Bilder vom Lesen – Vom Lesen der Bilder:

Prolog:

Lesen in Bildern.
Bilder als Zeichen.
Zeichen in Schriften.
Schriften zum Bild.
Bilder mit Zeichen.
Zeichen zum Lesen.
Lesen in Schriften.
Schriften zum Zeichen.

Zeichen erkennen.
Bilder lesen.
Schriften betrachten.

(mehr als) 52 Zeichen. Unverbessert.
(mehr als) 52 Bilder. Verschriftet.
(mehr als) 52 Schriften. Gezeichnet.
(mehr als) 52 Verortungen. Zum Betrachten.
(mehr als) 52 Perspektiven. Zum Lesen.
(mehr als) 52 Spuren. Zur Verbesserung der Lage.

(Renald Deppe)


Pablo Picasso – Die Lektüre, 1953


Jean-Etienne LiotardLeserin im orientalischen Gewand, 1748/52


Daniel Chodowiecki – Das lesende Kind, 1764


Rosemarie Trockel – Ohne Titel, 1983


August MackeOttilie Macke mit gesenktem Blick, 1906


Cy Twombly – Six Latin Writers and Poets, 1975/76


Paul Klee – Das litterarische Klavier, 1918, 56


Max Liebermann – Ruhende, lesende Frau, 1897


Lovis Corinth – Bildnis des Malers Benno Becker (Der Zeitungsleser), 1892


Alberto Giacometti – o. T., 1


Henri Matisse – Figure lisant, 1929


Erich Schönfeld – Meine Mutter, 1924


Paul Kleinschmidt – Lesende, 1923


Emil Orlik – Studie einer lesenden jungen Frau, o. J.


Pierre Klossowski – Roland Barthes (lesend), 1960


Albert Marquet – Pierre Bonnard, um 1912


Gabriele Münter – Der Brief (Lesende), um 1927


Karl Hofer – Lesendes Mädchen mit gelbem Hemd, 1930/31


Erich Heckel – Beim Vorlesen, 1914


Erich Heckel – Beim Vorlesen, 1914


Karl Schmidt-Rottluff – Lesender Mann (der ostdeutsche Dramatiker Alfred Brust), 1922


Lovis Corinth – Charlotte Berend-Corinth lesend, um 1918


Emil Nolde – Im Freien, 1908


Henri Lebasque – Auf dem Rasen, o. J.


August Macke – Bildnis Walter Gerhardt, lesend, 1907


Franz Marc – Zwei Frauen am Berg, 1906


Auguste Renoir – Lesendes Mädchen


Auguste Renoir – Lesendes Mädchen, 1884


Edouard Vuillard – Madame Vuillard lisánt à la lumière d’une lampe, um 1916


Edouard Vuillard – Titelblatt zu Paysages et interieurs, um 1899


Adolph Menzel – Die Zeitungsleserin, 1886


Adolph Menzel – Lesender Mann, um 1850


Pablo Picasso – Jaqueline lisant, 1958


Max Beckmann – Sitzende junge Frau nach links, lesend, 1947


Max Beckmann – Zwei lesende Mädchen, um 1935


Ernst Ludwig Kirchner – Heckel im Atelier von Kirchner, 1911


Erich Heckel – Lesende, 1911


August Macke – Elisabeth und Walterchen, 1912


August Macke – Elisabeth bei der Petroliumlampe, 1910


Paul Klee – Albumblatt, 1935, 6


Paul Klee – Zeichen verdichten sich, 1932, 121


Paul Klee – Figuren Schrift, 1925, 125


Paul Klee – Initiale A, 1938, 300


Julio Gonzalez – Junges Mädchen, lesend, 1925/30


Franz Marc – Entwurf zu Ex Libris Emil Hirsch III, 1908

Wassily Kandinsky – Gabriele Münter auf einer Dorfstraße lesend im Schnee, Kochel, Februar 1909


Candida Höfer – Rijksmuseum Amsterdam II, 2004


Jan Vermeer (1632 – 1675) : Dienstmagd mit Milchkrug

Vermeer

Solange diese Frau aus dem Rijksmuseum
in der gemalten Stille und Andacht
Tag für Tag Milch
aus dem Krug in die Schüssel gießt,
verdient die Welt
keinen Weltuntergang.

Wisława Szymborska (1923 – 2012)


Antoni Tàpies (1923 – 2012) : Les quatre cròniques

ZEHN ZEILEN
FÜR ANTONI TÀPIES

Auf allen Flächen der Stadt,
auf die abgerissenen Blätter der Tage,
auf die geschundenen Wände zeichnest du
Kohlezeichen, flammende Zahlen.
Unauslöschliche Schrift des Brandes,
ihre Testamente, ihre Verheißungen
sind nunmehr schweigsamer Glanz.
Verkörperungen, Entkörperungen:
deine Malerei ist das Schweißtuch
dieses Christus ohne Antlitz: der Zeit.

Octavio Paz (1914 – 1998)


Júlio Pomar (1926 – 2018) : Fernando Pessoa

Seitdem ich mich als das kenne, was von mir ich genannt wird, erinnere ich mich,
geistig die Gestalt, die Bewegungen, den Charakter und die Lebensgeschichte
mehrerer unwirklicher Figuren entworfen zu haben, die für mich so unsichtbar 
und die mir so vertraut waren wie jene Dinge, die dem angehören, 
was wir vielleicht verkehrterweise als das wirkliche Leben bezeichnen.

Fernando Pessoa (Brief an Adolfo Casais, 1935) 


Bruno Schulz (1892 – 1942) : … (vor 1930)

Łucja, die mittlere, kam herein, 
ihr allzu aufgeblühter, überreifer Kopf saß auf einem
pummeligen Kinderkörper aus weißem, zarten Fleisch.
Sie reichte mir ihr sozusagen gerade erst knospendes Puppenhändchen 
und erblühte sogleich über das ganze Gesicht wie eine sich mit tiefstem Rosa übergießende Pfingstrose.
Unglücklich über ihr Erröten, das schamlos von den Geheimnissen der Menstruation erzählte,
schlug sie die Augen nieder und erglühte noch heftiger, wenn irgendeine noch so gleichgültige Frage sie betraf,
als enthielte jede davon eine geheime Anspielung auf ihre übersensible Jungfräulichkeit.

Bruno Schulz : Die Zimtläden (1934) : August


Bruno Schulz (1892 – 1942) : Verzauberte Nacht 

In aufreizenden langen Spitzenkleidern spazieren die Prostituierten vorüber.
Es könnten übrigens die Gattinnen der Frisöre oder der Stehgeiger aus den Kaffeehäusern sein.
Wie Raubkatzen gleiten sie vorüber, 
und ihre gemeinen, verdorbenen Gesichter sind von einem geringfügigen Makel gezeichnet:
einem schwarzem, schiefen Schielen, einem aufgerissenen Mund oder einer fehlenden Nasenspitze.

Die Stadtbewohner sind stolz auf dieses Odeur der Verderbtheit, das durch die Krokodilstraße weht.
Wir brauchen auf nichts zu verzichten, denken sie stolz, 
auch wir können uns echte großstädtische Ausschweifung leisten.
Sie behaupten, jede Frau des Viertels sei eine Kokotte. 
In Grunde genügt es schon, einer von ihnen etwas Beachtung zu schenken –
und schon trifft einen dieser beharrliche, kitzelnde Blick, dessen lüsterne Gewissheit uns erstarren läßt.
Selbst die Schulmädchen tragen hier ihre Haarschleifen auf eine bestimmte charakteristische Art,
sie setzen die schlanken Beine in einer besonderen Manier und haben diesen unsauberen Makel in ihrem Blick,in dem ihre zukünftige Verderbtheit präformiert liegt.

Bruno Schulz  : Die Zimtläden (1934) : Die Krokodilstraße


Bruno Schulz (1892 – 1942) : Die Stadtväter und die Männer der großen Versammlung

Anderswo hatten sich Juden in farbigen Kaftanen und mit breitkrempigen Pelzhüten auf dem Kopf
um die hohen Wasserfälle der hellen Stoffe gruppiert.
Dies waren die Männer des Hohen Rates, würdige überaus salbungsvolle Herren,
die ihre langen gepflegten Bärte glattstrichen und zurückhaltende, diplomatische Gespräche führten.
Doch auch in dieser förmlichen Konversation, in den Blicken, die sie tauschten, blitzte feixende Ironie.

Bruno Schulz : Die Zimtläden (1934) : Die Nacht der großen Saison 


Jehuda Pen (1854 – 1937) : Schneider

Am Abend vor dem Sabbat peinigt mich immer die dichte Trauer der Erinnerungen.
Früher streichelte an diesen Abenden mein Großvater mit seinem gelben Bart die Bände Ibn Esras.
Meine Großmutter im Spitzenhäubchen beschwor mit knorrigen Fingern über der Sabbatkerze die Zukunft und schluchzte süß. Das Kinderherz schaukelte an diesen Abenden, wie ein Schiffchen auf verzauberten Wogen.
Oh, vermoderte Talmudbücher meiner Kindheit! Oh, dichte Trauer der Erinnerungen!

Isaak Babel (1894 – 1940)


Jehuda Pen (1854 – 1937) : Uhrmacher

Die Juden des Ghettos von Venedig, von Rom oder Worms blieben eine in ihrer eigenen Vaterstadt diskriminierte, exilierte Minderheit, 
während die Einwohner des Schtetls majoritär, also bei sich zu Hause waren; 
ihre nichtjüdischen Nachbarn, etwa die polnischen Adeligen, mochten mächtig und reich sein und auf sie herabsehen: 
Die Juden waren jedoch von ihrer eigenen Überlegenheit überzeugt. 
Im Schtetl gab es nicht eine Spur eines Minderwertigkeitsgefühls wegen der Zugehörigkeit zum Judentum und daher nicht die geringste Neigung, 
das eigene Wesen zu verhüllen oder wie die anderen zu werden.

Manès Sperber (1905 – 1984) : Die Wasserträger Gottes


Ossip Mandelstam (1891-1938) : Photo des NKWD nach der 2. Verhaftung des Dichters 1938.
(NKWD: Volkskommissariat für innere Angelegenheiten der RSFSR mit dem Geheimpolizei-Ressort OGPU)
 
Mandelstam verstarb im selben Jahr in einem Gulag-Durchgangslager bei Wladiwostok.

Epigramm gegen Stalin (1933)

Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,

Doch wo wir noch Sprechen vernehmen, –
Betrifft’s den Gebirgler im Kreml.

Seine Finger sind dick und, wie Würmer, so fett,
Und Zentnergewichte wiegts Wort, das er fällt,

Sein Schnauzbart lacht Fühler von Schaben,
Der Stiefelschaft glänzt so erhaben.

Schmalnackige Führerbrut geht bei ihm um,
Mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum,

Die pfeifen, miaun oder jammern.
Er allein schlägt den Takt mit dem Hammer.

Befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag:
In den Leib, in die Stirn, in die Augen, – ins Grab.

Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten –
Und breit schwillt die Brust des Osseten.

Ossip Mandelstam


Warlam Schalamow
 
1907 wird Warlam Schalamow im nordrussischen Wologda als Sohn eines orthodoxen Geistlichen geboren. 
1924 geht er nach Moskau um »sowjetisches Recht« zu studieren.
1929-31: Lagerhaft im Nord-Ural (verurteilt nach Artikel 58: »konterrevolutionäre Agitation).
1937 erneute Verhaftung: 5 Jahre Arbeitsbesserungslager in der Kolyma : Durchgangsgefängnis Magadan, Kohlebergwerk Arkagala.
1941 erneute Verhaftung: Verlängerung der Haft bis Kriegsende.
1942 Verlegung ins Strafbergwerk Dschelgala.
1943 erneute Verhaftung: Verurteilung wegen »anti-sowjetischer und konterrevolutionärer Tätigkeit« zu 10 Jahren »Besserungsarbeitslager«.
Ab 1943 Arbeit in den Strafbergwerken der Kolyma.
Ab 1947 Arbeit als Arzthelfer in den Krankenhäusern der Lager.
1951 Entlassung aus dem Lager.
1953 Entlassung aus den Strafzonen der Kolyma und Rückkehr nach Moskau.
1956 Rehabilitierung.
Ab 1954 arbeitet Schalamov an den »Erzählungen aus der Kolyma«.
1982 stirbt Schalamow in einer Nervenheilanstalt.
2000 erfolgt posthume Rehabilitierung im Falle der Anklage von 1929-1931.

STELE

Was
ich gesehen
habe
sollte
niemand 
sehen
niemand
sollte
davon
erfahren
Wenn
man 
es 
aber
gesehen
hat
ist
es
besser
bald
zu
sterben

Warlam Schalamow / Kolyma


Habib Allah : Konferenz der Vögel 
(Illustration zum gleichnamigen Buch von Farid ud-Din Attar , Isfahan 1610)

I: Anfang des Buches: Die Versammlung der Vögel (Auszug)

Willkommen, zum Leiter gewordener Wiedehopf, der in Wahrheit Bote jeden Tales ist. 

Bis zur Grenze von Saba ging deine Reise und dein Vogelgespräch mit Salomon ist gut verlaufen…

Bravo, Moses gleichender Fink, komm und spiele auf zur inneren Weisheit.

Aus der Seele macht er einen Musiker, dank der melodischen Weise der Schöpfung…

Willkommen, Papagei auf dem Paradiesbaum in einem grünen Kleid mit einem feurigen Halsband.

Der Feuerring steht für die Hölle, das Kleid für das Paradies und das ist großmütig…

Bravo, graziöses Rebhuhn, voller Freude vom Berg der Gnosis schreitend. Lache über die Methode des Weges

und schlage den Ring am Tor Gottes. Schmelze deinen Berg aus Hungersnot ein, damit daraus eine Kamelstute kommt…

Willkommen, neidischer Falke, wie sehr willst du noch wütend sein. Bind den Brief der ewigen Liebe an den Fuß

und löse die Fessel dieses Briefes in Ewigkeit nicht. Tausche den angeborenen Verstand mit dem Herzen…

Bravo, Frankolinhuhn der Himmelsfahrt. Du hast auf dem Haupt des bale die Krone des alast gesehen.

Weil das alast der Liebe auf die Seele hört, nimm vom bale der Triebseele den Überdruss…

Willkommen, Nachtigall des Gartens der Liebe. Klage wundervoll vom Schmerz und Glut der Liebe. Klage David gleich 

auf wunderbare Weise über den Schmerz des Herzens, damit man über dich jeden Augenblick hundert Seelen streut.

Bravo, Pfau des Gartens mit den acht Toren. Du vergingst durch das Gift einer siebenköpfigen Schlange.

Die Rede dieser Schlange ist in dein Blut gelangt und hat dich aus dem Garten Eden geworfen…

Willkommen, schöner, weit blickender Fasan. Die Quelle des Herzens ist im Meer des Lichtes versunken.

Oh, du sitzt im dunklen Brunnen, geplagt von der Beschuldigung…

Bravo, harmonische Turteltaube. Du bist froh gegangen und traurig zurückgekehrt.

Traurig bist du, weil du im Blut und in der Enge der Gefängnisse von Jonas warst…

Willkommen, Ringeltaube, stimme deine Melodie an, damit sich der Schatz von sieben Schalen über dich ergießt.

Weil das Halsband der Treue um deinen Hals ist, wäre treuloses Handeln schlecht für dich…

Bravo, zum Flug ansetzender Falke. Er ging hochmütig und kam niedergeschlagen zurück.

Sei unbesorgt, wenn du niedergeschlagen bist, und stehe aufrecht, wenn du im Blut ertrunken bist…

Willkommen, Goldfink mit der schönen Erscheinung, erwärme dich durch die Arbeit und werde wie Feuer.

Was zu dir kommt, vernichte durch Wärme. Verschließe die Augen vor dem Lob aller…

Farid ud-Din Attar (um 1120-1220) : Die Konferenz der Vögel
Aus dem Persischen von Katja Föllmer. 
marixverlag, Wiesbaden 2008

Farid ud-Din Attar gehört – neben Hafiz und Rumi – zu den bedeutendsten persischen sufi-mystischen Dichtern.
Sein berühmtes Versepos „Die Konferenz der Vögel“ erzählt eine poetische und religionsphilosophische Geschichte:
Unter dem Vorsitz des Wiedehopfs entschließt sich die Versammlung der Vögel ihren legendären König,
den Wundervogel Simurgh, im Oaf-Gebirge aufzusuchen. 
Auf der beschwerlichen Reise durch das Tal der Suche, der Liebe, der Erkenntnis, der Unabhängigkeit,
der Einheit, des Erstaunens und des Todes -, mit vielen Gesprächen und eingestreuten religiösen, subtilen 
und kuriosen Geschichten, Märchen, Anekdoten, Gleichnissen, in denen Dschinne, Derwische, Scheiche, 
aber auch Jesus und Sokrates vorkommen, gehen tausende von ihnen zugrunde.
Doch für die Überlebenden hat sich die Mühe gelohnt:
Sie erreichen die höchste Stufe der Vollkommenheit und erkennen sich selbst.


Fra Mauro (1385-1459) : Mappa Mundi : Karte der „Alten Welt“ (Europa, Afrika Asien) : Venedig (1459)

Europa

Die Europäische Union als solche interessiert mich besonders.
Ich glaube, dass die liberale Demokratie das Beste ist,
was wir erreichen können.
Und ich glaube nicht, dass es nach dem Kapitalismus eine andere Ökonomie geben wird.
Ich glaube nicht einmal, dass heute überall auf der Welt Kapitalismus herrscht.
Die Träume meiner Jugend von besseren Menschen, von Kollektiv und friedlicher Gemeinschaft habe ich hinter mir gelassen.
Das heißt aber nicht, dass man nicht für etwas eintreten sollte, was man für besser hält.
Man hat immer die Wahl, und bisher haben wir schlecht gewählt.

 Ich möchte den Anhängern der EU zeigen, wie zerbrechlich die EU ist.
Der 50. Jahrestag der Römischen Verträge von 1957 wurde in einem großen Saal in Rom gefeiert.
Alle Redner meinten, wie wunderbar alles sei.
Ich sagte hingegen, sie hätten die europäische Geschichte vergessen.
Die Zukunft werde keineswegs einfach sein, vor allem werde es zu Konflikten zwischen Zentrum und Peripherie kommen.
Ungarn ist 2004 der EU beigetreten und es war schon absehbar, dass eine Integration nicht so einfach sein würde.

 Jürgen Habermas erhielt 2008 in Locarno den „Europapreis für politische Kultur“.
Auch dort schwärmten alle von den großen europäischen Werten, auch Habermas. Ein Transzendentaleuropa.
Ich sagte: „Was für Werte hatte Europa im 20. Jahrhundert? 100 Millionen Europäer wurden von Europäern getötet.
Der Totalitarismus war eine europäische Erfindung, er kommt nicht aus Afrika!
Mussolini, Hitler, Stalin waren Europäer, ganz besonders auch Lenin.“
Ich sprach davon, dass Europa nur eine vergleichsweise kurze Zeit der liberalen Demokratie erlebt hatte.
Wenn wir diese liberale Demokratie nicht durchsetzen, würde es große Probleme geben. Alle waren schockiert.

 Die meisten Europapolitiker tragen immer noch Scheuklappen.
Mittlerweile sehen viele die Konflikte, merken aber nicht, wie gefährlich diese sind.
Alles, was den europäischen Würdenträgern nicht gefällt, wird „Populismus“ genannt.
Sie erkennen nicht, dass es verschiedene Gefahren gibt, die man nicht unter diesem Namen abhandeln kann.

 Ich habe einen großen Teil der europäischen Geschichte selbst erlebt und verstehe nicht,
warum die meisten über europäische Werte nur ohne Fragezeichen sprechen wollen.
Sie glauben, dass Demokratie, Liberalismus und Menschenrechte in Europa fest verankert sind.
Das sind sie keineswegs.
Man müsste sich heute zu diesen Werten als europäischen Werten bekennen.
Solche Werte sind Normen, die man nie ganz erreichen kann, aber man könnte sie entschlossen anstreben.
Das ist eine wichtige Entscheidung und nicht selbstverständlich.
Auch Terror war bisher ein europäischer Wert, auch Nationalsozialismus und Feudalismus haben in Europa Tradition,
und besteht Gefahr, dass sie wieder erstarken.

 Die Europäische Union ist Europas letzte Chance.
Wenn sie zerfällt, wird Europa untergehen wie das Römische Reich.
Europa kann man nur retten, wenn man für eine föderalistische, liberale Demokratie eintritt.
Das transzendentale Europa der Werte wird man nie erreichen, aber man kann sich ihm nähern oder sich davon entfernen.
Wenn wir ihm näherkommen, wird Europa überleben, wenn wir uns davon entfernen, wird die europäische Zivilisation zugrunde gehen.
Wichtig ist, dass wir wissen, wohin wir wollen.

 Nach den Weltkriegen kam die Hoffnung auf, dass wir von der Geschichte gelernt hätten.
Doch ich bin mit Hegel der Überzeugung, das Einzige, was man aus der Geschichte lernen kann, ist, dass man nie etwas aus ihr lernt.
Der Mensch ist zu allem fähig, zum Guten wie zum Schlechten.
Es gibt keine positive Überwindung der heutigen Gesellschaft, nur eine negative.
Marx sagte „Sozialismus oder Barbarei“.
Sozialismus gibt es nicht, aber Barbarei ist möglich.
Die Regierenden in Ungarn heute sind Barbaren, sie kennen höchstens Fußballstars.
Kultur bedeutet ihnen nichts.
Was sie nicht kontrollieren können, das existiert nicht.
Orbán gewinnt die Mehrheit durch ethnischen Nationalismus und Ausländerhass.
Man muss immer jemanden hassen, früher waren es die Juden und Roma.
Die eigene Nation ist die beste von allen, andere missverstehen uns, weil sie das nicht erkennen.
Das ist jedoch nicht nur eine ungarische Einrichtung.
Es gibt einige allgemeine Tendenzen in Europa und in der ganzen Welt.

 Begriffe wie Faschismus, Kommunismus, Bolschewismus, Nazismus passen nicht mehr, 
denn sie gehören in die alten Zeiten der Klassengesellschaft.
Heute gibt es keine Klassengesellschaften mehr, nur noch Massengesellschaften, die die alten bürgerlichen Gesellschaften ersetzen.
Es gibt daher auch keine Klasseninteressen mehr, die das politische Geschehen beeinflussen könnten.

 Die Massen werden durch Ideologien manipuliert, sie werden immer wichtiger.
Ideologien sind nicht unbedingt schlecht, es gibt auch gute, positive.
Diese Ideologie ist Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: zurück zu unseren grundlegenden Werten.
Sie haben ihre eigene Anziehungskraft.

 Das Problem mit Europa ist, wie weit dieser Konflikt zwischen demokratischen Werten eines Nationalismus der Staatsbürger
und den regressiven Werten des ethnischen Nationalismus geht.
Der ethnische Nationalismus ist gefährlich, er könnte in der Europäischen Union zumindest zu einer starken Minderheit werden.
Sollte er eine Mehrheit bekommen, wird Europa als führende kulturelle, ideologische, bürgerliche Weltmacht verschwinden.

 Viele Menschen wählen heute autoritäre Politiker, weil sie Führung mehr schätzen als die eigene Freiheit.
Ein berühmter Buchtitel von Erich Fromm lautet „Die Furcht vor der Freiheit“.
Das ist der Grund, warum Ideologien so große Kraft besitzen. 
Die Menschen wollen nicht wählen, sie wollen, dass andere für sie wählen.
Das ist bequem und erspart Konflikte.

 Das Problem ist, dass Europa als solches keine kulturelle Identität hat, 
sondern aus der Summe aller kulturellen Identitäten in Europa besteht.
Fragt man ein Kind, was es bedeutet Europäer zu sein, wird es die Frage nicht verstehen.
Kinder wissen es nicht.
Man sollte eine europäische Identität entwickeln, was bisher nicht geglückt ist.
Wenn alle Kinder verstehen, was es bedeutet, Europäer zu sein, dann wird es Europa geben.
Sonst nicht.

Ágnes Heller über ihr Leben und ihre Zeit (Auszug) : Der Wert des Zufalls
Edition Konturen, Wien • Hamburg, 2018


Khizanat al-Karaouine (auch Qarawiyyin), die Karaouine-Bibliothek, ist die Keimzelle des prägenden architektonischen Wahrzeichen von Fes.

Heute, nahezu 1200 Jahre nach ihrer Gründung, ist sie international als »die älteste existierende und durchgängig betriebene Bildungseinrichtung der Welt« anerkannt.

Die großen Leuchten unter den Absolventen der Karaouine gehören zu den bedeutendsten Denkern der islamischen Welt des Mittelalters.

Im 12. Jahrhundert studierte hier der jüdische Gelehrte Maimonides, der herausragende jüdische Philosoph und zeitweilige Leibarzt am Hofe Saladins, zusammen mit dem »größten Meister«, dem andalusischen Mystiker, Dichter, und Philosophen Ibn al-Arabi.

Ibn al-Khatib, der im Exil lebende Universalgelehrte, Dichter, Historiker, Arzt und Politiker aus Granada, kam im 14. Jahrhundert ebenso an die Karaouine wie sein Schüler und Landsmann Ibn Zamraq.

Im 14. Jahrhundert überragte der meisterhafte Ibn Khaldun alle seine Kollegen, ein bahnbrechender Historiker, Geschichtsschreiber, und Autor der genrebildenden Universalgeschichte MUQADDIMA, der Vater der Soziologie, ein Politikversessener und der renommierteste Absolvent der Karaouine.

Im 16. Jahrhundert studierte dort der Diplomat, Reisende und Autor Ibn al-Wazzan, im Westen besser bekannt als Leo Africanus, der ein pikareskes Leben führte und später eine ausführliche, pointierte und wunderbar detaillierte Schilderung der Stadt Fes hinterließ. 

Er staunte über die schier unglaubliche Größe der Karaouine, die jeden Abend mit neunhundert Öllampen beleuchtet werden musste.

Unter den viertausend Büchern und alten Manuskripten finden sich zahlreiche Schätze.

Die Bücher waren hinter 3 Eisentüren mit 3 verschiedenen Schlüsseln gelagert, die 3 Männer bewahrten.

Wenn man es heutzutage mit viel Überredungskunst schafft, in die nicht öffentlich zugängliche Bibliothek zu gelangen, und die grün gefliesten Treppen hinaufgeht, um einen Blick in den restaurierten Lesesaal zu werfen – eine Oase der Ruhe – muss der von der Zeit gezeichnete Hausmeister mit seinen Taschen voller klimpernder Schlüssel immer noch eine Reihe von Schlössern an der Eisentür am Ende des Korridors überwinden, der Bibliothek und Moschee verbindet.

Justin Marozzi (*1970) : Islamische Imperien

Khizanat al-Karaouine (auch Qarawiyyin), Karaouine-Bibliothek


James Joyce (1882 – 1941)

In Ruhe las er, seinen Drang noch unterdrückend, die erste Spalte und begann, schon nachgebend, doch mit Widerstreben noch, die zweite.
Auf ihrer Mitte angelangt, gab er seinen letzten Widerstand auf und erlaubte seinen Eingeweiden, sich zu erleichtern,
ganz so gemächlich wie er las, und immer noch geduldig lesend, die leichte Verstopfung von gestern ganz verschwunden.
Hoffentlich ists nicht zu groß, geht sonst mit den Hämorrhoiden wieder los.
Nein, gerade richtig. So. Ah!
Bei Hartleibigkeit eine Tablette Cascara sagrada. Könnte alles im Leben so.
Es bewegte oder berührte ihn nicht weiter, aber es war etwas Flottes und Sauberes.
Drucken jetzt praktisch alles. Sauregurkenzeit.
Er las weiter, gelassen über seinem eigenen aufsteigenden Geruch sitzend. Bestimmt eine saubere Sache.
Matcham denkt noch oft an den Meisterstreich, durch welchen er die lachende Hexe gewann, die nunmehr.
Fängt moralisch an und hört auch so auf. Hand in Hand. Gar nicht schlecht.
Er überflog noch einmal, was er alles gelesen hatte, und währen er ruhig sein Wasser abfließen fühlte,
beneidete er freundlich Mr. Beaufoy, der das geschrieben und drei Pfund dreizehn-sechs Honorar dafür bekommen hatte.

James Joyce : Ulysses (1922)  (Viertes Kapitel : Leopold Bloom am Morgen auf seinem „Kackstuhl“ im Klohäuschen seines Gartens)


Internationale Bilderbuchbibliothek in Iwaki. (JAPAN)

Kinderbibliothek des Resorts Soneva Kiri. (THAILAND)


Die Epos ist ein Bibliotheksschiff, das seit 1963 jeden Sommer an den Fjorden entlangfährt. 
Auf dem Schiff ist Platz für etwa 6.000 Bücher. (NORWEGEN)


Bibliothek des Vatikans in Rom. 
Lagert u.a. die Unterschrift Galileos zu seiner Verurteilung 1633, 
die Briefe des Heiligen Petrus auf Papyrusschriftrollen und die älteste bekannte Bibel. (VATIKANSTADT)


Stadtbibliothek Stuttgart – Neubau vom koreanischen Architekten Eun Young Yi, Eröffnung 2011. (DEUTSCHLAND)

Celsus-Bibliothek, ursprünglich im Jahr 117 auf dem Grab von Iulius Celsus Polemaeanus errichtet. 
Befindet sich noch immer in den Ruinen der Stadt Ephesos (heute Selçuk). 
Hier lagerten einst über mehr als 12.000 Schriftrollen. (TÜRKEI)


Strahov Bücherei (Strahovská knihovna) in Prag.

Die Klosterbücherei der Prämonstratenser am Strahov ist eine der wertvollsten und besterhaltenen historischen Bibliotheken. 
Die Sammlungen zählen an die 200.000 Bände. 
Der älteste Teil der heutigen Bücherei, der barocke Theologiesaal, entstand in den Jahre 1671 – 1674, das klassizistische Hauptgewölbe des Philosophischen Saals stammt aus dem Jahre 1794. (Tschechische Republik)


Kongressbibliothek in Washington D.C. (USA)

Die erste Bibliothek von Muyinga wurde von der Gemeinde aus lokal hergestellten Erdziegeln, Tonziegeln und Balken aus Eukalyptusholz gebaut.  
Im Kinderleseraum befindet sich eine Sisal-Hängematte zwischen der ersten und der zweiten Etage. (BURUNDI)


Bibliotheca Alexandrina (Leseraum). Neubau, 2001 fertiggestellt.

Weltweit größte Sammlung digitaler Manuskripte.
Angesichts des hohen Anteils an Analphabeten und der ernormen Armut im Lande lösten die Baukosten von insgesamt 218 Millionen US-Dollar internationale Kritik aus. (ÄGYPTEN)


Stiftsbibliothek der Fürstabtei St. Gallen.

Bilderhandschriften aus dem 8. – 11. Jahrhundert und der älteste bekannte Architekturplan auf Pergament sind nur zwei der Schätze in der 1.200 Jahre alten, im barocken Stil erbauten Fürstabtei. 
1983 wurde die Stiftsbibliothek zusammen mit dem gesamten Stiftsbezirk St.Gallen von der UNESCO ins Verzeichnis des Weltkulturerbes aufgenommen. 2017 folgte die Auszeichnung des schriftlichen Erbes des Klosters St.Gallen in der Stiftsbibliothek und im Stiftsarchiv als Weltdokumentenerbe. (Schweiz)


Paul Klee : Angelus Novus (1920)

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt.
Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt.
Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt.
Der Engel der Geschichte muss so aussehen.
Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet.
Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.
Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.
Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann.
Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst.
Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. 

Walter Benjamin (1892 – 1940) 


Illustration aus der ersten russischen Kupferstichbibel (1696) : Gott ruht am Schabbat

Die Untätigkeit bildet das Humanum.
Der Anteil der Untätigkeit am Tun macht dieses genuin menschlich.
Ohne Moment des Zögerns oder des Innehaltens sinkt das Handeln zur blinden Aktion und Reaktion herab.
Ohne Ruhe entsteht eine neue Barbarei.
Schweigen vertieft das Sprechen.
Ohne Stille gibt es keine Musik, sondern nur Lärm und Geräusch.
Spiel ist die Essenz der Schönheit.
Wo allein das Schema von Reiz und Reaktion, von Ziel und Handlung herrscht, verkümmert das Leben zum Überleben, zum nackten animalischen Leben.
Das Leben erhält seinen Glanz erst von der Untätigkeit.
Kommt uns die Untätigkeit als Vermögen abhanden, gleichen wir einer Maschine, die nur zu funktionieren hat.
Das wahre Leben beginnt in dem Moment, in dem die Sorge um das Überleben, die Not des schieren Lebens aufhört.
Der letzte Zweck menschlicher Anstrengungen ist die Untätigkeit.
Handeln ist zwar konstitutiv für die Geschichte, ist aber keine kulturbildende Kraft.
Nicht der Krieg, sondern das Fest, nicht die Waffe sondern der Schmuck ist der Ursprung der Kultur.
Geschichte und Kultur sind nicht deckungsgleich.
Nicht direkte Wege zum Ziel, sondern Abschweifungen, Ausschweifungen und Umwege bilden die Kultur.
Der Wesenskern der Kultur ist ornamental.
Sie ist ausserhalb der Funktionalität und Nützlichkeit angesiedelt.
Mit dem Ornamentalen, das sich von Ziel und Nutzen emanzipiert, beharrt das Leben darauf, dass es mehr ist als das Überleben.

Byung-Chul Han (*1959)


Carl Spitzweg (1808 – 1885) : Der arme Poet (1839)

Humorvolle Spinner

Spinnete Köpfe, gescheit und begabt,
Weil ihr einen Pieps, einen Vogel habt,
Verlachen euch manche und meiden
Euch. Ich mag euch leiden.
Ein Piepvogel lebt so hoch und frei
Über den Filzlatschen der Spießer.
Der Spießer meint: Ein Bandwurm sei
Kein stiller Genießer.
Doch Spießermeinung ist nicht mal so wichtig
Wie das, was aus Piepvogel fällt.
Nur der, der im Kopf nicht ganz richtig
Ist, lebt sich und unterhält.

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934) 


Sepp Dreissinger (*1946) : Der Dichter H. C. Artmann

mein herz

mein herz ist das laechelnde kleid eines nie erratenen gedankens
mein herz ist die stumme frage eines bogens aus elfenbein
mein herz ist der frische schnee auf der spur junger voegel
mein herz ist die abendstille geste einer atmenden hand

h.c. artmann (1921 – 2000): achtundachtzig ausgewaehlte gedichte. (1966)


Siegfried Unseld (1924 – 2002), Verleger  

Siegfried Unseld war nach Studium der Germanistik und Dissertation über H. Hesse ab 1952 im Suhrkamp Verlag tätig, den er nach P. Suhrkamps Tod (1959) leitete wie später auch den Insel Verlag. 
Unter anderem legte Unseld die regenbogenfarbene »edition suhrkamp« auf, die buchästhetische Maßstäbe setzte und deren Autoren den gesellschaftlichen Diskurs in Deutschland prägten. Unseld gilt als der bedeutendste deutsche Buchverleger nach dem Zweiten Weltkrieg.

(Brockhaus)

 Ich war in New York sehr verzweifelt.
Ich weiß ja, ein Autor muss im Verleger in erster Linie den Verleger sehen, die mehr oder weniger perfekte Verlagsmaschine. Daß auch er ein Mensch mit Gefühlen ist, wer denkt schon daran.
Und ich war in diesen New Yorker Tagen allein, und »einsam wie ein Hund«, nur deshalb fuhr ich früher zurück als geplant.
Max Frisch hat mir schon manchen Schock versetzt.
Doch der New Yorker Lunch stellte alles in den Schatten.
Er traf mich so, daß ich zum ersten Mal in meinem Leben Resignation empfand. Den Gedanken dachte, das Handtuch zu werfen. Auch ich habe ein Recht, nicht gedemütigt werden zu wollen.
Doch was bleibt ist schon Candides Weisheit: Bestelle deinen Garten. 
Und Kräfte wuchsen mir auch wieder zu, als ich die Klassiker las: Schiller: »Wie verfährt die Natur, um Hohes und Niederes im Menschen zu verbinden? Sie stellt die Eitelkeit zwischen ihnen.«
Goethe: »Die Eigenliebe läßt wohl unsere Tugenden als auch unsere Fehler viel bedeutender, als sie sind, erscheinen.«
Lenin: »Aus einen kleinen Fehler kann man einen ungeheuerlich großen machen, wenn man auf ihn beharrt, wenn man ihn tief begründet, wenn man ihn zu Ende führt.«

Siegfried Unseld : Reiseberichte (New York 1971) : Suhrkamp Verlag 2020


Walther von der Vogelweide (um 1170 – um 1230) : Codex Manesse (1305 – 1315)

Under der Linden

Unter der Linden
Bei der Heide,
Wo unser zweier Bett gemacht,
Da mögt ihr finden,
Wie wir beide
Pflückten im Grase der Blumen Pracht.
Vor dem Wald in tiefem Tal,
Tandaradei!
Lieblich sang die Nachtigall.

Ich kam gegangen
Hin zur Aue –
Mein Trauter harrte schon am Ort.
Wie ward ich empfangen,
O Himmelsfraue!
Des bin ich selig immerfort.
Ob er mich küßte? Wohl manche Stund,
Tandaradei!
Seht, wie ist so rot mein Mund.

Da tät er machen
Uns ein Bette
Aus Blumen mannigfalt und bunt.
Darob wird lachen,
Wer an der Stätte
Vorüberkommt, aus Herzensgrund:
Er wird sehn im Rosenhag,
Tandaradei!
Sehen, wo das Haupt mir lag!

Wie ich da ruhte,
Wenn man es wüßte,
Barmherziger Gott – ich schämte mich.
Wie mich der Gute
Herzte und küßte,
Keiner erfahr es als er und ich,
Und ein kleines Vögelein –
Tandaradei!
Das wird wohl verschwiegen sein!

Walther von der Vogelweide  (Übertragung ins Neuhochdeutsche von Richard Zoozmann, 1910)


Albert Camus (1913 – 1960)

So oft ich eine politische Rede höre oder lese, was die uns Regierenden schreiben, bin ich entsetzt, seit Jahren nichts zu vernehmen, was einen menschlichen Klang hätte. 
Es sind immer die gleichen Worte, die die gleichen Lügen berichten. 
Und dass die Menschen sich damit abfinden, dass der Zorn des Volkes diese Hampelmänner noch nicht zerschmettert hat, ist für mich der Beweis, dass die Menschen ihrer Regierung keinerlei Bedeutung zumessen und dass sie spielen, ja wahrhaftig mit dem ganzen Teil ihres Lebens und ihrer sogenannten lebenswichtigen Interessen spielen.

Albert Camus : »Tagebücher« (1935-1951)


Marcel Proust (1871 – 1922) als Wachsfigur im Château de Breteuil: Dieses Zimmer bewohnte er bei einem Besuch.

Marcel Proust war krank, fast immer. Seit er mit zehn Jahren seinen ersten Asthma-Anfall erlitt, war sein Leben vom Leiden bestimmt. Ausgezehrt und eingehüllt in viele Decken, verbrachte er die letzten zehn Jahre in einem eisig feuchten Zimmer in der Rue Hamelin.

Er lüftete nicht, aß wenig und verließ kaum noch das Bett, in dem er an der Grenze zur totalen Erschöpfung sein Werk fortschrieb.

Proust, selbst Sohn eines angesehenen Hygieneforschers, war ein schwieriger Patient, der ärztliche Diagnosen verwarf und die Einnahme von Medikamenten verweigerte. Noch gegen die Behandlung der Lungenentzündung, an der er schließlich starb, setzte er sich zur Wehr. Neben dem Asthma, seinem Hauptleiden, plagte ihn eine halbe Legion echter oder eingebildeter Krankheiten von Verdauungsstörungen über Schlaflosigkeit bis zur Neurasthenie. Mit Asthmazigaretten und Legras-Pulver versuchte er, sich selbst zu kurieren und verstrickte sich nur weiter in den Leidenskreislauf. Die oft überdosierten toxischen Wirkstoffe seiner Kuren brachten psychische Auflösungserscheinungen in Gang. (…)

(Thomas Thiel, FAZ : Sein Leiden führte ihm die Feder, Mai 2012)


Truman Capote (1924 -1984)

Ich hatte auch viele Privatkunden, Männer und Frauen, die ich massierte und denen ich Übungen für die Figur und das Gesicht beibrachte – obwohl die Übungen für das Gesicht reiner Quatsch sind; die einzig wirksame ist Schwanzlutschen. 

Kein Witz, es gibt nichts Vergleichbares, um die Kinnpartie zu straffen.

Truman Capote : Erhörte Gebete, Roman (Auszug als Vorabdruck : Esquire, 1976)


Johannes Vermeer (1632 – 1657) : Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster (um 1657) : Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Ein Bild des Schweigens.
Und trotzdem könnte/kann es dem Betrachter einen ganzen Roman erzählen. 
Ein Bild der Rätsel.
Wer hat diesen Brief geschrieben und warum?
Was steht wie in dieser handgeschrieben Mitteilung?
Weder kann der Betrachter die Handschrift noch die Befindlichkeit der Lesenden entschlüsseln.
Ihre Körperhaltung und ihr (leicht errötetes) Antlitz lassen nur eines erkennen: Konzentration.
Eine Schale mit Früchten lässt ahnen.
Ansonsten: Intimität. Stille. Licht. Schatten. Faltenwurf. Bildloses Mauerwerk.
Im Hintergrund ein leerer Stuhl.
Im Vordergrund das verzaubernde Rot eines anatolischen Ushak-Teppichs.
Nichts & Niemanden verrät der geöffnete Vorhang, das geöffnete Fenster.
Und trotzdem könnte/kann es dem Betrachter einen ganzen Roman erzählen.

Renald Deppe


William Hogarth (1697 – 1764) : Der Ehevertrag (1743)

 Es ist freilich komisch, dass meine Treppe zum Ehebette (nach dir) unendlich-lang sein soll.
Ich sorg‘ indes, in Berlin spring ich hinein.
Aber es muss bloß ein sanftes Mädgen darin liegen, das mir etwas kochen kann und das mit mir lacht und weint.
Mehr begehr‘ ich gar nicht.
Das Schicksal wird mich doch nicht in Goethes Pferdefuß-Stapfen jagen wollen, oft überleg’ ich’s freilich, aber es ist nicht daran zu denken; sogar in einer solchen Un-Ehe sann ich wieder auf Ehe.
Ich muss und werde ein Mädgen heiraten, dessen ganze Sippschaft ein Freudenfest feiert, dass ich mich herabgelassen.
Und doch spekulier’ ich seit einiger Zeit fast mit auf EINGEBRACHTES; eine bemittelte GRÄFIN oder so etwas, denk’ ich oft, kann sich in dich verschießen, und dann hieltest du dir ein Reitpferd – wenigstens den Reitknecht – und sprengtest nach Bayreuth, und überhaupt das Fett wüchse fort, das sich jetzt ansetzt.

Jean Paul (1763 – 1825) : Brief an Christian Georg Otto (26. August 1800)


Luplau Janssen (1869 – 1927) : Sören Kierkegaard (1902)

 Will man das Reinste und das Vollkommenste bezeichnen, so sagt man: eine Frau;
will man das Schwächste, das Gebrechlichste bezeichnen, so sagt man: eine Frau;
will man eine Vorstellung von dem über die Sinnlichkeit erhabenen Geistigen geben, so sagt man: eine Frau;
will man eine Vorstellung von dem Sinnlichen geben, so sagt man: eine Frau;
wenn man die Unschuld in ihrer ganzen erhebenden Größe bezeichnen will, so sagt man: eine Frau,
wenn man das deprimierende Gefühl der Schuld bezeichnen will, so sagt man: eine Frau.
In gewissem Sinne ist daher die Frau vollkommener als der Mann, und das drückt die Schrift so aus, daß sie mehr Schuld hat.

Sören Kierkegaard (1813 – 1855) :  Entweder – Oder (1843)


Historische Illustration (1899) : Lesende Frau in der Bibliothek.

 Die Dichter ist man gewohnt hauptsächlich mit der Schilderung der Geschlechtsliebe beschäftigt zu sehen.
Diese ist in der Regel das Hauptthema aller dramatischen Werke, der tragischen wie der komischen, der romantischen wie der klassischen, der indischen wie der europäischen: nicht weniger ist sie der Stoff des bei weitem größten Teils der lyrischen Poesie und ebenfalls der epischen; zumal wenn wir dieser die hohen Stöße der von Romanen beizählen wollen, welche in allen zivilisierten Ländern Europas jedes Jahr so regelmäßig wie die Früchte des Bodens erzeugt, schon seit Jahrhunderten.
Alle Werke sind in ihrem Hauptinhalte nach nichts anderes als vielseitige, kurze oder ausführliche Beschreibungen der in Rede stehenden Leidenschaft.

Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) : Zur Metaphysik der Geschlechtsliebe (1844)


Smyrna : Grand Hȏtel Kraemer (1921)

 Das Grand Hȏtel Kraemer, das beste Hotel der Stadt, wurde im Jahre 1908 eingeweiht und von einem Österreicher geführt. Dort bekam man, so lobte der Baedeker-Reiseführer seinerzeit, zu Sauerbraten eiskaltes Paulaner-Bier aus München serviert. Zudem gab es im Kraemer durchgehend elektrisches Licht, einen Fahrstuhl, hauseigene Dolmetscher für alle europäischen Sprachen und in jedem Zimmer eine Badewanne.

Bei Ausbruch des ersten Weltkriegs hatte Smyrna 300 000 Einwohner und war damit bedeutender als das provinzielle Athen. Als große Hafenstadt war Smyrna übers Wasser mit den wichtigsten Häfen Europas verbunden, hier legten Passagierschiffe aus London, Marseille, Genua und Triest an.

An der berühmten Uferpromenade stand eine Perlenkette von Gebäuden aus weißem Marmor: Handelshäuser, Reedereien, Banken, Hotels, Theater und Cafés. Gerade mit der einzigartigen Mischung verschiedener Kulturen war Smyrna eine der ersten globalen Städte, wie Dubai oder Singapur heute. Als erste Stadt im Osmanischen Reich hatte Smyrna eine Zeitung (1828), Elektrizität (1888), ein Auto (1905), ein Kino (1909). Im Jahre 1914 gab es in Smyrna 17 Kinos und 465 Kaffeehäuser, in denen man aus Europa importierte Zeitungen lesen konnte. Auch zahlreiche lokale Gazetten standen zur Auswahl, elf in griechischer, sieben in türkischer, fünf in armenischer, vier in französischer und fünf in hebräischer Sprache.

Lutz C. Kleveman


Smyrna in Flammen (1922)

 Am 9. September 1922, nach 3 Jahren griechisch-türkischen Kriegs, nahm Mustafa Kemal Smyrna weitgehend kampflos ein. In der Nacht zum 13. September 1922 brachten türkische Soldaten mehrere Benzinfässer in das armenische Viertel und legten Feuer. Schnell griffen die Flammen auf die griechischen Wohngebiete über und breiteten sich bis zum Quai aus. Durch den Funkenflug entwickelte sich der Brand zu einer rasenden Feuersbrunst, die Straße um Straße verschlang und die Bewohner in Panik zum Wasser fliehen ließ. Hinter dem Quai ragte eine kilometerlange Feuerwand mit 30 Meter hohen Flammen empor. Soldaten schossen in die Menschenmenge, viele verbrannten oder ertranken. Die Kommandeure der westlichen Kriegsschiffe, die vor Smyrna ankerten, beobachteten das dramatische Geschehen, ließen aber nur Zivilisten der eigenen Nationalität evakuieren. Einige Schiffe fuhren sogar noch weiter hinaus, damit sie für schwimmende Flüchtlinge schwer zu erreichen waren. Die Bordkapellen spielten schwungvolle Musik, um die Schreie vom Quai zu übertönen.

Lutz C. Kleveman (*1974) : Smyrna in Flammen (2022)


Heimito von Doderer (1896 – 1966) bei einer Lesung. (1958)

 Wenn ich mich fragte, was ich denn eigentlich und wirklich haben möchte und mir wünschte, so wäre es – viel Geld, um in einer Folge schwerster sexueller Excesse, sinnloser Saufereien und entsprechender Gewalthändel endlich und endgültig unterzugehen. Statt dessen habe ich das weitaus gewagtere Abenteuer der Tugend gewählt.

(Eintrag im Tagebuch Doderers vom 17./18. Oktober 1951)

Mit guten Vorsätzen ist angeblich der Weg zur Hölle gepflastert. Selten sind Lebenslauf & Lebenswerk eines Künstlers auf einen Nenner zu bringen. Ein untadelig geführtes Leben zeitigt oftmals ein fragwürdiges, marginales Werk.
Und umgekehrt:
Ein aufregend innovatives Werk wurde oftmals in/von einem moralisch fragwürdigen Leben erschaffen. Mit guten Vorsätzen ist angeblich der Weg zur Hölle gepflastert. Doch sollte man diese niemals aufgeben. Und das betrifft bitte nicht nur die Künstler.

(Renald Deppe)

 Junger Doktor, 33 Jahre, aus guter Familie, finanziell unabhängig und desinteressiert, gepflegte, trainierte Erscheinung, sucht ehrbare Bekanntschaft mit distinguierter ca. 45jähriger israelitischer Dame (Wienerin) von nur außergewöhnlich starker, korpulenter, üppiger und überaus mächtiger, breiter Statur, schwarzem, respektive graumeliertem Haar und weißem Teint und wirklich imposanter Erscheinung. Strengste Diskretion.

(Kontaktanzeige Heimito von Doderers zwei Tage vor seiner Hochzeit 1930)


Lawrence Durrell, Autor der Romane des Alexandriaquartett : »ein Wortkontinuum« (1957 – 1961)

LAWRENCE DURRELL, 1912 als Sohn eines britischen Kolonialbeamten im indischen Jalandhar geboren, lebte an so vielen verschiedenen Orten, wie er Talente besaß. Mit elf Jahren wurde er zum Schulbesuch nach Canterbury geschickt, fühlte sich aber in England, das er als prüde und engstirnig empfand, nie wohl. 
Zeit seines Lebens betrachtete er sich nicht als Brite, sondern als Kosmopolit. 
In London jobbte er kurz als Barpianist und fing an, Gedichte zu schreiben. 
1935 heiratete er zum ersten Mal (drei weitere Ehen sollten folgen) und zog mit Mutter, Frau und Geschwistern auf die griechische Insel Korfu. Nach England sollte er nie mehr zurückkehren. 
Den Zweiten Weltkrieg verbrachte Durrell im ägyptischen Alexandria, wo er für die britische Botschaft tätig war; auch nach dem Krieg arbeitete er als Diplomat, unter anderem in Argentinien, Jugoslawien und auf Zypern, das er 1956 im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen der Zyperngriechen verlassen musste. 
Seine letzten Lebensjahrzehnte verbrachte Lawrence Durrell im südfranzösischen Sommières, wo er 1990 starb.

(Kampa Verlag)

 Im Alexandriaquartett sind alle ein bisschen verloren, ist jede Liebesaffäre dazu verurteilt, auf Abwege zu geraten, und wir als Leserinnen und Leser sind eingeladen, nicht zu urteilen, sondern einfach zu verstehen.
Kein Individuum existiert als Insel, keine Wahrheit ist komplett, es sei denn sie wird aus verschiedenen Blickwinkeln und durch eine Vielzahl von Verbindungen betrachtet.
Vielleicht begegnen wir nichtbritischen Leserinnen und Leser Durrell anders als die britischen.
Für diejenigen von uns, die aus verwundeten Demokratien oder Länder mit einer unruhigen, noch nicht aufgearbeiteten Vergangenheit stammen, ging es bei Literatur nie so sehr um die »Suche nach der verlorenen Zeit «als um die »Suche nach dem verlorenen Ort».

Elif Shafak, aus dem Vorwort zu Clea, Band IV der Tetralogie »Alexandriaquartett«.


Thomas Mann (1875 – 1955)

 Ein Poet mit Personal: Er speise schon zum Morgentee Zuckerbrötchen und trage fast ausschließlich Lackstiefel, behauptete Thomas Mann 1907 von sich, ein wenig selbstspöttisch zwar, doch auch mit Selbstbehagen: »Mein Hausstand ist reich bestellt, ich befehle drei stattliche Dienstmädchen und einen schottischen Schäferhund.«
Und da wohnten die Manns noch lange nicht in der nach ihren Wünschen gebauten Villa in der Poschingerstraße, die 1914 bezogen wurde.

Thomas Mann: »Ein Schriftsteller ist ein Mensch, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.«
Das ist nur einer der Widersprüche dieses an inneren Gegensätzen, Spannungen, Irritationen so reichen Dichterlebens.
Die Geschichte der Manns ist nicht bloß eine von gewaltigen literarischen Leistungen und hoher Arbeitsdisziplin, sondern auch von Drogenmissbrauch, Selbstmorden und sexueller Not – und eine, um die sich zahlreiche Legenden rankten.

Volker Hage (*1949) : Schriftstellerportraits (Auszug)


Robert Musil (1880 – 1942)

 Die Entscheidung für die Dichtung hatte zur Folge, dass Musil – als „freischwebender Intellektueller“ – stets auf finanzielle Unterstützung angewiesen war und in der Folge radikal vereinsamte. 
„Man könnte den Dichter als den Menschen beschreiben, dem die rettungslose Einsamkeit des Ich in der Welt und zwischen den Menschen am stärksten zu Bewusstsein kommt“, so lautete Musils Fazit.
Musils kontinuierliche Arbeit an „Der Mann ohne Eigenschaften“ ließ ihm wenig Zeit für andere literarische Tätigkeiten. 
Von 1921 bis 1931 lebte er in Wien und arbeitete als Theaterkritiker und Essayist. 
Danach zog Musil nach Berlin; er hoffte, dort mehr Beachtung für sein schriftstellerisches Werk zu finden, was nicht der Fall war. 
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten veranlasste den Autor, nach Wien zurückzukehren.
Die mangelnde Anerkennung seines Werks führten zu Schreibhemmungen, Depressionen und Suizidgedanken. 
Dazu kam, dass er einen Großteil seines Lebens auf finanzielle Unterstützung angewiesen war. 
Musils prekäre Existenz, die von gravierenden gesundheitlichen Problemen begleitet wurde, verschlimmerte sich. 
1938 begab er sich in das Exil in die Schweiz, um seine jüdische Ehefrau zu schützen. 
Ohne jegliche finanzielle Rücklagen, auf die Hilfe weniger Freunde angewiesen, als Schriftsteller kaum beachtet, starb Robert Musil am 15. April 1942 in Genf an einem Gehirnschlag.

Nikolaus Halmer (*1958) : Wiener Zeitung (Auszug)


Georges Braque (1882-1963)
La Musique aus Si je mourais là-bas (1962)

Peter Bichsel (*1935)

• Das Erlernen des Alphabets macht einen noch lange nicht zum Leser.
Zwar wird das Lesen von Staat, Gesellschaft und Schule propagiert. Ich finde das gut und unterstütze es. Ich kann nur nicht so recht an die Aufrichtigkeit dieser Propaganda glauben – ich weiß nicht, ob das Lesen noch propagiert würde, wenn die Propaganda Erfolg hätte. 
Ich fürchte, allgemeines Lesen wäre dem Bruttosozialprodukt und dem verbissenen Leistungsdenken nicht förderlich. Lesen macht arbeitsunfähig, und zudem sind leidenschaftliche Leser in ihrer Freizeit schlechte Konsumenten. Ich finde es schön und gut, dass der Staat Leser will – fraglich bleibt, ob er dann auch den Staat will, den die Leser wollen. Leser sind jedenfalls noch gefährlicher, noch subversiver als Schriftsteller. Und sie sind eine Hoffnung. Ich meine die Hoffnung, mit der man sich bei allen Kennern der Materie von links bis rechts lächerlich macht, die Hoffnung auf ein bruttosozialprodukt-unabhängiges Leben.
Lesen ist zeitaufwendig, man braucht viel Zeit zum Lesen, und man wird müde dabei wie bei der Arbeit. Ich kenne Leute, die nur halbtags arbeiten – und nur die Hälfte verdienen – nur um Zeit zum Lesen zu finden. So schön die Vorstellung auch ist: Der Industriearbeiter, der der von der Arbeit kommt und sein Buch liest – ich kann mir nicht vorstellen, dass man nach einem harten Tagwerk die Kraft zum Lesen findet. 
Eine Gesellschaft von Lesern müsste eine andere Gesellschaft als diese sein. Wollen wir das wirklich riskieren?

Peter Bichsel, Rede in Bergen-Enkheim (BRD) anlässlich seiner Ernennung zum Stadtschreiber 1981/82 (Auszug)


Carl Spitzweg (1808 – 1885) : Der Bücherwurm (1850)

Thomas Bernhard (1931 – 1989)

 Die Österreicher haben nicht den geringsten Geschmack, jedenfalls schon lange Zeit nicht mehr, wo man hinschaut, herrscht die allergrößte Geschmacklosigkeit.
Und was für eine allgemeine Interesselosigkeit.
Als ob der Mittelpunkt nur der Magen sei, sagte ich, und der Kopf völlig ausgeschaltet.
Ein so dummes Volk, sagte ich, und so ein herrliches Land, dessen Schönheit andererseits unübertroffen ist.
Eine Natur wie keine zweite und so an dieser Natur desinteressierte Menschen.
Eine so hohe Kultur von alters her, sagte ich, und eine solche barbarische Kulturlosigkeit heute, eine verheerende Unkultur.
Ganz zu schweigen von den deprimierenden politischen Verhältnissen.
Was für scheußliche Kreaturen in diesem Österreich heute die Macht haben!
Die Niedrigsten sitzen jetzt oben.
Die Widerwärtigsten und die Gemeinsten haben jetzt alles in der Hand und sind drauf und dran, alles, das etwas ist, zu zerstören.

Thomas Bernhard : Auslöschung. Ein Zerfall. (1986)


George Steiner (1929-2020)

 Dies ist die allem endlichen Leben anklebende Traurigkeit, die aber nie zur Wirklichkeit kommt, sondern nur zur ewigen Freude der Überwindung dient.
Daher der Schleier der Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet ist, die tief unzerstörliche Melancholie alles Lebens.
Nur in der Persönlichkeit ist Leben:
und alle Persönlichkeit ruht auf einem dunklen Grund, der allerdings auch Grund der Erkenntnis sein mag.

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854), Über das Wesen der menschlichen Freiheit (1809)

Eingangszitat aus: George Steiner: Warum Denken traurig macht. Zehn mögliche Gründe (2005)


Martin Mosebach (*1951)

 Es handelt sich um ein kulturelles Axiom:
Das Alte ist das Gute – dies entspricht der Erfahrung wohl jeder Kultur. Kultur ist zwangsläufig immer mit dem Vertrauen in die Überlieferung verbunden:
Kultur besteht in der Ausweitung des Menschenlebens in seiner Kürze in die Weite der Vergangenheit und der Zukunft.
Die Kultur schenkt dem Menschen die Möglichkeit, sich die Erfahrungen früherer Generationen zu eigen zu machen und sie zukünftigen Generationen weiterzureichen, aufgrund der Erfahrung der vergangenen Generationen Bäume zu pflanzen, deren Früchte erst die kommenden Generationen genießen werden. Das Alte hat die Kraft bewiesen, über viele Generationen weiterzuleben. Es ist nicht dahingesunken wie das Wertlose, wie das Wertlose, Unlebendige, sondern es hat über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende Fruchtbarkeit bewiesen, und dazu hat Goethe, der große Dichter der Deutschen, bemerkt: »Was fruchtbar ist, allein ist wahr« – so kann das lebendiggebliebene Alte sogar die sichtbar gewordene, sichtbar werdende, Gestalt der Wahrheit sein.

Martin Mosebach: Das alte römische Messbuch zwischen Verlust und Wiederentdeckung, 2010


Jean-Paul Belmondo (1933 – 2021) liest Sascha Guitry:  «Théâtre, je t’adore».

 Leselust. 
Der stille Dialog mit dem Autor eines Buches kann Herz, Hirn, Seele, & Zwerchfell bewegen. Der Autor eines Buches schreibt zumeist für ihn unbekannte Herzen, Hirne, Seelen & Zwerchfelle. Und weiß gar nicht, ob er jene Herzhirnseelenzwerchfellbesitzer mit seinen (frohen) Botschaften jemals erreichen wird. Und kann nur hoffen: auf das Erwerben, Entdecken, Lesen, Verständnis seiner publizierten Flaschenpost.
Schreiblust.
Eine oftmals (nicht nur) bei Autoren anzutreffende Leidenschaft, Obzession, Passion & zumeist ungefährliche Manie. Ein herzhirnseelenzwerchfellnotwendiges Mitteilungs- & Entladungsbedürfnis. Kostbar. Weil (zumeist) nicht börsennotiert.
Schreib- & Leselust.
Kommen beide Kulturvermögen zusammen entstehen beglückend nachhaltig konjunkturfrohe Nebenwirkungen & Risiken. Dann konsultieren Sie bitte umgehend Ihren Blumen-, Kohlen-, Wein-, Auto- oder Buchhändler.
Ärzte und/oder Apotheker sind in der Regel für solch dialogbedingte Glücksanfälle nicht zuständig und zu meiden.   
Natürlich gibt es auch Leseunlust & Schreibunlust. Aber das ist eine andere (unendliche) Geschichte…

Renald Deppe


Elfriede Gerstl (16.6.1932 – 9.4.2009)

Ein leichtfüßiger Mensch (Alles, was man sagen kann, könne man auch beiläufig sagen, das war Elfriede Gerstls Motto, also: leicht. Leicht gesagt!) stirbt mit schweren Füßen. 

Jemand, der immer nur wegfliegen wollte von einem Ast am Baum, wird auf einmal am Boden festgehalten wie mit einem Bleibandabschluß, mit Beinen, in denen das Wasser so schwer ruht, daß es sie hinunterzieht. 

Der leichteste Mensch wird plötzlich der schwerste. „traum vom luft in der luft sein“ steht in einem dieser Gedichte. 

Eine Frau, die in der Luft gehen konnte, Zentimeter über dem Boden, die sich in die Luft erhoben hat, wird plötzlich, aber auf ganz andre Weise, weil sie nicht mehr anders kann, wieder ganz leicht, löst sich in Bewegung auf. Bleibt dennoch da. Schon ein Engel? Oder nur im Status eines Engels, denn vor dem Engelsein wird noch zurückgeschreckt.  

Eine Frau, die in der Luft gehen konnte, ist immer auch durch die Straßen gelaufen. In der Wiener Innenstadt kannten sie die meisten vom Sehen. Aber da haben die Füße noch den Boden gefunden, um sich von dort abzustoßen. Jetzt erhebt sich die Frau nicht mehr. Sie kommt woanders vor. Wir haben es noch erwarten können, also hätte es nicht einzutreten brauchen. 

Wer für den Tod nicht anhalten kann, für den hält er an, so etwa sagt es Emily Dickinson in einem ihrer Gedichte („Because I could not stop for Death, He kindly stopped for me“). 

Er hält gnädig, freundlich an, nicht einfach an, er hält um einen an, als ginge es zu einer Hochzeit oder Verlobung.

Elfriede Jelinek (* 1946) : Vom Boden abgestoßen (Auszug, 2009)


Der Heilige Hieronymus : Anonym : Erste Hälfte 17. Jahrhundert : Öl auf Holz

Die Lektüre verlangt bestimmte spezifische Voraussetzungen. Darauf wird nicht genug geachtet.

Zuerst einmal verlangt sie viel Stille. Stille ist zum kostbarsten, luxuriösesten Gut der Welt geworden. In unseren Städten (die inzwischen 24 Stunden am Tag in Betrieb sind: New York, Chicago oder London leben nachts genau wie tagsüber) ist die Stille Gold wert. 85 % der Jugendlichen können nicht mehr lesen, ohne dass gleichzeitig Musik läuft; das führt zu dem »Flicker Effect«, wie Psychologen es nennen, zu Lichtbündelungen: Der Fernseher ist präsent, ist eingeschaltet, am Rande des Blickfelds, während man vorgibt zu lesen. Niemand kann unter solchen Bedingungen einen ernsthaften Text lesen.

Die zweite Bedingung: eine gewisse Privatsphäre. Im Haus ein Zimmer, selbst wenn es klein ist, wo man mit dem Buch allein sein kann, wo man in diesen Dialog eintreten kann, ohne dass andere sich im selben Raum befinden. Das wird selten verstanden. Das wunderbare an der Musik ist, dass man zu mehreren Anteil nehmen kann. Man kann in einer Gruppe zuhören, zusammen mit geliebten Menschen, in Gesellschaft von Freunden. die Musik ist eine Sprache der Anteilnahme, nicht die Lektüre. Gewiss, man kann laut lesen, das sollte man viel öfter tun. Es ist ein Skandal, dass das Vorlesen – ob nun Kindern oder Erwachsenen – vom Aussterben bedroht ist!
Die grossen Texte des 19. Jahrhunderts sind für das Vorlesen geschrieben worden, ich könnte es Ihnen beweisen: Es gibt bei Balzac,, bei Hugo, bei George Sand ganze Seiten, deren Kadenz, deren strukturierter Rhythmus einen mündlichen Vortrag erfordern, den es zu erhören, zu ergreifen gilt. Ich hatte das große Glück, dass mein Vater mir vorgelesen hat, bevor ich überhaupt verstand (das ist das Geheimnis), bevor ich den Inhalt des Vorgelesenen gänzlich erfassen konnte.

Und als drittes gilt es – eine äußerst elitäre Bemerkung (aber ich liebe das Wort »Elite«; es besagt, dass gewisse Dinge besser sind als andere; nichts anderes will es sagen) – im Besitz von Büchern zu sein. Die großen öffentlichen Bibliotheken bildeten die Grundlage der Erziehung und der Kultur des 19. Jahrhunderts sowie vieler Geister des 20. Jahrhunderts. Aber über eine Sammlung von Büchern zu verfügen, die Ihnen gehören, die nicht ausgeliehen sind, ist von entscheidender Bedeutung. Warum? Weil man beim Lesen unbedingt einen Bleistift in der Hand haben muss.
Man muss sich Notizen machen, unterstreichen, an den Rand schreiben: »So eine Dummheit! Was für Ideen!« Es gibt nichts faszinierenderes als die Randnotizen grosser Schriftsteller. Sie sind lebendige Dialoge. Erasmus hat gesagt: »Wer keine zerissenen Bücher besitzt, hat sie nicht gelesen.« Das gilt in extremis, aber darin liegt eine tiefe Wahrheit verborgen.

George Steiner (*1929) : Ein langer Samstag : Ein Gespräche mit Laure Adler : Hoffman & Campe, Hamburg 2016.


Paul Valéry (1871 – 1945)

• Die Kunst des Lesens.

Gut liest man nur aus einer ganz persönlichen Absicht heraus.
Etwa um ein bestimmtes Können zu erlangen.
Oder weil man den Autor hasst.

Paul Valéry :Autre Rhumbs (Weitere Windstriche), Paris 1927

 Mir ist es lieber, mehrere Male von einem gelesen zu werden, als einmal von mehreren.

Paul Valéry : Cahiers (Hefte), Paris 1922

 Ich vermochte nie etwas zu lernen, es sei denn auf den Weg über mich selbst. –
Ich begreife nur durch Neuerfindung aus Bedürftigkeit.

Paul Valéry : Cahiers (Hefte), Paris 1938


Portraitskizze (1954) von Albert Paris Gütersloh (1887 – 1973) von Erich Huber (1916 – 1996)

Weiter musste ich mich fragen: was sind also „Begabungen“?
Ich musste antworten: Herabgekommene Religion. Herabgekommene Idee.
Verwischter Gott. Getrübter Persönlichkeitsbegriff. Außerordentlicher und interessanter Grad von Verirrung.
Von Abirrung ins Kentaurische, Hermaphroditische, Elbische, Hexen- und Magierhafte und, lieber Freund, wenn Sie mit Inquisitorenaug die scheelen Köpfe unserer „Großen“ ansehen, so werden Sie im besten Falle Karikaturen von Priestern sehen, Jesuskarikaturen, Paulusaffen, Johannesknaben und die ganze Reihe der Heiligen ins Liberale verzerrt.
Ich sage das, vor allem Ihnen selbst zum Nutzen, damit Sie, wie ich in diesem Liberalen wandelnd, des eigentlichen Weges stets bewußt bleiben.

(Brief [Auszug] vom 29.09. 1928 von Albert Paris Gütersloh an Heimito von Doderer.)


Michael Maar (1960) : Germanist, Schriftsteller, Literaturkritiker.

 Nach ehrlicher und ernster Prüfung der Frage, was man im Leben falsch gemacht hat, welche Fehler man vermieden haben könnte und was, daraus folgend, der Lebensrad an die Kinder wäre: Man hätte öfters die Klappe halten sollen.

Ehrlichkeit schön und gut, aber den anderen damit verletzen, häßlich und schlecht.

Wie oft nicht wäre Schweigen Gold gewesen.

Immer wieder beeindruckend und halb belustigend, halb verstörend, wie schwerfällig der Mensch doch lernt. Selbst die simpelsten Sachen nicht, wie eben das: Besser öfter den Mund oder die Tinte oder die Tastatur halten. Ist es so schwierig?

Michael Maar : Fliegenpapier : Vermischte Notizen, Hamburg 2022


André Gide (1869 -1951)

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.

André Gide (Literaturnobelpreis 1947)


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