{"id":3075,"date":"2022-05-29T10:00:00","date_gmt":"2022-05-29T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=3075"},"modified":"2024-06-11T15:15:33","modified_gmt":"2024-06-11T13:15:33","slug":"verortung-perspektive-_22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_22\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _22"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"275\" height=\"183\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Anais-Nin-II.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3086\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Anais-Nin-II.jpg 275w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Anais-Nin-II-18x12.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\" id=\"notstand-29-mai-2022\">Notstand 29. Mai 2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"marcel-proust-1871-1922\"><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong>Ana\u00efs Nin<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><br>(1903 &#8211; 1977)<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#fe0000\" class=\"has-inline-color\">Das Delta der Venus<\/mark><\/strong><br>Erz\u00e4hlungen<br>Aus dem Amerikanischen von Eva Bornemann<br><em>Fischer Taschenbuch, Frankfurt 2012<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Amerikanische Originalausgabe:<br>Delta of Venus<br><em>Verlag Harcourt Brace, New York 1977<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>POSTSKRIPTUM<\/p>\n\n\n\n<p>Damals, als wir alle Erotika f\u00fcr einen Dollar die Seite verfassten, war es mir klargeworden, da\u00df wir jahrhundertelang nur ein einziges Vorbild f\u00fcr diese literarisches Genre gehabt hatten:<br>Die Schriften der M\u00e4nner. Schon damals fiel mir der Unterschied zwischen weiblicher und m\u00e4nnlicher Sexualit\u00e4t auf. Ich hatte erkannt, da\u00df es wesentliche Gegens\u00e4tze zwischen der  Ausdr\u00fccklichkeit eines Henry Miller und meinen Verschleierungen &#8211; zwischen der derb-komischen Sicht des Sexus und meinen eher lyrischen Schilderungen erotischer Beziehungen in den unver\u00f6ffentlichten Passagen meines Tagebuchs, in dessen drittem Band ich andeutete, Pandoras B\u00fcchse enthielte eigentlich die R\u00e4tsel weiblicher Sexualit\u00e4t, die so anders war als die m\u00e4nnliche und f\u00fcr welche die Sprache des Mannes nicht ausreichte. Frauen, meinte ich, neigten dazu Geschlechtlichkeit mit Gef\u00fchl, mit Liebe zu verschmelzen&nbsp;und sich lieber einen einzigen Mann auszusuchen, als h\u00e4ufig den Partner zu wechseln. Dies wurde mir, w\u00e4hrend ich die Romane und das Tagebuch verfa\u00dfte, klar und wurde noch deutlicher,<br>als ich mit dem Unterricht begann. Obwohl die Einstellung der Frauen dem Sex gegen\u00fcber ganz anders als die der M\u00e4nner war,<br>hatten wir es nicht gelernt, dar\u00fcber zu schreiben. Diese Erotika, die ich ja nur als Unterhaltung und auf Bestellung verfasste,&nbsp;unter dem Druck eines Auftraggebers, der mir aufgetragen hatte, \u00bbdie Poesie wegzulassen\u00ab,&nbsp;schrieb ich unter dem Eindruck einer von M\u00e4nnern verfa\u00dften Literatur. Deshalb glaubte ich immer, ich h\u00e4tte die weibliche Sache verraten. Aber wenn ich nun diese, vor so langer Zeit verfa\u00dften Texte wieder lese, merke ich, da\u00df meine eigene Stimme nicht ganz unterdr\u00fcckt war,&nbsp;denn in vielen Passagen sprach ich intuitiv in der Sprache der Frau und schilderte sexuelles Erleben aus weiblicher Sicht. Am Ende entschlo\u00df ich mich zu einer Ver\u00f6ffentlichung der Erotika, weil sie die ersten Schritte einer Frau auf einem Gebiet belegen, das bisher nur M\u00e4nnern \u00fcberlassen war.<br>Sollte die unzensierte Fassung des Tagebuches je ver\u00f6ffentlicht werden, wird diese weibliche Sicht deutlicher werden. Sie wird zeigen, da\u00df Frauen (wie auch ich, im Tagebuch) niemals Sexualit\u00e4t von Gef\u00fchl, von Liebe zum ganzen Mann getrennt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ana\u00efs Nin, Los&nbsp;Angeles, September 1976<\/p>\n\n\n\n<p>Kontrapunkt<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/04-Tu-Es-Ma-Came.m4a\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Carla Bruni <\/strong>(*1967) : Tu Es Ma Came<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspektive-22\">Perspektive 22<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Institut zur Verbesserung der Lage. Eine Aufforderung zum Tanz.<br>Das Institut zur Verbesserung. Eine Herausforderung.<br>Das Institut. Ein Diskurs.<\/p>\n\n\n\n<p>Literaturen der Welt.<br>Erotische Literaturen von Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Tageb\u00fccher als Traumwelten.<br>Drehb\u00fccher als Lehrb\u00fccher f\u00fcr Innenwelten.<br>Sudelb\u00fccher als Literatur f\u00fcr &amp; \u00fcber Scheinwelten?<br>Schmuddelb\u00fccher als erotische Literatur von &amp; \u00fcber Unterwelten?<br>Kassenb\u00fccher als erotische Literatur von &amp; f\u00fcr &amp; \u00fcber Gesch\u00e4ftswelten?<\/p>\n\n\n\n<p>Sex sells.<br>Sex &amp; crime.<br>Tristan &amp; Isolde. Romeo &amp; Julia. Carmen. Don Giovanni. Salom\u00e9. Falstaff: Cos\u00ec fan tutte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sex hat Macht.<br>Macht braucht Sex.<br>Sex gebraucht Macht.<br>Macht missbraucht Sex.<\/p>\n\n\n\n<p>Sex kauft Bilder.<br>Bilder verkaufen Sex.<br>Sex zahlt Politik.<br>Politik bezahlt Sex.<\/p>\n\n\n\n<p>Sex kennt Kirchen.<br>Kirchen verkennen Sex.<br>Sex nutzt Religionen.<br>Religionen benutzen Sex.<\/p>\n\n\n\n<p>Sex kennt Pornographie<br>Pornographie braucht Verlangen.<br>Verlangen sucht Befriedigung.<br>Befriedigung ist k\u00e4uflich. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sex. Oralsex. Cybersex. Gruppensex. Telefonsex. Zum Beispiel.<br>Sexus. Geschlecht. Geschlechtstrieb. Grammatikalisches Geschlecht. Zum Beispiel.<br>Sexualit\u00e4t. Bisexualit\u00e4t. Asexualit\u00e4t. Homosexualit\u00e4t. Transsexualit\u00e4t. Intersexualit\u00e4t. Zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Eros. Gott der Liebe.<br>Erotik. Analerotik. Objekterotik. Zum Beispiel.<br>Erotomane. Erotomanie. Erotikon. Zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Lust. Lebenslust. Wollust. Fleischeslust. Mordlust. Zum Beispiel.<br>Gier. Beutegier. Geldgier. Raffgier. Liebesgier. Begierde. Begehren. Zum Beispiel.<br>Sucht. Sehnsucht. Habsucht. Eifersucht. Rachsucht. Gefallsucht. Drogensucht. Fresssucht. Zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Institut zur Verbesserung der Lage. Eine Aufforderung zum Tanz.<br>Das Institut zur Verbesserung. Eine Herausforderung.<br>Das Institut. Eine \u00dcberforderung?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Diskurs.<br>Ein Diskurs \u00fcber ein Deltabuch.<br>Ein Diskurs \u00fcber das \u00bbDelta der Venus\u00ab von Ana\u00efs Nin:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00bb<\/strong>Dann verlor sie schlie\u00dflich die Beherrschung und fiel vor dem stocksteifen St\u00e4nder auf die Knie.<br>Sie ber\u00fchrte ihn nicht, sie verschlang ihn nur mit den Augen.<br>Sie fl\u00fcsterte: \u201eWie sch\u00f6n er ist!&#8220;<br>Er war sichtlich betroffen, und sein Glied wurde noch steifer.<br>Sie kniete dicht daneben, die h\u00e4tte es fast mit dem Mund ber\u00fchren k\u00f6nnen,<br>aber sie wiederholte nur: \u201eWie sch\u00f6n er ist!\u201c.<br>Da er sich nicht bewegte, rutschte sie n\u00e4her, die Lippen leicht ge\u00f6ffnet,<br>und zart, ganz zart ber\u00fchrte sie die Spitze des gl\u00e4nzenden Schaftes mit der Zunge.<br>Er r\u00fchrte sich nicht.<br>Statt dessen beobachtete er ihr Gesicht und die flinke Zunge,<br>die immer z\u00e4rtlicher die Spitze seines Schwanzes umspielte.<br>Sie leckte ihn sanft und mit der Behutsamkeit einer Katze.<br>Dann nahm sie ihn ein St\u00fcck in den Mund und umschlo\u00df es fest mit den Lippen.<br>Es bebte.<br>Sie hielt sich zur\u00fcck, sie wollte nicht weitergehen, denn sie hatte Angst, er k\u00f6nnte sich wehren.<br>Als sie innehielt, ermutigte er sie nicht, fortzufahren. Es schien ihm zu gen\u00fcgen.<br>Marianne glaubte, sie d\u00fcrfte sich nicht mehr herausnehmen.<br>In ihrem Innern brauste ein Sturm.<strong>\u00ab<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Studiert hat Ana\u00efs Nin Psychoanalyse. Bei Otto Rank.<br>Studiert hat Ana\u00efs Nin das Leben. In Br\u00fcssel, Arcachon, Barcelona, Paris &amp; New York.<br>Studiert hat Ana\u00efs Nin das \u00dcberleben. Mit Bankangestellten, Sigmund Freud &amp; C.G. Jung. &nbsp;&nbsp;<br>Ber\u00fcchtigt war Ana\u00efs Nin f\u00fcr ihre vielen gleichzeitig gelebten Lieb- &amp; Leidenschaften.<br>Ber\u00fchmt wurde Ana\u00efs Nin als schreibende Lebensabschnittsparterin von Henry Miller.&nbsp;<br>Weltber\u00fchmt wurde Ana\u00efs Nin durch die Ver\u00f6ffentlichung ihrer weltoffenen Tageb\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<p>1974 wurde sie in die American Academy of Arts and Letters gew\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als das von Ana\u00efs Nin lange zur\u00fcckgehaltene Buch kurz vor ihrem Tod 1977 erschien, schrieb die weltoffene \u00bbNew York Times\u00ab:<br>\u00bbDies ist das sch\u00f6nste und direkteste Buch, das je von einer Frau geschrieben wurde.<br>Was es zum doppelten Genuss macht, ist seine Sprache: delikat und geschmeidig, direkt und sinnlich.\u00ab&nbsp;<br>Als ihr lange zur\u00fcckgehaltenes Buch 1983 in Deutschland erschien, wurde es als pornographisch und jugendgef\u00e4hrdend bewertet und beschlagnahmt. Zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Institut zur Verbesserung der Lage. Eine Aufforderung zum Tanz.<br>Das Institut zur Verbesserung. Eine Herausforderung.<br>Das Institut. Eine \u00dcberforderung? Unterforderung? Anforderung? Einforderung? Nachforderung? R\u00fcckforderung?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Institut zur Verbesserung der Lage. Eine Anleitung zum Gebrauch von Herz oder Zunge, Hirn oder Schwanz?<br>Das Institut zur Verbesserung der Lage. Eine Anleitung zum Gebrauch von Hirn und Zunge, Herz und Schwanz?<br>Antworten nach dem Lesen des Buches. Vielleicht.<br>Fragen nach dem Lesen das Buches. Bestimmt.<br>Schweigen nach dem Lesen des Buches. Vermutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Institut zur Verbesserung der Lage. Eine Versuchung?<br>Das Institut zur Verbesserung der Lage. Eine Verf\u00fchrung?<br>Das Institut zur Verbesserung der Lage. Eine Verortung?<br>Das Institut zur Verbesserung der Lage. Eine Perspektive \u00fcber die Tabulaturen unserer Tabus zu staunen.&nbsp;<br>Das Institut zur Verbesserung der Lage. Eine M\u00f6glichkeit \u00fcber die Boten der Verbote zu erstaunen.<br>Das Institut zur Verbesserung der Lage. Eine M\u00f6glichkeit das Verbotene an dessen Boten zu bestaunen.&nbsp;<br>Das Institut zur Verbesserung der Lage. Eine Bestandsaufnahme von Bedr\u00e4ngnis und Verdr\u00e4ngung, von Scham und Schamlosen?<\/p>\n\n\n\n<p>All das ist zu kl\u00e4ren. Zu diskutieren.&nbsp;<br>Nach dem Lesen des Buches.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder auch nicht.<br>Oder \u00f6fters?<br>Oder?<\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":3088,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-3075","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding","resize-featured-image"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3075","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3075"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3075\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5026,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3075\/revisions\/5026"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3088"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3075"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3075"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3075"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}