{"id":3094,"date":"2022-06-05T10:00:00","date_gmt":"2022-06-05T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=3094"},"modified":"2024-07-11T15:02:13","modified_gmt":"2024-07-11T13:02:13","slug":"verortung-perspektive-_23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_23\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _23"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"168\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Isaak-Babel-II.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3105\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Isaak-Babel-II.jpg 300w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Isaak-Babel-II-18x10.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\" id=\"befehlsstand-5-juni-2022\">Befehlsstand 5. Juni 2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"marcel-proust-1871-1922\"><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong>Isaak Babel<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><br>(1894 &#8211; 1940)<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#ff0303\" class=\"has-inline-color\"><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong>Die Reiterarmee<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/mark><\/strong><br>Aus dem Russischen \u00fcbersetzt,&nbsp;<br>herausgegeben und kommentiert von Peter Urban.<br><em>Friedenauer Presse, Berlin 1994<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ich ziehe meine Kreise durch&nbsp;\u017dytomir und suche den zaghaften Stern.<br>An der alten Synagoge, an ihren gelben und gleichg\u00fcltigen Mauern<br>verkaufen alte Juden Kreide, Waschblau, Kerzendocht,<br>&#8211; Juden mit Prophetenb\u00e4rten, mit Elendsfetzen auf der eingefallenen Brust\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Vor mir &#8211; der Basar und der Tod des Basars.<br>Get\u00f6tet ist die fette Seele des \u00dcberflusses.<br>Stumme Schl\u00f6sser h\u00e4ngen an den Verkaufsst\u00e4nden,<br>und der Granit des Pflasters ist rein, wie die Glatze eines Toten.<br>Er zwinkert mir zu, der zaghafte Stern\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gl\u00fcck ereilte mich sp\u00e4ter,<br>das Gl\u00fcck ereilte mich vor Sonnenuntergang.<br>Gedalis Laden lag versteckt in den dicht verrammelten<br>Handelsreihen.<br>Du h\u00e4ttest in diesem Tr\u00f6delladen vergoldete Pantoffeln und Schiffstaue gefunden,<br>einen alten Kompass und einen ausgestopften Adler,<br>ein Winchester Jagdgewehr mit der eingravierten Jahreszahl 1810 und einen zerbrochenen Kochtopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte Gedali geht zwischen seinen Sch\u00e4tzen auf und ab in der rosigen Leere des Abends<br>&#8211; ein kleiner Herr mit rauchgrauer Brille und einem gr\u00fcnen Gehrock bis auf den Boden.<br>Er reibt sich die wei\u00dfen H\u00e4ndchen, er zupft sich das graue B\u00e4rtchen und lauscht,<br>den Kopf geneigt, auf unsichtbare Stimmen, die ihm zufliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Laden ist wie die Schachtel eines wi\u00dfbegierigen und ernsten kleinen Jungen,<br>aus dem einmal ein Professor f\u00fcr Botanik werden wird.<br>In diesem Laden gibt es sowohl Kn\u00f6pfe, als auch tote Schmetterlinge, und ihr kleiner Besitzer hei\u00dft Gedali.<br>Alle haben den Basar verlassen, Gedali ist geblieben.<br>Und er geistert durch sein Labyrinth aus Globen, Sch\u00e4deln und toten Blumen,<br>wedelt mit einem bunten Wisch aus Hahnenfedern und bl\u00e4st den Staub von den gestorbenen Blumen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; die Revolution, sagen wir zu ihr ja, aber sagen wir darum zum Sabbat nein?<br>&#8211; so beginnt Gedali und umschlingt mich mit den seidenweichen Riemen seiner rauchigen Augen.<br>&#8211; Ja, rufe ich der Revolution zu, ja, rufe ich ihr zu, doch sie versteckt sich vor Gedali und sendet voraus immer nur Schie\u00dfen\u2026<br>&#8211; In geschlossenen Augen f\u00e4llt keine Sonne,<br>&#8211; antworte ich dem Alten,<br>&#8211; doch wir werden die geschlossenen Augen aufrei\u00dfen\u2026<br>&#8211; der Pole hat mir die Augen verschlossen,<br>&#8211; fl\u00fcstert der Alte kaum h\u00f6rbar,<br>&#8211; der Pole, der b\u00f6se Hund. Er packt den Juden und rei\u00dft ihm den Bart aus, ach, der K\u00f6ter!<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt wird er verpr\u00fcgelt, der b\u00f6se Hund.<br>Das ist wunderbar, das ist Revolution.<br>Und dann kommt der, der den Polen verpr\u00fcgelt hat, und sagt zu mir:<br>Gedali, gib mir daf\u00fcr dein Grammophon\u2026<br>Ich liebe die Musik, Pani &#8211; antworte ich der Revolution.<br>\u00bbDu wei\u00dft nicht was du liebst, Gedali, ich werde auf dich schie\u00dfen, weil ich bin die Revolution\u00ab\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Sie kann nicht anders als schie\u00dfen, Gedali,<br>&#8211; sage ich zu dem Alten,&nbsp;<br>&#8211; weil sie ist die Revolution\u2026<br>&#8211; Aber der Pole hat geschossen, mein freundlicher Pan, weil er ist die Konterrevolution.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr schie\u00dft, weil ihr seid die Revolution. Aber die Revolution ist doch ein Vergn\u00fcgen.<br>Und es ist ein schlecht Vergn\u00fcgen, das Waisen im Haus zur\u00fcckl\u00e4\u00dft.<br>Gute Taten begeht ein guter Mensch. Die Revolution ist eine gute Tat von guten Menschen.<br>Aber gute Menschen t\u00f6ten nicht. Also machen die Revolution b\u00f6se Menschen.<br>Aber auch die Polen sind b\u00f6se Menschen.<br>Wer also sagt Gedali, wo ist die Revolution und wo die Konterrevolution?<br>Ich habe fr\u00fcher den Talmud studiert, ich liebe die Kommentare von Raschi und die B\u00fccher des Maimonides.<br>Und es gibt noch andere Menschen in&nbsp;\u017dytomir, die verstehen.<br>Und so fallen wir alle, die gelehrten Menschen, auf das Gesicht und rufen mit einer Stimme:<br>weh uns, wo ist die s\u00fc\u00dfe Revolution?\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alte verstummte.<br>Und wir erblickten den ersten Stern, der sich die Milchstra\u00dfe hinab den Weg bahnte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; der Sabbat beginnt, &#8211; sagte Gedali mit Ernst, &#8211; die Juden m\u00fcssen in die Synagoge\u2026 Panie Genosse,<br>&#8211; sagte er im Aufstehen, und der Zylinder auf seinem Kopf begann zu schwanken, wie ein schwarzes T\u00fcrmchen,<br>&#8211; bringt ein paar gute Menschen nach&nbsp;\u017dytomir. Ach, in unsere Stadt ist an ihnen ein Mangel, ach welch ein Mangel!<br>Bringt gute Menschen, und wir geben ihnen alle Grammophone. Wir sind keine Ignoranten.<br>Die Internationale &#8211; wir wissen was ist die Internationale. Und ich<br>will die Internationale der guten Menschen,<br>ich will, da\u00df jede Seele z\u00e4hlt und man soll ihr geben Lebensmittel der ersten Kategorie.<br>Nimm, Seele, bitte, i\u00df, empfang vom Leben dein Vergn\u00fcgen.<br>die Internationale, Panie Genosse, Sie wissen nicht, womit sie gegessen wird\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Gegessen wird sie mit Pulver, &#8211; antworte ich dem Alten, &#8211; und gew\u00fcrzt mit bestem Blut\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Und da bestieg er aus blauem Dunkel seinen Thron, der junge Sabbat.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Gedali, &#8211; sage ich, &#8211; heute ist Freitag, und es ist schon Abend.<br>Wo kann ich j\u00fcdische Barches bekommen, ein j\u00fcdisches Glas Tee&nbsp;<br>und ein wenig von diesem pensionierten Gott in dem Glas Tee?\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Gibt es nicht, -antwortete mir Gedali und h\u00e4ngt ein Schlo\u00df vor seinen Laden, &#8211; gibt es nicht.<br>Nebenan gibt es ein Wirtshaus, und gute Menschen habe es betrieben,<br>aber dort wird nicht mehr gegessen, dort wird geweint\u2026<br>Er kn\u00f6pfte seinen gr\u00fcnen Gehrock an den drei Hornkn\u00f6pfen zu.<br>Er staubte sich mit Hahnenfedern ab, sprengte Wasser \u00fcber seine weichen Handfl\u00e4chen und entfernte sich<br>&#8211; winzig, einsam, vertr\u00e4umt, im schwarzen Zylinder und mit einem gro\u00dfen Gebetbuch unterm Arm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sabbat beginnt. Gedali &#8211; Begr\u00fcnder einer unerf\u00fcllbaren Internationale &#8211; geht in die Synagoge beten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kontrapunkt<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/12-S-Brent-Briderlekh.m4a\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\">Jiddisches Lied :&nbsp;&#8218;S Brent, Briderlekh<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspektive-23\">Perspektive 23<\/h3>\n\n\n\n<p>Isaak Babel wurde als Sohn einer j\u00fcdischen H\u00e4ndlerfamilie im Zarenreich geboren.<br>In Odessa. \u00bbMarseille des Ostens\u00ab wurde diese Stadt am Schwarzen Meer genannt.<br>Der Hafen brachte Tr\u00e4ume. Fremde. Syphilis. Zuzug. Wohlstand. Armut. Kriminalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Isaak Babel sah nicht weg. Er kannte das Massen-Pogrom. 1905 im Babylon der Hoffnung.<br>In Odessa. Die Stadt mit dem Freihafen. Und den Freigeistern der j\u00fcdischen Aufkl\u00e4rung.<br>Sp\u00e4ter schrieb Isaak seine \u201eGeschichten aus Odessa\u201c. Verzauberte Klagelieder. Dunkle Trauerges\u00e4nge.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Isaak Babel kannte auch Wohlstand. Besuchte die Wirtschaftsschule der Handelsmetropole.<br>Und begann zu lesen. Franz\u00f6sische Literatur. Begann Gedichte zu schreiben. Auf Franz\u00f6sisch.&nbsp;<br>Studieren durfte er nicht. Die Quoten f\u00fcr j\u00fcdische Studierende in Odessa lie\u00dfen es nicht zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Isaak Babel ging nach Kiew. An das Institut f\u00fcr \u00d6konomie und Finanzen. Und lernte. Schnell.<br>Kennengelernt hat Babel dort Jewgenija Gronfein, seine zuk\u00fcnftige Frau. Sie gingen nach Petersburg.<br>Dort befreundete sich der junge Dichter mit Maxim Gorki. Es war Krieg. Das war 1916.<\/p>\n\n\n\n<p>Isaak Babel vernahm den Rat des \u00e4lteren Dichterkollegen. Unbedingt mehr Lebenserfahrung zu sammeln.<br>Der erste Krieg der Welten wurde verloren. Die Oktoberrevolution wurde gewonnen. Lebenserfahrungen.<br>Der Russische B\u00fcrgerkrieg brachte Hunger. Not. Elend. Mord. Verwahrlosung. \u00dcberlebenserfahrungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Isaak Babel wurde&nbsp;als Reporter der 1. Reiterarmee des Generals Budjonny zugeteilt. Das war 1920.<br>Mitten im Russischen B\u00fcrgerkrieg noch ein Polnisch-Sowjetischen Krieg. Ein Krieg ohne Gewinner.<br>Opfer: polnische, ukrainische, russische, podolische, galizische, wolhynische Juden, Christen, Atheisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Isaak Babel f\u00fchrte Tagebuch. Dort verzeichnete er vieles. All das nicht f\u00fcr die Agitprop-Redaktion bestimmte.<br>Genosse Budjonny. Sohn landloser Don-Bauern. Marshall. Held der Sowjetunion. Freund Stalins. Gewinnler.&nbsp;<br>Schwarzer Schlachtruf seiner roten Kosakenreiter: \u00bbSchlagt die Juden, schlagt die Kommunisten, rettet Russland!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Isaak Babel sah die Not der Christen. Polnische Katholiken. Ukrainische Orthodoxe. Und der Chassiden.<br>Fronten. \u00dcberall. Vorsto\u00df. R\u00fcckzug. Gegenschlag. R\u00fcckschlag. Lebens-, Leidens- Todes-, Seinserfahrungen.<br>Es brannte. Im Schtetl. Im Herzen. In der Seele. Im Hirn. Im Blut. M\u00e4chtige wie ohnm\u00e4chtige Wutglut.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Isaak Babel bezeugte den Anfang vom Ende. Das kam sp\u00e4ter mit dem Morden des Dritten Tausendj\u00e4hrigen Reiches.<br>Ab 1923 wurden seine Reiterarmee-Geschichten ver\u00f6ffentlicht. Genosse General Budjonny protestierte. W\u00fctend.<br>Babel schrieb \u00fcber den Untergang einer Region. Religion. \u00dcber das Verschwinden des j\u00fcdischen Schtetls. Und mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Isaak Babel erlebte die Schauprozesse in Moskau. 1936 Nr. 1: 16 -, 1937 Nr. 2: 13 Todesurteile. Ein Beginn.<br>Bald f\u00fchrte NKWD Genosse Jeschow einen Vernichtungskrieg gegen die Elite der Roten Armee. Stalinverordnet. &nbsp;<br>Und nutze Gelegenheiten. Unz\u00e4hlige dichtende &amp; nicht dichtende Freigeister fielen den \u201eS\u00e4uberungen\u201c zum Opfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Isaak Babel wurde verhaftet. Am 26. 02. 1940 von einem Tribunal f\u00fcr schuldig befunden. Einen Tag sp\u00e4ter erschossen.<br>Seine Frau erfuhr es 15 Jahre sp\u00e4ter. Vieles an Wahrheit erst 1988. Wann erfuhr es der Westen? Der vermeintlich freie?<br>Genosse Budjonny \u00fcberlebte. Als dreimaliger Held der Sowjetunion. Als Trinker &amp; Pferdez\u00fcchter. Mit 8 Leninorden.<\/p>\n\n\n\n<p>Genosse Budjonny schrieb 1924 \u00fcber Isaak Babel:<br>\u00bbUm den heroischen, in der Menschheitsgeschichte nie dagewesenen Klassenkampf zu beschreiben,&nbsp;<br>mu\u00df man zuerst das Wesen dieses Kampfes und die Natur der Klassen begreifen, d. h. man mu\u00df Dialektiker, mu\u00df Marxist und K\u00fcnstler sein.<br>Weder das eine noch das andere ist dieser Autor.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das Institut zur Verbesserung der Lage erinnert an den K\u00fcnstler und Menschen Isaak Babel.<br>Das Institut zur Verbesserung der Lage erinnert an die Opfer von Wahn ohne Sinn. Und Wahnsinn.<br>Das Institut zur Verbesserung der Lage erinnert an die Menschen im j\u00fcdischen Schtetl. Und anderswo.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6ge das Buch von Isaak Babel hilfreich sein.<br>Der Erinnerung an zumeist verlorene Welten dienen. In Europa. Und anderswo.<br>Der Erinnerung an zumeist vernichtete Welten dienen. In Europa. Und anderswo.<br>Der Erinnerung an viele zu sch\u00fctzende Welten dienen. In Europa. Und anderswo.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6ge dabei folgendes Glossarium hilfreich sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p><strong>A<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aschkenasim<\/strong><br>Juden aus Mittel- und Osteuropa sowie deren Nachkommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ansiedlungsrayon<\/strong><br>Als Ansiedlungsrayon wird das Gebiet im europ\u00e4ischen Westen des Russischen Kaiserreiches bezeichnet, auf das zwischen Ende des 18. und Anfang des 20. Jahrhunderts das Wohn- und Arbeitsrecht der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung beschr\u00e4nkt war.&nbsp;<br>Das Gebiet war zuvor gr\u00f6\u00dftenteils Bestandteil Polen-Litauens gewesen und mit den Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts unter russische Herrschaft gelangt.<br>Der Ansiedlungsrayon, der sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte, umfasste mehr als eine Million Quadratkilometer.&nbsp;<br>Dort lebten Ende des 19. Jahrhunderts beinahe f\u00fcnf Millionen Juden,&nbsp;<br>die nach dem offiziellen Zensus von 1897 circa 11,5 % der Bev\u00f6lkerung ausmachten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>B<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bar Mizwa<\/strong><br>Die Zeremonie, mit der im Judentum der Eintritt eines Jungen oder M\u00e4dchens in die religi\u00f6se Gemeinde vollzogen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bund<\/strong><br>Eine Vereinbarung zwischen Gott und dem j\u00fcdischen Volk, mit der er dieses dazu \u00bbauserw\u00e4hlte\u00ab,<br>eine besondere Rolle unter den Menschen einzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Barches<\/strong><br>J\u00fcdisches Weizengeb\u00e4ck, das am Sabbat gegessen wird, meist geflochten, Zopf, Striezel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Brit Mila<\/strong><br>Beschneidung eines Knaben am achten Tag nach seiner Geburt.<br>Gilt als Zeichen des Bundes zwischen Gott und Mensch..<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Braclav<\/strong><br>Kreisstadt in Podolien mit ehemals 6300 Einwohnern, davon mehr als 40% Juden.<br>Heimat von Nachman ben Simcha (1771-1810).\u00a0<br>Lehrer der Chassidim, der die R\u00fcckkehr zur urspr\u00fcnglichen Herzenseinfalt predigte\u00a0<br>und vor allem durch allegorische Parabeln wirkte, laut Martin Buber \u00bbder einzige j\u00fcdische M\u00e4rchenerz\u00e4hler\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>C<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Chalat<\/strong><br>Kittel, wie die Zobelm\u00fctze Teil der chassidischen Kleidung,<br>die in bestimmten chassidischen Gemeinden nur der Rabbi trug.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Chassidismus<\/strong><br>Das hebr\u00e4ische Wort \u00bbChassid\u00ab bedeutet \u00bbder Fromme\u00ab.<br>Das chassidische Judentum ist ein Zweig des orthodoxen Judentums, der die mystische Verbindung mit Gott betont<br>und jede Form der Aufkl\u00e4rung und Erneuerung ablehnt.<br>Der Chassidismus &#8211; urspr\u00fcnglich eine osteurop\u00e4ische, heute eine weltweite Bewegung &#8211;&nbsp;<br>z\u00e4hlt zu den konservativsten Kr\u00e4ften des Judentums.<br>Er wurde von Israel ben Elieser, auch Baal Shem Tov oder Bescht genannt, Mitte des 18. Jh. gegr\u00fcndet.<br>Die Bewegung entwickelte sich ab den 1740er-Jahren in kleinen j\u00fcdischen Gemeinden Zentral- und Osteuropas,<br>deren Lebensweise sich von der urbaner Juden sehr unterschied.<br>Die j\u00fcdische Philosophie war zu dieser Zeit vorwiegend intellektuell, die Religion durch wachsenden Legalismus gepr\u00e4gt.<br>Beide Entwicklungen entsprachen nicht den Bed\u00fcrfnissen der Juden vor allem in den s\u00fcdpolnischen D\u00f6rfern, den sogenannten Schtetln.<br>Ein Chassid sondert sich von der Welt ab, meditiert und studiert die Thora, um die Gebote zu verstehen,<br>um ein Baal Shem (Meister des Wortes) zu werden. F\u00fcr die Chassidim ist Gott zugleich Mittelpunkt des Kosmos und unendlich.<br>\u00dcber solche Au\u00dfenstehenden schwer zug\u00e4nglichen Begriffe hinaus zeichnet sich diese Richtung durch einen sinnlichen Bezug zu Gott aus.<br>Um den Zusammenhalt der chassidischen Gemeinden vor allem angesichts der Pogrome durch die Kosaken zu bewahren,<br>zogen Religionslehrer von Dorf zu Dorf und boten den Juden neben praktischen Ratschl\u00e4gen die M\u00f6glichkeit,<br>sich aktiv an Gottesdiensten zu beteiligen.<br>Kennzeichnend sind Enthusiasmus sowie Rituale der Massenekstase, die ein spiritueller Lehrer (Zaddik) anleitet.<br>Der Lehre des Chassidismus zufolge wohnt das G\u00f6ttliche in jedem Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Cheder<\/strong><br>Die j\u00fcdische Elementarschule.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>D<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Davidstern<\/strong><br>Seit den 18. Jh. gilt der Davidstern als j\u00fcdisches Glaubenssymbol.<br>Die Urspr\u00fcnge des sechseckigen, aus zwei ineinandergreifenden Dreiecken gebildeten Sterns liegen im Dunkel.<br>Einige meinen, die Form symbolisiere den Schild K\u00f6nig Davids,<br>andere glauben, die Dreiecke stehen f\u00fcr den hebr\u00e4ischen Buchstaben \u00bbdaleth\u00ab, die Initiale des Namens David.<br>Eine verbreitete Interpretation deutet die sechs \u00e4u\u00dferen Dreiecke als die sechs Arbeitstage<br>und das innere Sechseck als den Ruhetag Sabbat.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>E<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elia, Gaon von Wilna<\/strong><br>Elia Wilna (1720-1797), bedeutender j\u00fcdischer Geistlicher, Philosoph und P\u00e4dagoge.<br>Entschiedener Gegner des Chassidismus.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>G<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Galizien<\/strong><br>Galizien liegt zwischen den Karpaten im S\u00fcden (Beskiden im S\u00fcdwesten, Ostkarpaten im S\u00fcdosten) und der Weichsel im Nordwesten sowie den Fl\u00fcssen Bialka (poln. Bia\u0142a) im Westen und Sbrutsch (poln. Zbrucz) im Osten.&nbsp;<br>Im Allgemeinen werden heute die bis zur polnisch-ukrainischen Grenze reichenden s\u00fcdpolnischen Gebiete als Westgalizien und die \u00f6stlich davon liegenden als Ostgalizien bezeichnet.<br>Im Westen Galiziens lebten mehrheitlich Polen, im Osten Galiziens mehrheitlich Ruthenen (Ukrainer).&nbsp;<br>Juden lebten in beiden Teilen Galiziens, mehrheitlich jedoch in ostgalizischen St\u00e4dten,&nbsp;<br>da in zahlreichen westgalizischen St\u00e4dten noch das Privileg \u00bbDe non tolerandis Judaeis\u00ab aus dem 16. Jahrhundert seine Wirkung zeigte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gebet<\/strong><br>Das pers\u00f6nliche Gebet bildet den Kern der j\u00fcdischen Glaubenspraxis.<br>Fromme Juden beten morgens, nachmittags und abends &#8211; am Sabbat und an Feiertagen noch zus\u00e4tzlich.<br>M\u00e4nnliche fromme Juden bedecken w\u00e4hrend des Gebets ihren Kopf mit einer Kappe (Kippa).<br>Sie tragen dazu einen Gebetsschal (Tallit).<br>Zum Morgengebet legen sie zudem einen Gebetsriemen (Teffelin) an.<br>An diesem Lederriemen befinden sich kleine Kapseln, die Pergamentstreifen mit biblischen Texten enthalten.<br>Eine Kapsel wird auf der Stirn platziert, die andere am linken Arm, damit der Betende seinen Glauben im Kopf und am Herzen tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gaon<\/strong><br>J\u00fcdischer Titel, w\u00f6rtlich: Macht, Erhabenheit, Glanz, bedeutet soviel wie Exzellenz.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>H<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Haggada<\/strong><br>Die Schriftensammlung der fr\u00fchen Rabbiner;<br>sie enth\u00e4lt historische Erz\u00e4hlungen, Legenden und ethische Lehren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Haskala<\/strong><br>Die j\u00fcdische Aufkl\u00e4rung,&nbsp;<br>eine Bewegung im europ\u00e4ischen Judentum des 18. und 19. Jh.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hebr\u00e4ische Bibel<\/strong><br>Eine Sammlung der wichtigsten heiligen Schriften im Judentum;<br>sie enth\u00e4lt die Tora, die Offenbarungen der Propheten und weitere heilige Texte;<br>in der christlichen Bibel das Alte Testament.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hersch von Ostropol<\/strong><br>Hersch Ostropoler, Urenkel des Samson Ostropoler, eines polnischen Kabbalisten;<br>lebte in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jhdt. am Hof des chassidischen Rabbi Baruch aus Tulcyn,<br>wo er die Rolle des Hofnarren spielte;&nbsp;<br>ihm werden zahlreiche, oft boshafte Streiche gegen\u00fcber unwissenden Juden und einf\u00e4ltigen Bauern zugeschrieben,<br>eine Art j\u00fcdischen Till Eulenspiegels.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ibn Esra<\/strong><br>Abraham ben Meir Ibn (1089-1167), j\u00fcdischer Dichter, Philologe, Gelehrter.<br>Verfasser ber\u00fchmter Bibelkommentare.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>JHWH<\/strong><br>Die 4 Buchstaben des Gottesnamens (\u00bbJahwe\u00ab),<br>der zu heilig ist, um vollst\u00e4ndig ausgesprochen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>K<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kabbala<\/strong><br>Eine alte mystische Tradition, die auf einer esoterischen Deutung der Hebr\u00e4ischen Bibel basiert.<br>Diese urspr\u00fcnglich m\u00fcndlichen \u00dcberlieferungen wurden im sp\u00e4ten 13. Jh. in Spanien im Sohar (\u00bbGlanz\u00ab) zusammengestellt.<br>F\u00fcr Juden im Exil, nachdem sie Ende des 15. Jahrhunderts aus dem heutigen Spanien und Portugal vertrieben worden waren,<br>von besonderer Bedeutung. Der Kabbala zufolge hilft die Einhaltung der Gebote, Menschen im Exil der Erl\u00f6sung entgegenzuf\u00fchren.<br>Im 18. Jh. bildete die Kabbala die Basis f\u00fcr die Bewegung der Chassidim, in der die mystische Beziehung zu Gott einen wichtigen Platz einnahm.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kapotes<\/strong><br>Langer, kaftan\u00e4hnlicher schwarzer Rock, der von den \u00e4rmeren Juden in Ermangelung eines Kaftans getragen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>M<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mischna<\/strong><br>Die erste gro\u00dfe Niederschrift der m\u00fcndlichen Traditionen des Judentums<br>und das erste bedeutende Werk des rabbinischen Judentums.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mitzwa<\/strong><br>Ein Gebot Gottes,<br>insbesondere eines der Zehn Gebote oder der 613 Gesetze in der Tora.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mizrachim<\/strong><br>Juden, die aus dem nahen Osten, aus den arabischen L\u00e4ndern und aus Asien stammen, sowie deren Nachkommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maimonides<\/strong><br>Moses ben Maimon (1135-1204), bedeutender j\u00fcdischer Philosoph und Kodifikator.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mesua<\/strong><br>Der Bibel zufolge sollen Juden das Gesetz nicht nur am K\u00f6rper tragen, sondern auch an die T\u00fcrpfosten ihrer H\u00e4user schreiben.<br>Daher bringen Gl\u00e4ubige am Eingang ihrer Wohnung ein kleines K\u00e4stchen an, das Verse aus dem 5. Buch Mose enth\u00e4lt<br>und ihr Heim zu einem heiligen Ort macht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>O<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Odessa<\/strong><br>Der russische Zensus 1897 ergab einen j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerungsanteil von 30,83 % in Odessa.&nbsp;<br>Juden waren damit die zweitgr\u00f6\u00dfte Bev\u00f6lkerungsgruppe der Stadt,&nbsp;<br>nach den Russen mit 49,09 % und deutlich zahlreicher als die Ukrainer in Odessa (9,39 %).&nbsp;<br>Den Chassidim galt Odessa als S\u00fcndenbabel und Zentrum der Haskala, der Aufkl\u00e4rung.<br>Odessa gilt als Ort der ersten grausamen Judenpogrome, von dem alles, gleichsam deshalb,<br>seinen Ausgang nahm (Quell unseres Elends).<br>Die ersten Judenpogrome in Ru\u00dfland vor denen im Fr\u00fchjahr 1881 fanden alle in Odessa statt: 1821, 1859, 1871;<br>den Massenpogrom vom 18.-19. Oktober 1905 (in Odessa und 660 St\u00e4dten und D\u00f6rfern der Ansiedlungsrayons)<br>beschreibt Isaak Babel in der \u00bbGeschichte meines Taubenschlags\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Orthodoxes Judentum<\/strong><br>Das orthodoxe Judentum war besonders in Osteuropa verwurzelt, vor allem in Polen und Russland.<br>Orthodox orientierte Juden richten ihre Lebensweise nach der Thora aus, die ihnen vorgibt, wie sie sich kleiden und was sie essen d\u00fcrfen.<br>Aufgrund ihrer strengen Befolgung der Thora pflegen die orthodoxen Juden zahlreiche Traditionen, die nur sie allein kennen.<br>Das gilt insbesondere f\u00fcr das ultraorthodoxe Judentum osteurop\u00e4ischer Tradition,<br>wo die M\u00e4nner schwarze Kleidung und &#8211; nach Anweisung des biblischen Buches Leviticus &#8211; lange B\u00e4rte und Schl\u00e4fenlocken tragen.<br>Die orthodoxen Juden habe entschieden, f\u00fcr sich zu bleiben, um im Einklang mit dem Gesetz Gottes zu leben.<br>Viele sprechen auch heute noch Jiddisch, die aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangene Sprache ihrer V\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>P<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Pessach<\/strong><br>Das \u00bb\u00dcberschreitungsfest\u00ab oder Fest der unges\u00e4uerten Brote,<br>beginnt am 14. Nissan (M\u00e4rz &#8211; April) und dauert 8 Tage.<br>Erinnert an die Zeit, in der Moses die Juden aus der \u00e4gyptischen Gefangenschaft f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Podolien<\/strong><br>Podolien ist ein historisches Gebiet in der s\u00fcdwestlichen Ukraine&nbsp;<br>und im nord\u00f6stlichen Teil der Republik Moldau (hier die n\u00f6rdliche H\u00e4lfte Transnistriens).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Privileg <\/strong>\u00bbDe non tolerandis Judaeis\u00ab<br>Mit der Verleihung dieses Privilegs war es Juden nicht gestattet, sich in der Stadt niederzulassen und Handel zu treiben.&nbsp;<br>Ein Ergebnis wiederholter Forderungen christlicher B\u00fcrger, vor allem Handwerker und Einkommensh\u00e4ndler,&nbsp;<br>die ihre j\u00fcdischen Konkurrenten ausschalten wollten.<br>Die j\u00fcdischen B\u00fcrger mussten die betreffende Stadt verlassen und zogen in Ortschaften, denen das Privileg nicht verliehen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Pogrom<\/strong><br>Der oder das Pogrom (Verw\u00fcstung, Zertr\u00fcmmerung) steht f\u00fcr Hetze und gewaltt\u00e4tige Angriffe gegen Leben und Besitz einer religi\u00f6sen,&nbsp;<br>nationalen oder ethnischen Minderheit mit Duldung oder Unterst\u00fctzung der Staatsgewalt.&nbsp;<br>Das Judenpogrom von Odessa im Jahr 1821 war der erste Vorfall, der als Pogrom bezeichnet wurde.<br>International entwickelte sich der Begriff ab 1881 aus den antij\u00fcdischen Angriffen im zaristischen Russland.<br>Die Ermordung des Zaren Alexander II. von Russland durch die Untergrundorganisation Narodnaja Wolja im M\u00e4rz 1881 wurde den Juden angelastet.&nbsp;<br>Die nachfolgenden jahrelangen Judenverfolgungen wurden mit dem Begriff Pogrom bezeichnet, damit wurde der Begriff auch international bekannt.<br>In der Nachwirkung des Ersten Weltkriegs und der folgenden Konflikte, die Osteuropa heimsuchten&nbsp;<br>(Russische B\u00fcrgerkrieg &amp; Polnisch-Sowjetische Krieg) fanden Pogrome gegen die Juden statt.&nbsp;<br>Da vielfach den Juden unterstellt wurde, die Bolschewiki in Russland zu unterst\u00fctzen,&nbsp;<br>litten sie unter st\u00e4ndigen Angriffen der Gegner des Bolschewiki-Regimes. Sowohl Rote Armee und polnische Armee organisierten Pogrome.<br>Der Begriff \u201ePogrom\u201c hat sich inzwischen von seiner russischen Herkunft gel\u00f6st.&nbsp;<br>Verwendet wird er in der Umgangssprache und in historischen Einordnungen; er ist in die wissenschaftliche Fachsprache \u00fcbergegangen.&nbsp;<br>Der Begriff wird auch r\u00fcckwirkend verwendet, z. B. f\u00fcr mittelalterliche Geschehnisse.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rabbiner<\/strong><br>Der Lehrer und spirituelle F\u00fchrer einer j\u00fcdischen Gemeinde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rabbi<\/strong><br>J\u00fcdischer Titel: Mein Herr; urspr\u00fcnglich Anrede f\u00fcr H\u00f6hergestellte,<br>wurde sp\u00e4ter Titel f\u00fcr diplomierte Gelehrte,<br>im Chassidismus f\u00fcr den geistlichen F\u00fchrer der Gruppe der Chassidim, dessen Stelle auf den Sohn \u00fcberging, daher der Begriff \u00bbDynastie\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Raschi<\/strong><br>Rabbi Salomo ben Isaak (1040-1105), bedeutender Bibel- und Talmudinterpret,<br>Pflichtlekt\u00fcre im Cheder.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Reb<\/strong> (jiddisch)<br>Herr; steht vor dem Vornamen;<br>nicht zu verwechseln mit Rebbe, dem chassidischen Rabbiner.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>S<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sabbat<\/strong><br>Der Ruhetag in der j\u00fcdischen Woche.<br>Er beginnt am Freitagabend bei Sonnenuntergang und endet am Samstag bei Sonnenuntergang.<br>Gl\u00e4ubigen Juden war es am Sabbat verboten zu rauchen und Geld in die Hand zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sefirot<\/strong><br>Die zehn Emanationen (Eigenschaften) Gottes in der Kabbala.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sephardim<\/strong><br>Juden, die aus Spanien, Portugal sowie Nordafrika stammen, sowie deren Nachkommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Synagoge<\/strong><br>Im Zentrum des j\u00fcdischen Glaubens steht die Synagoge.<br>Das Wort \u00bbSynagoge\u00ab bedeutet urspr\u00fcnglich \u00bbVersammlung\u00ab.<br>Ein Ort, an dem 10 m\u00e4nnliche Juden zusammenkamen, galt als Synagoge, d.h. als Ort des Gebets und des Gottesdienstes.<br>Synagoge bezeichnet nicht nur die Versammlung, sondern auch das Geb\u00e4ude, in dem gebetet und studiert wird.<br>Das Judentum legt gro\u00dfen Wert darauf, dass die Synagoge ein Ort der Bildung ist,&nbsp;<br>an dem Hebr\u00e4isch gelernt und \u00fcber die Auslegung der Thora diskutiert wird.<br>Bilder und Statuen sind in der Synagoge nicht anzutreffen, denn die Thora verbietet \u00bbG\u00f6tzenbilder\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>T<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Talmud<\/strong><br>Der Textk\u00f6rper aus Diskussionen und Interpretationen der Tora,<br>den Rabbiner und Gelehrte im Laufe von Generationen zusammengestellt haben;<br>orthodoxen Juden dient er v.a. in moralisch-ethischen Fragen zur Orientierung.<br>Die erste Zusammenfassung des Stoffes wird als \u00bbMischna\u00ab bezeichnet.<br>Sp\u00e4tere Deutungen und Neuformulierungen sind in der \u00bbGemara\u00ab dokumentiert.<br>Mischna und Gemara bilden den Talmud.<br>Diese Sammlung von Kommentaren enth\u00e4lt etwa zweieinhalb Millionen W\u00f6rter.<br>Der gewaltigen Umfang mit einem breiten Themenspektrum deckt jeden erdenklichen Aspekt des menschlichen Lebens ab.&nbsp;<br>Es gibt zwei Versionen des Talmud: Der Jerusalemer Talmud wurde im 4. Jahrhundert in Israel zusammengestellt,<br>der umfangreichere Babylonische Talmud stammt aus Babylon (heute Irak) und entstand um das Jahr 500.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tora<\/strong><br>Die ersten f\u00fcnf B\u00fccher der Hebr\u00e4ischen Bibel;<br>sie werden als Offenbarungen Gottes betrachtet, die Moses auf dem Berg Sinai empfing.<br>Das hebr\u00e4ische Wort \u00bbThora\u00ab wird allgemein mit \u00bbGesetz\u00ab, \u00bbLehre\u00ab oder \u00bbWeisung \u00fcbersetzt.<br>Die Thora, die die Geschichte der ersten Juden schildert und Gottes Gebote an sein Volk darlegt,<br>ist der heiligste Text des Judentums; in jeder Synagoge findet sich ein Exemplar in hebr\u00e4ischer Sprache.<br>Die handgeschriebene Schriftrolle wird in einem Thoraschrein aufbewahrt, der den Mittelpunkt der Synagoge bildet.<br>Die Thorarolle wird mit gr\u00f6\u00dfter Sorgfalt geschrieben, denn der originale Text muss akkurat \u00fcbernommen werden.<br>Der Text ist zu heilig, um von Menschenhand ber\u00fchrt zu werden.<br>Wer in der Synagoge aus der Thora vorliest, verwendet einen Zeigestock mit einer Metallhand an der Spitze (Yad),<br>um den Zeilen zu folgen, damit die Rolle nicht beschmutzt oder anderweitig besch\u00e4digt wird.<br>W\u00e4re dies der Fall, m\u00fcsste sie f\u00fcr unbrauchbar erkl\u00e4rt und in einem Tonkrug auf einem j\u00fcdischen Friedhof begraben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>*****&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>W<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wolhynien<\/strong><br>Die historische Region Wolhynien erstreckt sich von ca. 52\u00ba bis 50\u00ba n\u00f6rdlicher Breite und 27\u00ba bis 24\u00ba \u00f6stlicher L\u00e4nge.&nbsp;<br>Im Westen wird sie begrenzt vom westlichen Bug, n\u00f6rdlich vom Prypjat und seinen Nebenfl\u00fcssen bzw. die durch sie gebildeten Sumpfgebiete,&nbsp;<br>im S\u00fcden und Osten gibt es keine naturr\u00e4umliche Begrenzung. Hier reicht Wolhynien etwa bis Dubno bzw. Schitomir\/\u017dytomyr.&nbsp;<br>Die Gr\u00f6\u00dfe der Region Wolhynien betr\u00e4gt ca. 90.000 qkm.&nbsp;<br>Heute liegt der Gro\u00dfteil der historischen Region Wolhynien in der Ukraine, kleinere Anteile in S\u00fcdostpolen und im S\u00fcdwesten Wei\u00dfrusslands.<br>Seit dem 12. Jahrhundert entstanden j\u00fcdische Gemeinden, die polnisch-litauische Adelsrepublik (1569\u20131795) entwickelte sich aufgrund einer toleranten Politik zum Zentrum j\u00fcdischen Lebens in Ost- &amp; Mitteleuropa, das wolhynische Schitomir zu einem Zentrum der chassidischen Bewegung.<br>Die Mehrzahl der Bewohner der Region waren Ukrainer, die Bev\u00f6lkerung bis zum Zweiten Weltkrieg multiethnisch.&nbsp;<br>In vielen St\u00e4dten stellten Juden die Bev\u00f6lkerungsmehrheit.<\/p>\n\n\n\n<p>*****<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Z<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zaddik<\/strong><br>Dem Zaddik wurden von seinen chassidischen Anh\u00e4ngern wundert\u00e4tige Kr\u00e4fte nachgesagt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zobelfellm\u00fctze<\/strong><br>Traditionelle Kopfbedeckung des chassidischen Rabbiners.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u017dytomir<\/strong><br>Stadt in der heutigen Ukraine.<br>Seit der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts gab es in Schytomyr eine bedeutende j\u00fcdische Gemeinde.&nbsp;<br>Die Stadt war ein Zentrum der chassidischen Bewegung und geh\u00f6rte im Zarenreich zum Ansiedlungsrayon.&nbsp;<br>Im Jahre 1891 war \u00fcber ein Drittel der Stadtbev\u00f6lkerung j\u00fcdisch. Zusammen mit Vilnius war dies der einzige Ort,&nbsp;<br>an dem die russische Regierung ein Rabbinerseminar zur Ausbildung von Rabbinern im Staatsdienst errichten lie\u00df.&nbsp;<br>Zu den bekannten Studenten des Rabbinerseminars geh\u00f6rte der Begr\u00fcnder des jiddischen Theaters, Abraham Goldfaden.&nbsp;<br>Der Schriftsteller Mendele Moicher Sforim wohnte in Schytomir,&nbsp;<br>und als Kind wuchs hier der bedeutende hebr\u00e4ische Dichter Chaim Nachman Bialik auf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>*****<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":3106,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-3094","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3094","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3094"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3094\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6038,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3094\/revisions\/6038"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3106"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3094"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3094"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3094"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}