{"id":2106,"date":"2022-01-02T10:00:00","date_gmt":"2022-01-02T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.raetia.net\/?p=2106"},"modified":"2024-06-11T15:24:31","modified_gmt":"2024-06-11T13:24:31","slug":"verortung-perspektive-_01","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/verortung-perspektive-_01\/","title":{"rendered":"Verortung &#038; Perspektive _01"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns alignwide is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"194\" height=\"259\" src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/01_Nietsche.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2196\" srcset=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/01_Nietsche.jpg 194w, https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/01_Nietsche-9x12.jpg 9w\" sizes=\"auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Einstand 02.01.2022<\/h6>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Friedrich Wilhelm Nietzsche<\/strong> (1844-1900)<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><span style=\"color:#f5160a\" class=\"has-inline-color\">Morgenr\u00f6the.<\/span><\/strong><br>Gedanken \u00fcber die moralischen Vorurtheile.<br><em>(Erstausgabe: Verlag Ernst Schmeitzner, Chemnitz, 1881)<\/em><br><\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVor Allem sagen wir es l a n g s a m\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ein solches Buch, ein solches Problem hat keine Eile;<br>\u00fcberdies sind wir beide Freunde des lento, ich ebensowohl als mein Buch.<br>Man ist nicht umsonst Philologe gewesen, man ist es vielleicht noch,<br>das will sagen, ein Lehrer des langsamen Lesens: &#8211; endlich schreibt man auch langsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Philologie n\u00e4mlich ist jene ehrw\u00fcrdige Kunst, welche von ihrem Verehrer vor Allem Eins heischt,<br>bei Seite gehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden -,<br>als eine Goldschmiedekunst und &#8211; kennerschaft des W o r t e s,<br>die lauter feine vorsichtige Arbeit abzuthun hat und Nichts erreicht, wenn es sie nicht lento erreicht.<br>Gerade damit aber ist sie heute n\u00f6thiger als je,<br>gerade dadurch zieht sie und bezaubert sie uns am st\u00e4rksten,<br>mitten in einem Zeitalter der \u201eArbeit\u201c, will sagen:<br>der Hast, der unanst\u00e4ndigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit allem gleich \u201efertig werden will\u201c,<br>auch mit jedem alten und neuen Buche: &#8211;<br>sie selbst wird nicht so leicht irgend womit fertig, sie lehrt g u t lesen,<br>das heisst langsam, tief, r\u00fcck- und vorsichtig,&nbsp;<br>mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Th\u00fcren, mit zarten Fingern und Augen lesen\u2026<br>Meine geduldigen Freunde, dies Buch w\u00fcnscht sich nur vollkommene Leser und Philologen: l e r n t mich gut lesen! -\u00ab<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kontrapunkt<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.raetia.net\/wp-content\/uploads\/23-Musica-Callada_-VI.-Lento.m4a\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\">Frederic Mompou (1893 &#8211; 1987)&nbsp;: Musica Callada: Lento<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Perspektive<\/h3>\n\n\n\n<p>Wahrheit war f\u00fcr Friedrich Nietzsche stets eine Frage der Perspektive.<br>F\u00fcr den philosophischen Philologieprofessor gab es daher kein objektives Wissen, keine absolute Wahrheit.<br>Sondern nur diverse subjektiv perspektivische Wahrnehmungen, Interpretationen und Interessen.&nbsp;<br>Jede der Sichtweisen der verschiedenen Betrachter kann\/k\u00f6nnte daher durchaus wahr sein.<br>Folglich er\u00f6ffnet die Vielfalt der daraus entstehenden Diskurse ebenso vielf\u00e4ltige Ein- &amp; Aussichten.<br>Schon seit seiner Jugend an schweren gesundheitlichen Problemen leidend,&nbsp;<br>welche oftmals und immer \u00f6fter ein kontinuierlichen Arbeiten \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume verunm\u00f6glichten,<br>entwickelte der 1869 mit 24 Jahren berufene und schon 10 Jahre sp\u00e4ter emeritierte Professor Nietzsche<br>einen virtuos-brillanten Schreib- &amp; Denkstil: den Aphorismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die auf seinen langen Wanderungen (immer wenn es seine Gesundheit zulie\u00df)&nbsp;<br>in den Alpen und S\u00fcdeuropa entstandenen Gedanken wurden perfekt fokussiert, elegant komprimiert&nbsp;<br>und einer zumeist \u00fcberforderten, irritierten wie ver\u00e4ngstigten \u00d6ffentlichkeit in Buchform pr\u00e4sentiert. &nbsp; &nbsp;<br>Nietzsches Morgenr\u00f6the war und ist ein wildbuntpoetisches Buch unzeitgem\u00e4\u00dfer Hoffnungen:<br>das viele jener Morgenr\u00f6then, welche noch nicht geleuchtet haben, noch nicht leuchten durften\/konnten&nbsp;<br>endlich in der gesch\u00e4rften Wahrnehmung der Menschen auftauchen.<br>Und mit ihrem spezifischen Licht das Dunkel und die Schatten aller bisherigen Urteile und Vorurteile erhellen.<br>Somit eine notwendige Befreiung aus wie Neubewertung von moralischen, \u00e4sthetischen, ethischen Lebensk\u00e4figen erm\u00f6glichen.<br>575 Aphorismen, l a n g s a m zu lesen, zu bedenken, zu bewerten, ein- und zuzuordnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seinen Zeitgenossen galt Nietzsche als der Dichterphilosoph mit dem \u201egef\u00fcrchteten Auge\u201c: nachzulesen in besagter \u201eMorgenr\u00f6the\u201c:&nbsp;<br>\u00bboh dieses Auge, welches alle eure Unruhe, euer Sp\u00e4hen und Gieren (diess ist nur neidisches Nachmachen) eurem Werke anmerkt,<br>welches eure Schamr\u00f6the so gut kennt, wie eure Kunst, diese R\u00f6the zu verbergen und vor euch selber umzudeuten!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt abschlie\u00dfend anzumerken, da\u00df dem s\u00e4chsischen Pastorensohn Friedrich Wilhelm Nietzsche&nbsp;<br>jedweder Antisemitismus, Nationalismus, Vaterlandswahn und ethnischer wie akademischer D\u00fcnkel absolut fremd waren.<br>Trotzdem wurde nach seinem Tode kaum ein anderer kreativer Geist derart mi\u00dfbraucht, vergewaltigt, verf\u00e4lscht und mi\u00dfverstanden.<br>Vielleicht ahnte Nietzsche das kommende Schicksal seiner Verschriftungen als er folgendes anmahnte:<br>\u00bbMan gebe Acht auf die Commandorufe, von denen die deutschen St\u00e4dte f\u00f6rmlich umbr\u00fcllt werden,<br>jetzt wo man vor allen Thoren exerciert:&nbsp;<br>welche Anmaassung, welches Autorit\u00e4tsgef\u00fchl, welche h\u00f6hnische K\u00e4lte klingt aus diesem Gebr\u00fcll heraus!\u00ab Und benanntes Gebr\u00fcll, jenen abgebr\u00fchten Kaltglanz gibt es nicht nur in deutschen St\u00e4dten, nicht nur in der Fremde: O Mensch! Gib acht! <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>(<em>Renald Deppe<\/em>)<\/p>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":2465,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-2106","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ab-und-zu-stand","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-25","no-featured-image-padding"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2106","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2106"}],"version-history":[{"count":35,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2106\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5047,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2106\/revisions\/5047"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2465"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.raetia.net\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}