{"id":2580,"date":"2022-01-23T10:00:00","date_gmt":"2022-01-23T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=2580"},"modified":"2024-06-11T15:23:18","modified_gmt":"2024-06-11T13:23:18","slug":"verortung-perspektive-_04","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_04\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _04"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"225\" height=\"225\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Orhan-Pamuk-II.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2584\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Orhan-Pamuk-II.jpg 225w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Orhan-Pamuk-II-12x12.jpg 12w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\" id=\"prufstand-23-01-2022\">Pr\u00fcfstand 23.01.2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"orhan-pamuk\"><strong><strong>Orhan Pamuk<\/strong><\/strong><br>(*1952)<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><span style=\"color:#f5160a\" class=\"has-inline-color\"><strong><strong>Rot ist mein Name<\/strong><\/strong><\/span><\/strong><br>Roman<br>Aus dem T\u00fcrkischen von Ingrid Iren<br><em>Carl Hanser Verlag, M\u00fcnchen Wien 2001<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00f6re euch fragen: Wie ist das, wenn man eine Farbe ist?<br>Farbe ist die Ber\u00fchrung des Auges,<br>die Musik der Taubstummen,<br>ein Wort in der Dunkelheit.<br>Meine Ber\u00fchrung, w\u00fcrde ich sagen, gleicht der Ber\u00fchrung der Engel,<br>da ich seit Zehntausenden von Jahren dem Raunen der Geister von<br>Buch zu Buch,<br>von einem Gegenstand zum anderen wie dem Sausen des Windes gelauscht habe.<br>Ein Teil von mir spricht hier zu euren Augen, das ist meine schwere Seite.<br>Ein Teil von mir wird in der Luft durch eure Blicke befl\u00fcgelt, das ist meine leichte Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie gl\u00fccklich bin ich rot zu sein!<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Inneres brennt.<br>Ich bin stark; ich wei\u00df, da\u00df ich wahrgenommen werde und auch, da\u00df ihr mir nicht widerstehen k\u00f6nnt.<br>Ich verberge mich nicht:<br>F\u00fcr mich verwirklicht sich Feinheit nicht durch Schw\u00e4che oder Kraftlosigkeit, sondern durch Entschlossenheit und Willenskraft.<br>Ich zeige mich offen.<br>Ich f\u00fcrchte mich nicht vor anderen Farben, Schatten, vor Massengedr\u00e4nge oder gar Einsamkeit.<br>Wie herrlich eine mich erwartende Oberfl\u00e4che mit dem Feuer meines Sieges auszuf\u00fcllen!<br>Wo ich mich verbreite gl\u00e4nzen die Augen, erstarken die Leidenschaften,<br>heben sich die Brauen, schlagen die Herzen schneller.<br>Seht mich an, wie sch\u00f6n ist es zu leben!<br>Betrachtet mich, wie sch\u00f6n ist es zu sehen!<br>Leben ist sehen.<br>Ich bin \u00fcberall sichtbar.<br>Glaubt mir nur, mit mir beginnt das Leben, zu mir kehrt alles zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit still und h\u00f6rt zu, wie ich so ein wundervolles Rot geworden bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Altmeister, der sich auf Farben gut verstand,&nbsp;<br>zerstie\u00df h\u00f6chst eigenst\u00e4ndig den r\u00f6testen der getrockneten K\u00e4fer&nbsp;<br>aus der hei\u00dfesten Gegend Indiens in seinem M\u00f6rser zu feinstem Pulver<br>und wog f\u00fcnf Dirhem davon und ein Dirhem Seifenwurz und ein halbes Dirhem Lotuswurz ab.<br>Dann tat er drei Okka Wasser in einen Kessel, warf den Seifenwurz hinein und kochte ihn.<br>Dann tat er Lotuswurz ins Wasser und r\u00fchrte gut um.<br>Schlie\u00dflich lie\u00df er alles so lange kochen, wie man zum Trinken eines guten Kaffees braucht.<br>W\u00e4hrend er seinen Kaffee trank, wurde ich ungeduldig wie ein Kind kurz vor der Geburt.<br>W\u00e4hrend der Kaffee seinen Verstand weitete und seine Augen blitzen lie\u00df,<br>warf er das rote Pulver in den Kessel und r\u00fchrte mit einem d\u00fcnnen, sauberen, daf\u00fcr bestimmten Stab alles gr\u00fcndlich durch.<br>Jetzt w\u00fcrde ich ein wahres Rot sein,<br>doch es kam auf meine Konsistenz an, weswegen das Wasser nicht unn\u00f6tig lange, aber nat\u00fcrlich lange genug kochen musste.<br>Mit der Spitze des Stabes holte er ein wenig von mir aus dem Kessel&nbsp;<br>und trug es auf seinen Daumennagel auf (andere Finger kamen nicht in Frage!).<\/p>\n\n\n\n<p>Oh, wie sch\u00f6n es war Rot zu sein!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00e4rbte seinen Nagel rot, lief nicht wie Wasser \u00fcber die R\u00e4nder hinaus.<br>Ich hatte die richtige Konsistenz, doch gab es noch Bodensatz.<br>Er nahm den Kessel vom Herd und filterte mich durch ein sauberes Tuch, so da\u00df ich noch reiner wurde.<br>Dann setzte er mich aufs Feuer, lie\u00df mich zweimal aufkochen und sch\u00e4umen,<br>tat ein wenig Alaun hinzu und lie\u00df mich abk\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Tage vergingen,<br>und ich blieb in dem Kessel, ohne mich mit etwas anderm zu vermischen.<br>Das Stillhalten brach mir das Herz, brannte ich doch darauf, auf allen Seiten an jeder Stelle aufgestrichen zu werden.<br>Und in dieser Stille dachte ich dar\u00fcber nach, was es hei\u00dft, Rot zu sein\u2026<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"kontrapunkt\">Kontrapunkt<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/17-Makam-Rast-Sema\u0302I-Turquie-Mss.-de-Kantemiroglu.m4a\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\">Makam Rast Sem\u00e2&#8217;I (Turquie, Hesp\u00e9rion XXI &amp; Jordi Savall)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspektive-04\">Perspektive 04<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nichts deuten.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nichts bedeuten.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nicht f\u00fcr literarische Qualit\u00e4ten stehen.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nicht angenommen werden.<br>Der Literatur-Nobelpreis kann &#8211; muss aber nicht vergeben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Literatur-Nobelpreis des Jahres 2006 ging an Orhan Pamuk.<br>Der Literatur-Nobelpreis des Jahres 2006 deutet und bedeutet Vielgewichtiges.&nbsp;<br>Der Literatur-Nobelpreis des Jahres 2006 steht f\u00fcr wundersam wunderbare literarische Qualit\u00e4t.&nbsp;<br>Und seine Vergabe an Orhan Pamuk war eine feinklugmutige Entscheidung, eine kunstkulturelle Notwendigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der in Istanbul geborene und dort schreibend (\u00fcber)lebende Autor beginnt sein Erz\u00e4hlen mit Zitaten aus dem Koran:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWenn ihr jemand erschlagen habt und \u00fcber den T\u00e4ter streitet\u2026\u00ab (Sure Bakara, 72)<br>und<br>\u00bbNicht gleichen sich der Blinde und der Sehende.\u00ab (Sure Al-Fatir, 19)<br>und<br>\u00bbAllah ist der Herr \u00fcber Ost und West\u2026\u00ab (Sure Bakara, 115)<br>und be- und umschreibt mit diesen wenigen Zeilen (s)einen wort- und ortgewaltigen Roman.<\/p>\n\n\n\n<p>Orhan Pamuk kann Erz\u00e4hlen.<br>Orhan Pamuk erz\u00e4hlt Geschichte und Geschichten.<br>Orhan Pamuk erz\u00e4hlt eine Kriminal- und Liebesgeschichte.<br>Orhan Pamuk erz\u00e4hlt vom osmanischen Istanbul des Jahres 1591.<br>Orhan Pamuk erz\u00e4hlt in 59 unterschiedlichen Perspektiven 59 auf- und erregende Handlungslabyrinthe.<br>Orhan Pamuk l\u00e4\u00dft Menschen, Tiere, Dinge, den Satan und Farben erz\u00e4hlen:&nbsp;<br>Von Buchmalern, Vergoldern, Kalligrafen, Illustratoren, Poeten, Propheten, Meister- und Mordgestalten.<br>Von Sch\u00f6nheit und Sch\u00f6nheiten, von Weisen und Waisen, von Hass und H\u00e4sslichkeit.&nbsp;<br>Vom Sehen und gesehen werden, vom Lieben und geliebt werden, vom Malen und gemalt werden.&nbsp;<br>Von Venedig, Lepanto, Edirne, Konya, Aleppo, Damaskus, Isfahan, Herat, Buchara und Samarkand. &nbsp;.<\/p>\n\n\n\n<p>Orhan Pamuks Kunst-, Kriminal-, Kultur-, Glaubens-, Liebes- und Tausendundeinenachtgeschichten&nbsp;<br>spielen zur Zeit der Regentschaft des osmanischen Sultans Murad III. (1574-95).<br>Ein kunstsinniger Herrscher.<br>Er l\u00e4\u00dft \u00bbDas Buch der K\u00fcnste\u00ab, \u00bbDas Buch der Feste\u00ab und \u00bbDas Buch der Siege\u00ab in Istanbul fertigen.<br>Die besten K\u00fcnstler und Kunsthandwerker des Osmanischen Reiches werden dazu einbestellt.<br>B\u00fccher und Miniaturmalereien sind seine Passion.&nbsp;<br>Ein den Frieden suchender Regent.<br>Sultan Murad III. beendet die Kriege mit seinen Nachbarn in Persien.<br>Der safawidische Schah Tahmasp \u00fcberreicht ihm vorher ein kostbares Friedensangebot:<br>Eine pracht- &amp; machtvolle Abschrift des \u00bbBuchs der K\u00f6nige\u00ab:&nbsp;<br>das ber\u00fchmtlegend\u00e4re um 1010 entstandene \u201eSchahname\u201c des persischen Dichters Firdausi.&nbsp;<br>25 Jahre wurde an diesem Geschenk gewerkt.&nbsp;<br>25 Jahre wurde daran gemalt, geschrieben, gezeichnet, geheftet: handgearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Orhan Pamuks Kunst-, Kriminal-, Kultur-, Glaubens-, Liebes- und Tausendundeinenachtgeschichten<br>spielen zur Zeit des strengen islamischen Bilderverbotes, der religi\u00f6sen Zuspitzungen und theologischen Spitzfindigkeiten.<br>Darf doch die Welt nicht aus der Sicht des Menschen geformt, nicht an die Stelle Gottes gesetzt werden.<br>Folglich darf ein K\u00fcnstler nicht signieren. Anspruch auf einen Sch\u00f6pfungsakt erheben.<br>Heftige Diskurse zwischen Tradition und Moderne, Bewahrer und Reformer, Priester und Narren, Frei- und Kleingeister &nbsp; &nbsp; &nbsp;<br>verwickeln Kenner &amp; K\u00f6nner, Verehrte &amp; Gelehrte, Macht-, Recht-, Teil- &amp; Liebhaber in oftmals t\u00f6dliche Intrigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Orhan Pamuks Kunst-, Kriminal-, Kultur-, Glaubens-, Liebes- und Tausendundeinenachtgeschichten<br>ver- und behandeln Glanz, Schatten, Verluste, Siege, Orientierungkalamit\u00e4ten in osmanischen Vergangenheiten.<br>Jene gelten selbstredend auch f\u00fcr eine stolztrotzige t\u00fcrkische Gegenwart.&nbsp;<br>Und f\u00fcr roststaubig eurozentristische Tr\u00e4ume und Wirklichkeiten, nordatlantisch paktpackbedingte Irrungen und Wirrungen.&nbsp;<br>Die Zeit- und Leidgeschichte der Republik T\u00fcrkei seit ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1923 mit ihren wechselnden Positionierungen zwischen&nbsp;<br>Ost &amp; West, Rechts &amp; Links, Kreuz &amp; Halbmond, Hammer &amp; Sichel, Kopftuch &amp; Tuchf\u00fchlung, Br\u00fcssel &amp; Medina, W\u00f6lfen &amp; Tauben<br>wird auch \u00fcber eine verantwortete gesamteurop\u00e4ische Zukunft entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Kriminalgeschichte des Buches wird an dieser Stelle aus dramaturgischen Gr\u00fcnden wohlweislich geschwiegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: bitte: Orhan Pamuk lesen. Oder: vorlesen. Oder: vorlesen lassen: east of the sun &amp; west of the moon.<\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":2818,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-2580","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2580","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2580"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2580\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5044,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2580\/revisions\/5044"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2818"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2580"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2580"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2580"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}