.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bescheiden war Karl-Markus Gau\u00df immer. Nicht immer aber manch verdienender Salzburger.<br>Bescheiden ist Karl-Markus Gau\u00df immer geblieben. Nicht immer aber manch ausgepreister \u00d6sterreicher.<br>Bescheiden wird Karl-Markus Gau\u00df immer bleiben. Das ist kein Fehler. Tugendratsam auch f\u00fcr Europ\u00e4er.<\/p>\n\n\n\n<p>Karl-Markus Gau\u00df erh\u00e4lt den Leipziger Buchpreis zur Europ\u00e4ischen Verst\u00e4ndigung 2022.<br>Salzburg, \u00d6sterreich, Europa und das Institut zur Verbesserung der Lage gratulieren.&nbsp;<br>Karl-Markus Gau\u00df sollte unsere ungeteilte Leseaufmerksamkeit erhalten.<br>In Salzburg, \u00d6sterreich und Europa. Und anderswo.<\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Postskriptum:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>K.-M. G. ver\u00f6ffentlichte 1997 sein \u201eEurop\u00e4isches Alphabet\u201c.<br>K.-M. G. schrieb \u00fcber <strong>N<\/strong> wie <strong>N<\/strong>ACHBARN:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas Nachbarn voneinander halten, kann man alle Tage im Kriminalteil der Zeitungen lesen.&nbsp;<br>Wie benachbarte V\u00f6lker einander sch\u00e4tzen, zeigt ein Beispiel aus der angewandten Zoologie.&nbsp;<br>Die K\u00fcchenschabe aus der Familie der Blattarien ist ein wissenschaftlich gut erforschtes, von&nbsp;<br>den Menschen im allgemeinen wenig geliebtes und gr\u00f6blich untersch\u00e4tztes Tier, das, so&nbsp;<br>unscheinbar, ja unansehnlich es ist, \u00fcber erstaunliche F\u00e4higkeiten verf\u00fcgt.&nbsp;<br>In Notzeiten sind die&nbsp;Weibchen in der Lage, pro Saison bis zu 400 000 Eier zu legen, aus denen nach kurzer Frist&nbsp;<br>fertig entwickelte K\u00fcchenschaben schl\u00fcpfen, die sich sogleich nach munterer Schabenart in&nbsp;<br>der Welt zurechtfinden und bei Gefahr mit enormer Geschwindigkeit durch den Raum, etwa&nbsp;<br>ein Badezimmer, in dem eine angewiderte Hausfrau besenschwingend naht, von einer Ecke&nbsp;<br>in die andere flitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf bewundernswerte, geradezu mystische Weise verm\u00f6gen die Populationen der Blattarien&nbsp;<br>ein kommunikatives System von Warnungen und Empfehlungen aufrechtzuerhalten, mittels&nbsp;<br>dessen sie Massen von Artgenossen in ein, beispielsweise wegen angenehmer Feuchtigkeit&nbsp;<br>oder reichlich vorhandener Nahrungsreserven, unter ihresgleichen f\u00fcr interessant geltendes Revier&nbsp;<br>herbeirufen oder aber vor einem gef\u00e4hrlichen,&nbsp;weil von zu vielen Besen, Schl\u00e4uchen, auf die Fliesen&nbsp;<br>knallenden Hausschuhen gewitterartig heimgesuchten, warnen.&nbsp;<br>Die Schabe hat schon einige&nbsp;hunderttausend Jahre, ehe der Mensch sich aufrichtete,<br>die Erde als die ihre empfunden, sich&nbsp;allen nat\u00fcrlichen Klimaver\u00e4nderungen wie<br>chemischen Insektenvertilgungsmitteln gewieft&nbsp;angepa\u00dft und wird noch unerm\u00fcdlich fortfahren,&nbsp;<br>sich die Erde untertan zu machen, wenn der&nbsp;Mensch mit seinem Versuch, gleiches zu tun,&nbsp;<br>schon ein paar hunderttausend Jahre abgetreten&nbsp;sein wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz, die gemeine Schabe, einer unser z\u00e4hesten Nachbarn,&nbsp;<br>ist ein widerliches Getier, dessen&nbsp;<br>h\u00e4sslicher Anblick allein die Menschen seit je mit Ekel und Wut erf\u00fcllt.&nbsp;<br>Links des Rheins, in&nbsp;<br>Frankreich, hei\u00dft die K\u00fcchenschabe \u00fcbrigens \u00bbPreu\u00dfenschabe\u00ab,&nbsp;<br>indes sie im deutschen&nbsp;<br>Rheinland, rechts des Flusses, umgekehrt schlicht auf \u00bbFranzose\u00ab h\u00f6rt.&nbsp;<br>Im Osten Deutschlands&nbsp;<br>ist das polyglotte Tier als \u00bbRusse\u00ab bekannt, indes es \u00f6stlich von Deutschland gerne als&nbsp;<br>\u00bbSchwabenschabe\u00ab auftritt.&nbsp;<br>In Italien wiederum wetzt das hinterh\u00e4ltige Tier als \u00bbblattella tedesca\u00ab&nbsp;<br>ungleich wendiger als die touristi tedeschi durch die Gegend.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die K\u00fcchenschabe in Spanien hei\u00dft, habe ich nicht ermittelt, ich nehme an, die Portugiesen&nbsp;<br>w\u00fcrden sich ihren Namen leicht merken k\u00f6nnen.&nbsp;<br>So viel zur guten Nachbarschaft in Europa.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":3246,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-3239","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding","resize-featured-image"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3239","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3239"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3239\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5376,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3239\/revisions\/5376"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3246"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3239"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3239"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3239"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}