{"id":2886,"date":"2022-04-03T10:00:00","date_gmt":"2022-04-03T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=2886"},"modified":"2024-06-11T15:19:01","modified_gmt":"2024-06-11T13:19:01","slug":"verortung-perspektive-_14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_14\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _14"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"279\" height=\"181\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Natalia-Ginzburg-II.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2895\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Natalia-Ginzburg-II.jpg 279w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Natalia-Ginzburg-II-18x12.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 279px) 100vw, 279px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\" id=\"familienstand-3-april-2022\">Familienstand 3. April 2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"marcel-proust-1871-1922\"><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong><strong>Natalia Ginzburg<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><br>(1916 &#8211; 1991)<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#ff0303\" class=\"has-inline-color\"><strong><strong><strong><strong><strong>Die kleinen Tugenden<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/mark><\/strong><br>Aus dem Italienischen von Maja Plug<br><em>Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Was die Erziehung angeht, denke ich, man mu\u00df die Kinder nicht die kleinen Tugenden lehren,&nbsp;<br>sondern die gro\u00dfen.<br>Nicht Sparsamkeit, sondern Freigiebigkeit und Gleichg\u00fcltigkeit<br>gegen\u00fcber Geld;<br>nicht Vorsicht, sondern Mut und Verachtung der Gefahr;<br>nicht Schlauheit, sondern Freim\u00fctigkeit und Wahrheitsliebe;<br>nicht Diplomatie, sondern Liebe zum N\u00e4chsten und Selbstlosigkeit;<br>nicht das Streben nach Erfolg, sondern das Streben nach Sein und Wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gew\u00f6hnlich machen wir es umgekehrt: Wir beeilen uns,&nbsp;<br>ihnen Achtung vor den kleinen Tugenden einzufl\u00f6\u00dfen und darauf ein ganzes Erziehungssystem aufzubauen.<br>Auf diese Weise w\u00e4hlen wir den bequemsten Weg:<br>Denn die kleinen Tugenden bergen keine materielle Gefahr, im Gegenteil, sie sch\u00fctzen eher vor Schicksalsschl\u00e4gen.<br>Wir vernachl\u00e4ssigen es, die Kinder die gro\u00dfen Tugenden zu lehren,<br>die wir doch lieben und von denen wir w\u00fcnschten, da\u00df die Kinder sie bes\u00e4\u00dfen:<br>Aber wir vertrauen darauf, da\u00df sie eines zuk\u00fcnftigen Tages spontan in ihrem Wesen erwachen,<br>da wir die gro\u00dfen Tugenden f\u00fcr etwas Instinktives halten, w\u00e4hrend die anderen, die kleinen,<br>uns die Frucht von \u00dcberlegung und Berechnung zu sein scheinen, daher denken wir,<br>wir m\u00fcssen sie den Kindern unbedingt beibringen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Wirklichkeit ist der Unterschied nur scheinbar.<br>Auch die kleinen Tugenden kommen aus der Tiefe des Instinkts, aus einem Verteidigungsinstinkt:<br>Aber aus ihnen spricht die Vernunft, sie urteilt und pl\u00e4diert,<br>brillanter Advokat der pers\u00f6nlichen Unversehrtheit.<br>Die gro\u00dfen Tugenden erwachsen aus einem Instinkt, bei dem nicht der Verstand spricht,<br>einem Instinkt, den ich schwer benennen k\u00f6nnte.<br>Unser Bestes liegt in diesem stummen Instinkt, nicht in unserem Verteidigungsinstinkt,<br>der argumentiert, urteilt, pl\u00e4diert mit der Stimme der Vernunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erziehung ist nichts als eine bestimmte Beziehung, die wir zwischen uns und den Kindern herstellen,<br>ein bestimmtes Klima, in dem Gef\u00fchle, Instinkte und Gedanken gedeihen.<br>Nun glaube ich, da\u00df in einem ganz von der Achtung vor den kleinen Tugenden gepr\u00e4gten Klima<br>unmerklich Zynismus oder Angst vor dem Leben heranreifen.<br>An sich haben die kleinen Tugenden nichts mit Zynismus oder Angst vor dem Leben zu tun:<br>Aber zusammengenommen und ohne die gro\u00dfen Tugenden bringen sie eine Atmosph\u00e4re hervor,<br>die zu jenen Konsequenzen f\u00fchrt.<br>Nicht da\u00df die kleinen Tugenden als solche ver\u00e4chtlich w\u00e4ren:<br>Aber ihr Wert ist nicht substantiell, sondern eine Erg\u00e4nzung;<br>sie k\u00f6nnen nicht allein ohne die anderen bestehen und sind allein, ohne die anderen,<br>schmale Kost f\u00fcr das Wesen des Menschen.<br>Die Art und Weise, wie man mit den kleinen Tugenden umgeht,&nbsp;<br>ma\u00dfvoll und wenn es g\u00e4nzlich unumg\u00e4nglich ist, kann der Mensch um sich herum sehen und mit der Luft einatmen:<br>denn die kleinen Tugenden sind sehr gew\u00f6hnlich und verbreitet unter den Menschen.<br>Die gro\u00dfen Tugenden aber, die kann man nicht mit der Luft einatmen:<br>Und sie m\u00fcssen das erste wesentliche Element unserer Beziehung zu unseren Kindern,<br>die erste Grundlage unserer Erziehung sein.<br>Dar\u00fcber hinaus kann das Gro\u00dfe auch das Kleine enthalten:<br>Das Kleine aber, das ist Naturgesetz, kann auf keine Weise das Gro\u00dfe enthalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hilft nicht, wenn wir versuchen, uns in der Beziehung zu unseren Kindern darauf zu besinnen und zu st\u00fctzen,<br>wie unsere Eltern sich uns gegen\u00fcber verhielten&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Kontrapunkt<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/2-02-Piano-Trio-No.-2-Op.-100-D.-929_-II.-Andante-con-Moto.m4a\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Franz Schubert (1797 &#8211; 1828) : Klaviertrio Nr. 2, Op. 100, D. 929: Andante con Moto<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspektive-14\">Perspektive 14<\/h3>\n\n\n\n<p><strong>M\u00f6glichkeiten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Tugenden zu benennen ist mutig.<br>Tugenden zu kennen ist sittlich.<br>Tugenden zu bekennen ist ein erster Schritt.<br>Tugenden zu leben ist unendlich schwer.<br>Tugenden zu predigen ist unendlich leicht.<br>Tugenden zu verachten ist der erste Schritt.<br>Zum Terror der Tugenden.<br>Zur Diktatur der Tugenden.<br>Zum Krieg der Tugenden.<br>Zu den Aufsichts(rat)ratten der Tugenden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Tugenden zu benennen ist ein erster Schritt.<br>Tugenden zu kennen ist mutig.<br>Tugenden zu bekennen ist unendlich schwer.<br>Tugenden zu leben ist sittlich.<br>Tugenden zu verachten ist unendlich leicht.<br>Tugenden zu predigen ist der erste Schritt.<br>Zu den Tugenden des Terrors.<br>Zu den Tugenden der Diktatur.<br>Zu den Tugenden der Kriege.<br>Zu den Tugenden der Aufsichts(rat)ratten.<\/p>\n\n\n\n<p>Tugenden zu trennen ist ein erster Schritt.<br>Tugenden zu verkennen ist unendlich leicht.<br>Tugenden zu erkennen ist sittlich.<br>Tugenden zu erleben ist mutig.<br>Tugenden zu achten ist unendlich schwer.<br>Tugenden zu dogmatisieren ist der erste Schritt.<br>Zum Kanon des Terrors.<br>Zum Leben in Diktaturen.<br>Zur Achtung der Kriege.<br>Zur Aufsicht der Aufsichts(rat)ratten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Institut zur Verbesserung der Lage erlaubt sich in Erinnerung zu rufen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nach Platon<\/strong> (Protagoras, um 380 v. Chr.).&nbsp;<br>Die vier klassischen Grundtugenden:&nbsp;<br>Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und M\u00e4\u00dfigung.&nbsp;<br>(Seit dem Mittelalter bekannt als \u201eKardinaltugenden\u201c)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nach Prudentius<\/strong> (Psychomachia, 11. Jahrhundert).<br>Die sieben himmlischen Tugenden:&nbsp;&nbsp;<br>Demut (humilitas) \u2022 Mildt\u00e4tigkeit (caritas) \u2022 Keuschheit (castitas) \u2022 Geduld (patientia)&nbsp;\u2022&nbsp;<br>M\u00e4\u00dfigung (temperantia) \u2022 Wohlwollen (humanitas) \u2022&nbsp;Flei\u00df (industria)<\/p>\n\n\n\n<p>Die sieben Untugenden (Tods\u00fcnden):<br>Hochmut&nbsp;\u2022&nbsp;(superbia)&nbsp;\u2022&nbsp;Habgier (avaritia)&nbsp;\u2022&nbsp;Wollust (luxuria)&nbsp;\u2022&nbsp;Zorn (ira)&nbsp;\u2022<br>V\u00f6llerei (gula)&nbsp;\u2022&nbsp;Neid (invidia)&nbsp;\u2022&nbsp;Faulheit (acedia)<\/p>\n\n\n\n<p>Natalia Ginzburg, aus einer j\u00fcdischen Familie stammend, wurde 1916 in Palermo geboren.<br>Ihre Kindheit verbrachte sie in Turin.<br>Ihr erster Mann starb an den Folgen der Folter durch selbsternannte Tugendw\u00e4chter: durch Nazis.<br>Mit ihrem ersten Mann, Leone Ginzburg, hatte sie 3 Kinder.<br>Mit ihren zweiten Gatten, Gabriele Baldini, hatte Frau Ginzburg nochmals 2 Kinder.<br>Beide Neugeborene kamen mit Behinderungen zur Welt.<br>Mit 26 Jahren begann Natalia Ginzburg Proust zu \u00fcbersetzen: den ersten Band der verlorenen Zeit.<br>Das war 1942. 1943 erkl\u00e4rte die Achsenmacht Italien der Achsenmacht Deutschland den Krieg.<br>Eine Zeit der Rache, der Vergeltung, der Vernichtung, der Verachtung. Vorher war es nicht anders.<br>Eine Zeit aber auch des Widerstandes, der Lieb- &amp; Freundschaften, des Vertrauens. Nicht f\u00fcr jeden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwanzig Jahre sp\u00e4ter (1963) entstand ihr vielleicht ber\u00fchmteste Buch: \u00bbFamilienlexikon\u00ab<br>Eine Chronik der Konfessionen, Obsessionen, Missionen und Passionen als Familienroman.<\/p>\n\n\n\n<p>Natalia Ginzburg hatte 5 Kinder. Mit zwei Ehem\u00e4nnern.&nbsp;<br>Natalia Ginzburg hatte Familie. Auch ohne Ehem\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Natalia Ginzburg wusste wor\u00fcber sie schrieb.<br>Wenn sie \u00fcber Familie, Eltern, Kinder, Verwandte, Bekannte, Feinde und Freunde schrieb.<br>Wir sollten der gro\u00dfen Dame der modernen italienischen Literatur aufmerksam zuh\u00f6ren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Natalia Ginzburg hat in einem kleinen B\u00fcchlein gro\u00dfe Themen aufgegriffen.<br>Ihre An- &amp; Klarsichten \u00fcber \u00bbDie kleinen Tugenden\u00ab verhandeln die gro\u00dfen Antworten.<br>Begegnen dem Erfolg wie den Erfolgreichen mit \u00dcber-, Um-, Weit- &amp; Einsicht. Mit Fragen.&nbsp;<br>Ihre 1960 ver\u00f6ffentlichte Schrift \u00bbDie kleinen Tugenden\u00ab ist die letzte von elf Geschichten.<br>Elf leise Geschichten \u00fcber sturmlaute Lebenserfahrungen. \u00dcber Lebensgef\u00e4hrdungen.<br>Elf Geschichten \u00fcber das Schweigen, \u00fcber Verbannung, \u00fcber Zweifel und Verzweiflungen.<br>\u00dcber des Menschen Sohn, einen Winter in den Abruzzen, \u00fcber \u00bble scarpe rotte\u00ab.<br>Die Perspektiven ihres Berufes &amp; ER und ICH werden verortet, Lob und Tadel ge- &amp; verteilt.<br>Natalia Ginzburg erz\u00e4hlt \u00fcber menschliche und unmenschliche Beziehungen. Mit Absicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Natalia Ginzburg wusste wor\u00fcber,<br>Natalia Ginzburg wusste warum,<br>Natalia Ginzburg wusste weshalb,<br>Natalia Ginzburg wusste wozu sie schrieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Natalia Ginzburg wusste womit sie schrieb.<br>Immer mit der Hand. Stets mit Bleistift.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6ren wir einer Gro\u00dfen Dame der italienischen Literatur im 20. Jahrhundert aufmerksam zu.<br><strong>Bitte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":3481,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-2886","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding","resize-featured-image"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2886","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2886"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2886\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5034,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2886\/revisions\/5034"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3481"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2886"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2886"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2886"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}