{"id":2821,"date":"2022-03-06T10:00:00","date_gmt":"2022-03-06T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=2821"},"modified":"2024-06-11T15:21:05","modified_gmt":"2024-06-11T13:21:05","slug":"verortung-perspektive-_10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_10\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _10"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"271\" height=\"186\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Wislawa-Szymborska-I.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2827\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Wislawa-Szymborska-I.jpg 271w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Wislawa-Szymborska-I-18x12.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 271px) 100vw, 271px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\" id=\"zeugenstand-20-2-2022\">Zeugenstand 20.2.2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"wislawa-szymborska-1923-2012\"><strong><strong><strong><strong><strong>Wis\u0142awa Szymborska<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><br>(1923 &#8211; 2012)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#fe0000\" class=\"has-inline-color\"><strong>Gl\u00fcckliche Liebe<\/strong><br><strong>und andere Gedichte<\/strong><\/mark><br>Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall und Karl Dedecius<br>Mit einer Nachbemerkung von Adam Zagajewski<br><em>Suhrkamp Verlag, Berlin 2012<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">ABC<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nie werde ich erfahren,<br>was A. von mir dachte.<br>Ob mir B. bis zuletzt nicht verziehen hat.<br>Warum C. so tat, als sei alles in Ordnung.<br>Welchen Anteil D. am Schweigen von E. hatte.<br>Was F. erwartete, falls er erwartete.<br>Weshalb G. verga\u00df, obwohl sie genau wusste.<br>Was H. zu verbergen hatte.<br>Was I. hinzuf\u00fcgen wollte.<br>Ob die Tatsache, da\u00df ich dabei war,<br>irgendwas bedeutete<br>f\u00fcr J. und K. und den Rest des Alphabets.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">*****<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Dinge sprechen k\u00f6nnten &#8211;<br>aber wenn sie sprechen k\u00f6nnten, k\u00f6nnten sie auch l\u00fcgen.<br>Vor allem die gew\u00f6hnlichen, wenig gesch\u00e4tzten,<br>um endlich Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.<br>Grauenhaft sich vorzustellen,<br>was mir dein abgerissener Knopf sagen w\u00fcrde,<br>und dir &#8211; mein Wohnungsschl\u00fcssel,<br>der alte Schw\u00e4tzer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">*****<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Scheidung<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Kinder der erste Weltuntergang im Leben.<br>F\u00fcr die Katze ein neues Herrchen.<br>F\u00fcr den Hund ein neues Frauchen.<br>F\u00fcr die M\u00f6bel Treppen, Krach, rauf und runter.<br>F\u00fcr die W\u00e4nde helle Quadrate von den abgenommenen Bildern.<br>F\u00fcr die Nachbarn unten ein Thema, das die Langeweile zerstreut.<br>F\u00fcr\u2019s Auto w\u00e4r\u2019s besser, wenn es zwei davon g\u00e4be.<br>F\u00fcr den Roman, das Gedicht &#8211; in Ordnung, nimm was du willst.<br>Schlechter sieht\u2019s aus mit Enzyklop\u00e4die und Videoanlage,<br>ja, und mit dem Handbuch f\u00fcr Rechtschreibung,<br>wo wahrscheinlich Hinweise sind auf zwei Namen &#8211;<br>soll man sie noch mit der Konjunktion \u00bbund\u00ab verbinden<br>oder schon mit einem Punkt trennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">*****<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Flughafen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie laufen mit offenen Armen aufeinander zu,<br>rufen lachend: \u00bbEndlich! Endlich!\u00ab<br>Beide in dicker Winterkleidung,<br>in warmen M\u00fctzen,<br>Schals,<br>Handschuhen,<br>Stiefeln &#8211;<br>aber nur noch f\u00fcr uns.<br>F\u00fcreinander sind sie nackt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">*****<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An mein Gedicht<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im besten Fall<br>wirst du, mein Gedicht, aufmerksam gelesen,<br>kommentiert und in Erinnerung behalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im schlechteren Fall<br>nur durchgelesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die dritte M\u00f6glichkeit &#8211;<br>du wirst geschrieben,<br>aber gleich in den Papierkorb geworfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder du kannst den vierten Ausweg w\u00e4hlen:<br>du verschwindest ungeschrieben<br>und murmelst zufrieden vor dich hin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kontrapunkt<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/1-05-Piano-Concerto-No.-21-in-C-K.-467_-II.-Andante.m4a\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wolfgang Amadeus Mozart (1756 &#8211; 1791)&nbsp;:&nbsp;Piano Concerto No. 21 in C, K. 467: II. Andante<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspektive-10\">Perspektive 10<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir wissen es:<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nichts deuten.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nichts bedeuten.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nicht f\u00fcr literarische Qualit\u00e4ten stehen.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nicht angenommen werden.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nicht vergeben werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Literatur-Nobelpreis des Jahres 1996 ging an&nbsp;Wis\u0142awa Szymborska.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir wissen es:<br>Ein Buch kann &#8211; muss aber nicht nobel gepriesen werden.<br>Ein nobel gepriesenes Buch kann &#8211; muss aber nicht erworben werden.<br>Ein erworbenes Buch kann &#8211; muss aber nicht aufgeschlagen werden.<br>Ein aufgeschlagenes Buch kann &#8211; muss aber nicht gelesen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir wissen es:<br>W\u00fcrde man die B\u00fccher von Wis\u0142awa Szymborska erwerben, aufschlagen und lesen:<br>es w\u00fcrde das jubelbegeisterte Lobpreisen kein Ende nehmen.<br>Denn viele Dinge, Befindlichkeiten, vermeintliche Tatsachen &amp; ertr\u00e4umte Realit\u00e4ten w\u00fcrden&nbsp;<br>uns aus ungewohnter Perspektive erstaunen. Begegnen. Entkommen. Erschrecken. Begl\u00fccken.&nbsp;<br>W\u00fcrde man die B\u00fccher von Wis\u0142awa Szymborska erwerben, aufschlagen und lesen:<br>man w\u00fcrde lernen, zwischen den Zeilen zu lesen, zu denken, zu f\u00fchlen, zu leben, zu urteilen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir wissen es<br>Der Literatur-Nobelpreis des Jahres 1996 ging an&nbsp;Wis\u0142awa Szymborska.<br>Eine gro\u00dfe polnische Dichterin, ungemein bescheiden, unbeirrbar \u00f6ffentlichkeits- &amp; medienscheu.&nbsp;<br>Eine unbestechlich klar- &amp; weitsichtige Zeit- &amp; Leidzeugin von Weltsichten vor &amp; hinter dem eisernen Vorhang.&nbsp;<br>Die polnische Literatur-Nobelpreistr\u00e4gerin&nbsp;Wis\u0142awa Szymborska, wohnhaft in der kreisfreien Stadt Krakau,<br>(die zumeist Einladungen mit den Worten ablehnte: \u00bbIch komme, sobald ich j\u00fcnger bin.\u00ab),&nbsp;<br>virtuose Meisterin der poetischen Verdichtung, der Verzauberung des Allt\u00e4glichen, &nbsp; &nbsp;<br>hielt 1996 die k\u00fcrzeste Dankesrede in der Geschichte der Nobelpreisvergabe:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbDer erste Satz einer Rede ist &#8211; sagt man &#8211; immer der schwerste.<br>Das also habe ich schon hinter mir&#8230;<br>Aber ich f\u00fchle, dass auch die n\u00e4chsten S\u00e4tze schwer sein werden,<br>der dritte, sechste, zehnte bis hin zum letzten, denn ich soll \u00fcber Poesie sprechen.<br>Zu diesem Thema habe ich mich selten ge\u00e4u\u00dfert, fast \u00fcberhaupt nicht.<br>Und immer begleitet von der \u00dcberzeugung, dass ich es nicht sonderlich gut mache.<br>Deshalb wird mein Vortrag nicht allzu lang.<br>Unvollkommenheiten sind leichter ertr\u00e4glicher, wenn man sie in kleinen Dosen verabreicht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wohl auch eine der sch\u00f6nsten. Ehrlichsten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Haupt- &amp; Nebensachen, Haupt- &amp; Nebendarsteller, Haupt- &amp; Nebenrollen,&nbsp;<br>Haupt- &amp; Nebenw\u00f6rter, Haupt- &amp; Nebens\u00e4tze wusste sie wohl zu unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche haben es ihr gedankt, viele ver\u00fcbelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir wissen es:<br>W\u00fcrde man die B\u00fccher von Wis\u0142awa Szymborska erwerben, aufschlagen und lesen:<br>wir w\u00fcrden ihre folgenden Zeilen nicht als Bedrohung, Gef\u00e4hrdung oder unvermeidbaren Wahlzwang lesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbJedem wird einmal ein Angeh\u00f6riger sterben,<br>zwischen Sein oder Nichtsein<br>gezwungen, letzteres zu w\u00e4hlen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie das Gedicht weitergef\u00fchrt wird? : bitte: erwerben &amp; lesen Sie: Gl\u00fcckliche Liebe: Seite 85: \u00bbJedem wird einmal\u2026\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">P.s.:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus der Pressemitteilung der Schwedischen Akademie vom 3. Oktober 1996:<br>Der Nobelpreis f\u00fcr Literatur:&nbsp;Wis\u0142awa Szymborska. (\u2026)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbMan hat sie Mozart der Poesie genannt, und das hat seine Berechtigung,&nbsp;wenn man an den Reichtum ihrer Eingebung und gerade auch an die Leichtigkeit denkt,&nbsp;mit der die Worte auf ihren Platz zu fallen scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Renald Deppe)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":2828,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-2821","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding","resize-featured-image"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2821","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2821"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2821\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5038,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2821\/revisions\/5038"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2828"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2821"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2821"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2821"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}