{"id":2638,"date":"2022-01-30T10:00:00","date_gmt":"2022-01-30T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=2638"},"modified":"2024-06-11T15:22:54","modified_gmt":"2024-06-11T13:22:54","slug":"verortung-perspektive-_05","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_05\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _05"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"294\" height=\"172\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Isabella-Guanzini-I.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2927\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Isabella-Guanzini-I.jpg 294w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Isabella-Guanzini-I-18x12.jpg 18w\" sizes=\"auto, (max-width: 294px) 100vw, 294px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\" id=\"anstand-30-01-2022\">Anstand 30.01.2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"isabella-guanzini\"><strong><strong><strong>Isabella Guanzini<\/strong><\/strong><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"1973\">(*1973)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#f5160a\" class=\"has-inline-color\"><strong><strong>Z\u00e4rtlichkeit<\/strong><\/strong><\/mark><\/strong><br>Eine Philosophie der sanften Macht<br>(Aus dem Italienischen \u00fcbersetzt von Grit Fr\u00f6hlich und Ruth Karzel)<br><em>Verlag C.H. Beck, M\u00fcnchen 2019<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber Z\u00e4rtlichkeit zu schreiben ist eine Gratwanderung.<br>Man l\u00e4uft st\u00e4ndig Gefahr, in einen pathetischen Ton zu verfallen.<br>Doch wie k\u00f6nnen wir vergessen, dass wir ohne sie nicht hier w\u00e4ren,<br>dass sie uns ins Leben gerufen hat (und dass wir hoffen, ihr m\u00f6glichst bald wieder zu begegnen)?<br>Unter welchen Schwierigkeiten wir auch in diese Welt gekommen sein m\u00f6gen,<br>so gab es doch zumindest eine Z\u00e4rtlich Geste, die verhindert hat, dass wir wieder gehen.<br>Oder von der Welt erdr\u00fcckt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber Z\u00e4rtlichkeit zu sprechen, ber\u00fchrt sensible Punkte, weckt uralte Gef\u00fchle,<br>beschw\u00f6rt das elementare Leben von K\u00f6rper und Seele in seiner ganzen Intensit\u00e4t herauf.<br>Z\u00e4rtlichkeit ging unserer Geburt voraus und wird auch den Tod \u00fcberdauern:<br>Die menschlichen Bindungen, die wir kennen, liegen vor unserem bewussten Leben<br>und \u00fcberdauern auch unser mehr oder weniger zwangsl\u00e4ufiges Ableben.<br>Z\u00e4rtlichkeit gibt unserem K\u00f6rper die Kraft, sich zu bilden, sich zu n\u00e4hren, sich zu erkennen.<br>Und schlie\u00dflich verleiht sie unserem Blick auf die Welt Perspektive,<br>sie dr\u00e4ngt uns dazu, Worte zu finden, um uns mitzuteilen,<br>sie ruft uns bei unserem Namen und formt und offenbart so unsere unverwechselbare Einzigartigkeit.<br>Die Z\u00e4rtlichkeit vermag einem einmaligen Wesen Form zu geben, das selbst noch keinerlei Kraft hat.<br>Darin besteht ihr Wunder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kontrapunkt<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/03-O-Meu-Amor.m4a\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\">Christina Branco (*1972) : O meo amor&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspektive-05\">Perspektive 05<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zart, z\u00e4rteln, Z\u00e4rtlichkeit.<br>Sowohl als Adjektiv, Verb und Substantiv selten wie kostbar.<br>Nicht mit Gold oder Geld aufzuwiegen, nicht mit Hedgefonds und Bitcoins.<br>So selten ge- &amp; erlebt, dass das Verb schon fast dem Sprachgebrauch abhanden gekommen ist.<br>Irritierend und bedrohlich: h\u00e4ufiger als vom \u00bbz\u00e4rteln\u00ab wird \u00fcber das \u00bbverz\u00e4rteln\u00ab gesprochen.<br>\u00bbJemanden zu weichlich erziehen, verweichlichen\u00ab. Nachzulesen im Duden. Und anderswo.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die italienische Philosophin Isabella Guanzini hat eine kluge wie sinnliche Einf\u00fchrung,&nbsp;<br>eine Anleitung zur Ausf\u00fchrung, eine bet\u00f6rende Verf\u00fchrung zur Fragilit\u00e4t geschrieben:<br>Wodurch definiert sich \u00bbzart sein\u00ab, \u00bbz\u00e4rteln\u00ab und \u00bbZ\u00e4rtlichkeit\u00ab. Gestern und heute und morgen.<br>Wie ist mit dem \u00bbzart sein\u00ab, wie mit dem \u00bbz\u00e4rteln\u00ab, wie mit \u00bbZ\u00e4rtlichkeit\u00ab umzugehen.<br>Wann ist betreffendes Adjektiv, Verb und Substantiv unbedingt zu leben.<br>Wann zu meiden. Wann zu vermeiden.<br>Warum bedarf es einer solchen sanften Macht.<br>Was passiert, wenn die Anwendung von und das Bed\u00fcrfnis nach Z\u00e4rtlichkeit ausbleibt, mi\u00dfbraucht,&nbsp;<br>verf\u00e4lscht, verkauft, verleugnet, verdr\u00e4ngt, verdorben, verraten, verboten und verkannt wird?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht alt- weder neunmalklug, nicht sentimental noch indiskret,&nbsp;<br>nicht bigott und pathetisch wird hier ge-, um- und beschrieben. &nbsp; &nbsp;<br>Subtil vor-, weit-, ein- und klarsichtig verhandelt die junge Professorin f\u00fcr Fundamentaltheologie zu Graz ihren Themenkreis:<br>die M\u00fcdigkeitsgesellschaft, das harte Herz des Narziss, die Revolution der z\u00e4rtlichen Liebe.<br>Entwirft eine Landkarte m\u00f6glicher Gef\u00fchle, berichtet \u00fcber die Nervosit\u00e4t des Gro\u00dfstadtlebens<br>und entdeckt eine entgrenzende und somit auch heilsame M\u00fcdigkeit.<br>Entwirft Portraits \u00fcber die Z\u00e4rtlichkeit des Sohnes, \u00fcber den Balsam der Z\u00e4rtlichkeit, \u00fcber mediterrane Z\u00e4rtlichkeit.<br>So die Titelordnung einiger Kapitel ihres stilistisch brillanten Buches.<br>Ein Buch ohne \u00bbNahrungserg\u00e4nzungsmittel des Privatlebens\u00ab, ohne tagesbanale RatundTatgeberPhantasmen. &nbsp;<br>Ein Buch ohne Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, ohne spirituelle Wellnessakrobatik.<br>Ohne akademischen D\u00fcnkel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Z\u00e4rtlichkeit ist zu geben. Und Z\u00e4rtlichkeit ist an- &amp; wahrzunehmen.<br>Kein leichtes Unterfangen in unserer die Leistung, H\u00e4rte und zielstrebige Unbeirrbarkeit lobpreisenden AlphaTierGesellschaft.<br>Kein leichtes Unterfangen f\u00fcr Rainer Maria Rilke, welcher bereits 1912 in seinen Duineser Elegien klagte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWer, wenn ich schriee, h\u00f6rte mich denn aus der Engel<br>Ordnungen? und gesetzt selbst, es n\u00e4hme<br>einer mich pl\u00f6tzlich ans Herz: ich verginge von seinem<br>st\u00e4rkeren Dasein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Isabella Guanzini beginnt ihr Buch mit &#8222;una Poesia&#8220; der italienischen Poetessa Mariangela Gualtieri:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbSei sanft zu mir. Sei behutsam.<br>Uns bleibt nur kurze Zeit. Bald<br>werden wir leuchtende Spuren sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und gro\u00df wird unsere Sehnsucht sein<br>nach Menschlichem. Wie jetzt<br>nach dem Unendlichen.<br>Doch haben wir keine H\u00e4nde mehr. Keine<br>H\u00e4nde zum Streicheln.<br>Keine Wangen zu ber\u00fchren<br>ganz leicht.<br>Sehnsucht nach Unvollkommenen<br>erf\u00fcllt uns dann als leuchtende Photonen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Welch ein Mut solch ein leuchtendes Gedicht an den Anfang eines Buches zu stellen.<br>Kein leichtes Unterfangen:&nbsp;<br>Danach dann ein solch mutiges Buch mutig weiterzuschreiben&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Renald Deppe)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":2639,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-2638","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding","resize-featured-image"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2638","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2638"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2638\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5043,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2638\/revisions\/5043"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2638"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2638"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2638"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}