{"id":2318,"date":"2022-01-09T10:00:00","date_gmt":"2022-01-09T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=2318"},"modified":"2024-06-11T15:24:05","modified_gmt":"2024-06-11T13:24:05","slug":"verortung-perspektive-_02","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_02\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _02"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"201\" height=\"251\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Fjodor-Michailowitsch-Dostojewskij-.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2322\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Fjodor-Michailowitsch-Dostojewskij-.jpg 201w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/Fjodor-Michailowitsch-Dostojewskij--10x12.jpg 10w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Widerstand 09.01.2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><strong>Fjodor Michailowitsch Dostojewskij<\/strong><\/strong><br>(1821-1881)<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><span style=\"color:#f5160a\" class=\"has-inline-color\">Das Kellerloch (1).<\/span><\/strong><br><strong>Aufzeichnungen aus dem Kellerloch.<\/strong><br><em>(Erstausgabe: Zeitschrift \u00bbEpocha\u00ab, Heft 1\/2 &amp; 4, St. Petersburg, 1864)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin ein kranker Mensch\u2026<br>Ich bin ein b\u00f6ser Mensch. Ein absto\u00dfender Mensch bin ich.<br>Ich glaube, meine Leber ist krank.<br>\u00dcbrigens habe ich keinen blassen Dunst von meiner Krankheit<br>und wei\u00df gar nicht mit Sicherheit, was an mir krank ist.<br>F\u00fcr meine Gesundheit tue ich nichts und habe auch nie etwas daf\u00fcr getan,<br>obwohl ich vor der Medizin und den \u00c4rzten alle Achtung habe.<br>Zudem bin ich noch \u00e4u\u00dferst abergl\u00e4ubisch, so weit z. B., da\u00df ich vor<br>der Medizin alle Achtung habe.<br>(Ich bin gebildet genug, um nicht abergl\u00e4ubisch zu sein, aber ich bin abergl\u00e4ubisch.)<br>Nein, meine Herrschaften, wenn ich f\u00fcr meine Gesundheit nichts tue, so geschieht das nur aus Bosheit.<br>Sie werden sicher nicht geneigt sein, das zu verstehen.<br>Nun, meine Herrschaften, ich verstehe es aber.<br>Ich kann Ihnen nat\u00fcrlich nicht klarmachen, wen ich mit meiner Bosheit \u00e4rgern will,<br>ich wei\u00df auch ganz genau, da\u00df ich nicht einmal den \u00c4rzten damit schaden kann,<br>da\u00df ich mich nicht von ihnen behandeln lasse;<br>ich wei\u00df am allerbesten, da\u00df ich damit einzig und allein mir selbst schade und niemanden sonst.<br>Und dennoch, wenn ich nichts f\u00fcr meine Gesundheit tue, so geschieht es aus Bosheit,<br>und ist die Leber krank, dann mag sie noch \u00e4rger krank werden&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin jetzt vierzig Jahre alt, und vierzig Jahre &#8211; das ist doch das ganze Leben; das ist das \u00e4u\u00dferste Alter.<br>L\u00e4nger als vierzig Jahre zu leben ist unanst\u00e4ndig, trivial, unsittlich.<br>Wer lebt denn noch \u00fcber vierzig Jahre?<br>Antworten Sie aufrichtig und ehrlich.<br>Ich kann Ihnen sagen, wer \u00fcber vierzig Jahre lebt: Dummk\u00f6pfe und Spitzbuben.<br>Ich will das allen Greisen ins Gesicht sagen, all diesen ehrw\u00fcrdigen Greisen,<br>all diesen silberhaarigen und parf\u00fcmierten Greisen!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kontrapunkt<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/06-Ustvolskaya_Sonata-No.-6.m4a\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\">Galina Ustvolskaya (1919 &#8211; 2006): Sonate No. 6<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Perspektive<\/h3>\n\n\n\n<p>Er kannte und lebte die Abgr\u00fcnde der menschlichen Seele, geliebt hat er sie nicht.<br>Der langj\u00e4hrig notorische Spieler, verhaftet wegen Teilnahme an vermeintlich revolution\u00e4ren Zusammenk\u00fcnften,<br>der Todesstrafe zugeteilt, auf dem Hinrichtungsplatz begnadigt,&nbsp;<br>zu jeweils vier Jahren Zuchthaus und Milit\u00e4rdienst in Sibirien verurteilt,<br>nach seiner Haftentlassung aus der Katorga fr\u00fch an Epilepsie leidend,<br>in st\u00e4ndigen Geldn\u00f6ten lebend, von famili\u00e4ren Katastrophen und zeitweise schwerer Melancholie gezeichnet,<br>stets von literarischen Ab- und monet\u00e4ren R\u00fcckgabeterminen bedr\u00e4ngt,<br>der christlichen Erl\u00f6sungskonfession unbedingt zugetan und der Hoffnung auf ein spezifisch russisches \u201eSelbstbewusstsein\u201c verpflichtet:<br>Fjodor Dostojewskij wusste wovon er sprach und schrieb und tr\u00e4umte.<br>Totenh\u00e4user, Kellerl\u00f6cher, Bordelle, Kl\u00f6ster, Pal\u00e4ste und Kasinos kennzeichnen die Verortungen seiner Werke. &nbsp;<br>Idioten, D\u00e4monen, M\u00f6rder, Erniedrigte, Beleidigte und Heilige sind ihr Personal. &nbsp;<br>Schuld, S\u00fchne, Verbrechen, Reue, Gier, Askese, Zweifel und Glaube bilden die Themen seiner Erz\u00e4hlungen und Romane.<\/p>\n\n\n\n<p>Fjodor Dostojewskij war (und ist) ein russischer Dichter.&nbsp;<br>Als solcher suchte er verzweifelt, mutig, stolz, trotzig, unbeirrbar und emphatisch nach (s)einer russischen \u201eEigen(be)st\u00e4ndigkeit\u201c.<br>Den hehren Idealen der Aufkl\u00e4rung,&nbsp;<br>dem Diktat der Vernunft,&nbsp;<br>dem unbedingten Fortschrittsglauben der Moderne,&nbsp;<br>den \u201edenaturierten&#8220; R\u00e4umen eines Industriezeitalters,&nbsp;<br>der Herrschaft des Materialismus als eine Welt ohne Erbarmen,&nbsp;<br>dem Atheismus, Nihilismus und all den \u201eWolfsmenschkreaturen\u201c all der zum \u201eErfolg\u201c verpflichteten Individuen<br>(wie sie Dostojewskij vor allem im europ\u00e4ischen Westen wahrnahm),&nbsp;<br>versuchte er vielgestaltig Einhalt und Parole zu bieten.<br>Schon fr\u00fch entdeckte er eine stete \u00dcberforderung des Einzelnen in der modernen Gesellschaft.<br>Auch bef\u00fcrchtete der Dichter in diesem Sinne (u.a.) eine \u201eVerwestlichung\u201c seiner russischen Heimat.<br>Den vielleicht st\u00e4rksten Kontrapunkt zum Zeitgeist verlautbart folgende Klage anl\u00e4\u00dflich der Drucklegung seiner Kellerloch-Erz\u00e4hlung:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Schweine von der Zensur haben die Passagen, in denen ich alles verspotte, zum Schein mitunter Gott gel\u00e4stert habe, zugelassen&nbsp;und das gestrichen, wo ich aus all dem die Notwendigkeit des Glaubens an Christus abgeleitet habe.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter:<br>In der ehemaligen Sowjetunion wurde gem\u00e4\u00df der offiziellen Orthographie \u00bbGott\u00ab klein, \u00bbSatan\u00ab dagegen gro\u00df geschrieben.<br>In der ehemaligen Sowjetunion hatten lange Zeit die Werke Dostojewskijs den Ruch des Subversiven, Reaktion\u00e4ren, Verbotenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun: Wie, wozu und womit ist denn eine spezifisch \u201erussische\u201c Seele ausgestattet\u2026?<br>Warum und weshalb ist dieser \u201eallrussische&#8220; Seelenkosmos f\u00fcr das Seelenheil aller Erdenb\u00fcrger von Bedeutung\u2026?<br>Wovor und wann beginnt bei diesen &#8222;Manifestationen des russischen Geistes&#8220; das F\u00fcrchten\u2026?<br>Und womit k\u00f6nnte\/kann diese \u201erussische Allmenschlichkeit\u201c helfen, unsere Gegenwart zu \u00dcberstehen&#8230;? &nbsp;<br>Das (und noch viel mehr) erfahren Sie bei der Lekt\u00fcre von Dostojewskijs Werken.<br>Die \u201eAufzeichnungen aus dem Kellerloch\u201c, laut Nietzsche \u00bbein wahrer Geniestreich der Psychologie\u00ab,<br>bieten einen faszinierenden Einstieg in eine (surreale) Welt der Suchenden, Hoffenden und: stets Zweifelnden.<br>F\u00fcr Nichtrussen, Russen und solche die es werden wollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>(Renald Deppe)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":2488,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-2318","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding","resize-featured-image"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2318","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2318"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2318\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5046,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2318\/revisions\/5046"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2488"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}