Bilder von Klängen – Vom Lesen der Klänge:

Prolog:

Bilder nach Klängen.
Klänge nach Bildern.
Zeichen als Klänge.
Klänge als Zeichen.
Zeichen zum Lesen.
Klänge zum Zeichen.
Lesen und Hören.
Hören und Lesen.

Zeichen lesen.
Bilder hören.
Klänge zeichnen.

Klänge. Zum Lesen.
Bilder. Zum Hören.
Verortungen. Zum Hören.
Perspektiven. Zum Lesen.
Spuren. Zur Verbesserung der Lage.

(Renald Deppe)


Pablo Picasso (1881 – 1973) : Guernica

Cristóbal Halfter  (*1930) : Cancion callada

Earle Brown (1926 – 2002) : Folio, Dezember 1952 (Partitur)
Earle Brown (1926 – 2002) : Folio, Dezember 1952

Otto Dix (1891 – 1969) : Großstadt (Triptichon)
Kid Ory (1886 – 1973) & his Creole Jazz Band : St. James Infirmary

Lovis Corinth (1858 – 1925) : Das große Martyrium
Antonio Lotti (1667 – 1740) : Crucifixus

Albrecht Dürer (1471 – 1528) : Die vier apokalyptischen Reiter
Metallica : The Four Horseman (1983)

Schülerprotest (Brasilien)
Schüler einer englischen Privatschule.

We don’t need no education
We don’t need no thought control
No dark sarcasm in the classroom
Teacher, leave them kids alone

Hey, teacher, leave them kids alone
All in all, it’s just another brick in the wall
All in all, you’re just another brick in the wall

We don’t need no education
We don’t need no thought control
No dark sarcasm in the classroom
Teachers, leave them kids alone

Hey, teacher, leave us kids alone
All in all, you’re just another brick in the wall
All in all, you’re just another brick in the wall

If you don’t eat yer meat, you can’t have any pudding
How can you have any pudding if you don’t eat yer meat?
You! Yes, you behind the bike stands
Stand still, laddy!

(Songtext : Another Brick in the Wall)

Pink Floyd : Another Brick in the Wall (1997)

Wiktor Hartmann (1834 – 1873) : Die Katakomben von Paris
Modest Mussorgski (1839 – 1881) : Bilder einer Ausstellung, VIII Die Katakomben (Instrumentation: Maurice Ravel)

Josef Matthias Hauer (1883 – 1953) : Übereinstimmung des zwölfteiligen Farbenkreises mit den Intervallen der zwölfstufigen Temperatur.
Josef Matthias Hauer (1883 – 1953) : Nachklangstudien Op. 16

Giorgio Morandi (1890 – 1964) : Stillleben
Salvatore Sciarrino (*1974) : Vento d’Ombra

Raoul Hausmann (1886 – 1971) : Kunstkopf
Raoul Hausmann (1886 – 1971) : Poèmes phonétiques

Raumplastik von Josef Beuys
Matthias Pintscher, dernier espace avec introspecteur – Betrachtung einer Raumplastik von Joseph Beuys (1994)

Fujita (1921 – 2010) : Plattencover (Charles Mingus : Ah Um, 1971)
Charles Mingus (1922 – 1979) : Self Portrait In Three Colors (Ah Um, 1971)

David Teniers der Jüngere (1610 – 1690)
Gioachino Rossini (1792 – 1868) : Duetto buffo di due gatti

Gerhard Richter (*1932) : Cage 1-6

 Denn bei aller technischen Erfahrung kann ich nicht genau voraussehen, was da entsteht,
wenn ich mit so einem großen Spachtel auftrage oder wegnehme.

Da entstehen Überraschungen, enttäuschende und erfreuliche, auf jeden Fall Veränderungen und Bilder,
die ich erstmal mit meinem Verständnis einholen muss, bevor ich weitergehen kann.

Bei Cage ist es ja sehr beispielhaft zu sehen oder zu hören, 
wie aufwendig und klug und empfindsam der Zufall bearbeitet wird, damit dann Musik daraus wird.

(Hans

Ulrich Obrist : Interviews mit Gerhard Richter, Kampa Verlag, Zürich 2022)

John Cage (1912 – 1992) : Music for Piano 79

Arnold Böcklin (1827-1901) : Die Toteninsel (1883)
Max Reger (1873-1916) : 4 Tondichtungen nach Arnold Böcklin op. 128, III. Die Toteninsel (1913)

Mark Rothko (1903-1971) : Rothko Chapel (Einweihung: 1971)
Morton Feldman (1926-1987) : Rothko Chapel (1971)

Amadeo Modigliani (1884-1920) : Portrait de Picasso (1915)
Coleman Hawkins (1904-1969) : Picasso (1948)

Matthias Grünewald (1480-1530) : Isenheimer Altar (1506-1515) : Grablegung (Auszug)
Paul Hindemith (1895-1963) : Symphonie Mathis der Maler (1934), II. Grablegung

Wassily Kandinsky (1866-1944) : Impressionen III (1911)  
(Nach einem Konzert in München mit Klaviermusik von Arnold Schönberg)
Arnold Schönberg (1874-1951) : 6 Kleine Klavierstücke op. 19 (1911)
I) Leichte zarte Achtel 
II) Langsame Viertel 
III) Sehr langsame Viertel
IV) Rasche, aber leichte Viertel
V) Etwas rasche Achtel

VI) Sehr langsame Viertel


Roman Haubenstock-Ramati (1919-1994) : Konstellationen  (1970-71) Partitur
Roman Haubenstock-Ramati (1919-1994) : Konstellationen

Roman Haubenstock-Ramati (1919-1994) : Pour Piano (1973) Partitur
Roman Haubenstock-Ramati (1919-1994) : Pour Piano (1973)

Anestis Logothetis (1921-1994) : Styx (1969) Partitur
Anestis Logothetis (1921-1994) : Styx (Für Zupforchester)

Hiroshima (1945)
Krzysztof Penderecki (1933-2020) : Threnody to the Victims of Hiroshima (1959- 61)

Hieronymus Bosch (1450-1516) : Garten der Lüste (Triptychon) : Rechter Seitenflügel : »Die musikalische Hölle« (1490-1500)
Deep Purple (1968-1976) : Chasing Shadows (1969) : Plattencover: Die musikalische Hölle (Bosch)

Hans Memling (1430-1494) : Das Jüngste Gericht (1471)
György Ligeti (1923-2006) : Requiem (1963-1965), III. De Die Judicii Sequentia (Dies Irae)

Felix Nussbaum (1904-1944 im KZ Auschwitz) : Triumph des Todes (1944)

Viktor Ullmann (1898-1944 im KZ Auschwitz) : Der Kaiser von Atlantis (Oper, 1943), Totentanz (Intermezzo)

Stalingrad (1943)
Dimitri Schostakowitsch (1906-1975) : Symphony No. 8 in C minor, Op. 65 (Im Gedenken an die Opfer von Stalingrad), IV. Largo (1943)

Gottesmutter von Wladimir (1100) Russland : Byzantinische Ikone 
Sofia Gubaidulina (1931*) :  De Profundis (Für Bajan solo, 1978)

Anselm Kiefer (1945*) : Der fruchtbare Halbmond (2008)
Klaus Huber (1924-2017) : Intarsi (1993-94), IV. Epilogo: Giardino arabo

Jaque Callot (1592-1634) : Der Galgenbaum (1632) : 30jährige Krieg (1618-1648)
Johann Hermann Schein (1586-1630) : Die mit Tränen säen (1623)

Pieter Brueghel der Ältere (1530-1569) : Die Sieben Tugenden : Gerechtigkeit (1562)
Heinrich Schütz (1585-1672) : Die mit Tränen säen (1648), SWV 378 (Psalm 126) 

Arshile Gorky (1904-1948) : the plough and the song (1947)
Earle Brown (1926-2002) : Music For Cello & Piano (1955)

Atlas de poche des oiseaux de France, Suisse, et Belgique : Merle noir (1898)
Olivier Messiaen (1908-1992) : La Merle noir (1952)

Anonymus : Blackbird : fourth quarter of 13th century (after 1277)
The Beatles (1960-1970) : Blackbird (1968)

Heinrich Vogeler (1872-1942) : Frühling – Aktporträt Martha Vogeler mit Amsel (1909)
Diana Krall (*1964) : Bye, Bye Blackbird (2009)

J. S. Bach (1685-1750) : Sonaten und Partiten für Violine solo (BWV 1001–1006) : Sonate I g-Moll, BWV 1001 : Adagio (Autograph, 1720)
J. S. Bach (1685-1750) : Sonaten und Partiten für Violine solo (BWV 1001–1006) : Sonate I g-Moll, BWV 1001 : Adagio

Willem de Kooning (1904 – 1997) : Reclining Figure (1972)
John Cage (1912 – 1952) : seven Haiku : VI. for Willem de Kooning

Karlheinz Stockhausen (1928 – 2007) : Studie II : Partitur (Auszug)
Karlheinz Stockhausen (1928 – 2007) : Studie II : Partitur (Auszug)

(Literaten)Café „Les Deux Magos“ (Die zwei Händler) in Paris.

Häufige Gäste: Verlaine, Rimbaud, Mallarmé, Oscar Wilde, André Breton, André Gide, Louis Aragon, Elsa Triolet, Jean Giraudoux, Jaques Prévert, Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Enst Hemingway, Albert Camus u.a.

Charles Aznavour (1924 – 2015) : La Bohéme (1966)

Beatles (1960 – 1970) : Textentwurf : The Word : Song aus dem Album „Rubber Soul“ (1965)
Beatles : The Word (Lenon/McCartney)

Wassily Kandinsky (1866 – 1944) : Graphische Umsetzung der 5. Symphonie von L. v. Beethoven.

In dieser Schrift werden zwei Grundelemente behandelt, die zum allerersten Anfang jedes Werkes in der Malerie dienen, ohne die dieser Anfang nicht möglich ist und die gleichzeitig ein erschöpfendes Material für die selbständige Art der Malerei darstellen – Graphik.
Also muss hier mit dem Urelement der Malerei angefangen werden – mit den Punkt.

(Kandinsky Punkt und Lilnie zu Fläche – Bauhausbücher, 1926)

Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) : 5. Symphonie (1808), I. Satz : Allegro con brio

Isidore-Stanislaus Henri Helman (1743 – ca. 1809)

König Zhou von Shang (Di Xin) und seine Konkubine Daji,
dargestellt in Faits mémorables des empereurs de la Chine, tirés des annales chinoises (1788)

Daji wurde vor allem bekannt für ihre Erfindung einer Foltermethode namens Paolao. Ein mit Öl bedeckter Bronzezylinder wurde wie ein Ofen mit darunter liegender Holzkohle erhitzt, bis seine Seiten extrem heiß wurden. Das Opfer wurde gezwungen, auf der Oberseite des sich langsam erhitzenden Zylinders zu laufen, so dass das Opfer seine Füße anheben musste, um die Hitze zu vermeiden. Die ölige Oberfläche machte es dem Opfer schwer, seine Position und die Balance zu halten. Wenn das Opfer in die Holzkohle fiel, wurde es lebendig verbrannt. Das Opfer wurde gezwungen zu tanzen und im Todeskrampf zu schreien, während König Zhou und Daji zuschauten und vor Freude lachten.

Renald Deppe (1955) : Chinesisches Brautlied der Daji, Nebenfrau des Königs Di Xin (gestorben 1122 v. Chr.), welcher dieser einen Alkohol-Pool und einen Fleisch-Wald einrichtete.
Für zupfgerupfte Saiteninstrumente, stopfende Blechbläser und viel Tamtam. (Dem RSOWien zugeeignet)
Klang-Graphein nebst Spielanweisungen: Tusche, Eisengallustinte, Feder auf Bütten- und Braunholzmaterialien.

Ö1 : 100 Meisterwerke
: https://oe1.orf.at/artikel/219960/Renald-Deppe

ich spreche mit meiner hand,
du hörst mit deinen augen.
shitao (1642 – 1707 n. Chr.)

das tradierte „be- und verzeichnen“ der klänge ist wunderbares kulturgut.
aber ich glaube auch an ein gedächtnis der worte, klänge für augen und ohren jenseits der golbal be- und genutzten norm-verschriftung (norm-verkaufbarkeit) von Musik.
das erfordert : öffnung und bereitschaft und beschäftigung = zeit.
(zeit ist Geld – geld ist Zeit.)
in diesem sinne danke ich allen mitwirkenden für das erwiesene herzlichst.

p.s.:
nun,
mit dem Gedächtnis hat unsere Zeit
bekanntermaßen generell allerhand probleme…

(Renald Deppe)


Johannes Vermeer (1632 – 1657) : Junge Frau an einem Virginal sitzend (um 1672 – 1675) : London, Natinal Gallery
William Byrd (1543 – 1623) : Fitzwilliam Virginal Book : John come kisse me now

Billie Holiday (1915 – 1959)

 Ein großer Künstler kann etwas ganz Gewöhnliches nehmen und, durch schiere Kunst und Willenskraft, ein Kunstwerk daraus machen.
Manche Sänger können ein sehr schlechtes Lied nehmen und es, einfach aufgrund ihres ungeheuren Stilgefühls und ihrer Kraft, in etwas erstaunliches Verwandeln – zum Beispiel Billie Holiday.
Billie Holliday hat in ihrem ganzen Leben kaum je ein wirklich gutes Lied gesungen, aber sie nahm diese völlig mittelmäßigen Lieder und machte daraus ein erstaunliches Kraftwerk an Stil und Kunst.
Sie war jemand, die einen Apfel aus dem Korb holen und ein Kunstwerk daraus machen konnte, ganz gleich, wie faul der Apfel war.

Truman Capote (1924 – 1984) : Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie. (Gespräche mit Lawrence Grobel)

Billie Holiday : Don’t Explain (Rare Live Recordings 1934 – 1959)

Willem de Kooning (1904 – 1997) in seinem Atelier (1961)

Wenn wir auch im Leben alles tun, um der Angst zu entgehen, in der Kunst müssen wir uns doch auf sie einlassen. Das ist schwer. 

(Morton Feldman)

Morton Feldman (1926 – 1987) : De Kooning : For Horn, Percussion, Piano, Violin and Cello (1963)

William Hogarth (1697 – 1764) : Die schlafende Gemeinde : National Gallery of Art
Kurt Weill (1900 – 1950) : Die Dreigroschenoper (1928) : Morgenchoral des Peachum

Alfred Hrdlicka (1928 – 2009) : Skulptur des Kopfes von Robert Schumann vor dem Schumannhaus Bonn (2003)
Robert Schumann (1810 – 1856) : Dichterliebe, Op. 48 (1840) : XIII.  Ich hab‘ im Traum geweinet

Andy Warhol (1928 – 1987) : Marilyn Monroe (1962)
Max Raabe (*1962) : Ich schlaf am besten neben dir… (2013)

In Gedenken an den Armenischen Genozid (1915 – 1916) : Geschätzte 1,5 Millionen Todesopfer. 
Armenische Kirche der 40 Märtyrer : Aleppo (Einst Verwaltungsstadt im Osmanischen Reich).
Armenien : Armenian Lament (1915) : Anonymous (Oral Tradition)

Jimmy Giuffre (1921 – 2008) : Syncopate : Score (1965)


1965
2. Januar: erste offene Schlacht zwischen Südvietnam und Vietcong.

 21. Februar: Malcolm X wird in New York City ermordet.

 7. März: Außerhalb der Stadt Selma (Alabama) stoppt die Staatspolizei durch Einsatz von Knüppeln und Tränengas den ersten von drei Protestmärschen. Etwa 600 Bürgerrechtsdemonstranten wollten in Alabamas Hauptstadt Montgomery ziehen. Gouverneur George Wallace sieht im Marsch eine Bedrohung der öffentlichen Sicherheit.

 30. März: Ein Autobombenanschlag auf die Botschaft der Vereinigten Staaten in Saigon führt zum Tod von 22 Menschen, 188 werden verletzt.

 6. August: US-Präsident Lyndon B. Johnson unterzeichnet den Voting Rights Act und erklärt damit allen Afroamerikanern ausdrücklich das Wahlrecht zu, was wesentlich zur gesetzlichen Gleichstellung Schwarzer in den USA führte.

»Ihr könnt keinen Kapitalismus haben ohne Rassismus.«

Malcolm X : Rede am 29. Mai 1964.

»Man kann kein kapitalistisches System betreiben, wenn man kein Geier ist; man muss das Blut von jemand anderem saugen, um Kapitalist zu sein.«

Malcolm X (1925 – 1965) : Rede vom 20. Dezember 1964.

Jimmy Giuffre : Syncopate : New York Concerts (1965)

Ernst Förster (1800 – 1885) : Jean Paul (Portrait : Jean Paul dichtet in seiner Gartenlaube in Bayreuth)
Die Gedanken sind frei… (Deutsches Volkslied über die Gedankenfreiheit, um 1800)
Konstantin Wecker (*1947) : Die Gedanken sind frei… (Alternative Fassung, 2015)

• ENTSTEHUNGSGESCHICHTE

Die Gedanken sind frei. Deutsches Volkslied.

Der Text stammt um das Jahr 1780, der Dichter ist unbekannt. 
Die Melodie stammt um das Jahr 1810, auch der Komponist ist unbekannt.

Der Text wurde 1780 zum ersten Mal auf anonymen Flugblättern veröffentlicht. Etwa dreißig Jahre später entstand die Melodie dazu. 1842 wurde das Lied von Hoffmann von Fallersleben in seiner Sammlung „Schlesische Volkslieder“ veröffentlicht. Die Grundidee allerdings, die stammt mindestens aus dem 13. Jahrhundert. In Versform gefasst hat sie offenbar erstmals ein süddeutscher Sinnsprücheschreiber namens Freidank:

diu bant mac nieman vinden, 
diu mîne gedanke binden. 
man vâhet wîp unde man, 
gedanke niemen gevâhen kan.

Die Bänder wird niemand finden, 
die meine Gedanken binden. 
Man fanget Weib und Mann, 
Gedanken niemand fangen kann.

Freiheit im Denken war aber nicht immer etwas Selbstverständliches. Dieses Privileg stand lange Zeit nur den Herrschenden zu. Untertanen hatten sich ihnen auch im Denken anzuschließen. Heutzutage nehmen sich dieses Recht nur noch Diktaturen heraus. Weil das Konzept der Gedankenfreiheit seit der Aufklärung unterdrückten Völkern und Individuen Trost und Hoffnung spendete, hat das Lied viele Umdichtungen und Aktualisierungen erfahren. Wir finden es in „Des Knaben Wunderhorn“, Gustav Mahler hat es vertont, und Sophie Scholl stellte sich im August 1942 abends an die Gefängnismauer und spielte ihrem inhaftierten Vater die Melodie auf der Flöte vor. Und es gibt wohl kaum ein Volkslied, das so oft von Rock- und Punkmusikern gespielt worden ist wie „Die Gedanken sind frei“. Es ist eine Wahrheit, die tatsächlich für alle Seiten und Zeiten gilt.

HYMNE DES WIDERSTANDS : DIE GEDANKEN SIND FREI (BR-Klassik) 


Hanns Kralik (1900 – 1971) : Liedblatt des Moorsoldatenlieds (1933) : Aktionskomitee DIZ Emslandlager e. V., Papenburg

 Am Nachmittag des 27. August 1933 erklang im nordwestdeutschen Konzentrationslager Börgermoor zum ersten Mal das Lied der Moorsoldaten, »schwer und dunkel, im Marschrhythmus« gesungen von einem 16-köpfigen Chor der kommunistischen Gefangenen.Diese Premiere bildete den emotionalen Höhepunkt des »Zirkus Konzentratiani«, eines artistisch-humoristischen Programms der Häftlinge.Die Zuhörer waren überwältigt von diesem eingängigen Lied, das im schleppenden Rhythmus die alltägliche Trostlosigkeit der Männer beschrieb, die in den Mooren des Emslands fernab der Heimat Zwangsarbeit leisten mussten.Bis 1945 sangen die Häftlinge das Moorsoldatenlied neben vielen anderen Lagerliedern in ihren Muttersprachen.Es fand zudem seinen Weg in die Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkriegs und in die französische Résistance.Bis heute gibt es wohl kaum eine Gedenkveranstaltung an Orten ehemaliger Konzentrationslager, bei der nicht dieses Lied erklingt.

Juliane Brauer (*1975) : …so machtvoll ist der Heimatlieder Klang : Musik im Konzentrationslager (2009)

Ernst Busch (1900 – 1989) : Wir sind die Moorsoldaten…

Die Toten Hosen : Wir sind die Moorsoldaten… : Ballast der Republik (2012)

Volksempfänger : Baujahr 1933
Hanns Eisler (1898 – 1962) : An den kleinen Radioapparat (1942)

Du kleiner Kasten, den ich flüchtend trug
Daß seine Lampen mir auch nicht zerbrächen
Besorgt von Haus zum Schiff, vom Schiff zum Zug
Daß meine Feinde weiter zu mir sprächen
An meinem Lager und zu meiner Pein
Der letzten nachts, der ersten in der Früh
Von ihren Siegen und von meiner Müh:
Versprich mir, nicht auf einmal stumm zu sein!

Text : Bertolt Brecht (1898 – 1956)


Broschüre zur Ausstellung »Entartete Musik« (1938) 
Ernst Krenek (1900 – 1921) : Jonny spielt auf, Op 45 (1927) : Scene 3 : Einleitung

Eine abschreckende Schau sollte die Ausstellung „Entartete Musik“ sein, so wollte es der Hitler-Verehrer Hans Severus Ziegler. Der NSDAP-Funktionär und damalige Intendant am Staatstheater in Weimar hatte die Ausstellung organisiert. In seiner Eröffnungsrede sagte er: „Was in der Ausstellung zusammengetragen ist, stellt das Abbild eines wahren Hexensabbat dar und ein Abbild arroganter jüdischer Frechheit und völliger geistiger Vertrottelung.“ Schon die Titelseite der Begleitbroschüre zeigte den Besuchern deutlich, worum es Ziegler ging. Eine perfide Karikatur zeigte „Jonny“, einen schwarzen Jazzmusiker mit dem „Neger-Instrument“ Saxophon, damals einerseits bekannt als Titelfigur in Ernst Kreneks Oper „Jonny spielt auf“.

Deutsche Welle : Marita Berg (2013)


Guillaume de Machaut (1300 – 1370) : Buchmalerei in Machauts Verserzählung »Le remède de fortune.« (um 1350/1355)
Guillaume de Machaut (Komponist & Dichter) : Le vray remède d’amour : »Mon cuer, ma suer«

Willy von Beckerath (1868 – 1938) : Brahms am Flügel (1896)
Johannes Brahms (1833 – 1897) : Sonate für Klavier Nr. 3 in f-Moll, Op. 5 : II Andante espressivo (1853)

Brahms zitiert am Anfang des Andante espressivo drei Verszeilen von C. O. Sternau (1823 – 1862):

Der Abend dämmert, das Mondlicht scheint
da sind zwei Herzen in Liebe vereint
und halten sich selig umfangen


Cover der Erstausgabe der Partitur von Arthur Honeggers Pacific 231, Paris 1926
Arthur Honegger (1982 – 1955) : Pacific 231 (mouvement symphonique nr. 1) : 1923

Franz Kafka (1883 – 1924) und seine zweimalige Verlobte Felice Bauer, Budapest 1917
György Kurtág (*1926) : Kafka Fragmente, Op. 24 (1985 – 1987) : Der Coitus als Bestrafung des Glückes des Beisammenseins.

Franz Kafka und Milena Jesenska
György Kurtág (*1926) : Kafka Fragmente, Op. 24 (1985 – 1987) : Schmutzig bin ich, Milena …

Schmutzig bin ich, Milena, endlos schmutzig, darum mache ich ein solches Geschrei mit der Reinheit. 
Niemand singt so rein als die, welche in der tiefsten Hölle sind; was wir für den Gesang der Engel halten, ist ihr Gesang.

Franz Kafka (1883 – 1924)

Cover : Kurt Schwitters (1887–1948) : Anna Blume : Dichtungen (1919)
Kurt Schwitters liest das Gedicht : An Anna Blume

Chelsea Bridge : Hängebrücke über die Themse in London : Eröffnet 1937
Billy Strayhorn (1915 – 1967) : Chelsea Bridge (1941) : Gerry Mulligan meets Ben Webster (1960)

Szenenfoto aus Le Sacre du Printemps vom 19. Mai 1913 (Premiere) : Théatre de Champs-Élysées

 »Eine gut gekleidete Dame in einer Orchesterloge stand auf und schlug einem jungen Mann, der in der nächsten Loge zischte, ins Gesicht. Ihr Begleiter erhob sich und die Männer tauschten ihre Visitenkarten aus. Ein Duell erfolgte am nächsten Tag«, so die ungarische Tänzerin Romola de Pulszky. Die Dame, ihr Begleiter und der junge Mann waren Zeugen der Uraufführung des Ballets Le Sacre du Printemps von Igor Strawinsky am 19. Mai 1913 im prächtigen Théatre de Champs-Élysées in Paris. Sie war einer der größten Skandale in der Musikgeschichte. Die Musik war wegen der Tumulte kaum zu hören, am Ende der Vorstellung registrierte die Polizei 27 Verletzte unter den Zuschauern. Die Frage, warum die Menschen derart in Rage geraten waren, ist nicht leicht zu beantworten. Lag es an der als »häßlich« empfundenen Musik? An der Choreographie von Vaslav Nijinsky? An den Bühnenbildern und Kostümen von Nicholas Roerich? Oder eher an der Erwartungshaltung eines Publikums, das die vorangegangen Produktionen der Ballet russe, darunter Strawinskys L’óiseau de feu (Feuervogel, 1910) und Pétruschka (Petruschka, 1911), stürmisch gefeiert hatte?
Melanie Unseld : Le Sacre du Printemps : Ein Schlüsselwerk der musikalischen Moderne

Igor Strawinsky (1882 – 1971) : Le Sacre du Printemps : Le Sacrefice, VI Danse sacrale

Cover einer Langspielplatte aus den 1950er Jahren.
Bill Haley (1925 – 1981) and his Comets : Rock around the Clock (1954)

Jimmy Hendrix (1942 – 1970) : Auftritt im Hamburger Star-Club (1967)

 Am 17. März 1967 trat Jimmy Hendrix im Hamburger Star-Club auf – jenem 1962 gegründeten Etablissement im Hamburger Rotlichtviertel um die Reeperbahn, in dem die Beatles groß geworden waren. Was dem kundigen Hamburger Publikum an diesem Tag geboten wurde, übertraf alles bisher Dagewesene. Ein Augenzeuge berichtete: »Hendrix schloss die Gitarre an und ließ sie gleich ganz wahnsinnig losheulen und pfeifen, wir dachten erst, die Anlage sei kaputt. Aber dann legten Schlagzeug und Bass los und Hendrix würgte seine Gitarre, biss rein und spielte mit der Zunge und auf dem Rücken und unterm Knie und er haute sie gegen den Marshall-Turm, das klang so, als explodierte gerade ein Elektrizitätswerk. Zum Schluss hat er dann Wild Thing gespielt, über 10 Minuten lang, in einer Mörderversion. Als er fertig war, waren wir auch alle fertig.«In Hendrix’ Stil zeigte sich, dass elektrisch verstärkte Musik in der Lage war, die ganze akustische Welt der Moderne zu simulieren und zu interpretieren. Sie löste damit geradezu schockartige Wirkungen aus und reproduzierte eine grundlegende Erfahrung der industriellen Moderne – die radikale Destruktion traditioneller Hörgewohnheiten.
Detlef Siegfried : Wild Thing : Der Sound der Revolte um 1968

Jimmy Hendrix : Wild Thing (1966) : Live at the Monterey International Pop Festival (1967)

John Cage (1912 – 1992) : Klangveränderungen durch Klavierpräperation mit Schrauben und anderen Kleinteilen : Paris, 1949
John Cage : Sonatas & Interludes (1946 – 1948) : Sonata 5

Telefonmodell mit Wählscheine und Bakelitgehäuse (um 1950)
Max Raabe & sein Palastorchester : Kein Schwein ruft mich an (1992)

Jasper Jones (*1939) : Three Flags (1958)
Jimmy Hendrix (1942 – 1970) : The Star-Spangled Banner (Live at Woodstock, 1969)

Player Piano (Selbstspielklavier, ein mechanisches Instrument) mit einer Lochstreifen-Komposition von Conlon Nancarrow.

Conlon Nancarrow, geboren am 27. Oktober 1912 in Texarkana/Arkansas, gehört zu jenen amerikanischen Einzelgängern, denen die Musik des 20. Jahrhunderts entscheidende Impulse verdankt. 

1937–39 nahm er als Mitglied der Abraham Lincoln-Brigade am Spanischen Bürgerkrieg teil. Als ihm aufgrund dessen nach seiner Rückkehr in die USA der Pass entzogen werden sollte, übersiedelte er nach einem Aufenthalt in New York 1940 nach México D.F. [Mexiko-Stadt] und erwarb 1955 die mexikanische Staatsbügerschaft.

Nahezu 40 Jahre lang komponierte Nancarrow dort in selbstgewählter Isolation fast ausschließlich für das Player Piano (Selbstspielklavier, ein mechanisches Instrument). Seine Kontakte begrenzte er auf wenige Personen aus der mexikanischen Kunstszene, wie den Maler und Muralisten (Wandmaler) Juan OʼGorman, der ihm sein Haus in einem der südlichen Vororte von Mexiko-Stadt entwarf. Erst nach seiner Anfang der 70er-Jahre erfolgten Heirat mit Yoko, einer japanischen Archäologin, wurde Nancarrow zugänglicher.

Schon Nancarrows noch für traditionelle Instrumente geschriebene Kompositionen aus den 30er- und frühen 40er-Jahren zeugen – neben seiner Herkunft vom Jazz – von seiner Vorliebe für schnelle Tempi und rhythmisch-metrische Komplikationen. Enttäuscht von missglückten Aufführungen und in Mexiko dann auch abgeschnitten von Kontakten zu geeigneten Interpreten, wandte sich Nancarrow Ende der 40er-Jahre, einem Hinweis in Henry Cowells »New Musical Resources« (1930) folgend, dem Player Piano zu, bei dem mittels eines pneumatisch betriebenen Spielapparats über eine Lochleiste ablaufende Lochstreifen als Toninformationsträger koordinierte Tastenanschläge auslösen. Das automatisch spielende Klavier, das bis dahin hauptsächlich zur Reproduktion verwandt worden war, ermöglichte Nancarrow indes nicht nur die gewünschte Unabhängigkeit von den Grenzen menschlicher Spieler. Wie vor ihm vereinzelt u.a. Stravinskij, Hindemith, Ernst Toch oder George Antheil nutzte er es für eigene Kompositionen, die er selbst in die Papierrollen stanzte. Dabei gelang es ihm, neben Rhythmen und Metren erstmals systematisch und konsequent auch das Tempo zum strukturgebenden musikalischen Faktor zu entwickeln.

Monika Fürst-Heidtmann : KDG (Komponisten der Gegenwart)

Conlon Nancarrow (1912 – 1997) : Studie Nr. 11 für Player-Piano

Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606 – 1689) : Jeremia beklagt die Zerstörung Jerusalems (1630)
Orlando di Lasso (1532 – 1594) : Lamentationes Jeremiae Prophetae (1585) : Lamentatio Prima

Horst Janssen (1929 – 1995) : Totentanz (1974)
Franz Liszt (1811 – 1868) : Totentanz : Paraphrase über Dies Irae für Klavier und Orchester (1849)

Marc Chagall (1897 – 1985) : Weisse Kreuzigung (1938)
B.A. Zimmermann (1918 – 1970) : Antiphon IV (1961)

Helmut Lachenmann (*1935) : Pression : Für einen Cellisten (1969) : Partitur (Auszug)

Dieses Stück entstand als Einführung in die „instrumentale musique-concrète“. In dieser Art von Stücken ist es üblich, dass Klangphänomene so organisiert sind, dass sie nicht so sehr das Ergebnis musikalischer Erfahrungen als vielmehr ihrer eigenen akustischen Eigenschaften sind. Klangfarben, Dynamik usw. entstehen nicht aus eigenem Antrieb, sondern als Bestandteile einer konkreten Situation, die durch Textur, Konsistenz, Energie, Widerstand gekennzeichnet ist.

Das kommt nicht von innen, sondern von einer befreiten Kompositionstechnik. Gleichzeitig bedeutet es, dass unsere gewohnte, scharf geschliffene Hörgewohnheit durchkreuzt wird. Das Ergebnis ist eine ästhetische Provokation: Schönheit, die die Gewohnheit verleugnet.

Helmut Lachenmann

Helmut Lachenmann : Pression : Für einen Cellisten (1969)

LP-Cover des Albums THRILLER (1982)
Michael Jackson (1958 – 2009) : THRILLER : Billie Jean (Single Version, 1982) 

 So beginnt die Ewigkeit: Dum-tschack, Dum-tschack, Dum-tschack, Dum-tschack, Dum-tschack, Bassdrum und Snare, dazu in leise tickenden Achtelnoten die Hi-Hat: mehr nicht über zwei Takte.

Dann setzt der Basslauf ein, übernimmt die unerbittliche, ununterbrochene Achtelbewegung der Hi-Hat, läuft wie der Zeiger einer Uhr immer wieder zu seinem Anfang zurück.

Lange ändert sich nichts – außer einem zischenden Geräusch, das von rechts nach links verstohlen durch den Stereoraum huscht. Dann staccato-getupfte Syntheziser-Akkorde: kurze Blitzlichter, die einen dunklen Raum erhellen. Erst nach einer Ewigkeit von 14 Takten setzt die Stimme ein: ein unterdrücktes Schluchzen und dann »She was more like a beauty queen from a movie scene…«, leise gesungen zunächst, doch voll gestauter, gebremster, kaum zu kontrollierender Energie: extreme Anspannung über zwei Strophen.

Nach einer Minute und 26 Sekunden, zu einem Zeitpunkt also, an dem ein herkömmlicher Hit bereits zur Hälfte um ist, bricht es heraus, laut, befreiend: »Billie Jean is not my lover.« So beginnt Michael Jacksons erfolgreichste von sieben sehr erfolgreichen Singles auf der 1982 veröffentlichten Platte Thriller, dem meistverkauften Album »aller Zeiten« – bis heute.

Dietrich Helms : Thriller : Das erfolgreichste Album »aller Zeiten«


Theaterplakat : W.A. Mozart (1756 – 1791) : Hochzeit des Figaro : Uraufführung (1789)

»Will der Herr Graf den Tanz mit mir wagen? So mag er’s sagen, ich spiel ihm auf …« 

Was am 1. Mai 1786 im Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde, war Sprengstoff. 

Mit Figaros Hochzeit wurden zum ersten Mal zeitgenössische soziale Konflikte Gegenstand einer Oper. Ein Diener lehnt sich auf gegen die Willkür seines adligen Dienstherrn. Drei Jahre vor der Französischen Revolution – und mit Unterstützung von Kaiser Joseph II., dem die Adelsprivilegien selbst gegen seine Prinzipien gingen. Die Wiener Realzeitung staunte: „Was in unsern Zeiten nicht erlaubt ist, gesagt zu werden, wird gesungen.“ 

Nun ist Mozarts wunderbare Oper keine Klassenkampfmusik. Es geht auch um Liebe, um Individuen, und ohne Blessuren kommt keiner davon. Aber eine revolutionäre Tat war der Figaro allemal und sein Schöpfer ein Mann, den die politische Gegenwart interessierte. 

Das passte Mozarts Bewunderern bis weit ins 20. Jahrhundert nicht ins Bild von zeitloser Schönheit. Gern übersah man, dass Mozart über militärische Konflikte in Europa und selbst Nordamerika aus den Zeitungen gut informiert war, dass von den 41 Büchern in Mozarts Nachlass gerade mal zwei von Musik handelten, aber sieben von Aufklärern wie Moses Mendelssohn und Adolf Freiherr von Knigge verfasst waren. Zur Revolution in Frankreich findet man in Mozarts Briefen zwar kein Wort, aber ebenso wenig zu den Freimaurern, deren Mitglied er sogar blieb, als sie unter Druck gerieten. Sie sannen zwar nicht auf Umsturz, waren aber von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ überzeugt. Schon die Autarkie und Verschwiegenheit der Logen war ein Politikum im Absolutismus. Erst nach dem Sturm auf die Bastille wurde übrigens Figaro wirklich ein Kassenschlager.

Der Uraufführung drei Jahre zuvor waren nur acht Vorstellungen gefolgt – der Adel boykottierte das Werk. Und hat Mozart wohl besser verstanden als noch 1970 ein Opernführer, in dem zu lesen war, es gehe hier bloß „um Irrungen und Wirrungen, wie sie das Leben mit sich bringt …“.

Volker Hagedorn : ZEIT Geschichte, Nr.4 2005

W.A. Mozart (1756 – 1791) : Hochzeit des Figaro : Akt I : »La vendetta«

Malcolm X (1925 – 1965) wird auf einer Bahre aus dem Audubon Ballroom getragen, nachdem er erschossen wurde.

Malcolm X, eigentlich Malcolm Little, amerikanischer Bürgerrechtler, * 19. 5.1925 in Omaha (Nebraska), †  21. 2.1965 (ermordet) in New York.

Er wurde im Gefängnis (1946–52) für die Black Muslims gewonnen. Er nahm den Namen Malcolm X an, reiste missionierend durch die USA und erreichte als geschickter Agitator ein starkes Anwachsen der »Nation of Islam«. Ende 1963 überwarf er sich mit deren Führer Elijah Muhammad und gründete die auf unmittelbare politische Aktion gerichtete »Organization of Afro-American Unity«. Nach einer Pilgerreise nach Mekka (1964) änderte er seinen Namen in El Hajj Malik al-Shabazz und wandte sich dem orthodoxen Islam zu.

Jenseits des ursprünglichen schwarzen Nationalismus entwickelte er nun Ansätze eines universellen humanistischen Revolutionskonzepts. Seine Reden übten großen Einfluss auf die schwarze Bevölkerung aus. Er wurde während einer Zusammenkunft seiner Anhänger in Harlem durch Mitglieder der Black Muslims ermordet. Seine von Alex Haley nach Tonbandaufnahmen erstellten, posthum veröffentlichten und schlagartig berühmt gewordenen Erinnerungen »The autobiography of Malcolm X« (1965; deutsch »Der schwarze Tribun)« gelten als Klassiker afroamerikanischer Selbstdarstellung.

(Brockhaus, Enzyklopädie)

Miriam Makeba (1932 – 2008) : Malcolm X (1971)
Archie Shepp (*1937) : Malcolm, Malcom – Semper Malcolm (1965)

Graffiti auf West-Berliner Seite der Mauer, auf Ost-Berliner Seite die planierten Anlagen des Luisenstädtischen Kanals (1986)

Schriftsteller, Politiker, Schauspieler, Musiker: Früher wohnte in Berlin-Pankow die Elite der DDR, heute die Elite der Hauptstadt. 

Hier eine Liste von berühmten Menschen, die in Pankow wohnen, in Pankow gewohnt haben oder dort geboren sind, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Erste Abteilung, Künstler, tot. Hanns Eisler, Arnold Zweig, Stephan Hermlin, Carl von Ossietzky, Ernst Busch, Johannes R. Becher, Heiner Müller, die Brüder Skladanowski, Käthe Kollwitz, Wolfdietrich Schnurre, Heinz Knobloch, Hans Fallada.

Zweite Abteilung, Filmstars, deren Karriere in der DDR begonnen hat. Winfried Glatzeder, Eva-Maria Hagen, Manfred Krug, Corinna Harfouch, Henry Hübchen, Michael Gwisdek.

Dritte Abteilung, Schriftsteller, lebend. Christa Wolf, Christoph Hein, Monika Maron, Volker Braun.

Vierte Abteilung, DDR-Politiker, tot. Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Erich Honecker.

Fünfte Abteilung, Politiker von heute. Jürgen Trittin, Gregor Gysi.

Sechste Abteilung, Film- und Fernsehschaffende. Jasmin Tabatabai, Nora Tschirner, Jörg Thadeusz, Christiane Paul, Maria Schrader, Detlef D! Soost.

(Tagesspiegel, Berlin 2007)

Udo Lindenberg (*1946) & das Panikorchester : Sonderzug nach Pankow (1983) : Der Song wurde ab 1983 in der DDR verboten.

Gestrandete Wale (2916)

 Warum tun sie das bloß? 

28 Pottwale sind seit Anfang Januar an den Küsten der Nordsee gefunden worden. Einige von ihnen waren schon tot, die anderen verendeten, erdrückt von ihrem eigenen Gewicht, am Strand.

Als eine wichtige Ursache für Strandungen gilt das aktive Sonar, mit dem Kriegsschiffe feindliche U-Boote orten, indem sie sehr laute Schallwellen aussenden. Im Frühjahr 2000 strandeten auf den Bahamas 17 Wale und Delfine, kurz nachdem die US-Marine dort ein Sonar eingesetzt hatte. Ein Untersuchungsbericht der Amerikaner räumt ein, dass das Sonar die plausibelste Erklärung für die Strandung sei.

Die Tiere hätten ein akustisches Trauma erlitten, das zur Strandung führt. Die untersuchten Wale hatten Blutungen im Gehör oder im Gehirn. Als Lärmquelle komme nur das Sonar infrage. Dabei habe sich eine Kombination von Faktoren als fatal erwiesen: Es seien über längere Zeit mehrere Sonare eingesetzt worden. Eine starke Oberflächenströmung habe die Zerstreuung der Schallwellen verhindert und die Wale seien in einer Wasserschlucht geschwommen, aus der sie schlecht hätten flüchten können.

(TAZ, 2016)

Charlie Haden (1937 – 2014) & Liberation Music Orchestra : Song of the Whales (2011)

Dagobert Duck (*1947)

Money
Get away
You get a good job with more pay and you’re okay

Money
It’s a gas
Grab that cash with both hands and make a stash

New car, caviar, four star, daydream
Think I’ll buy me a football team

Money
Get back
I’m alright, Jack, keep your hands off of my stack

Money
It’s a hit
Don’t give me that do goody good bullshit
I’m in the high-fidelity first-class traveling set
And I think I need a Lear jet

Money
It’s a crime
Share it fairly, but don’t take a slice of my pie

Money
So they say
Is the root of all evil today

But if you ask for a rise
It’s no surprise that they’re giving none away
Away, away, away
Away, away, away…

(Songtext, Auszug)

Pink Floyd : Money : Dark Side Of The Moon (1973)

Werbeanzeige der amerikanischen Plattengesellschaft Viktor Talking Maschine Company (1913)

Vide le luci in mezzo al mare,
pensò alle notti là in America,
ma erano solo le lampare
e la bianca scia di un’elica.

Sentì il dolore nella musica,
si alzò dal pianoforte,
ma quando vide la luna
uscire da una nuvola
gli sembrò più dolce anche la morte.

Songtext : Caruso (Auszug)

Lucio Dalla (1943 – 2012) : Caruso (1986)

Angriff der Polizei auf Demonstranten in Genua.

Am 18. – 22. Juli 2001 fand der 27. G8-Gipfel in Genua statt. Überschattet wurde die Konferenz von gewaltsamen Auseinandersetzungen mehrerer hunderttausend Globalisierungskritiker und der italienischen Polizei. Neben hunderten Verletzten wurde der 23-jährige Carlo Giuliani durch einen Schuss eines Polizisten getötet.

Am Donnerstag, den 19. Juli protestierten 60.000 Menschen für die Rechte von Migranten. Die Demonstration bestand aus antirassistischen Gruppen, Gewerkschaftern und kirchlichen Initiativen.

Am Freitag des 20. Juli eskalierte die Situation in Genua. Der Zug der Tute Bianche und anderer linker Gruppen wurde von der Polizei mit Tränengas attackiert. Viele der 20.000 in einer schmalen Straße eingeschlossenen Menschen versuchten zu flüchten, zahlreiche andere antworteten auf die Angriffe der Carabinieri mit Steinwürfen. Bei den Auseinandersetzungen in den Seitenstraßen wurde nahe der Piazza Alimonda der 23-jährige Carlo Giuliani von dem 20-jährigen Carabiniere Mario Placanica durch einen Kopfschuss getötet und von Filippo Cavataio, der am Steuer des Polizeiwagens saß, zweimal überrollt.

Die von Gewalt geprägten Unruhen in Genua dauerten bis zum 25. Juli 2001.

Das Entsetzen über die Vorgänge, die Brutalität gegenüber Aktivist*innen, aber auch Be­ob­ach­te­r*in­nen und Jour­na­lis­t*innen, wurde von der inter­na­tio­na­len Bewegung um die Welt getragen. Die Mobilisierungskraft der globalisierungskritischen Organisationen schien keine Grenzen mehr zu kennen. Solidaritätskundgebungen, Demos, Besetzungen, die Gründung unzähliger Basisgruppen; bis keine zwei Monate später 9/11 den Fokus zumindest der westlichen öffentlichen Aufmerksamkeit in eine gänzlich andere Richtung verschieben sollte.

Die zügige und noch immer andauernde Erosion jeglicher Rechtsstaatlichkeit im „Krieg gegen den Terror“ ließ Genua fast wie eine Petitesse erscheinen. Die juristische Aufarbeitung dauerte lange, viele Verurteilungen gegen Polizeibeamte hatten wegen Verjährung keine Auswirkungen mehr. Politisch Verantwortliche wurden nie zur Rechenschaft gezogen, Befehlsketten waren nicht rekonstruierbar, die Täter schweigen bis heute.

(TAZ, 17. 07. 2021)

Paolo Conte (*1937) : Genua per noi

Buchstaben des lateinischen Alphabets (Setzkasten einer Druckwerkstatt).

Dem Volk der Phöniker gebührt großer Ruhm für die Erfindung der Buchstaben.

Plinius d. Ä. (23 – 79 n. Chr.)

György Ligeti (1923 – 2006) : Nonsense Madrigals : III. The Alphabet (1993)

Johannes Brahms (1833 – 1897) in der Bibliothek seines Freundes
 Dr. Victor von Miller in Bad Ischl (1894).

»Die Wiegenlieder meiner Schmerzen« nannte der im Alter zunehmend vereinsamende Brahms seine späten 3 Klavier-Intermezzi Op. 117.

Erzeugen Wiegenlieder Schmerzen oder Schmerzen Wiegenlieder?
Wie auch immer: Wiegenlieder und Schmerzen haben hier einzigartige Musik hervorgebracht: mutige, moderne, innige, leidenschaftliche, entschleunigt komplexe und betörend schlichte Klangwelten.
Brahms stellte dem ersten seiner 3 Intermezzi die Verse »Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön! / Mich dauert’s sehr, dich weinen sehn« aus Johann Gottfried Herders (1744 – 1803) Gedicht-Sammlung „Stimmen der Völker“ voran.

Erzeugen Wiegenlieder Schmerzen oder Schmerzen Wiegenlieder?
Wie auch immer: Wiegenlieder und Schmerzen gehören zu den Erfahrungswelten eines jeden Menschen. Immer und Überall. 
Und oftmals zeitigen die daraus resultierenden Befindlichkeiten eine kostbar tröstliche Wunderkammer menschlicher Größe. Und Vergänglichkeit.

Renald Deppe

Johannes Brahms (1833 – 1897) : Drei Intermezzi, Op. 117 (1892) : I. Andante moderato

Rahmentrommel : Eine in Sufi-Klöstern von Derwischen benutzte Daf (Museum von Antalya).

• Tasawwuf : »Islamische Mystik, Sufismus«. Die Anfänge der spirituellen Bewegung reichen bis in die Zeit des Propheten Mohammad zurück.Ab dem 9. Jahrhundert verbreitete sie sich zunehmend und führte zur Bildung von sogenannten Bruderscheaften (Tariqa). Ziel der Sufis ist es, Gott durch tägliches Gedenken (Dhikr) an ihn nahezukommen.
Fahimah Ulfat / Naciye Kamçili-Yildiz : Islam : Grundwissen in Stichworten (2014)

Tanzende Sufi-Derwische
Sufi-Gesang (Recorded During a Live Zikir Ritual In Konya, Turkey) 

Münze : DDR 1972 : zum 75. Todestag von Johannes Brahms (1833 – 1897)

Bleibt die peinliche Frage: Woher nehmen die betreffenden Verantwortungsträger das Recht, das Selbst- & Fremdvertrauen, immer wieder (zumeist längst verstorbene) Persönlichkeiten im Geistes-, Kunst- und Kulturleben auf staatlich legitimierte Zahlungsmittel zu drucken, zu prägen und abzulichten?

Die Behübschung monetärer Wertlosigkeiten als Aufwertung eines längst vergifteten, korrupten und pervertierten Systems öffentlicher Wert(ein)schätzungen ist zur globalen Regel geworden. 

Widerständigkeit, Außenseiterschicksal, Verarmung, (Über)Lebenskämpfe, Verfolgung, Missachtung, bittere Armut und verzweifelte Liebes- & Lebensläufe vieler der hierfür ge- & benutzten Personen zu ihren damaligen Leb- & Arbeitszeiten werden vergessen, ignoriert, verschattet und „in memoriam“ mit Kaltglanz geglättet.

Macht misstraut den hier oftmals abgebildeten Machthabern als taugliche Wertlegitimation. Auch wieder (mehr als) tröstlich.

Johannes Brahms vertraute Clara Schumann. Clara Schumann vertraute Brahms. Ohne Vorbehalte & Wertlegitimationen.

Renald Deppe

Geldschein : BRD 1989 : Clara Schumann (1819 – 1896) : Pianistin, Komponistin, Pädagogin
Johannes Brahms : Sechs Klavierstücke, Op. 118 (Clara Schumann zugeeignet) : VI. Intermezzo : Andante, largo e mesto (1893)

Plakat : »Letzte Generation« : Bündnis von Aktivisten aus der Umweltschutzbewegung

Die »Letzte Generation« protestiert seit einem Jahr für wesentlich schärfere Klimaschutzmaßnahmen. Sie setzt dabei vor allem auf Blockaden von Straßen und Flughäfen, Aktivistinnen und Aktivisten kleben sich dabei meist vor Ort fest. Dazu kamen aber auch öffentlichkeitswirksame Protestaktionen in Ministerien, Museen oder Konzerthäusern. Ihre Straßenblockaden fanden bisher schwerpunktmäßig in Berlin und München statt, es gab aber auch andernorts bereits Aktionen.
(Der Spiegel : 23. Januar 23)

John Mayall (*1933) : The Turnung Point (1969) : Room to Move (live)

Orval E. Faubus : Little Rock : Protestveranstaltung gegen die Aufhebung der Rassentrennung (1957)

Orval Eugène Faubus (1910–1994)

Sechsunddreißigster Gouverneur (1955–1967)

Orval Eugene Faubus diente sechs aufeinanderfolgende Amtszeiten als Gouverneur von Arkansas und bekleidete das Amt länger als jede andere Person.  Am meisten erinnert man sich an seinen Versuch, 1957 die Aufhebung der Rassentrennung an der Central High School in Little Rock zu verhindern. Sein Widerstand gegen das, was er „erzwungene Integration“ nannte, führte dazu, dass Präsident Dwight D. Eisenhower Bundestruppen entsandte nach Little Rock (Pulaski County) , um das Urteil des Obersten Gerichtshofs von 1954 zur Aufhebung der Rassentrennung durchzusetzen.

Am 2. September 1957 rief Faubus die Nationalgarde aus, um die Zulassung von neun schwarzen Schülern zur Central High School zu blockieren. Seine Begründung war, dass Gewalt drohte und er den Frieden bewahren müsse. Ein Bundesrichter ordnete die Entfernung der Gardisten an. Die als Little Rock Nine bekannten Schüler kehrten in die Schule zurück, wurden aber von einem Mob wütender Segregationisten getroffen. Die örtliche Polizei, die die Menge nicht kontrollieren konnte, brachte die Neun aus dem Gebäude. Präsident Dwight D. Eisenhower föderalisierte die Nationalgarde und entsandte Armeetruppen, um die Ordnung wiederherzustellen und das Gerichtsurteil durchzusetzen. Die Truppen blieben durch das Schuljahr. Little Rock stimmte für die Schließung seiner High Schools im folgenden Jahr in einem vergeblichen Versuch, eine weitere Integration zu vereiteln. Dann stimmte die Stadt, geplagt von schlechter Publicity und angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs, dafür, sie mit symbolischer Integration wieder zu eröffnen.

(CALS : Enzyklopädie von Arkansas, USA)

Charles Mingus (1922 – 1979) : Fables of Faubus : Charles Mingus Presents Charles Mingus (1960)

Tasso, Torquato, italienischer Dichter, * 11.3.1544 in Sorrent, † 25.4.1595 in Rom.

Tasso wurde u. a. am Fürstenhof von Urbino erzogen, studierte ab 1560 Rechtswissenschaft, dann Philosophie und Beredsamkeit in Padua und Bologna. 1565 wurde er Hofkavalier des Kardinals Luigi d’Este in Ferrara, 1572 wechselte er in den Dienst von Herzog Alfonso II. d’Este von Ferrara über. Ende 1575 traten erste Anzeichen einer psychischen Erkrankung auf. Aufgrund von Gewalttätigkeiten wurde er im Franziskanerkloster der Stadt isoliert, konnte aber fliehen; nach ruhelosem Wanderleben 1578 wieder in Ferrara, kam er 1579 ins Irrenhaus von Sant’Anna. Erst 1586 gestattete der Herzog dem Fürsten Vincenzo I. Gonzaga (* 1562, † 1612), den Dichter mit nach Mantua zu nehmen. Tasso starb kurz vor seiner Dichterkrönung durch Papst Klemens VIII.

(Brockhaus, Enzyklopädie)

Claudio Monteverdi (1567 – 1643) : Il terzo libro dei madrigali (Text: Torquato Tasso) : Vivro fra i miei tormenti e le mie cure

Gesualdo : Don Carlo, Fürst von Venosa (1560-1613)

Gesualdo, Don Carlo, Fürst von Venosa (seit 1586), italienischer Komponist, * Neapel oder Umgebung 8. 3. 1566, † Neapel 8. 9. 1613; in die Geschichte Neapels eingegangen durch die Ermordung seiner ersten Frau Maria d’Avalos und deren Liebhaber Fabrizio Carafa, Herzog von Andria; in zweiter Ehe ⚭ mit Eleonora d’Este; lebte in Neapel, Ferrara und auf seinem Gut in Gesualdo.

Gesaldo schuf vor allem 6 Bücher fünfstimmiger Madrigale (1594–1611; sechsstimmige Madrigale posthum), die sich durch eine für ihre Zeit kühne, dissonanzreiche Harmonik und expressive Melodik auszeichnen. Die reiche Verwendung der Chromatik dient der Darstellung leidenschaftlicher Gemütszustände, ist aber zugleich ein Ergebnis von Experimenten, die die Wiederbelebung antiker Tongeschlechter zum Ziel hatten (Affektenlehre). Daneben veröffentlichte er fünf- bis siebenstimmige »Sacrae cantiones« (2 Bücher, 1603) und sechsstimmige »Responsoria« (1611).

(Brockhaus, Enzyklopädie)

 Neapel, 16. Oktober 1690. Don Carlo Gesualdo da Venosa massakriert seine Ehefrau und ihren Geliebten. 

Auf dem Fußboden neben dem Schlafgemach finden die Diener am nächsten Morgen zwei leblose Körper: Don Fabrizio Carafa – er ist nur mit dem Nachtgewand einer Frau bekleidet, es ist braun von getrocknetem Blut –, und auf der Liege im selben Raum liegt Donna Maria D’Avalos, Gesualdos Ehefrau, mit zertrümmertem Schädel und aufgeschnittener Kehle.

Dabei hatte doch alles so gut angefangen. Carlo, begabter Komponist und Erbe des Fürstenhauses Gesualdo in Neapel, ist 20 Jahre alt, als er seine Cousine Maria heiratet. Sie ist atemberaubend schön und nur wenig älter als er. Sie schenkt ihm den erwarteten Stammhalter, aber das Glück dauert nur vier Jahre. Gesualdo kommt dahinter, dass sie schon seit längerem diverse Liebschaften hat. Außer sich vor Eifersucht täuscht er einen Jagdausflug vor kehrt überraschend zurück, ertappt die beiden in flagranti und metzelt sie nieder – mit 53 Dolchstichen.

Nach herrschender Sitte ist der Mord zwar eine Sache der Ehre und der Gehörnte ist im Recht. Vorsichtshalber aber zieht sich Gesualdo auf seine Burg zurück, lässt dort zu seiner Sicherheit den Wald roden und wartet ab, ob sich die Familien der Opfer beruhigen. Und tatsächlich: Die Vendetta bleibt aus. Gesualdo gehört zur aristokratischen Elite und hat zu viel Einfluss. Das Gericht legt den Fall zu den Akten. Gesualdo lässt für alle Fälle ein Kloster mit Kapelle bauen.

Er heiratet wieder; mit der zweiten Ehe ist es aber auch nichts. Immerhin allerdings überlebt die Frau. Gesualdo, der Täter, der zum Opfer geworden ist, wird immer sonderlicher – verlässt seine Burg nicht mehr, geißelt sich, heißt es – und entwickelt sich zum Masochisten. Auch fängt er wieder an zu komponieren. Manisch-depressiv, würden wir heute sagen: das Wunder der Leidenschaft im einen Madrigal, und im nächsten Schmerz, Tod, Verzweiflung, schwärzester Abgrund. Das Ganze so chromatisch verschlungen wie das noch niemand vor ihm gemacht hat. Gesualdo nimmt keine Rücksicht mehr.

Bayrischer Rundfunk (BR Klassik) : Was heute geschah (16. Oktober 1590)

Don Carlo Gesualdo da Venosa : 6. Madrigalbuch Nr. 17 : Moro, lasso, al mio duolo (1611)

Walter Benjamins Leserausweis für die Bibliothèque nationale de France, Paris 1940

Benjamin, Walter Benedix Schönflies, Schriftsteller, * 15.7.1892 in Berlin, † 26. 9.1940 (Selbsttötung) in Portbou (Provinz Girona, Katalonien).

Benjamin studierte Philosophie in Freiburg im Breisgau, Berlin, München, Bern; wandte sich, angeregt durch die Begegnung mit der russischen Revolutionärin Asja Lazis (1924), dem Marxismus zu. 1925 legte er die Untersuchung »Ursprung des deutschen Trauerspiels« der Universität Frankfurt am Main als Habilitationsschrift vor, sie wurde jedoch nicht angenommen (1928 veröffentlicht). Benjamin schrieb Essays und Literaturkritiken, v. a. für die »Literarische Welt« und die »Frankfurter Zeitung«; 1927–33 gestaltete er auch Rundfunksendungen. 1933 ging Benjamin ins Exil (vorwiegend Paris; freier Mitarbeiter der »Zeitschrift für Sozialforschung«, Frankfurter Schule). 

Unmittelbar nach der Flucht über die Pyrenäen nach Spanien nahm Benjamin sich aus Furcht vor der Auslieferung an die Gestapo durch die spanischen Behörden das Leben.

(Brockhaus. Enzyklopädie)

Hanns Eisler (1898 – 1962) : Über den Selbstmord (1943) : Text : Bertolt Brecht

Gedenktafel (Wien, 18. Bezirk, installiert 1994)

Friedell, Egon, österreichischer Schriftsteller, * Wien 21. 1. 1878, † (Selbsttötung nach dem Einmarsch der deutschenTruppen) ebenda 16. 3. 1938; war nach dem Studium der Philosophie Kabarettleiter, Theaterkritiker, Schauspieler. 

Er schrieb Schwänke und Parodien (gemeinsam mit A. Polgar, so »Goethe. Eine Szene«, 1908), ferner viele Essays und Aphorismen; am bekanntesten wurden die »Kulturgeschichte der Neuzeit« (1927–31, 3 Bände, zahlreiche Neuausgaben) und die »Kulturgeschichte des Altertums« (Band 1 »Ägypten und Vorderasien«, 1936, Band 2 »Kulturgeschichte Griechenlands«, herausgegeben 1950, unter dem Titel »Kulturgeschichte Ägyptens und des Alten Orients« zahlreiche Neuausgaben), in feuilletonistisch-essayistischem Stil geschrieben, oft mit eigenwilligem Urteil.

(Brockhaus, Enzyklopädie)

Egon Friedell in der Bibliothek seiner Wohnung in Wien (1938)

Der 1878 in Wien als Egon Friedmann und Sohn eines jüdischen Seidentuchfabrikanten geborene Kulturphilosoph, Kabarettist, Schauspieler, Dramatiker und Essayist nahm sich am Abend des 16. März 1938 das Leben. Als die SA gegen 22 Uhr an seine Wohnungstür in der Gentzgasse 7 im 18. Gemeindebezirk klopfte, um, wie er vermutete, den „Jud Friedell“ abzuholen, sprang er aus dem dritten Stock in den Tod – nicht ohne vorher Passanten zu warnen. Am Vortag hatte Adolf Hitler auf dem Heldenplatz den Eintritt seiner „Heimat in das Deutsche Reich“ verkündet. Der damals 60-Jährige wollte nicht fliehen, obwohl ihn seine Freunde gedrängt hatten, er wollte seine Bibliothek nicht aufgeben. „Er besaß über dreitausend Bände, fein säuberlich geordnet und jeder einzelne ist von ihm mit unzähligen Bemerkungen an den Seitenrändern vollgeschrieben“, schreibt Gernot Friedel in einer bemerkenswerten Romanbiographie, erschienen 2003 im Molden Verlag.

OÖ Nachrichten (Linz, März 2013)

Heiner Goebbels (*1952) & Alfred 23 Harth (*1949) : On Suicide (1987) 
(Nach einem Song von Hanns Eisler : Über den Selbstmord)

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